Die Geschichte von Stian und Rina (5)

Kaum waren sie wieder alleine miteinander, ohne eine drängende Aufgabe, die sie ablenkte, spürte Stian wieder diese Spannung in der Luft, diese knisternde Elektrizität wie vor einem Gewitter. Verlegen standen sie einander gegenüber, wussten nicht, was sie sagen sollten. Wobei Stian tausend Dinge hätte sagen können, aber statt dessen seufzte er nur schwer.
„Was habt Ihr?“, fragte Riná. „Sprecht, ich bitte Euch.“
Der Blutelf schüttelte traurig den Kopf. „Nichts von dem, was mir durch den Kopf geht, wollt Ihr hören.“
„Doch, sagt es nur.“
„Oben auf dem Berg habe ich ja angefangen. Ihr seid davongelaufen…“
Riná sah ihn an: auffordernd? Erwartungsvoll? Sie sagte nichts, aber Stian interpretierte ihren Blick als: ‚jetzt werde ich nicht davonlaufen‘.
Und so holte er tief Luft und sprach es erneut aus: dass er sich einfach nicht helfen könne, dass sie in seinem Herzen sei und so weiter.

Riná antwortete nicht, und plötzlich merkte der Schurke, dass die Sin’dorja völlig erschöpft sein musste – sie taumelte und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Besorgt fing Stian sie auf und trug sie in das leere Zelt, wo er die Heilerin auf ein aus Fellen bestehendes Lager bettete. Sie nickte ihm dankbar zu, setzte sich aber sofort wieder aufrecht. „Es geht schon.“
Stian setzte sich zu ihr, nicht zu dicht, und gemeinsam verbrachten sie einige Minuten in halb-vertrautem Schweigen. Der Elf dachte an den Regen, der an diesem Morgen über Desolace niedergegangen war und der öden Landschaft einen ganz eigenen, unerwarteten Charme verliehen hatte. Schon am Morgen hatte er gewünscht, Riná wäre dabei, damit sie diese Erfahrung mit ihm teilen könnte. Die Erinnerung brachte ihn auf eine Idee.
„Ich würde gerne einmal mit Euch an einem Strand entlanglaufen. Barfuß. Am besten im Regen. Da vergisst man alle Sorgen – zumindest geht es mir immer so.“
Die Priesterin nickte. „Schade, dass es hier in Desolace keinen richtigen Strand gibt, nur hässliches, struppiges Gras. Und monsterverseucht ist es auch.“
„So hässlich finde ich den Strand von Desolace gar nicht“, erwiderte der Sin’dor, „wenn man von den Ungeheuern einmal absieht. Aber der schönste Strand, den ich kenne, befindet sich in Darkshore. Den würde ich Euch gerne einmal zeigen, wenn ich darf.“ Stian war vor kurzem, im Zuge des Mittsommerfestes und der Suche nach den Sommerfeuern Kalimdors, zum ersten Mal in Darkshore gewesen und hatte sich dort über den eigentlichen Standort des Feuers hinaus gleich ein wenig umgesehen. Und der stille, geheimnisumwehte Strand mit seiner Aussicht auf das silberne Meer hatte den Schurken auf den ersten Blick verzaubert.
Riná nickte wieder. „Irgendwann vielleicht einmal, gerne.“
„Und ich hoffe sogar fast ein bisschen, dass es regnet, wenn wir dort sind“, sprach Stian weiter. Das gibt dem Ort eine einzigartige, verwunschene Stimmung.“

Wieder vergingen einige Momente schweigend, ehe Riná aufblickte und den Blutelfen forschend ansah.
„Darf ich Euch eine sehr persönliche Frage stellen, Stian?“
„Ihr dürft mich immer alles fragen, Riná.“
Die Priesterin zögerte, errötete erneut.
„Habt… hattet Ihr zuvor schon einmal eine Frau geküsst?“

Stian nahm die Frage sehr, sehr ernst. Hatte er schon einmal eine Frau geküsst? Und hatte er, was vielleicht die noch wichtigere Frage war, schon einmal für eine Frau das empfunden, was er jetzt für Riná empfand? Er dachte zurück über die Jahre…
Lairynn? Nein. Er betrachtete die junge Paladina als eine gute Freundin, aber mit ihrer jungenhaften Art war sie immer nur ein Kamerad für ihn gewesen, ebenso wie Lynxia, ihre Kampfgenossin aus dem Orden der Blutritter. Es war wohl eher Yhaddar, der an einer der beiden Paladinen Gefallen gefunden hatte – zumindest glaubte Stian das aus einigen von Yhaddis sorgfältigen Nicht-Bemerkungen herausgelesen zu haben. Nur um welche von beiden es sich handelte – oder ob er mit seiner Vermutung überhaupt richtig lag – das hatte der Schurke noch nicht herausgefunden. Nun, wenn Yhaddi sich ihm anvertrauen wollte, würde er das schon irgendwann tun.

