Die Geschichte von Stian und Rina (4)

Stians übliches Selbstvertrauen war ein wenig gedämpfter als sonst, als er zum zweiten Mal an diesem Tag in das Große Kriegshorn der Maraudine blies. Erneut schickte Hratha zwei Wellen von je drei Kriegern vor, ehe er selbst die Rampe heraufstolziert kam. Einer seiner Schamanen musste ihn in der Zwischenzeit an einem versteckten Ort geheilt haben, denn der Zentaurenhäuptling war wieder völlig unverwundet, und drei neue Leibwachen hatte er auch mitgebracht. Aber diesmal ging der Kampf etwas leichter vonstatten. Entweder die beiden Blutelfen waren besser vorbereitet, oder aber Hrathas Schergen nicht so gut wie diejenigen, die zuvor dabei gewesen waren – jedenfalls gelang es Stian diesmal, sich von hinten an den kleinen Trupp heranzuschleichen und den Zentauren mit einem Überraschungsangriff in den Rücken zu fallen. Das bedeutete, dass er zwei der Gegner auf sich ziehen konnte und Riná sich nur mit den restlichen beiden herumschlagen musste. Die drei Leibwachen gingen vergleichsweise schnell zu Boden, dann konnten sich die beiden Sin’dorei gemeinsam auf Khan Hratha konzentrieren.

Schließlich war das blutige Werk zum zweiten Mal getan, und diesmal vergewisserte Stian sich, dass Hratha auch wirklich tot war. Dann nahm er dem niedergestreckten Pferdemenschen schnell das Schlüsselfragment ab und ballte triumphierend die Hand zur Faust. Geschafft!

Dann sah er sich sofort nach Riná um. Es ging ihr gut, es war ihr nichts geschehen! Einige Verletzungen hatte sie davongetragen, aber nichts, was nicht bald wieder verschwunden sein würde. Erleichtert ging er auf sie zu – und merkte dabei, dass er selbst ein wenig hinkte. Da hatte ihn wohl einer der Gegner am Bein erwischt, und Stian hatte es in der Hitze des Gefechts nicht einmal bemerkt! Riná hingegen fiel es sofort auf. Besorgt kam sie zu ihm, befahl ihm, sich hinzusetzen und holte aus ihrer Tasche Verbandszeug sowie einen Tiegel mit einer grünlichen Salbe. Damit bestrich sie vorsichtig die Wunde und wickelte kundig den Verband darum.
Was auch immer diese Salbe war – sie wirkte wie ein Traum. Die grünliche Masse hatte einen herrlich kühlenden Effekt, und der Schmerz in Stians Bein verging sofort. Wunderbar – wie neu!
Der Schurke bedankte sich herzlich, und plötzlich, wie sie da so einander fast wortlos gegenüberstanden und sich in die Augen blickten, überkam Stian erneut das Entsetzen bei dem unerträglichen Gedanken, dass Riná etwas hätte zustoßen können. Und das sagte er ihr auch.
Ihre Reaktion kam für ihn unerwartet. Sie bestand aus nichts weiter als einem halb gestammelten „Wa… warum?“

„Warum?“ Stian schnaubte kurz und trocken. Konnte sie sich das nach ihrem Gespräch in Shadowprey, nach dem letzten Abend in Silvermoon immer noch nicht denken? Aber nun gut, er hatte immer nur Andeutungen gemacht. Jetzt kniete er vor der Elfin nieder, griff nach ihrer Hand und sprach aus, was er fühlte. „Weil Ihr jemand ganz Besonderes seid. Weil ich noch nie jemandem begegnet bin wie Euch. Weil Ihr mein erster Gedanke seid morgens, wenn ich aufstehe, und mein letzter nachts, wenn ich mich niederlege. Weil ich, wenn Ihr in meiner Nähe seid, das Bedürfnis habe, ein besserer Elf zu sein. Weil Ihr Euch unauslöschlich in mein Herz eingebrannt habt. Weil…“

