Die Geschichte von Shynassar und Lilié (2)

Ein oder zwei Tage später fand das geplante Treffen mit Lilié statt. Shynassar sah ensprechend gebeutelt aus – zwar trug er keinen Verband mehr um den Kopf, doch die Spuren davon, wie ihn Schimár traktiert hatte, waren noch deutlich zu sehen. Natürlich wollte Lilié erst einmal wissen, was ihm widerfahren war, und Shynassar erzählte ausführlich (wobei er ja selbst gar nicht so viel wusste), und sie spekulierten eine Weile über die möglichen Hintergründe. Dann debattierten die beiden Magier unterschiedliche Ansätze des Arkanen, und Lilié erwähnte erneut, wie sehr sie darunter leide, dass ihr bisweilen alles entgleite, dass sie nicht die volle Kontrolle über ihre Zauber habe. Und so endete das Treffen damit, dass Shynassar ihr seine Methode beibrachte: Nicht nur die Worte mussten gesprochen werden, sondern Worte und Bewegungen und arkane Energien eine Einheit bilden. Nach einer Stunde intensiven Übens hatte Lilié zumindest bei dem einfachen Feuerzauber, mit dem sie sich beschäftigt hatten, die gewünschte Kontrolle, und beide waren mit dem erzielten Erfolg sehr zufrieden. Doch schon bald musste sich Lilié mit Verweis auf ihre strenge Magistrix wieder verabschieden, so dass sie ein weiteres Treffen für die nächste Woche zur selben Zeit ausmachten.

Shynassar freute sich sehr auf diese weitere Gelegenheit zum gelehrten Austausch [man beachte bitte, dass er keinerlei amouröse Hintergedanken hegte :)] und war umso enttäuschter, als sein Vater ihn auf eine angeblich nicht aufschiebbare Reise schickte und er nicht wusste, ob er es zum vereinbarten Termin zurückschaffen würde. Also schrieb er Lilié eine kurze Nachricht, dass er alles versuchen werde, es aber nicht garantieren könne. Lilié antwortete, sie verstehe schon, sie werde warten und jeden Tag zur geplanten Stunde am Treffpunkt sein.
Es kostete ein gehöriges Maß an Anstrengung und die kühle Missbilligung seines Vaters, weil Shynassar die Reise in den Augen des Lord Selaitherian Talamirrién unhöflich früh beendet hatte, doch der junge Magier schaffte es zum vereinbarten Treffen.
Doch wer nicht auftauchte, war Lilié. Shynassar wartete an diesem Abend eine ganze Zeit lang am Treffpunkt, und auch an den Folgetagen getreulich zur selben Stunde, doch seine Studienpartnerin erschien nicht, auch wenn sie das in ihrer Nachricht versprochen hatte. Auch sonst hörte er weiter gar nichts von ihr; ein fragender Brief ging ins Leere.

Etliche Tage später, es wurde gerade das All Hallows-Fest gefeiert, wartete Shynassar wieder einmal vergebens auf Lilié, da tauchte plötzlich eine als Ninja verkleidete Menschenfrau am Treffpunkt auf. Der Elf wollte erst erschrecken, doch dann bemerkte er, dass die Verkleidung zwar gut, aber nicht perfekt war, und dass sich hinter der Illusion eines Menschen jemand anderes verbergen musste. Die vorgebliche Ninja nannte ihn beim Namen und bat ihn, ihr zu folgen. Shynassar, von seinem kürzlichen Erlebnis mit Schimár jetzt deutlich misstrauischer, als er das zuvor gewesen wäre, ging mit sichtlichem Unbehagen mit [dass er überhaupt mitging, unbewaffnet, wie er war, zeigt, dass er seine Naivität damals noch längst nicht komplett abgelegt hatte :)].
Die verkleidete Menschenfrau führte ihn zum Farstrider Retreat und dort in eine leere Ecke, ehe sie die Maske fallen ließ.
Es war Lilié, die ihre Vorsichtsmaßnahme damit erklärte, dass ihre Magistrix überhaupt nicht amüsiert darüber gewesen sei, dass Lilié mit jemand Fremdem magische Studien betrieben habe. Die Magistrix hätte ihr jeden weiteren Kontakt mit Shynassar streng untersagt und werde sie an eine andere Akademie, weg von Silvermoon, schicken, wo sie ihre Ausbildung von schädlichen Einflüssen geschützt fortsetzen solle. Lilié habe Shynassar aber wenigstens informieren wollen, daher die Verkleidung, und daher auch nur die wenigen Minuten, die sie Zeit hätten.

