Die Geschichte von Stian und Rina (7)

Am nächsten Morgen erwachte Stian von einer feuchten Kühle im Gesicht. Blinzelnd öffnete er die Augen und stellte fest, dass es zu regnen begonnen hatte. Hatte sich sein Wunsch, wenn auch etwas verspätet, also doch noch erfüllt. Wobei er heute morgen gut auf den Regen hätte verzichten können…
Riná stand barfuß an der Grenze zwischen Meer und Ufer, starrte auf das Wasser und ließ die heranschwappenden Wellen ihre Füße umspielen.
Stian sprang auf, trat zu ihr und legte den Arm um ihre Schultern.
„Guten Morgen… Seid Ihr schon lange wach?“
Riná nickte. „Ein Weilchen, ja.“
„Ihr hättet mich doch wecken können!“
„Oh, ich wollte Euren Schlaf nicht stören. Ihr saht so… lieb aus, während Ihr schlieft.“
Der Schurke musste grinsen. „Ich, lieb? Na wie schön, dass das wenigstens jemand findet…“
Die junge Elfin kicherte und grinste zurück. „Findet Ihr nicht?“
„Hmpf. Naja.“ Stian machte zwar ein gespielt missmutiges Gesicht ob der für einen Mann seiner Profession so denkbar unpassenden Bezeichnung, aber tief im Inneren freute er sich doch.

Plötzlich musste Riná niesen. Stian sah sie besorgt an und registrierte jetzt erst so richtig die Umstände.
„Ihr seid ja ganz kalt“, rief er aus, während er der Priesterin kräftig die Oberarme rieb, um sie ein wenig aufzuwärmen, „und Ihr zittert! Wir müssen aus diesem Regen raus, sonst holt Ihr Euch noch eine Erkältung – oder Schlimmeres!“
Und – Schatten und Licht! – das wäre das Schrecklichste, was er sich vorstellen konnte: dass er dafür verantwortlich wäre, dass es Riná schlecht ginge, weil nämlich sein gut gemeinter Vorschlag vom Ausflug nach Darkshore so ins Gegenteil umgeschlagen war…
Riná nickte schwach und zog eilig ihre Schuhe wieder an. „Aber wohin? Am Zoram Outpost gibt es nur die offenen Trollhütten, die halten den Regen nicht wirklich ab…“
Stian lächelte grimmig. „Wir könnten nach Auberdine reiten und unsere nachtelfischen Vettern fragen, ob wir uns in ihrem Gasthaus am Feuer aufwärmen dürfen. Aber irgendwie glaube ich nicht so recht daran, dass wir freundlich – oder auch nur gleichgültig – aufgenommen würden, wenn wir so plötzlich dort auftauchen… Und der Splintertree Post ist viel zu weit. – Aber ich habe eine Idee. Ich bin letztens an einem leerstehenden Haus im Wald hier ganz in der Nähe vorbeigekommen…“ Seine Stimme verklang mit einem leicht fragenden Ton, weil er sich gar nicht sicher war, ob Riná damit einverstanden wäre, mit ihm alleine ein verlassenes Haus mitten in der Wildnis aufzusuchen. Aber wenn die Priesterin sich daran störte, dann zeigte sie das zumindest in diesem Moment der Notwendigkeit nicht.
„Das klingt gut“, sagte sie mit klappernden Zähnen. „Lasst uns schnell aufbrechen.“

Kurz nachdem sie die Grenze zwischen Darkshore und Ashenvale passiert hatten, hörte es auf zu regnen. Dennoch zügelten die beiden Sin’dorei ihre Reittiere nicht, denn sie waren beide ja noch immer völlig durchnässt. Glücklicherweise war es nicht mehr weit bis zu dem Nachtelfen-Haus, und glücklicherweise lag es noch genauso verlassen da, wie Stian es bei seinem letzten Vorbeiritt gesehen hatte. Denn ebensowenig wie in Auberdine hätte er sich hier in der Einsamkeit von Ashenvale auf die Gastfreundschaft von Kal’dorei verlassen mögen, deren Misstrauen aufgrund des Verhaltens bestimmter Vertreter seines eigenen Volkes wohl ebenso gerechtfertigt war wie das der meisten Sin’dorei gegenüber den Nachtelfen, von denen ebenfalls nur allzu viele die Chance auf ein friedliches Miteinander mit aller Kraft bekämpften.