Weiter kam er nicht. Die junge Frau holte einmal verschreckt Luft, riss ihre Hand aus der seinen und rannte davon, die Rampe hinunter. Bis Stian sich erhoben und umgedreht hatte, war sie schon um die erste Kurve. „Riná, so lauf doch nicht weg!“ rief er ihr hinterher, doch sie machte keine Anstalten, langsamer zu werden. Stian rannte, nein, spurtete los und holte sie tatsächlich unten auf dem Dorfplatz ein. „Lauf nicht weg, bitte!“
Aber sie rannte weiter, Hals über Kopf – und mitten hinein in einen großen Trupp Maraudine, der gerade durch das Dorf patrouillierte. Im Nu war die junge Elfin von Zentauren umzingelt, und in Stian kochte alles hoch. Sein Puls jagte, das Blut rauschte ihm in den Ohren, die ganzen verwirrenden Emotionen der letzten Minuten brachen sich Bahn… Jede Subtilität vergessen, stürzte er sich mit einem lauten, unartikulierten Schrei mitten in den Kampf. „Aaaaargh! Lasst die Lady in Ruhe, ihr Hunde!!“

Wieviele Maraudine Stian in den nächsten Minuten niederstreckte, konnte er hinterher nicht mehr sagen. Er dachte nicht, er war einfach. Wurde eins mit den Klingen in seiner Hand, war der reine Instinkt. Nur Riná allein brannte in seinem Geist.
Als der Kampf vorüber war, lagen etliche Zentauren um die beiden Sin’dorei herum. Riná stand da und sah Stian mit großen Augen an. „Lauf nicht weg“, bat der erneut. Er atmete schwer – wenn sie jetzt davongelaufen wäre, hätte er keinen zweiten Spurt einlegen können, um sie einzuholen.
Doch das tat sie nicht. Sie stand einfach da und blickte jetzt, wo er etwas zu Atem kam, befangen zu Boden.
Stian legte die Hand unter ihr Kinn und zog es sanft nach oben, so dass sie ihn ansehen musste.
Sie blickte ihn an, ihre Augen große, traurige, unendlich tiefe grüne Quellen, und er konnte nicht anders. Ehe er wusste, was er da eigentlich tat, zog er sie zu sich heran, nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und küsste sie, ganz sachte, ganz vorsichtig. Es war ein wunderschönes, aber seltsames Gefühl: Seligkeit vermischt mit  Wehmut und der Angst, zu weit gegangen zu sein. Die Priesterin wehrte sich nicht, aber sie erwiderte den Kuss auch nicht, reagierte überhaupt in keiner Weise, und so zog Stian sich schon nach wenigen Sekunden verlegen wieder zurück. Auch die Heilerin stand betreten da, sah zu Boden und schwieg.

„Riná, ich…“
„Nein, Stian, bitte. Bitte sagt es nicht. Ich… ich kann nicht…“
Er blickte in ihr liebliches Gesicht und spürte eine wilde Mischung an Emotionen durch sich hindurchströmen. Unendliche Zärtlichkeit. Ungestümen Beschützerdrang. Bedingungslose Loyalität. Verständnis. Unverständnis. Traurigkeit. Frustration. Hilflose Wut; auf jeden und alles, der oder das ihr diesen Schmerz zugefügt hatte. Den übermächtigen Wunsch, sie in den Arm zu nehmen und vor allem abzuschirmen, was ihr wehtun wollte… Diese verdammte Mauer um sie herum endlich einzureißen…

Aber er gab dem Wunsch nicht nach. Statt dessen blickte er sich auf dem Dorfplatz um und wusste selbst gar nicht genau, was er mit dem nächsten Satz eigentlich ausdrücken wollte:
„Ach, Riná, sieh uns doch an, wie wir hier stehen, mitten in Feindesland…“

