Die Geschichte von Stian und Rina (1)

Stian ließ sich auf die trollische Hängematte im Gasthaus von Shadowprey zurücksinken und schlug vor Frustration den Hinterkopf mehrere Male gegen das Netzgewebe. Dann setzte er sich auf und barg das Gesicht in den Händen. Er hätte schreien mögen, aber das ging natürlich nicht.

Riná, oh Riná!

Angefangen hatte alles vor etwa zwei Monaten. Er stand gerade in Hammerfall draußen an der Esse, als ihn eine etwa gleichaltrige, vielleicht ein klein wenig ältere Blutelfin ansprach: Ob er wohl etwas Magiestoff übrig habe? Das war in dem Moment eine etwas unangenehme Frage, denn eigentlich war Stian dabei, soviel Magiestoff wie möglich zu horten, um diesen beizeiten in Undercity zu spenden. Denn er hatte sich ja in den Kopf gesetzt, unbedingt ein Skelettpferd kaufen zu wollen – diese Hawkstrider, so sehr sie auch im allgemeinen zu seinem Volk gehören mochten und so gute Tiere es auch vielleicht waren, passten einfach nicht zu ihm.

Aus diesem Grund jedenfalls hatte Stian eigentlich überhaupt keine Lust, auf die von ihm so mühevoll gesammelten 7 Stücke Magiestoff zu verzichten. Aber was sollte er machen? Er war gut erzogen, und einer Dame – noch dazu einer so hübschen – konnte er den Wunsch einfach nicht abschlagen. Also trennte er sich schweren Herzens von dem Stoff, und die junge Lady zeigte sich erkenntlich, indem sie etliche Teile seiner Ausrüstung verzauberte. Soweit, so gut – eigentlich war dies eine Begegnung wie unzählige andere, die einem Schurken im Laufe seiner Abenteurerkarriere so unterkamen. Aber dann wiederum eben auch wieder nicht. Denn Stian und die junge Priesterin führten noch ein kurzes Gespräch miteinander – und auch wenn er es zu dem Zeitpunkt noch nicht bemerkte, musste sie wohl auch da schon einen gewissen Eindruck auf ihn gemacht haben. Beide übernachteten im Gasthaus in Hammerfall, und es war Stian sehr peinlich, dass er, kaum dass er sich schlafen gelegt hatte, aus einem heftigen Alptraum hochfuhr, während Riná – denn unter dem Namen hatte sie sich ihm vorgestellt – sich ebenfalls im Gastzimmer befand. Sie fragte, ob es ihm gut gehe, war so nett und holte ihm Wasser beim Wirt. Anschließend unterhielten sich die beiden Blutelfen noch eine ganze Weile, ehe Stian sich wieder schlafen legte und diesmal glücklicherweise ohne Alpträume durch den Rest der Nacht kam. Als er am Morgen erwachte, war die Sin’dorja bereits abgereist. – Und das hätte es eigentlich gewesen sein müssen.

Aber einige Tage später liefen sie sich wieder über den Weg: Stian kam aus dem Kloster, Riná war gerade in der Nähe. Man habe ihr gesagt, er sei gesichtet worden, wie er das Kloster betreten habe, und so habe sie auf ihn gewartet. Gewartet? Sie? Auf ihn? Sehr seltsam. Stian konnte sich keinen rechten Reim darauf machen, und in der Verwirrung reagierte er … unbedacht. Er war gerade mit Niennya unterwegs, einer engen Freundin seiner Schwester, und weil Niennya auf die Vorstellung mit Riná ziemlich einsilbig reagierte und dann auch sehr schnell weiterlief, brach auch Stian das Gespräch mit der Priesterin recht unvermittelt ab und folgte der Reisegefährtin. Und genau das bedauerte er später, als er zum Durchatmen und zum Nachdenken kam und ihm auffiel, wie unhöflich er sich Riná gegenüber benommen hatte.
Also schickte er ihr einen Brief, in dem er sein Bedauern zum Ausdruck brachte und sich entschuldigte. Woraufhin sie freundlich antwortete. Woraufhin er wiederum antwortete. Woraufhin sich ein reger Briefwechsel entspann.

Wiederum einige Zeit später trafen sie sich in Silvermoon, als Stian gerade zu seiner Juweliers-Lehrmeisterin wollte und Riná aus dem Auktionshaus am Royal Exchange kam. Man unterhielt sich, und schließlich lud Stian die Lady auf einen Umtrunk ein.
Es wurde ein netter Abend. Die beiden Blutelfen unterhielten sich über die unterschiedlichsten Dinge – aber Stian merkte schon, dass Riná nicht wirklich glücklich zu sein schien. Sie erzählte ihm von ihrem Vater und ihrer Schwester, die sie beide aus den Augen verloren habe, von denen sie aber hoffte, sie eines Tages wiederzufinden.

