Die Geschichte von Shynassar und Lilié (6)

Shynassar hatte vor, sich am nächsten Tag nach Orgrimmar zu begeben und den beiden Sin’dorjei zu schreiben, doch ehe er sich auf den Weg machen konnte, traf Besuch bei ihm ein, sehr angenehmer Besuch, auch wenn dieser alles andere als angenehme Nachrichten mitbrachte. Lilié war es, die dem Magier keinerlei Zeit für Fragen oder Gespräche ließ, sondern unverzüglich zum Aufbruch drängte. Unterwegs werde sie alles erklären, jetzt sei keine Zeit.

Nach Orgrimmar könnten sie nicht zurück, erläuterte die Sin’dorja, während sie den Weg nach Süden am Fluss entlang einschlug. In Undercity habe die Empörung über den Tod von Salazar Bloch und Alessandro Luca noch keinesfalls nachgelassen, man suche weiter nach den Tätern. Und vor allem sei jetzt, nachdem die gewöhnlichen Deathguards keinen Fahndungserfolg erzielt hätten, eine ganz besondere Truppe von Forsaken eingeschaltet worden: die Schattenjäger. Diese Spezialeinheit sei für ihre Rücksichtslosigkeit und Unnachgiebigkeit bekannt und vor allem dafür, dass Schattenjäger niemals aufgäben, wenn sie einmal eine Spur aufgenommen hätten. Ihr Talent liege darin, dass sie Leben erspüren könnten, und Shynassar habe in der einsamen Hütte, die sie eben verlasssen hatten, als einzige humanoide Lebensform weit und breit ein viel zu deutliches Zeichen seiner Anwesenheit hinterlassen, von dem die Schattenjäger geradezu angelockt werden müssten. In Orgrimmar seien sie bereits, daher die Eile.
Der Magier musste irgendwo unter Leute, irgendwohin, wo es viel Leben gab, von wo aus er aber auch mehrere Fluchtmöglichkeiten hätte, falls es soweit käme.

Gemeinsam einigten sie sich auf das Piratenstädtchen Booty Bay, das keiner von beiden bisher kannte, das nach allem, was sie gelesen hatten, diese Bedürfnisse jedoch geradezu perfekt abzudecken schien. Es sollte dort von Angehörigen der unterschiedlichsten Völker wimmeln, als ein Zufluchtsort von Schmugglern wussten die Einwohner hoffentlich die Privatsphäre ihrer Mitbewohner zu achten, und es schien, als gebe es mehrere Wege aus dem Ort hinaus: auf dem Landweg, per Schiff oder zur Not sogar schwimmend über das Wasser.

Unter Vermeidung aller Straßen und jeglichen Kontaktes mit anderen intelligenten Lebewesen marschierten die beiden Magier nach Ratchet, wo sie Glück hatten und noch für denselben Tag die Abfahrt eines Schiffes nach Booty Bay angekündigt war. So mussten sie sich nicht länger als nötig in dem Ort aufhalten und erregten keine ungebührliche Aufmerksamkeit, ganz abgesehen davon, dass die Schattenjäger ihnen ja – je nachdem, welchen Weg die Forsaken von Orgrimmar aus eingeschlagen hatten – unter Umständen unangenehm eng im Nacken saßen.

Während der Überfahrt erzählte Lilié dem jungen Adligen noch weitere Neuigkeiten: Sein Bruder Sandovar hatte sich höchst angelegentlich bei Lilié nach Shynassars Verbleib erkundigt. Diese war den neugierigen Fragen ausgewichen und hatte lediglich vage von „einem Missverständnis in Undercity“ gesprochen, das sich sicherlich bald aufklären werde. Sandovar hatte sich allerdings mit dieser Auskunft nicht zufriedengegeben, sondern verkündet, er werde seinen Vertrauten (oder besser: Handlanger) Tsarion losschicken, um Nachforschungen anzustellen. Damit wandte der zweitgeborene Talamirrién sich gegen Liliés ausdrücklichen Wunsch, die wieder und wieder erklärte, Shynassar wünsche das nicht. Die Magierin konnte ja nicht wissen, dass Sandovars Neugier keinesfalls brüderlicher Zuneigung entsprang, sondern der Hoffnung, die neue Situation für seine eigenen perfiden Pläne nutzen zu können.

