Love in the Time of Seið (Wikingerdrama. Wintertreffen 2012)

Es begab sich einst, in einem Land weit im Norden, dass dem alternden König kein männlicher Erbe beschert worden war. Mit Sorge musste der König mit ansehen, wie das Nachbarland mit jedem Jahr stärker und reicher wurde, während sein eigenes Reich langsam zerfiel. Spannungen lagen in der Luft, zumal die beiden Länder noch nie die besten Freunde gewesen waren. Um das Überleben seines Reiches zu sichern, hatte der alte König nur eine Wahl – seine Tochter mit dem Jarl des Nachbarlandes zu verheiraten…

Und so rief König Yngvar seine Tochter, die Prinzessin Runa, zu sich in den Thronsaal, um ihr mitzuteilen, dass der Jarl um ihre Hand angehalten und er, der König, ihm diese gewährt habe.
Diese Nachricht traf die Königstochter wie ein Dolchstoß – war Lyting Jarl doch im mittleren Alter, so alt wie ihr Vater fast, fett und abstoßend. Und liebte sie doch den Ritter Eyolf, ihres Vaters rechte Hand – ebenfalls älter als sie, Anfang der Dreißig bereits, doch das waren lediglich zehn Jahre, oder elf vielleicht, und so war er doch noch jung, aber kein kindischer Knabe mehr. Ihm gehörte ihr Herz, ganz und gar, und mit jeder Faser ihres Seins.

Doch hatte die Königstochter von diesen Gefühlen natürlich nie gesprochen, und als sie nun im Thronsaal stand und hörte, dass sie dem Jarl gegeben werden sollte, brach es aus ihr heraus. Dass sie das nicht konnte, dass sie das nicht würde, denn bei allem Bemühen, eine gute und folgsame Tochter zu sein, hatte die Prinzessin Runa doch ein unbändiges, ja rebellisches Gemüt.
Da dünkte es der Königstochter, in der vor kurzem die Gabe des Seiðr, der Magie, erwacht war, als erschienen um all die Schwerter, die ehrwürdig nebeneinander im Thronsaal hingen, wie es die Tradition gebot, die Schemen ihrer Träger, all jener Könige, die in einer langen Ahnenreihe bis zu ihrem Vater, dem König, geführt hatten. Und die Schemen all jener früheren Könige blickten finster, und auch die Greise aus dem Hofstaat ihres Vaters, mit der Ausnahme von Ritter Eyolf nicht einer unter ihnen, der nicht wenigstens das mittlere Alter bereits erreicht hatte, zischten missbilligend, und der König selbst sah enttäuscht drein, enttäuscht und verraten. Und all diesen Blicken, die sie begutachteten wie eine Stute, die zum Markt geführt wird, hielt Runa nicht stand, um so mehr, als sie wusste, dass auch Eyolf im Saal war. Und so rannte sie hinaus, mit Tränen in den Augen und geflissentlich vermeidend, des Ritters Blick aufzufangen, da sie es nicht ertragen hätte, auch ihn derart abweisend oder, schlimmer noch, abschätzig, zu sehen.

  Später suchte der König Rat und Trost bei Skuld, der Seiðkona, seiner Geliebten. Nicht mehr ganz jung war die Seherin, noch schön im klassischen Sinne, doch sie besaß eine Ausstrahlung und eine Anziehungskraft, die dies schnell vergessen ließ. König Yngvar suchte Rat und Entspannung bei ihr, und er bat Skuld um Hilfe mit seiner starrköpfigen Tochter, war die Seiðkona doch seit einiger Zeit Lehrerin und Mentorin Runas, von der die Königstochter lernte, ihre aufkeimende und bislang sehr unberechenbare Magie zu kontrollieren.
Die Seiðkona versprach, sie werde mit ihrer jungen Schülerin sprechen und sie dazu bewegen, sich ihrem Vater, dem König, nicht länger zu widersetzen.
Auch fand Yngvar Konge die Entspannung, wegen derer er die Seiðkona ebenfalls aufgesucht hatte. Doch als er sie wieder verlassen wollte, erblickte er in einer Ecke des Gemachs, einer mit einem Strohlager versehenen Höhle draußen in der Nähe eines mächtigen Wasserfalls, die bereits seit Generationen Liebenden als geheimer Zufluchtsort diente, ein Paar Schnallenschuhe. Eben jene Schnallenschuhe waren es, die Yngvar noch vor gar nicht allzu langer Zeit dem Jarl Lyting als Geschenk der Gastfreundschaft überreicht hatte…
Doch der König ließ sich zunächst nichts anmerken, sondern verließ die Seiðkona in der Absicht, abzuwarten. Abzuwarten und zu beobachten…