Eine Träne war ihre Wange hinuntergekullert. Stian wischte sie sanft mit dem Finger weg und straffte sich mit einem Seufzer, als sie weiterhin wortlos den Kopf schüttelte. „Wir sollten zusehen, dass wir hier verschwinden.“
Riná schien erleichtert, dass der gefährliche Moment vorübergegangen war, und wurde nun wieder ganz kameradschaftlich-geschäftsmäßig. „Ja, lasst uns gehen.“

Dem Schurken fiel der unvermittelte Wechsel schwer, aber er kehrte nun ebenfalls wieder zu der kameradschaftlicheren Umgangsform und der formelleren Anrede zurück. Er war noch immer ganz verwirrt, wusste nicht, was er sagen sollte – und so kam es vielleicht gerade richtig, dass die beiden ein Stück den Berg hinunter eine junge Goblinfrau fanden, die von den Maraudine in einem Käfig festgehalten wurde und demnächst als Festbraten für die Pferdemenschen dienen sollte. Die gemeinsame Sorge um das Goblinmädchen war die perfekte Ablenkung: Natürlich war es gar keine Frage, dass sie es befreien mussten – sie konnten die arme Kleine doch nicht hier ihrem Schicksal überlassen!

Der Weg aus dem Gebiet der Maraudine heraus war alles andere als leicht – auf ihren jungen Schützling aufzupassen und gleichzeitig die Zentauren daran zu hindern, das ganze Dorf auf sie zu hetzen, stellte sich als ziemliche Herausforderung dar, Rinás heilende Kräfte hin oder her. Aber schließlich war es geschafft, und ein überglückliches Goblinmädchen, das sich als Melizza Brimbuzzle vorgestellt hatte, rannte dankbar davon – allerdings nicht, ohne den beiden Blutelfen vorher versprochen zu haben, dass ihr Bruder Hornizz, der sein Lager in der Nähe des Ghost Walker Post aufgeschlagen habe, sich garantiert erkenntlich zeigen werde.
Nun, auf die Belohnung kam es dem Schurken und der Priesterin gar nicht so sehr an, aber sprechen wollten sie mit Hornizz Brimbuzzle natürlich dennoch, nicht zuletzt um zu hören, ob seine Schwester wieder wohlbehalten bei ihm angekommen war.

Sie war, und Hornizz zeigte sich tatsächlich mehr als erkenntlich: Neben einer netten Belohnung hatte er auch gleich noch eine neue Aufgabe für die beiden Sin’dorei. Geisterplasma sollten sie für ihn einfangen im Tal der Knochen, dem Friedhof der Zentauren. Gut so – Stian war für jede Ablenkung dankbar! Wo das Tal der Knochen war, das wusste nun Riná wiederum nicht, Stian aber sehr wohl. An der Abzweigung in das Tal war er bereits mehrfach vorbeigekommen.
Die Aufgabe erwies sich als nicht sonderlich schwer, aber doch ein wenig trickreicher als erwartet. Denn mit dem Gerät, das der Goblin ihnen mitgegeben hatte, ließen sich die Zentaurengeister zwar anlocken, aber es kamen wesentlich mehr als erwartet, und auch wenn sie eigentlich friedfertig waren, gingen sie doch unangenehm schnell zum Angriff über, wenn ein Lebender sich ihnen näherte oder einen der ihren attackierte. Aber schließlich war der Geisterfänger voller Plasma, und die Sin’dorei konnten diesen unheimlichen Ort verlassen.

Der Zentaurenfriedhof befand sich näher am Lager der Gelkis als am Ghost Walker Post, und so kehrten Stian und Riná erst zur Weisen Frau Uthek zurück, um ihr von Khan Hrathas Tod zu berichten und ihr das Schlüsselfragment zu übergeben. Stian stand noch ein wenig länger im Gespräch mit der Zentaurin, und als er sich umdrehte, war Riná auf den ersten Blick nirgends zu sehen. Er fand sie schließlich vor einem leeren Zelt beim Spiel mit einem halbwüchsigen Zentaurenfüllen, doch die kleine Gelkis wurde kurz darauf von ihrer Mutter gerufen und galoppierte schlaksig davon.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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