Niennya? Ebenfalls ein deutliches Nein. Die Hexerin war nicht sein Fall. Sie war nett, er mochte sie sehr, aber er sah in ihr einfach nicht das, was ein Mann in einer Frau sehen musste. Überhaupt nicht. Und außerdem war sie (ebenso wie Callistá und Vée, die anderen beiden Freundinnen seiner Schwester) in Liliwyns Alter, hatte unendlich viel mehr Erfahrung als Stian, und er vermutete, dass sie in ihm nichts als einen kleinen, unbeholfenen Jungen sah. Störte ihn das? Vielleicht ein wenig, weil er sich in seinem Stolz getroffen fühlte, aber es störte ihn nicht auf diese Weise. Statt dessen nahm er Niennyas Hilfe gerne an, wenn sie ihm diese anbot, und zog gerne mit ihr herum, aber es war einfach ein Fall von reiner, unbelasteter Kameradschaft. Und hatte er nicht ohnehin irgendwann am Rande mitbekommen, dass Niennya eher an Frauen interessiert war?

Na also. Ein leises Lächeln spielte um seine Lippen. Er konnte wahrheitsgemäß beide Fragen verneinen.
„Nie“, sagte er mit Nachdruck. „Wenn man von meiner Mutter und meinen Schwestern absieht, versteht sich.“
Riná machte ein erleichtetes Gesicht und strahlte ihn offen an. Dieses Lächeln wärmte Stians Herz – was hätte er darum gegeben, es öfter auf ihren aparten Gesichtszügen zu sehen!

Dann wandelte sich der Gesichtsausdruck seines Gegenübers: Rinás Lächeln wurde sichtlich verlegen, und Stian konnte an der Art, wie sie mehrfach ansetzte und dann das, was sie sagen wollte, doch nicht aussprach, spüren, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. „Stian…“, begann sie schließlich leise, „würdet… würdet Ihr mir dann vielleicht noch einen Kuss geben?“

Er konnte nicht verhindern, dass ein breites, beglücktes Grinsen über seine Züge flog. „Aber mit dem größten Vergnügen, Milady!“ Er erhob sich, deutete eine kleine Verbeugung an, trat auf Riná zu und tat, worum sie ihn gebeten hatte. Die Gefühle, die den Schurken bei diesem zweiten Kuss durchströmten, waren ein wenig anders als bei dem ersten zuvor: Sie hatte ihn darum gebeten, daher musste Stian jetzt nicht befürchten, zu weit gegangen zu sein. Das Glücksgefühl war noch dasselbe, aber die Wehmut wurde nun ersetzt durch… Hoffnung? Die Priesterin errötete sofort, aber sie wehrte sich nicht. Doch obwohl sie den Kuss sogar zu genießen schien, zog sie sich schon nach einem kurzen Moment zurück.
„Ach Stian“, seufzte Riná, „ich kann nicht. Diese Gefühle… Es ist alles so neu für mich…“

Neu für sie? Das klang nicht komplett hoffnungslos… Das war kein kategorisches Nein…

„Riná, wenn es das ist – ich kann warten. Sagt mir, dass es auch nur einen Funken Hoffnung gibt, und ich warte auf Euch bis ans Ende der Zeit.“ Das sagte sich alles andere als leicht: Die Vorstellung, die Distanz zu der schönen Elfin wahren zu müssen, und vielleicht noch lange Zeit wahren zu müssen, tat Stian in der Seele weh, aber alles, was er zu ihr gesagt hatte, war die reine, ungeschminkte Wahrheit. Sie hatte sich in sein Herz gebrannt, neben ihr konnte es keine andere geben, und wenn sie ihn nicht kategorisch und ein für alle Mal abwies, dann würde er warten.
Die Priesterin schwieg, machte ihm keine Hoffnung – aber sie erklärte auch nicht, dass es keinen Zweck habe. Besser als nichts…
„Ich kann warten“, bekräftigte Stian also noch einmal, wie um sich selbst dafür zu wappnen.

Sie saßen noch eine Weile in einträchtigem Schweigen beisammen, bis einer von beiden – Stian hätte gar nicht mehr sagen können, wer, aber vermutlich war es Riná; Stian selbst hätte gerne noch Stunden mit ihr in dem verlassenen Zelt verbracht, einfach um ihr nahe zu sein – zum Aufbruch mahnte. Denn noch wartete Hornizz Brimbuzzle ja auf ihre Rückkehr und den Bericht darüber, wie es im Tal der Knochen gelaufen war.

Also ritten sie zu Hornizz, aber danach trennten sich ihre Wege. Stian wollte noch einmal kurz im Ghostwalker Post vorbeisehen und mit einem der Tauren dort sprechen, während Riná sofort nach Shadowprey zurückreiten und von dort aus weiterreisen wollte.
Der Abschied verlief seltsam kurz und schmerzlos – schmerzlos vor allem deshalb, weil er einfach so schnell vonstatten ging. Vor Hornizz sagten die beiden Sin’dorei nicht allzuviel, bis auf ein sachliches „auf bald“, und dann war Riná auch schon davongeritten. Stian blickte ihr nach, bis sie hinter einem Hügel verschwunden war, aber dann forderte sein eigenes Anliegen sein Recht, und er hatte gar keine Zeit mehr zum Grübeln.

Bis jetzt jedenfalls. Denn jetzt hatte er sich für die Nacht ins Gasthaus von Shadowprey zurückgezogen, und jetzt stürmten all die Eindrücke, all die Geschehnisse und verwirrenden Emotionen des Tages erneut mit Macht auf ihn ein. Und das war der Grund, warum er nicht einschlafen konnte, warum er hier im Dunkeln saß und den Kopf zwischen den Händen verbarg.

Oh, Riná!

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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