  Auch der Ritter Eyolf suchte die Nähe der Seiðkona, war er doch fasziniert von ihr, so sehr, dass er manchmal des Nachts ihr Gesicht vor sich sah. Doch als er sie aufsuchte, wies sie ihn ab, durchaus harsch in ihren Worten und nicht geneigt, mit ihm zu sprechen. Der Ritter Eyolf war ein Werwolf, und er wusste um seine impulsive Natur, und um sich zu beruhigen, ging er, wie so oft, auf die Jagd in den Sümpfen. Und dort in den Sümpfen fand er die Gebeine eines Menschen, unkenntlich und schon seit einiger Zeit dort liegend. Und so brachte Eyolf den Leichnam zu Skuld, damit die Zauberin diesen untersuchen könne. Zu erkennen an der Rüstung und den Waffen, die der Tote bei sich getragen hatte, war Steinthor, ein junger Soldat aus den Wachleuten des Königs, vom Hofe verschwunden schon vor einiger Zeit.
Gerne hätte der Ritter die Gelegenheit genutzt und sich länger mit der Seiðkona unterhalten, doch bald schon schickte Skuld ihn fort. Denn die Zauberin musste nachdenken – und nachforschen, ob dem, was ihr aufgefallen war…

  So war es der Seiðkona durchaus recht, dass die Königstochter sie später aufsuchte. Denn es wirbelten die Gedanken in ihr und riefen danach, einem aufmerksamen Ohr anvertraut zu werden.
Die Prinzessin Runa fand Skuld über das Buch der Geburten und der Ahnenlinien des Königsgeschlechts gebeugt vor, und die Seiðkona teilte ihre Gedanken mit ihrer jungen Schülerin: dass sie glaubte, bei dem von Eyolf gefundenen Leichnam handele es sich um einen Angehörigen des Königshauses, um einen Bruder der Prinzessin vermutlich gar.
Diese Mitteilung bewegte die Königstochter natürlich sehr, hatte sie doch zeit ihres Lebens nie um einen Bruder gewusst, noch auch nur Andeutungen vernommen. Und brachte ihr diese Nachricht ihre eigenen Sorgen nur noch schärfer ins Bewusstsein, denn hätte sie einen Bruder, müsste ihr Vater, der König, sie nicht aus politischen Gründen dem Jarl verkaufen.

Diese Sorgen, sobald ausgesprochen, suchte die Seiðkona zu zerstreuen, indem sie Runa vermittelte, dass eine Heirat mit Lyting Jarl nicht das Schlechteste sein musste. Ein ansehnlicher Mann war der Jarl nicht, noch sonderlich angenehm im Umgang, doch war er vermögend und die Partie eine gute für das Reich. Und überdies, erklärte Skuld, war dies eine reine Zweckheirat. Wer sagte, dass die Königstochter auf ewig ihrem Manne die Treue halten müsse? „Du kannst dir deine Zufriedenheit auch anderenorts beschaffen, mein Kind.“
Jedoch vermochte die Zauberin mit dieser Aussage die Prinzessin Runa nicht zu überzeugen. „Ich will die Liebe, die nicht nach Glück oder Unglück fragt“, brach es aus der jungen Frau heraus, noch wich sie von ihrer Abneigung gegen den Jarl ab oder der Weigerung, ihn zum Manne zu nehmen.

