Die Geschichte von Stian und Rina (2)

Die Entscheidung für ein Reittier war schnell getroffen. Untot mochten die Skelettpferde sein, aber eines davon blickte Stian aus so hellen, intelligenten, lebendigen Augen an, dass für den jungen Schurken kein anderes Tier in Frage kam. ‚Boneshade‘ nannte er den blauen Skeletthengst, und der erste Ausritt unter dem Nachthimmel der Tirisfal Glades war einfach herrlich.

Am nächsten Tag setzte er sich hin und schrieb einen Brief an Riná. Oder besser, er versuchte es. Und versuchte es. Und versuchte es. Vier angefangene Pergamente landeten zusammengeknüllt im Kamin des Gasthauses. Die Worte wollten nicht kommen, waren entweder zu kalt – nie das, niemals das! – oder zu warm, zu emotional, so dass er Angst hatte, die junge Priesterin noch mehr zu verschrecken. Schließlich, beim fünften Anlauf, schrieb er einfach, was ihm aus der Feder floss, gestand seine Schwierigkeiten ein, gestand, dass dies der fünfte Anlauf war, und berichtete Riná von Boneshade. Sie hatte schließlich mit ihrer Hilfe maßgeblich dazu beigetragen, dass er den blauen Hengst jetzt sein eigen nannte – und außerdem war es die perfekte Ausrede für eine halb-sachliche, halb dankbar-emotionale Ansprache.

Es kam einige Tage lang keine Antwort, was Stian deutlich beunruhigte. War Riná doch böse auf ihn? War ihr am Ende gar etwas zugestoßen? Dann schließlich kam aber doch ein Brief von ihr – sie war einfach eine Zeitlang in der Wildnis unterwegs gewesen und hatte keinen Zugang zu einem Briefkasten gehabt. Ihre Worte gaben Stian wieder Hoffnung, denn sie klangen ungewöhnlich besorgt: „Ihr seid immer noch in Desolace? Seid um des Lichtes willen vorsichtig, es wimmelt dort doch nur so von Dämonen!“ Natürlich konnte das viel bedeuten, es konnte auch einfach die normale Sorge einer Priesterin um ein Mitgeschöpf sein… aber irgendwie glaubte Stian das nicht. Oder vielleicht wollte er es auch nicht glauben. Wie dem auch sei, Rinás Brief machte ihn froh. Er antwortete umgehend, und die Korrespondenz ging weiter. In einem ihrer Briefe berichtete Riná, dass sie in einigen Tagen nach Silvermoon müsse, um dort etwas zu erledigen, und da Stian ohnehin wieder einmal die Heimat aufsuchen wollte, verabredeten sie ein Treffen. Der Schurke war völlig begeistert. Eine richtige, echte Verabredung! Er würde Riná wiedersehen, allein das war ihm schon sehr, sehr wertvoll. Und wenn er es gleichzeitig schaffen sollte, die harte Schale, die sie um sich gelegt hatte, ein wenig aufzuweichen, umso besser.

Es wurde ein nettes Treffen, wenngleich für den Sin’dor ein wenig wehmütig. Denn Rinás harte Schale war noch immer nur allzu präsent, und Stian musste stark an sich halten. Er hätte die junge Frau am liebsten einfach in den Arm genommen, all ihre Sorgen vertrieben, und wenn ihr Kummer ein körperlicher Gegner gewesen wäre, dann hätte er sich diesem mit Freuden gestellt und ihn nach Strich und Faden verprügelt. Aber das ging ja leider nicht, und so bemühte Stian sich nach Kräften, die Priesterin trotzdem ein wenig aufzuheitern.
Alles in allem wurde es dennoch ein schöner Abend. Allein in Rinás Nähe zu sein, machte Stian schon froh. Stolz führte er ihr sein Pferd vor, und auch beim anschließenden Abendessen im Wirtshaus unterhielten sie sich sehr nett. Im Laufe des Gespräches fragte Stian Riná noch einmal nach dem Namen ihrer vermissten Schwester, denn er war einige Tage zuvor einer dunkelhaarigen Hexerin begegnet, von der er geglaubt hatte, dass sie es eventuell sein könne. Hitomé hatte die junge Dame geheißen. Aber Riná erklärte ihm nun, dass ihre Schwester Haniko hieß. Das klang zwar ein wenig ähnlich wie Hitomé, war aber nicht dasselbe, und wenn Haniko nicht gerade unter falschem Namen herumlief, musste Stian die Priesterin leider enttäuschen. Riná nahm die Information mit Bedauern auf, bedankte sich aber dennoch dafür, dass Stian an sie gedacht habe. Der Elf konnte nur entschuldigend mit den Schultern zucken – er hätte ihr zu gern eine bessere Botschaft überbracht!

Die Nacht wollte der Schurke wieder bei seinem Cousin verbringen, während Riná sich erneut ein Zimmer im Gasthaus nahm. Stian begleitete die Priesterin noch bis an die Zimmertür, dann verließ er widerstrebend das Gasthaus; ehe er Yhaddar aufsuchte, wollte er noch kurz im Auktionshaus vorbeisehen. Dort war er gerade angekommen, da hallte sein Name quer über den Royal Exchange: Riná war es, deren Schrei so verzweifelt klang wie der einer Ertrinkenden. Stian rannte sofort los und fand die Elfin draußen auf dem Platz, völlig aufgelöst. Der junge Blutelf fackelte nicht lange, nahm Riná ganz unzeremoniell in die Arme und hielt sie erst einmal einfach nur fest, strich ihr beruhigend über das Haar. Allein das war schon reine Seligkeit, zumal die Dame sich langsam beruhigte und es keine unmittelbare Gefahr zu geben schien. Nach und nach holte Stian dann auch aus ihr heraus, was sie so bedrückt hatte. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, zum Abschied einen Segen über Stian zu sprechen, und diesen Segen hatte sie heute vergessen. Das war ihr so entsetzlich, weil ihr das bei ihrer Schwester ebenfalls passiert war, und das war das letzte Mal gewesen, dass sie Haniko gesehen hatte. Stian versuchte, Riná nach besten Kräften zu beruhigen, versprach ihr, dass sie ihn keinesfalls verlieren werde, aber es dauerte doch eine ganze Weile, bis es ihm gelungen war. Schließlich machte die Priesterin sich – mit einigem Widerwillen, oder kam ihm das nur so vor? – von ihm los, ehe sie sich nun endgültig zur Ruhe begab. Und einen äußerst aufgewühlten Stian zurückließ, der erst noch einen Nachtritt durch die Eversong Woods unternehmen musste, bis sein jagendes Blut zumindest halbwegs seinen Normalzustand erreicht hatte und er es wagen konnte, Yhaddi unter die Augen zu treten, ohne seinem Cousin sofort und umgehend sein ganzes Herz auszuschütten. – Was er an dem Abend natürlich doch noch tat, aber in abgeschwächter, „vernünftiger“ Form. Denn Yhaddar war es natürlich nicht entgangen, dass Stian in letzter Zeit häufiger mit einer jungen Dame zusammentraf, und langsam wurde der Jüngere neugierig.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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