Die Geschichte von Shynassar und Lilié (5)

Wie ein Automat folgte Shynassar der Ritterin. Mörder, Mörder, MÖRDER! war alles, was er denken konnte.
Durch die ganze Stadt zur Teleportationskugel nach Silvermoon zu gelangen, war unmöglich. Überall wimmelte es vor Wachen; es blieb nur die Flucht durch die Kanalisation.
Gehetzt, außer Atem und über und über mit grünem Schleim besudelt, landeten die beiden Blutelfen vor der Stadt.
Ihnen war klar, dass sie, wenn sie einmal diese Gegend verlassen würden, so schnell keine Chance hätten, hierher zurückzukommen, daher gingen sie das Risiko ein und folgten der Spur, die Luca ihnen gegeben hatte, jetzt gleich.

Der Weg zu Agamands Mühlen war recht schnell gefunden; allerdings war das Anwesen von der Geißel überlaufen, und so mussten sich der Magier und die Ritterin zunächst einmal einen unauffälligen Weg in das Haupthaus hinein suchen, wo sie die „Akademie“ vermuteten. Oder besser, Kyuri Silberblatt suchte; Shynassar selbst war noch zu benommen. Alles war unwirklich, es kam ihm vor, als stünde er neben sich, und so folgte er der Klingenritterin nur stumm. Erst langsam konnte er sich zusammenreißen und konzentrieren: Es gelang ihm, weil es eine wichtige Aufgabe zu erledigen gab und weil es Lilié war, für die er dies alles tat.

Unglücklicherweise kamen sie zu spät. Sionná Sonnenlauf musste irgendwann in den letzten Tagen ihre Schlüsse aus Liliés Verschwinden gezogen und den Rückzug angetreten haben. In dem Haus fanden die beiden Sin’dorei zwar Hinweise darauf, dass sich die Magistrix und ihre Schüler tatsächlich hier befunden hatten (so zum Beispiel eine Aufstellung von Lebensmitteln und sonstigen Gütern des täglichen Bedarfs), doch der gesuchte Vogel war ausgeflogen. Es waren lediglich noch Spuren zu sehen, Hinweise auf eine Bewohnung sowie auf das Abhalten magischer Rituale – auch und vor allem schwarzmagischer Rituale, wie die beiden Suchenden beunruhigt feststellten. Hiervon zeugten gewisse magietaugliche Kräuter sowie sonstige arkane Reagenzien, deren Überreste sie in dem Haus fanden. Das, und ein in einer Art Geheimschrift verfasstes Dokument, dessen Code Shynassar vage bekannt vorkam, den er aber so auf Anhieb nicht direkt einordnen konnte.
Mehr ließ sich aus dem verlassenen Anwesen nicht herausfinden, weder, ob Lilié wirklich hier gewesen war, noch, wieviele Schüler die Magistrix genau gehalten hatte (auch wenn sich aus den in der Güterliste für einen Monat genannten Mengen eine ungefähre Zahl ablesen ließ) oder was aus diesen nach dem Aufbruch ihrer Meisterin geworden war.

Mit dem codierten Papier als einziger Spur verließen der Magier und die Klingenritterin die Mühlen und kehrten vorsichtig in die Nähe von Undercity zurück, wo sie, gut in einem dichten Gebüsch versteckt, die Lage sondierten. Der Aufruhr hatte sich inzwischen beruhigt, doch es patrouillierten deutlich mehr Wachen als üblich vor den Stadttoren sowie zwischen der Stadt und den Zeppelin-Türmen bzw. Brill hin und her.
Daher entschied die Lady Silberblatt, dass es besser wäre, wenn sie sich trennten – die Forsaken waren auf der Suche nach zwei Elfen, nicht nach einem Sin’dor und einer Sin’dorja, die jeweils alleine unterwegs waren.
Kyuri selbst würde durch die Pestländer in die Acherus, die Festung der Schwarzen Klinge, zurückkehren. Shynassar würde mit dem Zeppelin nach Kalimdor in die Orc-Lande reisen.
Doch zunächst – dies war sogar des jungen Adeligen eigene Idee, auf die er ohne die Hilfe der erfahreneren Kämpferin kam – musste er sein Aussehen entschieden ändern. Denn die Forsaken kannten ihn nur als in Roben gewandeten langhaarigen Magier; also durfte Shynassar nicht mehr als solcher zu erkennen sein.
Mit ihrem Dolch hackte Kyuri Shynassars lange Mähne rigoros im Nacken ab; der Schnitt sah rauh und improvisiert aus, aber das konnte er jetzt nicht ändern. Außerdem entledigte der Magier sich seiner Robe und färbte die strahlend weiße und damit viel zu auffällige Hose, die er darunter trug, mit den dunkelblauen Beeren des praktischerweise an ihrem Versteck wachsenden Holunderstrauchs ein; ebenso seine bis dahin braunen Stiefel. Vervollständigt wurde die Kombination durch ein graues, für die Ritterin viel zu großes und für Shynassar ein wenig eng sitzendes, aber gerade noch passendes Hemd, das Lady Silberblatt ihm gab.
Während sie darauf warteten, dass der Beerensaft trocknete, besprachen sie noch schnell das weitere Vorgehen: Shynassar würde in Orgrimmar untertauchen und versuchen, den Text auf dem Pergament zu entziffern, Kyuri sich in der Sicherheit der Acherus aufhalten, bis der Magier sie dort kontaktierte.