  Am nächsten Abend, um die Verlobung mit der Königstochter zu feiern, lud der Jarl Lyting den König Yngvar mit der Prinzessin Runa, dessen Tochter, sowie des Königs rechte Hand, den Ritter Eyolf, zu einem feierlichen Mahle in des Jarls Gästehaus ein. Obgleich an des Königs nördlichem Hof gelegen, trug dieses Gästehaus doch seit dem Einzug Lyting Jarls ein deutliches Gepräge dessen süd-östlicher Herkunft. Seidenteppiche bedeckten die Böden, mit weichen Kissen belegte Diwane dienten zu Sitzgelegenheiten, und luftig bekleidete Dienerinnen trugen die exotischen Speisen herbei.
Lyting Jarl hatte den König Yngvar zu seiner Rechten und die Prinzessin Runa zu seiner Linken platziert, und er schenkte der Königstochter zu Ehren der Verlobung eine ebenso farbenfrohe wie enthüllende Seidenrobe. „Damit Ihr Eure Schönheit nicht immer unter diesen tristen Säcken verbergen müsst“, lächelte er dabei ölig mit einem Blick auf der Prinzessin Leinenkleid. Runas Vater, der König, ebenso wie des jungen Mädchens Anstandsdame, waren keineswegs erfreut von des Jarls anzüglicher Rede und der Art und Weise, wie er sich seiner Verlobten im späteren Verlauf nicht nur einmal allzu zutraulich näherte. Und auch die Prinzessin selbst fühlte sich mehr als unwohl. Mehr als einmal streifte ihr Blick den Ritter Eyolf, den Mann ihres Herzens, und sie bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, doch so ganz mochte ihr das nicht gelingen.
Noch unangenehmer wurde die Situation etwas später gar, als der Jarl ihr herablassend einen Pfirsich anbot. Runa, an den Genuss von solcherlei südlichem Obst nicht gewohnt, verspritzte beim Hineinbeißen den Saft der fast schon überreifen Frucht über ihr Kleid, was zu ihrem Verdruss nicht nur den sorgfältig gewobenen und eingefärbten Leinenstoff verdarb, sondern Lyting Jarl auch einen Vorwand gab, sich ihr zu nähern und ihre Brust abzutupfen, Runas Protesten zum Trotz, bis ihr Vater, der König, und ihre Anstandsdame dem Manne Einhalt geboten.

Doch nicht nur seiner Tochter wegen behielt Yngvar Konge den Jarl Lyting an jenem Abend genauestens im Auge. Ebenso achtete er auf das Schuhwerk des Jarls – und musste feststellen, dass dieser genau jene Schnallenschuhe trug, die der König zuvor bei der Seiðkona gesehen hatte. Dass König Yngvar um diese wusste, war dem Gast aus dem Osten natürlich nicht bekannt, noch sprach der Herrscher seinen Nebenbuhler direkt darauf an. Doch waren die Worte, die zwischen den beiden Männern an diesem Abend gewechselt wurden, unterschwellig spitz und voller Spannung. Und der König bedauerte es einmal mehr, seine Tochter diesem Manne versprochen zu haben…

  Nach diesem entsetzlichen Festmahl wollte die Königstochter ihre mütterliche Freundin, die Seiðkona, aufsuchen und ihr von dem Erlebten berichten. Jedoch überkam sie auf dem Weg zu deren Häuschen plötzlich das Seiðr, in der Vision einer aus dem Morast aufsteigenden roten Wolke – Blut, das an diesem Ort vergossen worden war…
Gebannt noch von den überwältigenden Eindrücken der Vision, traf die Prinzessin kurz vor dem Ende ihres Weges auf den Ritter Eyolf, dessen Jagd wieder einmal in den Sümpfen in der Nähe des Häuschens der Seherin geendet hatte, das er nun beobachtete. Verlegen war die junge Frau bei diesem Zusammentreffen, vor allem, da es ihr natürlich nicht entging, dass das Sinnen des von ihr Geliebten auf die Seiðkona gerichtet war und nicht auf sie selbst. Und um so mehr, als Eyolf ein Frösteln an der Prinzessin bemerkte und ihr seinen Umhang um die Schultern legte. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie viel ihr diese ritterliche Geste, gerade von ihm kommend, bedeutete – doch zu gut gelang ihr die Verstellung, so gut gar, dass er nun denken musste, sie mache sich nichts aus ihm. Dies machte es für Runa nur noch um so schlimmer, und sie floh förmlich vor ihm in das Häuschen der Zauberin.