In dem Gasthaus, in dem die beiden gesessen hatten, war kein Platz mehr frei, und ehe sie im anderen Gasthaus der Stadt nach Zimmern fragten, schlug Stian einen Spaziergang in den Gärten draußen vor der Stadt vor. Er war angetan von der Dame, das merkte er jetzt deutlich. Aber er merkte auch, dass sie sich zierte, nach dem – übrigens wunderschönen – Ausflug mit ihm in die Stadt zurückzukehren: Offensichtlich hatte Riná eine Scheu, wenn nicht gar Angst, davor, die Nacht mit ihm im selben Gasthaus oder gar Zimmer zu verbringen. Zunächst machte Stian, völlig ohne Hintergedanken, den Vorschlag, wenn überhaupt kein Zimmer frei sei, dann würde er sie mit zu seinem Cousin Yhaddar nehmen, der ja in Silvermoon wohnte. Dort könne Riná das Schlafzimmer haben, und die beiden Männer würden sich im Wohnzimmer auf dem Boden ein Lager zurechtmachen. Aber dieser Gedanke gefiel der Priesterin gar nicht. Sie wollte schon davonlaufen, aber Stian hielt sie auf. Wenigstens ein Bett in der zweiten Taverne der Stadt sollte sie ihn dann für sie besorgen lassen; Stian selbst würde eben nicht im Gasthaus, sondern bei Yhaddar übernachten. Diesen Vorschlag gestand Riná ihm zu, und ein sehr nachdenklicher Schurke machte sich nach der freundlichen, aber zurückhaltenden Verabschiedung auf den Weg zu seinem Cousin.

Nach diesem Treffen schickte Stian Riná wieder eine Nachricht, diesmal in Verbindung mit einem Strauß bunter Wildblumen, den er in Thunder Bluff für sie erstand. Die Wahl der Blumen dauerte nicht lange: Rosen, egal ob einzeln oder gebunden, ob weiß, rot oder schwarz, schienen ihm nicht angemessen, die einfachen Wildblumen zu nichtssagend, aber die bunten Wildblumen waren gerade richtig. Die Priesterin bedankte sich in einem rührenden Schreiben, und der bereits zuvor begonnene Briefwechsel ging mit schöner Regelmäßigkeit weiter.

Stian hatte Riná bei ihrem Gespräch in Silvermoon erzählt, dass er gerade dabei sei, für die Forsaken die unterschiedlichsten Aufgaben zu erledigen, einfach um sich bei ihnen genügend Ruf zu verschaffen, damit er sich sobald wie möglich ein Skelettpfed würde kaufen können. Inzwischen hatte sein Schurkenlehrmeister ihn in den vierzigsten, ja sogar schon den einundvierzigsten Zirkel erhoben, und er stand kurz davor, das ersehnte Ziel zu erreichen. Nur noch eine einzige Aufgabe solle er erledigen, hatte Apotheker Faustin ihm versprochen: nur noch diese eine Aufgabe, dann werde Faustin bei allen Forsaken verbreiten, dass er sich das Recht auf ein Untoten-Pferd verdient habe!
Nur noch eine einzige Aufgabe also, aber die hatte es in sich. Pantherherzen sollte er dem Apotheker für ein Serum bringen, einen Mire Lord-Fungus und einen Deepstrider-Tumor. Die Schattenpanther im Swamp of Sorrows waren zwar keine besonders schwierigen Gegner, aber sie waren gut getarnt, und auch wenn Stian als Schurke gut darin war, schleichende oder versteckte Kreaturen zu finden, gab es doch im Sumpf nicht so viele von ihnen, wie er gehofft hatte, und bei denjenigen, die er doch fand und erlegte, zerplatzte ihm in den meisten Fällen das Herz unter den Händen, wenn er es aus dem Kadaver herausholen wollte. Es dauerte also frustrierend lange, bis er die Herzen zusammen hatte. Der Mire Lord-Fungus war kein Problem, der vom Apotheker ebenfalls gewünschte Deepstrider-Tumor aber sehr wohl. Deepstrider hatte Stian in Desolace schon aus der Ferne – und einmal aus der Nähe, als ihm einer von der Seite über den Weg gelaufen war und Stian das einzig Vernünftige in dieser Situation getan hatte, nämlich Hals über Kopf zu verschwinden – gesehen: böse, gewalttätige und überaus mächtige Riesen, mit denen er es alleine keinesfalls aufnehmen konnte.

Er dachte schon darüber nach, ob er vielleicht seine große Schwester Liliwyn oder eine ihrer Freundinnen um Hilfe bitten solle, aber in seinen Briefen hatte er das Problem erwähnt, und es erreichte ihn just um diese Zeit ein Bote mit einer Nachricht von Riná, in der die Priesterin sich bereit erklärte, ihn zu begleiten und ihm zu helfen. So trafen die beiden sich in Grom’Gol und flogen gemeinsam nach Desolace.

