Die Geschichte von Shynassar und Lilié (8)

Shynassar durchlief in diesen Tagen eine weitere Veränderung. Die Strapazen in der Burning Steppe und der Searing Gorge hatten ihn bereits körperlich abgehärtet, zäher gemacht, doch auf dem Weg von Kargath durch das Sumpfland lernte er kämpfen. Natürlich reichte er nicht an die kühle, professionelle Kompetenz einer Kyuri Silberblatt heran, doch die Angriffszauber kamen dem Sin’dor nun fast ebenso mühelos über die Lippen wie die rein theoretische Magie früherer Zeiten. Und auch sein Degen fühlte sich zunehmend wie ein Teil seiner selbst an, und er musste immer weniger darüber nachdenken, was er tat, wenn er die Klinge führte.

Von den Dunkeleisenzwergen, die an der Nordgrenze des Sumpflandes leben sollten, war glücklicherweise nichts zu sehen, als die beiden Reisenden den Engpass vor dem Thandol Span passierten, und dann war es fast geschafft. Sie hatten das Hochland von Arathi erreicht, und nach zwei weiteren Tagesreisen, in der sie Ogern, Trollen und Menschen aus dem Weg gingen, sich aber mit zahllosen Riesenspinnen und Raptoren anlegen mussten, trafen sie endlich in der Festung Hammerfall ein.

Am letzten Nachtlager vor der Ankunft einigten sie sich auf ihre Vorgehensweise. Die Lady Silberblatt war der Ansicht, sie würden am wenigsten auffallen, wenn sie ihre Rollen tauschten: Statt dass ein Adeliger mit einer bewaffneten Leibwächterin in dem orkischen Fort anreiste, würde Kyuri eine Soldatin darstellen, die nach Hammerfall gekommen war, um sich im Arathibecken der Sache der Horde gegen die Allianz anzuschließen, und Shynassar ihren ergebenen, aber völlig unwichtigen Diener mimen.
Es dauerte einen Moment, bis der junge Patrizier sich mit dem Gedanken angefreundet hatte, doch es war ein guter Plan, und so setzten die beiden Reisegefährten ihn in die Tat um.

Ihre Rollen erlaubten es ihnen, in Hammerfall unauffällige Nachforschungen anzustellen.
Unter dem Vorwand, Genaueres über die taktische Situation in der Gegend erfahren zu wollen, unterhielt Lady Silberblatt sich mit den Kämpfern, die das Arathibecken verteidigten, während der junge Talamirrién sich in typischem belanglosem Diener-Geplauder bei den Angestellten des Stützpunktes erkundigte.
So fanden sie heraus, dass es in einigen Wegstunden Entfernung tatsächlich eine Gor’Shek-Farm gab, die von Orcs bewirtschaftet wurde, wo aber auch ein Apotheker der Verlassenen leben sollte.

Die beiden Verbündeten verbrachten eine Nacht in Hammerfall – und diesmal war es Shynassar, der getreu seiner angeblichen Funktion Wache hielt (und mit der Lektüre eines Buches über den Aufstieg der Blutelfen, das er in der Gaststube fand, verhinderte, dass er einschlief), während Kyuri ruhte, wenn schon nicht schlief –, ehe sie sich am nächsten Tag zu dem Hof aufmachten.
Dort angekommen, blieb die Runenritterin ganz ihrem Part als harte, fokussierte Kriegerin treu. Sie ließ den dort arbeitenden Orcs gar keine Zeit zum Nachdenken, als sie zunächst mit Shynassar im Schlepptau gezielt über das Bauerngut marschierte und die Scheune und das Hauptgebäude nach Spuren der Magistrix und ihrer Schüler durchsuchte. Weder Sionná Sonnenlauf noch irgendwelche Studenten waren zu finden, doch die Scheune enthielt einige Säcke mit Lebensmitteln, die aussahen, als könnten sie für die Zuchtstätte gedacht sein. Wieder im Freien, packte Kyuri einen der Bauern am Kragen und fragte ihn nach dem Apotheker Jorell – oder besser, sagte ihm in kaltem Ton, der keinen Widerspruch duldete, auf den Kopf zu, dass der Forsaken sich hier aufhalte, und sie nur verifizieren musste, wo genau.

