Die Geschichte von Stian und Rina (6)

„Ah, Yhaddi, es hat mich schwer erwischt“, seufzte Stian. „Es ist richtig ernst…“

Die beiden Vettern saßen in des Jüngeren Haus in Silvermoon lässig mit untergeschlagenen Beinen und mit einer Flasche Suntouched Reserve zwischen sich auf Yhaddars rotgoldenen Ruhekissen und philosophierten.
„Ich habe einfach das Gefühl, ich komme nicht zu ihr durch“, erklärte Stian. „Da ist diese Mauer; eine Wand aus Kummer um ihre Schwester…“
Yhaddar nickte nachdenklich. Und dann – dann hatte der jüngere Blutelf eine verrückte, absolut wahnsinnige, aber geniale Idee.

Im Laufe der nächsten Tage hängten die beiden Cousins in allen Hauptstädten nahe der Bank große Plakate auf:

——-

ACHTUNG
INFORMATIONEN GESUCHT
über eine

Blutelfische Hexerin namens HANIKO
Informationen dringend erbeten
Zuletzt gesehen wurde HANIKO in Eversong Woods
HANIKO ist dunkelhaarig, schlank und
war zuletzt gekleidet in Hexerroben

Informationen erbeten an
Stian Skyggvandre oder Yhaddar d’Vadheon
in Silvermoon

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Viel Hoffnung machte sich Stian eigentlich nicht, aber die Idee war es definitiv wert, ausprobiert zu werden. Denn was hatten sie schon zu verlieren? Ein Gutteil Ruf und Ansehen offensichtlich, denn zunächst erreichten die beiden Sin’dorei vor allem einige Scherz-Reaktionen und -Anfragen von belustigten Abenteurern. Aber das war zu verschmerzen. Wer nicht über sich selbst lachen konnte, war es nicht wert, ernstgenommen zu werden. Doch einige Zeit später – Stian hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt – meldete sich tatsächlich jemand ernsthaft auf ihre Suchplakate hin. Waraka hieß sie, war eine Orc-Kriegerin, und sie kannte Haniko! Dass Rinás Schwester sich nicht selbst meldete, war eine gewisse Enttäuschung, aber vielleicht hatte die Hexerin ja auch einfach die Plakate noch gar nicht gesehen. Wie dem auch sei, Waraka berichtete, dass Haniko am Leben sei und dass es ihr gut gehe. Stian ließ ihr über die Orc-Kriegerin ausrichten, dass ihre Schwester sie sehr vermisse und sich über ein Lebenszeichen freuen würde. Mehr konnte er in dem Moment nicht tun, aber es war immerhin schon einmal etwas.

Sofort nachdem der Blutelf und die Orkin sich getrennt hatten, sandte Stian eine Nachricht an Riná, er habe Neuigkeiten und müsse sie dringend treffen. Sie verabredeten sich in Silvermoon, und Riná konnte ihre Neugierde kaum bezähmen, was Stian ihr wohl mitzuteilen habe.
In Silvermoon fand der Schurke die Priesterin in einem Gespräch mit einer jungen Hexerin, die Riná ihm als Manami vorstellte. Stian bekam nicht alles mit, aber Riná hatte die andere offensichtlich nach ihrer Schwester befragt und wohl leider eine negative Antwort erhalten. Stian stellte sich mit einer Verbeugung der jungen Hexerin vor und wollte dann eigentlich höflich warten, bis die beiden Sin’dorjei ihr Gespräch beendet hatten, aber er war zu ungeduldig; als es so aussah, als wechselten die beiden nur noch letzte Artigkeiten, mischte er sich ein. „Verzeiht meine Unhöflichkeit, Manami, aber ich müsste Euch Riná entführen.“

Im Gasthaus konnte die Priesterin kaum abwarten, bis Stian ihnen etwas zu trinken besorgt hatte.
„Ihr sagtet, Ihr hättet Neuigkeiten. Was gibt es?“
„Nichts Schlimmes, keine Sorge, ganz im Gegenteil. Aber wie fange ich an…?“
Auch wenn es ihm arg war, die Heilerin derart auf die Folter zu spannen, hielt Stian es für richtig, Riná das ganze Bild zu vermitteln. Und so begann er mit Yhaddars Vorschlag, erzählte von ihrer Plakataktion und kam dann auf das Ergebnis der Bemühungen zu sprechen. Als er geendet hatte, schwieg Riná überwältigt still, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.
„Sie… sie lebt“, stammelte die Priesterin schließlich. Tränen waren ihr in die Augen getreten. „Sie lebt!“
Stian nickte lächelnd. „Ich freue mich so für Euch!“
Riná hielt es nicht auf ihrem Platz. Sie stand auf und drehte dem Schurken den Rücken zu. Stian konnte sehen, wie ihr Oberkörper bebte. Er ließ sie einige Momente lang allein, dann erhob er sich ebenfalls, trat zu der Priesterin und legte ihr den Arm um die Schultern. „Ich freue mich wirklich!“

Irgendwann hatte Riná sich wieder soweit gefasst, dass sie sich hinsetzen konnte. Auf ihrem Gesicht lag ein frohes, gelöstes Lächeln, wie der Schurke das bei ihr noch nie gesehen hatte. „Wie kann ich Euch das nur jemals danken, Stian?“
Er lächelte ebenfalls. „Ihr braucht mir nicht zu danken. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, und Eure Freude ist mir Dank genug. – Und außerdem war es ohnehin Yhaddis Idee, nicht meine.“
„Dann dankt Yhaddar für mich, bitte.“
„Das mache ich doch gerne. – Wobei… da fällt mir doch etwas ein, was Ihr tun könntet: geht mit mir nach Darkshore. Ich möchte Euch so gerne den Strand dort zeigen…“

Die Priesterin nickte schmunzelnd. „Nur zu gerne! Aber heute nicht mehr. Ich werde mich bald zur Ruhe begeben. Ich… ich muss über so vieles nachdenken…“
„Natürlich“, erwiderte Stian, ganz der Gentleman, auch wenn es ihn schwer ankam, sich schon so bald wieder von Riná trennen zu müssen. Aber immerhin verabredeten die beiden Sin’dorei, den Ausflug nach Darkshore in Angriff zu nehmen, wenn sie sich das nächste Mal trafen.