In dieser Zeit, als Lilié in Haus Talamirrién wohnte und Shynassar sich in Orgrimmar aufhielt, war die Sin’dorja übrigens auch Svarric begegnet. Wohl wissend, wie unangenehm diesem eine solche Begegnung sein würde, hatte Sandovar seinen Bruder zum Tee mit sich und seiner Verlobten Rína eingeladen, und auch Lilié war als Gast des Hauses dabei gewesen. Die Teestunde verlief genau, wie Sandovar sich das erhofft und Svarric das befürchtet hatte: schmerzhaft für den Jüngeren, der nur halb erfolgreich versuchte, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten, weil er Sandovar eigentlich die Genugtuung nicht verschaffen wollte, und zufriedenstellend für seinen älteren Bruder, weil dieser zahlreiche Spitzen anbringen konnte, von denen er genau wusste, wie sehr diese Svarric verletzten.
Als sich nach einer endlos erscheinenden Zeitspanne Sandovar zu seinen Geschäftsbüchern und Rína auf ihr Zimmer zurückzog, hatten Svarric und Lilié die Gelegenheit zu einem Gespräch, während dessen die Magierin dem jungen Jäger geschickt einen großen Teil seiner Sorgen entlockte und auch ein klein wenig ihrer langsam wachsenden Gefühle für Shynassar preisgab.

Von der Begegnung mit Svarric erzählte Lilié dessen Bruder allerdings nicht viel, ebensowenig wie von der Tatsache, dass es in Haus Talamirrién einige Tage später zu einem Zusammentreffen mit einer jungen Sin’dorja gekommen war. Bei diesem Treffen hatten die beiden Frauen einander gegenseitig belauert, jede auf ihre Weise versucht, eine Position der Stärke zu demonstrieren: Lilié mit großen Worten über Magie, die andere Elfin mit Anspielungen auf ihre Überlegenheit durch Tarnung. Es kam zum Streit zwischen den Sin’dorjei – eigentlich waren sie sich in ihren Ansichten und Meinungen sehr ähnlich, aber dennoch (oder vielleicht gerade deswegen?) rieben sie sich aneinander.
Lilié konnte zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nicht wissen, dass es sich bei der Fremden um Schimár Arima handelte, die Sandovar wegen seines Auftrags an die Kar’a Kal aufsuchen wollte, und so war es zunächst bei dem angespannten Wortwechsel zwischen den beiden geblieben (und daher sah Lilié auch keinen Grund, die Begegnung Shynassar gegenüber zu erwähnen).

Es war Abend, als die Maiden’s Fancy in Booty Bay anlegte, sehr zur Erleichterung der beiden Reisenden, denn so konnte Shynassar sich in das Gasthaus zurückziehen, ohne großes Aufsehen zu erregen. Er hatte beschlossen, dass er wieder einmal eine neue Identität annehmen musste, denn in Booty Bay würde er am wenigsten auffallen, wenn er als Pirat unter Piraten durchging. Jetzt im Schutze der Dunkelheit das Gasthaus und das von Lilié gebuchte Zimmer zu betreten, bedeutete, dass sich hoffentlich später niemand daran erinnern würde, wenn derselbe Blutelf, der eben noch in völlig anderer Kleidung angekommen war, plötzlich als Korsar herumlief.

