Die Geschichte von Stian und Rina (3)

Wiederum einige Zeit später begegneten der Schurke und die Priesterin einander in Orgrimmar. Es war reiner Zufall: Stian stand im Auktionshaus, als er draußen auf der Straße eine unbekannte weibliche Stimme den Namen „Riná“ rufen hörte und natürlich sofort nachsehen ging. Es war reiner Zufall, aber dieser Zufall sollte zu einem der emotional intensivsten und aufwühlendsten Tage seines bisherigen Lebens führen.
Doch zunächst einmal standen sie einander verlegen und wortkarg gegenüber. Aber was hätten sie auch sagen sollen? Sie standen mitten auf der Hauptstraße von Orgrimmar, zwischen Auktionshaus und Bank, umgeben von all den herumwuselnden Einheimischen und Abenteurern, die hier ihre Geschäfte erledigen wollten, und Riná war ja auch noch im Gespräch mit der Bekannten, die sie beim Namen gerufen hatte. Ein vorwitziger Troll, der ebenfalls in der Nähe herumstand und auf Rinás verblüffte Frage: „Stian, was tut Ihr denn hier?“ ein unüberhörbares, übertrieben gesäuseltes „Ich wollte Euch unbedingt sehen, weil ich ohne Euch nicht sein kann“ einwarf, half da auch überhaupt nicht. Er kam der Wahrheit mit seinem dummen Witz einfach unangenehm nah.
So zogen sich die beiden Blutelfen auf Smalltalk und Allgemeinheiten zurück, und Stian erzählte, dass er schon wieder auf dem Weg nach Desolace sei, weil er dort noch eine letzte Aufgabe erledigen wollte. Er hatte für den dort ansässigen Zentauren-Clan der Gelkis einige Dinge übernommen, wovon das letzte gewesen war, im Swamp of Sorrows einen Draenethyst-Kristall zu besorgen. Den hatte er nun in der Tasche und wollte ihn einfach nur der Weisen Frau des Gelkis-Clans überbringen. Er ging nicht davon aus, dass das lange dauern würde, und so fragte er Riná, ob sie ihn vielleicht begleiten und ihm anschließend auf einen Umtrunk Gesellschaft leisten würde. Und obwohl er gefragt hatte, war Stian ein wenig erstaunt, als die Priesterin tatsächlich zustimmte.

Gemeinsam flogen sie nach Desolace und suchten die Schamanin der Gelkis auf. Leider jedoch wurde es nichts mit dem gemütlichen Umtrunk nach Abliefern des Kristalls, denn Uthek die Weise schickte Stian los, Khan Jehn zu töten, den Häuptling des verfeindeten Zentrauren-Clans der Magram. Nun, das würde nicht lange dauern, hoffte der Schurke, und da Riná bereit war zu warten bzw. ihn zu begleiten, wurde die Aufgabe auch gleich in Angriff genommen.
Es dauerte auch tatsächlich nicht lange, aber nun schickte Uthek ihn auf einen weiteren, letzten Auftrag: Er sollte nun auch noch gegen den Clan der Maraudine vorgehen und deren Häuptling töten, Khan Hratha. Aber wichtiger noch sei das Schlüsselfragment, dass Hratha bei sich trüge und das Stian zu der Schamanin zurückbringen solle.

Uthek warnte den Schurken, dass Khan Hratha ein überaus mächtiger Gegner sei – schon für sich alleine könne er ein Problem darstellen, aber er werde immer auch noch begleitet von zwei bis drei Leibwachen.
Welch Glück, dass Riná dabei war und sich bereit erklärte, Stian auch auf dieser Mission zu unterstützen!
Die Maraudine sollten sich im Tal der Speere aufhalten, von dem Stian nur eine ungefähre Ahnung hatte, wo es sich befand. Aber Riná kannte den Ort zum Glück.

Die beiden Blutelfen machten sich also auf zu den Maraudine. Anfangs ging alles glatt; sogar das Mundstück für das große Kriegshorn, das sie würden blasen müssen, um Khan Hratha herbeizurufen, war schnell gefunden. Dieses Kriegshorn befand sich an der Spitze einer von den Zentauren künstlich errichteten Rampe, und als Stian hineinblies, erbebte die ganze Umgebung unter dem Ton. Und da kamen sie auch schon: zunächst je drei Zentaurenkrieger in zwei Wellen, dann Khan Hratha selbst, mit zwei Leibwachen und einer Schamanin, wie von Uthek bereits angedroht.