Dank Rinás Hilfe war der Deepstrider, nachdem sie in den Weiten von Desolace überhaupt erst einmal einen gefunden hatten, erstaunlich schnell besiegt: Die heilenden Kräfte der jungen Blutelfin waren Gold wert. Als die gewaltige Kreatur erschlagen vor ihnen lag und Stian den Tumor des Riesen entfernt und sicher in seiner Tasche verwahrt hatte, konnte er einfach nicht anders: In seiner Begeisterung umarmte er die Priesterin überschwenglich. Riná wurde blutrot und wich vor ihm zurück, und es tat Stian sofort leid, dass er ihr zu nahe getreten war. Aber nur ein bisschen.

Zurück in Shadowprey hätten sich ihre Wege eigentlich gleich trennen können, aber Stian hatte seltsam wenig Lust, die Dame ziehen zu lassen – und ihr schien es ganz ähnlich zu gehen. Und so redeten die beiden, und redeten, und redeten. Und Stian, der gar recht nicht wusste, wie ihm geschah, gestand Riná schließlich, wieviel sie ihm inzwischen bedeutete, dass er ständig an sie denken musste und dass er sich um sie Sorgen machte, wenn sie nicht bei ihm war, obwohl er doch eigentlich wusste, dass sie sehr wohl selbst auf sich aufpassen konnte.
Die Priesterin reagierte äußerst zurückhaltend, ja ablehnend, und Stian befürchtete schon, jetzt habe er durch sein übereiltes Reden alles kaputtgemacht.
Aber ganz so schlimm war es dann doch nicht. Riná lief nicht davon, sprach weiter mit ihm – und in dem, was sie sagte, entdeckte der Schurke einen ganz tief verwurzelten, festsitzenden Schmerz, eine dicke Mauer, die die Elfin um sich errichtet hatte, um nur ja keine Gefühle an sich heranzulassen. Sie hatte ihren Vater verloren, ihre geliebte Schwester hatte sich im Streit von ihr getrennt und war kurz darauf verschwunden, und nun war Riná fest davon überzeugt, dass es an ihr läge, dass sie jeden verlieren müsse, an den sie sich gefühlsmäßig band. Es klang ganz deutlich aus ihren Worten heraus: „Es darf sich keiner um mich sorgen, ich muss unabhängig bleiben… Ich bin Priesterin, ich bin für alle Wesen da… Ich muss mich um das Volk kümmern… Es ist gut so, wie es ist… Ich bin glücklich so…“
Stian hörte all das, erkannte den Schmerz, erkannte die Selbstverleugnung der jungen Frau – und konnte nicht an sich halten.
„Darf ich offen sprechen?“ fragte er. Und als sie ihm das zugestand, sagte er einfach, was ihn bewegte.
„Ich habe das Gefühl, Ihr lebt unter einem grauen, wolkenverhangenen Himmel. Und das tut Ihr so lange schon, dass Ihr gar nicht mehr merkt, dass Ihr unter einem grauen Himmel lebt. Statt dessen denkt Ihr, das ist der Normalzustand – den wahren Sonnenschein aber, den kennt Ihr schon gar nicht mehr. Und das tut mir in der Seele weh. Ich würde gerne alles, aber auch wirklich alles dafür tun, dass Ihr aus dieser Trübnis wieder hinauskommt ins helle Sonnenlicht.“
So. Mochte sie nun reagieren, wie sie wollte, Stian hatte das einfach sagen müssen.

Riná war sichtlich gerührt, meinte, Stian sei ja so freundlich zu ihr, so freundlich sei noch niemals jemand zu ihr gewesen (eine Aussage, die dem jungen Schurken wiederum einen Stich versetzte). Aber sie blieb weiterhin distanziert und kühl, bat Stian, ihr zu versprechen, dass er nicht an sie denken, sich nicht um sie sorgen würde. Dieses Versprechen konnte er ihr natürlich nicht geben, doch er erklärte schweren Herzens, er werde es wenigstens versuchen. Nicht, dass er sich viel Hoffnung über den Erfolg dieses Versuchs machte…

Kurz darauf trennten sie sich. Aber sie gingen seltsam zögerlich auseinander, und zwar nicht nur von Stians Seite aus, sondern auch von Rinás, hatte er das Gefühl. Denn sie erinnerte ihn mit fast so etwas wie Bedauern in der Stimme daran, dass ja sein Pferd auf ihn warte. War es möglich? Gab es vielleicht doch Hoffnung? Dann ritt die Priesterin davon, und der Schurke blickte ihr lange, lange hinterher, ehe er sich auf die Reise nach Brill machte.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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