Die Geschichte von Shynassar und Lilié (7)

Lilié blieb noch einen Tag in Booty Bay, doch dann musste sie wieder nach Silvermoon aufbrechen, weil sie befürchtete, dass ihre Abwesenheit ungebührliche Aufmerksamkeit mit sich bringen könnte, vor allem von Seiten Sandovars.
Nach Liliés Abreise schrieb Shynassar der Runenritterin Silberblatt einen Brief und teilte ihr darin seinen neuen Aufenthaltsort mit. Sobald das erledigt war, widmete der Magier sich der Ausgestaltung seiner Rolle als Valrendiell Goldfuchs. Dazu zog er aus dem Gasthaus aus und fand eine feste Bleibe, erkundete die Gegend um Booty Bay herum und machte sich mit den einzelnen Piratengruppen der Umgebung vertraut. Er knüpfte Kontakte in der Freibeuterstadt und versuchte, der Figur des Goldfuchses Wurzeln zu verschaffen: es aussehen zu lassen, als habe dieser sich schon länger in der Gegend aufgehalten, wenn auch nicht gerade in Booty Bay selbst.

Auf diese Weise verging einige Zeit, während derer der Goldfuchs zu einer festen Größe in dem Korsarenstädtchen wurde und auf Nachricht von Kyuri wartete. Dann tauchte die Todesritterin eines Tages in Booty Bay auf, und nachdem Shynassar sie unauffällig abgefangen und in sein kleines Haus auf der oberen Ebene gelotst hatte, berichtete er, was er in bezug auf den Verbleib der Magistrix Sonnenlauf herausgefunden hatte.
Ins Hochland von Arathi mussten sie also, doch den beiden Verbündeten war von Anfang an klar, dass der einfachste Weg dorthin, nämlich mit dem Zeppelin nach Undercity und von dort aus durch den Silberwald und Hillsbrad zu reisen, ihnen versperrt war. Selbst wenn sie die Stadt der Untoten nicht beträten: Vom Zeppelinturm vor den Stadttoren bis Thoradins Mauer wären sie ununterbrochen auf Forsaken-Gebiet und damit ständig der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt. Ein zu großes Risiko stellte der kurze Weg dar, da waren sich die Runenritterin und der Magier einig. Also musste es die lange Strecke sein, einmal fast den ganzen Kontinent hinauf – obwohl auf diesem Weg kaum weniger Gefahren drohen würden, nur Gefahren anderer Art.

Shynassar verließ Booty Bay noch immer in der Persona des Goldfuchses; erst nördlich von Grom’Gol, als sie das Einflussgebiet der Piraten hinter sich gebracht hatten, kleidete der Magier sich wieder in eine nicht-piratenartige Kombination aus Hose und Tunika. Die beiden Reisenden wichen den Trollstätten im Norden des Schlingendorntals sorgfältig aus, ebenso dem Rebellenlager der Menschen an dessen nördlicher Grenze. Einmal in Duskwood, schlugen sie auch einen weiten Bogen um das Menschendorf Darkshire und hielten sich eng am Fluss zwischen Duskwood und Elwynn, ehe sie den Boden von Redridge betraten.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ihre Reise ereignislos verlaufen, doch ein Stück ins Rotkammgebirge hinein begannen die Schwierigkeiten: Wie sie von einem kleinen Hügel aus sehen konnten, führte die Straße nach einer Brücke über den Lake Everstill direkt am Ort Lakeshire vorbei und war entsprechend scharf bewacht. Die Lady Silberblatt bereitete sich bereits auf einen schweren Kampf vor und wies Shynassar an, weiterzulaufen, egal was geschehen möge, die Klingenritterin im Zweifel lieber zurückzulassen, als selbst im Scharmützel gegen die Menschen umzukommen.
Doch der Magier hatte eine andere Idee. Wenn es ihnen nichts ausmachte, nass zu werden, konnten sie ein Stück von Lakeshire entfernt den See schwimmend durchqueren und den menschlichen Wachen somit aus dem Weg gehen.

Nachdem ihnen die Auseinandersetzung mit den Allianzkräften auf diese Weise erspart blieb, war der Rest von Redridge ein Kinderspiel. Doch schon hinter dem Pass im Nordosten des Gebirges wartete der gefährlichste Teil ihrer Reise: die Durchquerung der Brennenden Steppe und der Sengenden Schlucht.
In diesen unwirtlichen Landen voll wilder Bestien und Drachkin wagte Shynassar in den Nächten, während Kyuri routinemäßig die Wachen übernahm, kaum die Augen zu schließen. Dem Magier kam es vor, als verginge keine Minute ohne Kampf, als müsse die Todesritterin sich, weil seine eigenen Fähigkeiten, sei es mit offensiver Magie oder mit dem blanken Schwert, jämmerlich unzureichend waren, ununterbrochen mit gezückter Klinge für sie beide ihrer Haut erwehren.