Sie machten den Untoten in einem kleinen Nebengebäude am Rande des Hofes ausfindig, wo dieser ein Laboratorium betrieb. Shynassar biss die Zähne zusammen und ballte unwillkürlich die Fäuste; ihm war klar, wie das Verhör verlaufen würde, und alles in ihm sträubte sich dagegen, doch andererseits wusste er auch, dass es vermutlich keine andere Möglichkeit gäbe.
Und der Apotheker rückte tatsächlich nur äußerst widerwillig mit der Sprache hinaus, doch schließlich gestand er, dass die Magistrix tatsächlich ihre „Akademie“ hier wieder aufzubauen gedenke und dass er, Jorell, sie mit seinen Studien in Sachen Umwandlung von Lebenden in Forsaken hier besser unterstützen könne, dass die Sin’dorja jedoch zunächst nach Kalimdor gereist sei, um mit weiteren Verbündeten, den Tauren vom Stamme der Grimtotems, ein Abkommen zu schließen.

Kalimdor. Grimtotems. Untersuchungen zur Verwandlung von Lebenden in Untote. Während der Magier diese Aussagen noch in sich aufnahm und die unbändige Wut zu unterdrücken versuchte, die gerade angesichts dieser letzten Information in ihm hochkochte, schob ihn Kyuri grob aus der Tür und wies ihn an, draußen zu warten. Als der junge Adlige einen Moment lang zögerte, wiederholte die Klingenritterin die Order im harten Kommandoton. Shynassar schluckte, nickte stumm und verließ das kleine Haus in Richtung der kleinen Anhöhe hinter der Scheune. Er hatte kaum deren Ecke erreicht, da ließ ihn ein lauter Knall hinter sich zusammenzucken. Eine Stichflamme schoss aus dem Fenster des Laboratoriums, dann ging das Feuer auf das ganze Gebäude über. In schnellem Schritt, aber mit ungerührtem Gesichtsausdruck holte die Lady Silberblatt einen Moment später zu ihm auf, die panisch herumlaufenden Landarbeiter bewusst ignorierend. „Gehen wir.“

Obwohl es gefährlich sein konnte, nach Hammerfall zurückzukehren, taten die beiden Sin’dorei zunächst genau das. Sie hielten sich jedoch nicht lange genug dort auf, als dass Nachricht von dem Vorfall auf der Gor’Shek-Farm die Orc-Festung erreichen konnte, sondern begaben sich umgehend zu Urda, der Windreitermeisterin des Stützpunktes, um die Flugtiere in Anspruch zu nehmen, die Kyuri am Morgen bereits für sie reserviert hatte. Glücklicherweise schien der Orkin nichts Ungewöhnliches an ihren Kunden aufzufallen, denn sie sattelte die beiden Wyvern widerspruchslos und schickte diese, nachdem die Blutelfen aufgestiegen waren, mit einem liebevollen Klaps auf die Kruppe in den Himmel hinauf.

Obwohl sie auf einer Rast unterwegs wieder die Kleidung gewechselt hatten, um nicht auf Anhieb identifizierbar zu sein, flogen die beiden Kampfgefährten als weitere Vorsichtsmaßnahme nicht bis Booty Bay. Stattdessen beendeten sie ihren Flug in Grom’gol, wo sie die geflügelten Löwen in die Obhut von Windreitermeisterin Thystra gaben und dann so taten, als verließen sie den Posten in Richtung Norden, nur um dann den Bogen Richtung Booty Bay zu schlagen. Kurz vor der Ankunft dort kleidete Shynassar sich auch wieder in seine Goldfuchs-Gewandung, und die beiden Sin’dorei achteten darauf, nicht gemeinsam in dem Piratenstädtchen einzutreffen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s