Das nächste Treffen fand tatsächlich nur wenige Tage später statt, diesmal in Ogrimmar. Und Riná hielt ihr Versprechen: Gemeinsam flogen die beiden Blutelfen zum Zoram-Strand und ritten von dort nach Darkshore.
Es war ein herrlicher Tag: Zwar lag über dem Gebiet der Nachtelfen das übliche weiche Zwielicht, in dem die Sonne hinter einem leichten Dunst verschwand, aber es herrschte wunderbares Spätsommerwetter, und der Schurke hätte am liebsten gesungen oder in Boneshades Sattel Handstände gemacht, wie er da so neben Riná einherritt. Der Wald von Darkshore war wie verwunschen; vereinzelt zwitscherten Vögel von den Ästen herunter, und selbst die wilden Tiere des Waldes störten sich nicht an den beiden Sin’dorei. Als sie das Meer erreichten, blickte Stian gespannt in Rinás Richtung. Dieser Strand war einer seiner liebsten Orte überhaupt, und er wollte unbedingt, dass es der Priesterin hier auch gefiele.
Der junge Schurke hätte sich keine Sorgen machen müssen. Riná war von der Stimmung der Landschaft ebenso angetan wie er selbst. Es war zwar diesig, aber dennoch glitzerte die Sonne leicht auf dem Wasser, es wehte eine leichte, warme Brise, und weit und breit war kein gefährliches Tier zu sehen; lediglich einige harmlose Riesenkrabben wanderten am Strand auf und ab.
Stian zog die Stiefel aus, krempelte die Hosen hoch und watete todesmutig ins Wasser. Im ersten Moment war es eiskalt, aber daran hatte man sich bald gewöhnt. Riná war vorsichtiger: Sie kniete sich erst hin und hielt vorsichtig einen Finger in das salzige Nass, ehe sie ebenfalls die Schuhe auszog und sich ins Wasser traute. Übermütig spritzte Stian die Priesterin ein wenig nass, woraufhin sie kurz quietschte, sich dann aber mit Begeisterung an dem Spiel beteiligte.
Dann machten sie einen fröhlichen Wettlauf den Strand entlang und ließen sich schließlich atemlos in den Sand fallen, um das mitgebrachte Picknick zu vertilgen.

Langsam wurde es Abend. Die Sonne versank im Meer, ein runder, strahlend weißer Mond ging auf, und am wolkenlosen, ein wenig verschleierten Himmel erschienen Myriaden von Sternen. Der Wind flaute ab bis auf ein gelegentliches, leichtes Lüftchen, und die See erstreckte sich ruhig und glänzend vor ihnen bis zum Horizont.

Allmählich wich die ausgelassene Stimmung der beiden Blutelfen einem andächtigen, einträchtigen Schweigen, während sie da so nebeneinander saßen und auf die nächtliche See blickten. Eine wunderbare Ruhe breitete sich in Stian aus, und nach einer Weile wagte er es, den Arm um die Priesterin zu legen. Riná versteifte sich erst ein wenig, aber sie rückte nicht von ihm ab, und nach einer Weile entspannte die junge Sin’dorja sich und lehnte den Kopf an Stians Schulter. Der Schurke traute sich kaum zu bewegen, lehnte dann aber auch den Kopf gegen ihren und streichelte mit der Hand, die Rinás Schulter umfasst hielt, ganz sanft deren Oberarm. Wie schön… gar nichts tun, einfach nur so dasitzen… Rinás Nähe genießen… träumen…
Beinahe gleichzeitig zuckten die beiden Sin’dorei hoch. Da waren sie doch, ohne es zu merken, ganz allmählich weggedöst… Stian gähnte ausgiebig. Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen – vor dem Treffen mit Riná hatte er mit einer Gruppe Abenteurer die Ausgrabungsstätte von Uldaman aufgesucht – , und auch seine Begleiterin sah aus, als könne sie kaum noch die Augen offenhalten. Stian fühlte sich viel zu müde und zu träge, um jetzt noch nach Orgrimmar aufzubrechen. Und überhaupt… warum nicht? Es war eine so wundervolle, laue Sommernacht…
Der Schurke sah Riná fragend an. „Was meint Ihr? Bleiben wir?“
Ein unternehmungslustiges Glitzern war in die Augen der Heilerin getreten. „Ja, warum nicht? Gerne sogar.“

Gesagt, getan. Die beiden streckten sich im warmen Sand aus, und Stian deckte seinen Umhang über sie. Einer der beiden Ersatz-Umhäge, die er zu der Zeit gerade bei sich trug, diente als Unterlage, der andere zusammengefaltet als Kopfkissen.
Stian legte wieder den Arm um die Priesterin, sie kuschelte sich eng an ihn… ah, Seligkeit, lass das nie aufhören… und ehe der Schurke es sich versah, war er über diesem Gedanken eingeschlafen.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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