Die Geschichte von Shynassar und Lilié (4)

Irgendwann kam die Magierin zu sich, und Shynassar ließ sie, weil sie noch zu schwach war, um bewegt zu werden und außerdem nicht wusste, wo sie hingehen solle, zunächst in der Obhut des Priesterordens zurück, nachdem er Belestra ein wenig von Liliés Problemen mit ihrer Magistrix berichtet hatte (denn natürlich hatte die Heilerin wissen wollen, welches Monster zu einer solchen Untat wie der mit dem Splitter fähig sei) und ihm versprochen worden war, Lilié sei hier völlig sicher.
Außerdem empfahl ihm die Priesterin, sich mit einer gewissen Kyuri Silberblatt in Verbindung zu setzen: Die Todesritterin war nach der kürzlich erfolgten Befreiung von Highlord Mograine nach Silvermoon geschickt worden, um dort als Verbindungsperson für die Schwarze Klinge tätig zu sein und an der Verbesserung der Beziehungen zwischen Silvermoon und Acherus zu arbeiten. Sie sei derzeit vor allem im Auftrag des Priesterordens unterwegs, und wenn Shynassar der Klingenritterin Belestras Namen nenne, werde sie ihn bestimmt unterstützen. [Diese Todesritterin war auch ein Charakter von Liliés Spieler; er hatte gerade vor kurzem mit ihr das Anfangsgebiet absolviert und suchte nun einen Aufhänger dafür, sie in das RP zu bringen]

Gesagt, getan: Shynassar fand die Todesritterin am bezeichneten Ort vor und versicherte sich ihrer Unterstützung bei der Suche nach der Magistrix. Nach einem kühlen und sachlichen Gespräch waren sie sich einig: Die Lady Silberblatt wollte sich zunächst in Undercity umhören, während Shynassar unauffällig in Silvermoon selbst, vor allem in der Akademie, nachzuforschen gedachte.

Bis der Magier und die Ritterin der Schwarzen Klinge sich wieder trafen, besuchte Shynassar Lilié mehrmals im Priesterorden. Zu seiner Freude ging es ihr zunehmend besser, und inzwischen erkannte sie ihn auch wieder, nachdem sie anfangs noch vor allen Elfen außer ihrer Bezugsperson Belestra panisch zurückgeschreckt war. Zu des Magiers nicht geringer Verlegenheit waren seine Worte während der Operation doch so halb an ihr Bewusstsein gedrungen; sie fragte ihn, ob sie das nur geträumt habe, oder ob seine Beteuerung Wirklichkeit gewesen sei.
Shynassar bekannte sich zu seinen Gefühlen, merkte aber auch, dass Lilié diese zumindest im Moment noch alles andere als recht waren, und erklärte ihr, dass sie sich davon in keinster Weise gebunden oder bedrängt fühlen solle. Er vergrub seine Zuneigung in sich und behandelte die Magierin weiter mit freundschaftlicher Zurückhaltung.

Lilié hatte von ihrer Tortur bei der Magistrix eine tiefe, lange Narbe im Gesicht zurückbehalten, was sie zutiefst verunsicherte und auch der Grund war, warum sie immer eine Maske trug. Shynassar war der Ansicht, es müsse doch einen Weg geben, diese Narbe zu entfernen, wenn nicht mit normalen Heilmethoden, dann auf magischem Wege, und versprach seiner Studienpartnerin, auch danach zu forschen, wenn es die Suche nach der Magistrix zuließe. Von der Idee schien Lilié neuen Mut zu fassen und erklärte, ebenfalls die Bücher studieren zu wollen.