Leer mochte das Haus stehen, aber verwahrlost war es keineswegs. Die abwesenden Besitzer hatten alles in bester Ordnung hinterlassen. Einen offenen Kamin gab es zwar nicht, aber dafür einen Ofen, neben dem ein Stapel in handliche Stücke gehacktes Holz fein säuberlich aufgeschichtet lag. Und im oberen Stockwerk hatten die nachtelfischen Bewohner in einer Ecke ein Badezimmer eingerichtet, komplett mit kreisrundem Zuber und Zubehör.
Stian, der eigentlich nur so schnell wie möglich ein Feuer hatte in Gang bringen wollen, vor das sie sich dann gesetzt hätten, überkam bei diesem Anblick eine bessere Idee.
„Ein Bad! Es gibt nichts Besseres, um eine herannahende Erkältung aufzuhalten, als ein schönes, richtig heißes Bad. Ich lasse Euch eins ein.“
Riná wollte abwehren, schüttelte schon den Kopf und setzte zum Sprechen an, aber darauf ließ der Schurke sich gar nicht erst ein.
„Oh nein, keine Widerrede. Ihr nehmt ein Bad. Ich will wirklich nicht, dass Ihr Euch eine Erkältung einfangt. – Und falls es das ist, was Euch Sorgen macht: Ich bleibe die ganze Zeit hier unten und singe, damit Ihr auch hören könnt, dass ich weit weg bin und Euch nicht beobachte.“
Riná lächelte schwach. „Na gut, überredet…“

Dank des Brunnens vor der Tür und des kleinen, kraftvollen Ofens im Haus war das Badewasser schnell erhitzt.
Während Stian sich um das Wasser kümmerte, suchte die Priesterin in den Truhen und Schränken nach irgendetwas, das als Ersatzkleidung für sich und den Schurken dienen konnte, während ihre eigenen Kleider vor dem warmen Ofen trockneten. Sehr erfolgreich war sie nicht, aber immerhin fand sie einige Decken und Tücher, in die sie sich fürs Erste wickeln konnten.
In einer Ecke des Wohnraumes stand auch ein Paravent, hinter dem Riná sich entkleidete, als das Bad fertig eingelassen war.
„Ich komme jetzt heraus!“ rief sie schließlich, und Stian drehte sich von dem Paravent und der Treppe ins Obergeschoss weg, schloss die Augen und legte zu guter Letzt auch noch die Hände vor das Gesicht, damit er auch wirklich nicht der Versuchung erlag, sich einen Blick zu erstehlen.
Nach einer Minute hörte der Blutelf von oben ein Plätschern, direkt gefolgt von Rinás Stimme. „Ich bin drin!“

Stian hielt sein Wort. Während er sich selbst bis auf die Unterkleidung auszog und mit einem der gefundenen Tücher rigoros abrubbelte, begann er, in seinem leicht rauhen Bariton lauthals das Lied vom alten Piratenkapitän zu singen. Von oben konnte er Riná leise kichern hören – ob es wegen seiner etwas zweifelhaften Sangeskünste war oder wegen dem Text des Liedes oder wegen der reinen Tatsache als solcher, dass er wirklich wie versprochen auf diese Weise zeigte, dass er ihre Privatsphäre respektierte, das konnte der Blutelf nicht sagen. Aber es war eigentlich auch egal, denn einfach nur ihr helles Lachen zu hören, war schon eine Freude, und mehr wollte er in diesem Moment gar nicht wissen.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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