Es wurde ein harter Kampf. Stian hätte nur zu gerne alle Feinde auf sich gezogen, die ganze Drecksarbeit selbst erledigt und sich nur, wann immer notwendig, von Riná heilen lassen, doch die Priesterin war inzwischen um einiges erfahrener als er, und so hatte sie sofort drei der vier Gegner am Hals. Glücklicherweise konnte die Elfin auf sich selbst aufpassen, aber dennoch wurde es knapp. Sehr knapp.
Endlich waren sowohl der Khan als auch seine Begleiter besiegt, aber Stian hatte nur Augen für Riná. Ein entsetzlicher Schreck durchfuhr ihn, als er sah, wie stark verletzt sie war, und er stürmte sofort zu ihr hin. Sie war in Ordnung, Licht und Schatten sei Dank! Er hätte es nicht ertragen, wenn ihr seinetwegen etwas zugestoßen wäre. Nein, wenn ihr ganz generell etwas zugestoßen wäre. Schwer pustend standen die beiden Blutelfen da und versuchten erst einmal, wieder zu Atem zu kommen.

Schließlich waren sie soweit wieder beieinander, dass Stian auch für seine Umgebung wieder Augen hatte – und gleich darauf einen gar lästerlichen Fluch ausstieß. Denn während er sich um Riná und um seine eigenen Verletzungen gekümmert hatte, war Khan Hratha verschwunden! Der Zentaur war wohl offensichtlich gar nicht tot gewesen, sondern lediglich schwer verwundet, und nun hatte er die Gunst der Stunde genutzt und sich aus dem Staub gemacht – ohne dass Stian ihm das Schlüsselfragment hatte abnehmen können!

In Ermangelung irgendeines anderen Gegenstandes, an dem er seine Wut auslassen konnte, trat Stian mit voller Wucht gegen das Große Horn – und stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass dessen Mundstück wohl bei der Erschütterung nach dem Blasen ab- und von der Rampe den steilen Abhang hinunter in das Zentaurendorf gefallen sein musste, und inzwischen hatte es bestimmt wieder irgendein Maraudine eingesammelt und in sichere Verwahrung genommen! Das hieß, dass sie nicht nur Khan Hratha noch einmal stellen, sondern sich sogar noch einmal auf die Suche nach dem Mundstück begeben mussten!
Der Fluch des Schurken, der nun folgte, war noch lauter als der erste, und der darauf folgende noch übler. Stian wandte sich ab und tobte in unterdrückter Wut vor sich hin. Was für eine elende, mistige, dreckige, verdammteGeschichte! Und am schlimmsten war, dass er für das alles sich selbst verantwortlich zu machen hatte. Hätte er doch nur besser aufgepasst, als Hratha zu verschwinden drohte! Und selbst das wäre nicht so tragisch gewesen, wenn Hratha nicht einen so verdammt zähen Gegner abgegeben hätte. Kan’krek, er hatte einfach Angst um Riná! Was, wenn es beim nächsten Mal nicht so glimpflich abging? Es war eben schon so elend knapp gewesen…

Die Priesterin legte Stian von der Seite beruhigend die Hand auf den Arm, und diese sanfte Berührung war in dem Moment der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Stian konnte die Überreaktion nicht unterdrückten: ließ seine ganze Wut, seine ganze Frustration völlig unpassend an der armen Sin’dorja aus. „WAS?“, donnerte er mit zornfunkelnden Augen. Riná zuckte entsetzt zurück und brachte einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sich und Stian. In ihren Augen stand ein Anflug von Angst.
Dem Schurken tat sein Aussetzer sofort unendlich leid, aber er fürchtete, dass er schon nicht wieder gutzumachenden Schaden angerichtet hatte. Dies war die eine Seite an ihm, die sich manchmal den Weg an die Oberfläche bahnte und die er normalerweise unterdrücken konnte, bis er irgendwo alleine mit sich selbst war. Die Seite an ihm, die er Riná nie, niemals im Leben hatte sehen lassen wollen… Lieber würde er sich die Hand abhacken, als Riná jemals in irgendeiner Weise zu verletzen…

Der Schurke entschuldigte sich wortreich, vertraute der Priesterin auch genau diese Gedanken an, und langsam schwand die Angst in ihren Augen, näherte sie sich ihm wieder. Stian atmete erleichtert auf; offensichtlich war der Schaden doch nicht irreparabel gewesen.

So gingen sie gemeinsam auf die Suche nach dem verlorenen Mundstück. Und wieder wurden die Flüche, die Stian zwischen den Zähnen zerbiss, hitziger und vehementer, auch wenn er sich jetzt der Blutelfin gegenüber eisern unter Kontrolle hielt. Denn das Mundstück wollte und wollte und wollte sich nicht finden lassen. Sie hatten schon beinahe das ganze Lager durchsucht, sich mit zahllosen Zentauren angelegt, als Stian es schließlich bei einem der Krieger doch wieder entdeckte. Also auf ein Neues… Der junge Schurke seufzte. Schatten und Licht, lass Riná nichts geschehen!

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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