[Was natürlich überhaupt nicht funktionierte. Mit einem Charakter, der mit Lvl 12 in Booty Bay aufgebrochen war, lässt es sich in einem 50er- bis 60er-Gebiet selbst in Begleitung einer 59-stufigen Todesritterin einfach nicht überleben, und so war out-of-character Durchsterben angesagt. Aber das war es wert. ]

Der junge Adlige konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten, als sie endlich die Searing Gorge hinter sich gelassen hatten und in dem orkischen Posten Kargath im Ödland ankamen. Doch die gefahrvolle Reise und seine Erfahrungen seit den Ereignissen in Undercity hatten Shynassar misstrauisch genug gemacht, dass er trotz seiner völligen Erschöpfung als erstes nach einem weiteren Fluchtweg aus dem Obergeschoss des Außenpostens suchte, wo sich ihr Lager befand, falls die Verfolger unten durch die Tür eindringen sollten. Kyuri beruhigte ihn insofern, als sie erklärte, sie sei jederzeit in der Lage, mit ihrem Schwert eine Bresche in die Holzwand zu schlagen, durch die sie entkommen könnten, wenn es sein müsste.
Die Klingenritterin bestand auch darauf, die erste Wache zu übernehmen, worauf sich der Magier, müde oder nicht, erst einließ, als die Sin’dorja ihm versprach, ihn zur zweiten Wache aufzuwecken. Alles weitere hörte Shynassar kaum mehr; es war reiner Reflex, dass er auf das ehrerbietige „mein Herr“ der Todesritterin schon halb im Schlaf „ich bin nicht Euer Herr“ antwortete, wie er das in den Tagen und Wochen der Reise ständig getan hatte, weil er sich nicht als über der Lady Silberblatt stehend empfand und die Runenritterin schon lange nicht mehr als reine Leibwächterin, sondern als Freundin betrachtete. Dass sie ihm leise ein „doch, das seid Ihr. Jetzt… und für immer“ entgegnete, das kam schon nicht mehr bei ihm an.

Kyuri weckte ihn nicht zur zweiten Wache. Shynassar schreckte irgendwann am späten Morgen hoch und blickte sich fast panisch um, nur um die Elfin ernst und in derselben Haltung wie am Abend zuvor auf dem Treppenabsatz sitzen zu sehen. Auf seine halb vorwurfsvolle, halb besorgte Bemerkung hin, sie hätte sich selbst doch auch etwas Ruhe gönnen und ihn wie besprochen wachrütteln sollen, erklärte die Ritterin der Schwarzen Klinge, das Schlafbedürfnis sei bei ihr nicht so ausgeprägt wie bei den Lebenden, und der Sin’dor habe eine ungestörte Nachtruhe dringender gebraucht als sie, die sie ohnehin nie schlafen müsse.

Die Lady Silberblatt sagen zu hören, sie sei keine Lebende, und dann sofort von ihr den Beweis geliefert zu bekommen, indem sie ihn ihren nicht vorhandenen Herzschlag fühlen ließ, stellte einen ziemlichen Schock für den Magier dar. Natürlich hatte Shynassar von den Ereignissen bei der Befreiung der Schwarzen Ritter aus den Krallen des Lichkönigs gehört, war sich auch vage der Tatsache gewahr, dass die überwiegende Mehrheit der Todesritter eben genau das war: von Arthas aus dem Tod zurückgerufen und aufgrund seiner nekromantischen Fähigkeiten seinem Willen unterworfen… doch irgendwie hatte der junge Patrizier dies bislang nie mit seiner Begleiterin und Kampfgefährtin Kyuri in Verbindung gebracht; zumindest nicht bewusst.
Nun machte die Sin’dorja ihm geradezu heftig ihren Standpunkt klar: dass sie nur noch existierte, um dem Highlord Mograine zu dienen. Dass sie hoffte, irgendwann ihre Schuld abgetragen zu haben und dann endgültig sterben zu dürfen. Dass die Person, die Kyuri Silberblatt vor ihrem Tod und der Erweckung in Arthas‘ Reihen einmal gewesen war, schon lange verschwunden war. Dass die jetzige Kyuri Silberblatt keinerlei Gefühle mehr hegte – nicht mehr hegen konnte – und nur noch ein Gefäß für die Kampfmaschine darstellte, die sie geworden war.

Shynassar tat der Ausbruch der Sin’dorja weh: Er mochte nicht glauben, dass dies wirklich alles sein sollte, war fest davon überzeugt, dass die Elfin, die sie gewesen war, doch noch in ihr steckte. Und für ihn machte die Tatsache, dass sie untot sein mochte, keinen Unterschied: Er sah Kyuri weiterhin als gute Freundin und Gefährtin. Dass die harten Worte der Runenritterin vielleicht auch gegen sie selbst gerichtet waren, um die Regungen, die in ihr aufzukeimen drohten, bereits im Ansatz zu ersticken, da sie sich diese weder erlauben konnte noch wollte, das konnte der Magier nicht wissen, hatte er doch ihr halbes Geständnis am Abend zuvor nicht mehr gehört.

Es war eine recht gedrückte Stimmung, in der die beiden Sin’dorei sich wieder auf den Weg machten. Doch schon bald hatte die Routine des Reisens sie wieder eingeholt, und die Atmosphäre normalisierte sich.
Kargath war für lange Zeit das letzte feste Dach im Kreise von Verbündeten gewesen, das Lager im Orc-Stützpunkt, hart und spartanisch oder nicht, für viele Tage das letzte Bett und der – zumindest für Shynassar – ununterbrochene Schlaf jener Nacht schon bald in Vergessenheit geraten. Denn von den Badlands aus führte ihr Weg in Feindesland: Loch Modan, tief im Zwergengebiet. Das Dorf Thelsamar konnten die beiden Elfen weitläufig umgehen, doch die Tunnel durch die Berge wurden ständig von zwergischen Gebirgsjägern bewacht, und einen anderen Weg aus dem höher gelegenen Loch Modan hinunter in die daran angrenzenden Wetlands gab es nicht.
Ein Kampf ließ sich nicht vermeiden, weder mit den Zwergen noch mit den Orcs vom Dragonmaw-Clan, die abseits der Paßstraße hausten.
Dagegen verlief die Reise durch die Wetlands vergleichsweise problemlos: Der Magier und die Runenritterin mussten sich zwar zahlreicher Wildtiere und einiger marodierender Gnolltrupps erwehren, doch wenigstens wurden ihre Nächte nicht ständig von Gefechten unterbrochen.

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