Shynassar war entsetzt: Er hatte ihre erste gemeinsame Lernstunde wirklich genossen und sich auf weiteren intellektuellen Diskurs [und nein, er hatte tatsächlich keine sonstigen Hintergedanken ;)] gefreut. Außerdem wollte ihm nicht so recht in den Kopf, was die Magistrix dagegen haben könnte, wenn die beiden Magier ein wenig eigene Studien betrieben.
Aber die Entscheidung war gefallen; Lilié konnte und wollte sich den Anordnungen ihrer Lehrerin nicht wiedersetzen, und so blieb ihm allein die Frage, wie lange sie denn wohl fort sein würde und wie er sie denn erreichen könne. Wie lange, wisse sie nicht. Bis ihre Ausbildung abgeschlossen sei, habe die Magistrix gesagt. Und was das Erreichen angehe: „Versucht zu schreiben, vielleicht kommt der Brief an.“
Mit diesen Worten war sie fort, und Shynassar konnte ihr nur enttäuscht hinterhersehen.

Aber er schrieb ihr tatsächlich. Es war ein freundschaftlicher Brief, der sich nach Liliés Ergehen, der neuen Umgebung und ihren Fortschritten erkundigte und ihr davon erzählte, wie es ihm inzwischen ergangen war. Erst kam einige Zeit lang gar keine Antwort, dann ein kurzer, mit zitternder Hand geschriebener Brief, wie schrecklich alles sei.
Dieser Brief klang so seltsam, so verzweifelt, dass Shynassar umgehend antwortete. Da es aussah, als sei ihre Nachricht zensiert worden, codierte er sein Schreiben: In einem gewöhnlichen, ja banalen Bericht über das Wetter in Silvermoon und das letzte Buch zur magischen Theorie, das er gelesen hatte, versteckte er die Frage: „Wo seid Ihr? Ich komme Euch holen!“

Die Antwort kam erstaunlich schnell, doch als Shynassar den Umschlag öffnete, drohte ihm einen Moment lang das Herz stehenzubleiben: Der Brief war gar nicht von Lilié, sondern trug die Unterschrift „Magistrix Sionná Sonnenlauf„. Schon fürchtete er, die Lehrerin habe den Code geknackt, aber als er den Brief dann las, stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass wenigstens das nicht der Fall zu sein schien. Die Magistrix schrieb eine arrogant-zornige Epistel darüber, dass sie sich dieses Spiel lange genug angesehen habe, dass er sich für seine als „magische Studien“ getarnten Schäferstündchen jemand anderen suchen solle und dass die talentlose, dumme Lilié seiner schlicht und ergreifend nicht wert sei.

Shynassar war empört und feuerte umgehend eine entsprechende Antwort zurück: dass seine Absichten immer nur ehrenhaft gewesen seien, dass Lilié keinesfalls talentlos und dumm sei, sondern er sie als intelligente, faszinierende Gesprächspartnerin kennengelernt habe, usw. usw. Er war so wütend, dass das Pergament leichte Kokelflecken bekam, wo seine Fingerspitzen es berührten. Und wenn die Magistrix arrogant sein wollte, nun, das konnte er auch. Deswegen, und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, unterschrieb er mit vollem Namen: „Shynassar Me’aiyon Talamirrién, Ältester Sohn des Hauses Talamirrién und Adept der Magischen Künste an der Akademie Silvermoons“.

Es dauerte eine Weile, dann kam wieder eine Antwort von der Magistrix. Diese war, wenn möglich, noch arroganter als ihr erstes Schreiben: Sie habe sich erst gewundert, wie ein Adept der Magischen Künste sich mit einem talentlosen Nichts wie Lilié abgeben könne, doch dann habe sie sich Shynassars Akte an der Akademie angesehen, und nun wundere sie nichts mehr. Es bräuchte einen Talentlosen, um einen anderen nicht als solchen zu erkennen (oder so ähnlich). Glücklicherweise sei Lilié seinem schädlichen Einfluss aber ein für alle Mal entrissen, sie befinde sich an einer speziellen Ausbildungsstätte der Verlassenen, und wenn die Forsaken mit ihr fertig wären, dann würde Shynassar sie nicht mehr erkennen und sie ihn auch nicht, denn dann sei sie nicht mehr die stümperhafte, bescheuerte Lilié. Und überhaupt werde sie sich von jetzt ab nicht mehr dazu herablassen, weitere Korrespondenz des Herrn Talamirrién zu beantworten. Unterschrieben war der Brief mit „Sionná Sonnenlauf, Magistrix der Akademie Silvermoons seit 180 Jahren“.

Auf dieses Schreiben hin jagte Shynassar noch einmal eine Antwort los, doch die Magistrix stand zu ihrem Wort und reagierte nicht mehr.
Die Worte aus ihrem Brief jedoch hatten den jungen Magier zutiefst beunruhigt. Wenn die Forsaken mit ihr fertig wären, würde Shynassar sie nicht mehr erkennen, wäre sie eine ganz andere Lilié… Das klang nicht gut. Das klang gar nicht gut.
Und wo er zuvor nur besorgt gewesen war, war er nun richtig beunruhigt – und fing an, ernsthaft nach Lilié zu suchen.

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Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

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