Dann trennten sie sich: Die Todesritterin machte sich auf den Weg in die Pestländer, und der junge Talamirrién buchte im Zeppelin-Turm eine Passage in die Orc-Lande. Den Goblins, denen er das Geld für die Überfahrt zahlte, schien nichts Ungewöhnliches aufzufallen; dennoch war die Wartezeit, bis der Zeppelin eintraf, für den Magier geradezu unerträglich. Jeden Moment rechnete er damit, laute Rufe zu hören, ertappt und von den Deathguards verhaftet zu werden. Doch nichts geschah, und mit unendlicher Erleichterung bestieg er das Luftschiff… nur, um gleich darauf erneut beinahe zu erstarren.
Denn nicht nur bestand die Besatzung der Thundercaller neben diversen Goblins auch aus zwei untoten Todeswachen, die Shynassar auf keinen Fall mit dem vor kurzem aus Undercity flüchtigen Blutelfen in Verbindung bringen durften; kurz vor dem Ablegen sprang auch noch eine junge Forsaken an Bord. Der Sin’dor tat sein Bestes, um unauffällig zu wirken und der Untoten während der Reise so weit wie möglich auszuweichen; aber seltsamerweise schien es, als habe die Forsaken selbst etwas zu verbergen. Sie war ähnlich nervös wie der Magier selbst, und auch sie ging ihm aktiv aus dem Weg. Kaum hatte das fliegende Schiff am Turm in Durotar angelegt, verschwand die Frau in der Wüste und folgte ihm nicht in die Orc-Stadt, zu Shynassars massiver Erleichterung.

[Das war eine sehr lustige Begegnung. Die Untote muss auch ein RPer gewesen sein, weil sie während der Überfahrt eben tatsächlich ähnlich misstrauische Emotes losließ wie Shynassar. Ich habe keinerlei Ahnung, was ihr Plot war, ich habe sie seither nie wieder gesehen, ich weiß nicht einmal mehr, wie sie hieß, aber es passte einfach perfekt in die Situation. Und diese Zufallsbegegnung brachte irgendwie noch einmal ein wenig mehr das gewisse Etwas in den Plot.]

In Orgrimmar angekommen, tauchte der Magier zuerst einmal in der bunten Menge unter und versuchte, seine Spur als frisch aus dem östlichen Kontinent angekommener Reisender zu verwischen. Einer der ersten und wichtigsten Schritte dabei war ein Besuch beim Friseur, wo Shynassar seine zottige und bei näherem Hinsehen unangenehm auffällige Nicht-Frisur durch einen richtigen Schnitt ersetzen ließ, außerdem kaufte der junge Patrizier sich in mehreren Läden einzelne neue Kleidungsstücke zusammen und ließ das beerensaftverschmierte Ensemble aus Hemd und Hosen verschwinden. Sein Schwert behielt er.
Obwohl er alles getan hatte, was er tun konnte, um sich zu tarnen und von dem berobten Mörder aus Undercity zu distanzieren, fühlte Shynassar sich schon nach einem Tag in Orgrimmar unwohl und viel zu exponiert. Er hatte einfach noch nicht genug Abstand zwischen sich und seine möglichen Verfolger gebracht, fand er – von Undercity zum Zeppelin und von dort nach Orgrimmar war es einfach nicht weit genug für des Magiers paranoiden Gemütszustand.
In den kommenden Tagen erkundete er die Umgebung und entdeckte schließlich eine verlassene Orc-Hütte ein Stück vor der Stadt am Fluss, ideal für seine Zwecke: abgelegen, aber dennoch in Reichweite der Stadt und mit Fluchtmöglichkeiten, sollten sie ihn doch aufspüren.

Aus Orgrimmar sandte der Blutelf zwei sorgfältig verklausulierte Briefe an Lilié und an Kyuri Silberblatt, um beide wissen zu lassen, dass ihm die Flucht geglückt sei und wo er sich aufhalte. Dann zog er sich in seine Zuflucht am Fluss zurück und machte sich daran, das Dokument zu entschlüsseln.
Die Arbeit kam zunächst nur sehr langsam voran: Fast drei Wochen lang puzzelte der Magier vergebens an dem Text herum. Doch als ihm dann eines schönen Nachmittags plötzlich der Zusammenhang zwischen dem hier verwendeten Code und einem obskuren, in den Büchern zur arkanen Theorie nur selten erwähnten und recht komplizierten Konstrukt aus Zahlen, Buchstaben und magischen Symbolen, das beim Verständnis gewisser arkaner Zusammenhänge helfen sollte und von dem Shynassar irgendwann einmal gelesen, sich aber nicht näher damit beschäftigt hatte, auffiel, ging es leichter, und schließlich lag die ganze Botschaft im Klartext vor ihm.
Es handelte sich um einen Brief, unterzeichnet von einem gewissen Apotheker Jorell, der offensichtlich auf ein Schreiben der Magistrix antwortete. Auf die von Sionná Sonnenlauf augenscheinlich in ihrer Nachricht erwähnte Befürchtung, wohl bald den Standort an Agamands Mühlen aufgeben zu müssen, weil die Situation „unhaltbar“ zu werden drohe, antwortete der Apotheker, dass auf der Gor’Shek-Farm bereits alles für einen Umzug der Zuchtstätte vorbereitet sei und es ohnehin viel bequemer wäre, die Lebensmittel für deren Unterhalt nicht den ganzen Weg aus Arathi bis nach Tirisfal transportieren zu müssen. Und was „diesen herumschnüffelnden Elfen“ angehe, so gebe es Mittel und Wege, um sich seiner zu entledigen.

Eine Farm in Arathi also. Davon gab es sicherlich einige, aber es sollte sich hoffentlich herausfinden lassen, welche davon einen Apotheker namens Jorell beherbergte und bis vor kurzem einen Großteil ihrer Agrarerzeugnisse nach Tirisfal geliefert hatte.

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Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

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