Da die Magierin keinen Ort mehr hatte, wo sie hingehen konnte – die Akademie war logischerweise zu gefährlich, bei den Priestern konnte sie nicht ewig bleiben, und eine eigene Bleibe in Silvermoon besaß Lilié nicht – bot Shynassar ihr an, doch für eine Weile in das Anwesen seiner Familie zu ziehen. Auf die Idee, dass man dies vielleicht für unschicklich halten könne, kam der junge Patrizier gar nicht: Haus Talamirrién war groß und besaß etliche ungenutzte Zimmer, und überdies wohnte zu der Zeit auch Rína Shindarél dort, die unglückliche Verlobte seines Bruders Sandovar. Lilié nahm das Angebot dankend an; aber dann war auch schon der Zeitpunkt gekommen, an dem Shynassar sich wieder mit Kyuri Silberblatt treffen wollte, um die Ergebnisse ihrer Nachforschungen und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Der Sin’dor hatte bei seinen vorsichtigen Erkundungen an der Akademie herausgefunden, dass Sionná Sonnenlauf tatsächlich bereits seit 180 Jahren dort lehrte und einen ausgezeichneten Ruf genoss. Von Seiten der Fakultät, der sie nach ihrer eigenen Ausbildung zunächst als Assistentin, dann als vollwertige Dozentin und inzwischen sogar in einer leitenden Position auf ihrem eigenen Fachgebiet angehörte, war nichts Negatives über die Magistrix bekannt – und dass im Laufe der Zeit immer wieder Schüler von ihr verschwunden waren, war auch nicht groß aufgefallen. Zu wenige waren es über die Jahre, zu unterschiedliche Gründe wurden für deren Verbleib genannt; aber Shynassar, der mit misstrauischen Augen suchte, befürchtete einen Zusammenhang.
Wie dem auch sei, des Sin’dors Hoffnung, an der Akademie weitere Hilfe zu finden, war damit zunächst einmal hinfällig. Die Magistrix war dort zu angesehen – um den Lehrstab von ihren unerträglichen Methoden zu überzeugen, würde es mehr bedürfen als die Aussage einer unbedeutenden, von ihrer Lehrerin als „talentlos und dumm“ eingestuften Studentin zweifelhafter Herkunft. Dazu musste Shynassar zunächst handfeste Beweise finden.

Leider hatte Kyuri Silberblatt in Undercity auch nicht sonderlich mehr herausgefunden als Shynassar bei seinen eigenen Vorstößen in der Stadt der Untoten. So blieb den beiden Sin’dorei nicht viel mehr, als dort anzusetzen, wo der letzte Versuch geendet hatte: bei Salazar Bloch, dem Buchhändler.
Die Lady Silberblatt war nicht zimperlich. Während Shynassar danebenstand, die eine oder andere Frage einwarf und sich bemühte, möglichst bedrohlich zu wirken (also nicht sehr: in seiner feinen Magierrobe, mit langen, wohlfrisierten Haaren, seinen guten Manieren und einem Schwert an der Seite, das sich dort extrem ungewohnt anfühlte und das er noch nie benutzt hatte) und Kyuri zu unterstützen versuchte, indem er ein grimmiges Gesicht machte und bedeutungsschwer einen Feuerball in der offenen Handfläche tanzen ließ, ließ die Todesritterin keinen Zweifel daran, dass der Forsaken entweder kooperieren könne oder einen sehr unangenehmen endgültigen Tod sterben.
Schließlich rückte der Verkäufer mit der Sprache heraus. Das Buch, das Lilié hatte erstehen wollen, war inzwischen angekommen; es lag in einem Stapel weiterer zur Abholung bereiter Bücher auf dem Tisch. Einen direkten Kontakt zur Magistrix Sonnenlauf bestritt der Verkäufer, nannte aber schließlich einen weiteren Namen, von dem er glaube, dass dieser mehr über die Elfin und deren Ausbildungsstätte, von der Bloch gehört hatte, aber auch unter Androhung von Gewalt nichts Näheres zu sagen vermochte, wissen könne: Alessandro Luca, seines Zeichens Händler für dies und das, für alles und nichts, aber vor allem für Informationen und Neuigkeiten. Zu finden sei er im Apothekerviertel.