[Während die Kleidung in-time unauffällig von Lilié gekauft und dem Magier auf das Gastzimmer gebracht wurde, folgte out-of-character hier eine kleine Hochlevel-Session, weil Shynassars Piraten-Outfit ohne den Apothekergürtel einfach nicht komplett gewesen wäre. Aber glücklicherweise lassen sich Lvl 12 und der geehrte Ruf in Tranquilien ja schnell erreichen. :D]

Und so war es nicht Shynassar Talamirrién, der einige Zeit später im Gastzimmer saß, sondern der höchst ehrenwerte Gentleman-Pirat Valrendiell Goldfuchs.
Lilié hatte sich, um die Rolle der „Gespielin des Goldfuchses“ anzunehmen, ebenfalls umgekleidet, und zwar in ein Gewand, bei dessen Anblick Shynassar schier die Luft wegblieb.
Sie unterhielten sich eine Weile, und es kam Shynassar so vor, als sei die Magierin jetzt weicher gestimmt, eher bereit, seine Gefühle zu erwidern. Doch ehe das Gespräch eine Chance hatte, sich weiter in diese Richtung zu entwickeln, kam es zu einer Unterbrechung: durch eine Elfin in einem offensichtlich ziemlich üblen Zustand des Blutdistelentzugs, die völlig entkräftet in die Gaststube gestolpert kam. Shynassar und Lilié bekamen das mit und gingen nachsehen, was da los war; und vor allem Lilié erkannte die Symptome des Blutdistelentzugs bei der jungen Sin’dorja sofort, weil sie selbst einmal an der Sucht gelitten hatte.

Die beiden Magier boten der fremden Elfin ihre Hilfe an, doch diese lehnte vehement ab – und dann, als ihre Kapuze vom Kopf rutschte und er ihre Stimme hörte, erkannte Shynassar sie: Es war Schimár, die (wie früher schon einmal kurz erwähnt) inzwischen in Silvermoon ihren Tod vorgetäuscht hatte, um den Kar’a Kal zu entkommen, auch wenn dies bedeutete, dass sie nun die volle Wucht des Entzugs zu spüren bekam. Denn ihr Vater und Meister der Kar’a Kal, Kendren Arima, hatte, um sie besser unter Kontrolle zu haben und ihre Kooperation zu garantieren, Schimár erstens süchtig gemacht und ihr zweitens immer wieder ein Gift verabreicht, dem sie mit regelmäßig verabreichten Gaben eines Gegengifts entgegenwirken musste, wenn sie nicht sterben wollte. Und natürlich teilte der ältere Arima ihr nur in knapp bemessenen Rationen das Mittel zu, dessen Zusammensetzung allein er und die Giftmischerin der Kar’a Kal kannten.
Oder zumindest dachten sie das. Schimár war es gelungen, dank einer Probe und Analyse ihres Blutes von einer halb-befreundeten Paladina, die der Alchimie kundig war, genug von dem Gegenmittel zu erhalten, um die Schurkin ein für alle Mal von dem Gift zu befreien.

Doch das half Schimár nicht beim Blutdistelentzug, und dass die beiden Magier sie in diesem Zustand sahen, dass passte ihr gar nicht – vor allem nicht, als sie dann auch Shynassar erkannte und merkte, dass dieser sie ebenfalls erkannt hatte.
Lilié verstand erst die verschleierten Spitzen und Drohungen nicht, die der Magier und die Schurkin einander entgegenwarfen, weil beide einander theoretisch auffliegen lassen konnten: sie, weil sie von seinen Schwierigkeiten in Undercity wusste; er, weil er von ihrem „Tod“ gehört hatte und die Tatsache, dass sie noch lebte, an die Kar’a Kal weitergeben könnte. Doch der junge Talamirrién war Schimár fast… nun, nicht dankbar, aber durch den Zwischenfall in Silvermoon war er „aufgewacht“, wie er es nannte, und so hatte er Schimár mehr oder weniger verziehen.

So endete das Treffen relativ neutral, und erst, als Schimár verschwunden war, kam der Magier dazu, Lilié zu erklären, wer sie war und was es mit ihr auf sich hatte.
Und an jenem Abend gestand die Sin’dorja Shynassar dann doch noch ihre Gefühle, zu seiner großen Freude.

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