Die Geschichte von Stian und Rina (8)

Als Stian einigermaßen trockengerubbelt war, sah er – noch immer singend – nach den Kleidern, die zum Trocknen nahe beim Ofen hingen. Noch zu feucht, um schon irgendetwas damit anzufangen. Also kramte der Schurke seinen Gildenrock, den er auf dem Ausflug nicht getragen hatte, aus dem Rucksack und streifte wenigstens den über. Dann holte er neues Wasser, setzte es im Kessel auf und brühte einen schönen, heißen Disteltee. Die Energie, die dieser spendete und ihn damit zu eines jeden Schurken liebstem Getränk machte – zumindest draußen in der Wildnis, wo es nicht sonderlich gescheit war, sich mit Alkoholika die Sinne zu vernebeln -, würde auch Riná guttun und hoffentlich mit dazu beitragen, dass sie einer Erkältung entging.

Dann war vorläufig nichts mehr zu tun, und Stian ließ sich mit klappernden Zähnen, die das Lied vom alten Piratenkapitän (inzwischen beim achten Doppelvers angekommen, in dem der olle Käpt’n mehr als nur leicht angesäuselt zum Wrack mit dem Schatz hinuntertauchte und dort auf die Hydra stieß) angemessen wackelig klingen ließen, so nahe vor dem Ofen nieder, wie es ging, ohne dass er sich an dem glühenden Eisen den Rücken verbrannte. Er war doch ganz schön durchfroren von der Nacht im Freien und vor allem dem durchdringenden morgendlichen Regenguss, merkte er jetzt. Das Übernachten am Strand war sicher keine seiner brillianteren Ideen gewesen, gestand Stian sich reumütig ein. Aber andererseits hatte er es zutiefst genossen – und wer hatte schon ahnen können, dass es gerade an diesem Morgen derart schütten würde?

Plötzlich drang von oben ein gellender Schrei in des Schurken Überlegungen. Sofort war er auf den Beinen und in Bewegung, alle Kälte vergessen. „Ich komme!“
In wenigen Sätzen war er die Treppe hinauf und sah sich gehetzt um. Wo war die Gefahr?
Flüchtig blieb Stians Blick auf Rinás weißen Schultern und dem Ansatz ihres Brustbeins haften, der alles war, was aus dem Badewasser hervorschaute. Normalerweise hätte er sich an diesem erfreulichen Anblick gerne länger verweilt oder ihn zumindest – so kurz, wie er auch war – bewusster in sich aufgenommen, aber jetzt war nicht die Zeit, wie Rinás verängstigte, zusammengekauerte Haltung ihm nur zu deutlich machte. Der Schurke sah in ihr Gesicht und stellte fest, dass die Priesterin mit angstgeweiteten Augen nach rechts blickte: dorthin, wo aus Stians Sicht die linke Ecke des Zimmers war.
„Was habt Ihr?“ fragte er drängend.
„Etwas…“, erwiderte Riná mit zitternder Stimme. „Ein Schatten… ein Tier… groß… schwarz…“
„Ich sehe nach“, erklärte Stian knapp. „Bleibt, wo Ihr seid.“

Vorsichtig näherte der Sin’dor sich der bezeichneten Ecke des Raumes, sich der Tatsache nur zu bewusst, dass seine Waffen unten neben dem Ofen lagen und er selbst nur in Unterhosen und ein Gildenwams gekleidet war. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um einem Gegner gegenüberzutreten, der in der Lage war, Riná, die ja durchaus auf sich selbst aufpassen konnte, derart in Angst und Schrecken zu versetzen…
Da. Da hatte sich etwas bewegt. Stian sah genauer hin – und hielt erst einmal gebührenden Abstand. Es war tatsächlich ein Tier, ein Schatten, groß und schwarz: eine schwarze Witwe, deutlich größer als die üblichen Vertreter dieser Gattung – und das wiederum bedeutete, dass ihr Gift garantiert noch potenter war als die ohnehin schon recht tödliche Dosis, die normale schwarze Witwen verspritzten…
Kein Wunder, dass Riná derart überrumpelt worden war und sich so erschreckt hatte: Sie musste sich noch hilfloser fühlen als er selbst in diesem Moment.