Shynassar nickte und wollte sich schon abwenden, um diesen Luca aufzusuchen, da wandte sich Kyuri halb zu ihm. „Er wird uns verraten, das wisst Ihr“, sagte sie trocken, und ehe der Sin’dor darauf reagieren konnte, hatte sie den Buchhändler schon erschlagen. Der junge Adlige war zutiefst geschockt, doch Kyuri blieb völlig ungerührt. „Er hätte uns verraten“, wiederholte sie nur, „das können wir uns nicht leisten“, und Shynassar, so entsetzt er war, musste mit einem winzigen Teil seines Bewusstseins zugeben, dass sie vermutlich recht hatte.

Noch war der Buchladen leer und unbesucht, keine lebende oder untote Seele zu sehen, und so hatten sie Zeit, sich das Buch anzuschauen, das Lilié hatte abholen wollen. Shynassar sagte es zunächst nichts, doch Lady Silberblatt warf einen Blick darauf und erstarrte. Einsatz der Nekromantie zur Aufbesserung vernunftbegabter Wesen durch arkane Mittel hieß es und war verfasst von einem gewissen Instruktor Razuvious, den die Sin’dorja aus ihrer Zeit vor der Befreiung kannte. Er habe Arthas‘ neue Todesritter ausgebildet, mit Methoden, an die sie lieber nicht zurückdenken wolle. Wenn Sionná Sonnenlauf jetzt ähnliche Methoden an lebenden Schülern anwandte… an Lilié angewandt hatte… Shynassar wollte es sich gar nicht ausmalen.
Jedenfalls war die Tatsache, dass die Magistrix ein solches „Lehrbuch“ an ihrer Privatakademie verwendete, überhaupt kein gutes Zeichen.

Shynassar nahm das Buch als Beweisstück an sich, dann verließen die beiden Sin’dorei eilig den Ort des Geschehens und machten sich auf ins Apothekerviertel.
Kyuri ging bei Alessandro Luca ähnlich rigoros vor wie bei dem Buchhändler Bloch. Doch dieser lachte nur über ihre Drohungen, und auch Shynassars Spielchen mit dem Feuerball in der Handfläche ignorierte er völlig. Frustriert ließ der Magier die arkane Manifestation irgendwann verschwinden, zog statt dessen sein Schwert und hielt es dem Forsaken an die Kehle. Nicht, dass das sonderlich mehr nutzte als die Überredungsversuche der Todesritterin. Diese ging immer rücksichtsloser vor, bis hin zu Foltermethoden, denen Shynassar schockiert zusah, sie aber in dem Bewusstsein duldete, dass ihre einzige Spur versiegen würde, wenn sie Luca nicht zum Sprechen brachten.
Schließlich redete der Informationshändler tatsächlich, unter großem Widerstreben. Die Magistrix Sonnenlauf habe ein Lager bei Agamands Mühlen, wo sie Studien betreibe und Schüler ausbilde.

Und dann, als die beiden Elfen einander für einen kurzen Moment anschauten – Shynassar wohl wissend, dass die Lady Silberblatt auch diesen Forsaken jetzt zum Schweigen bringen würde, wofür er sich gleichzeitig hasste, weil er dies zuließ, andererseits aber bitter entschlossen war, alles, wirklich alles zu tun, was nötig wäre – nutzte Alessandro Luca die winzige Ablenkung und schrie aus Leibeskräften Zeter und Mordio.

Shynassar fuhr bei Lucas Schreien erschrocken zusammen und machte eine unwillkürliche Bewegung – mit der Hand, die noch immer sein Schwert an des Untoten Hals hielt. Ohne, dass er es wollte oder kontrollieren konnte, zuckte die Klinge vor und schnitt dem Informationshändler die Kehle auf. Mit einem Röcheln sackte dieser zusammen und lag still, während der Magier fassungslos danebenstand. Nun war er selbst ein Mörder…
Schon hörte man laute Rufe und die Schritte der Wachen, die sich schnell näherten, doch Kyuri musste Shynassar mehrmals auffordern, ja sogar laut anschreien und wegzerren, ehe sich die Erstarrung des jungen Patriziers löste.

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Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

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