Mit einem aggressiven Zischen huschte die Spinne wieder los in Richtung des Badezubers. Stian biss die Zähne zusammen: keine Zeit, seine Stiefel oder eine Waffe zu holen, nur Zeit für eine schnellentschlossene Aktion…
Der Schurke packte den Hocker, der neben der Wanne stand, unten an den Beinen, schwang ihn hoch und hieb mit der Sitzfläche nach der Spinne.
Angezogen oder nicht, waffenlos oder nicht, seine Reflexe konnte er glücklicherweise nicht ablegen, die waren ihm immer sicher. Die dicke Holzkante des Hockers traf die auf Riná zueilende Spinne genau in der Mitte. Es gab ein platzendes Geräusch, dann lag das Tier mit einem letzten Zucken still.

Stian holte tief Luft. „Puh. Das war nicht nett“, sagte er leichthin – leichter, als ihm zumute war. „Ich geh‘ dann mal wieder nach unten.“
Die Blutelfin nickte. „Ich war auch fast fertig. Ich komme gleich nach.“
Der Schurke erlaubte sich einen zweiten kurzen Blick auf Rinás Kopf und Schultern im Wasser – einen, den er diesmal deutlich mehr wertschätzen konnte als den ersten eben -, dann begab er sich wieder ins Erdgeschoss und sah nach dem Tee und den Kleidern. Ersterer war fertig gezogen und von letzteren zumindest die unteren Schichten soweit, dass man sie wieder tragen konnte, während die Stiefel und Umhänge vielleicht noch ein wenig warten sollten.
„Die Kleider sind so gut wie trocken!“, rief er nach oben, und Riná dankte bestätigend. „Dann komme ich jetzt.“
„Einen Moment noch“, bat Stian und hängte das Kleid der Heilerin griffbereit über den Paravent, ehe er wieder seine vorige, dem Zimmer abgewandte Sitzposition einnahm. „So, jetzt.“

Bis die beiden Sin’dorei in Ruhe ihren Tee getrunken und das Haus wieder in die Ordnung zurückversetzt hatten, die es bei ihrem Eintreffen gehabt hatte, waren auch die Umhänge und Stiefel fertig getrocknet. Mit einem letzten prüfenden Blick in die Runde verließen sie das Haus, und Riná sprach einen Segen für die abwesenden Bewohner. „Ja, danke“, nickte auch Stian. „Wer ihr auch sein mögt und wo ihr auch gerade seid, danke, Leute.“

Einträchtig ritten sie nebeneinander her zum Zoram Strand. Sie hatten es nicht eilig, jagten ihre Tiere nicht, sondern unterhielten sich von Sattel zu Sattel.
„Es tut mir leid, dass dieses Abenteuer so unerfreulich enden musste“, entschuldigte sich der Schurke irgendwann. „Wenn ich gewusst hätte…“
Riná unterbrach ihn. „Aber es war doch gar nicht unerfreulich. Ganz im Gegenteil.“
„Wirklich? Hat es Euch trotz dieses Endes doch ein wenig Spaß gemacht?“
„Ja, sehr sogar. Ich wollte es nicht missen.“
Stian lächelte breit. „Ich auch nicht. Um nichts in der Welt. Vielleicht können wir es ja einmal wiederholen – dann ohne Regenguss?“
Riná lächelte schelmisch zurück. „Oder auch mit.“

Kurze Zeit darauf waren sie in Zoram Outpost angekommen und trennten sich, was Stian mehr als nur ein wenig bedauerte. Aber auf sie warteten Pflichten und Aufgaben, und die konnten sie, so sehr sie das vielleicht gewollt hätten, nicht länger aufschieben.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

Eine Antwort zu “Die Geschichte von Stian und Rina (8)

  1. Rina

    awww! Das du dass alles wirklich aufgeschrieben hast ^^
    Hab alle Beiträge nachgelesen! So ein süßes Paar!

    Liebe Grüße

    Rina<3

    Gefällt mir

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