Zufrieden hörte Skuld, die Seiðkona, von der Vision draußen im Moor. Auf ihre anschließende Frage hin und auf der Königstochter Bestätigung, dass solcherlei Dinge in letzter Zeit in der Tat immer häufiger auftraten, lächelte sie beinahe triumphierend. „Gut. Sehr gut, das wurde auch Zeit!“
Mit fürsorglicher Stimme erkundigte sie sich bei Runa danach, ob diese Häufung der magischen Vorkommnisse der Prinzessin nicht angst machte. Und ja, natürlich waren die Veränderungen in ihr und die Zunahme der Visionen und sonstigen magischen Begebenheiten beunruhigend für des Königs Tochter.
„Ich kann dir beibringen, dein Seiðr zu kontrollieren“, erklärte die Zauberin, „wenn du das willst.“ Runas Antwort war ein ein eifriges Nicken. „Gut“, fuhr die Seiðkona fort, „dann heirate den Jarl.“
Der Prinzessin Proteste, dass sie um diesen Preis lieber mit ihrem Seiðr in dessen wildem Zustand weiterlebte, suchte die Seherin erneut zu entkräften – und ihren jungen Schützling zumindest ein wenig zu beruhigen. „Ich sehe ein Kind, Königs Tochter, doch es ist nicht von dir und dem Jarl.“

Bei diesen Worten der Seiðkona überkam auch die Prinzessin Runa wieder eine Vision, noch stärker und länger anhaltend als die des Blutes zuvor.
Sie sah ihren Vater, den König, jünger, viel jünger, das Haar nur von allerersten Strähnen von Grau durchzogen, mit einer Frau, die nur schemenhaft zu sehen und nicht zu erkennen war, auf einem fellbedeckten Lager aus Stroh in einer Höhle. Das Geräusch eines Wasserfalls übertönte ihre Stimmen, doch ihr Vater, der König, machte ein glückliches, gelöstes Gesicht, und auch die Körperhaltung der unerkannten Frau wirkte glücklich und entspannt. Ihr Gesicht blieb im Dunkeln, doch ihr Leib, und dass sie ein Kind unter dem Herzen trug, war deutlich zu sehen.
Dann verschwamm das Bild, und setzte sich wieder zusammen zu derselben Höhle, derselben Frau, doch nun hielt sie das Neugeborene im Arm, erschöpft, aber überglücklich. Auch Runas Vater, der König, war anwesend, und auch er lächelte, doch Sorgenfalten durchfurchten seine Stirn.
Und wieder verwischte das Bild, und wieder entstand es neu, und diesmal sah man die Frau mit einem Knaben an der Hand stehen, der vielleicht drei Jahre zählen mochte. Der Knabe weinte, und obgleich das Gesicht der Frau noch immer nicht zu erkennen war, wurde doch deutlich, dass sie ebenfalls lautlos weinte, oder geweint hatte, die Tränen nun versiegt, ihre Miene starr vor Trauer. Und Runas Vater, der König, entfernte sich aus der Höhle, langsamen Schrittes und gebeugten Ganges, ebenfalls traurig, und doch entschlossen.
Und dann endete die Vision, und die Königstochter fand sich im Hier und Jetzt wieder, unfähig, der Seiðkona, obgleich diese fragte, was geschehen sei, von dem Gesehenen zu berichten.

  Wiederum einen Tag später bestellte Yngvar Konge den Jarl Lyting in den Garten der Königin. Auch über diesem Ort, der seiner Gemahlin allzeit der liebste gewesen war, dem nun jedoch, wie bereits in all den Jahren seit der Königin Verschwinden, kaum mehr Pflege und Zuwendung zuteil wurde, lag wie ein Schleier die Melancholie, die den ganzen Königshof durchdrang. Ärgerlich war der Regent, dass sein Gast ihn warten ließ, und obgleich er sich, wie jeder gute Herrscher, bemühte, sich von seinem Unmut nichts anmerken zu lassen, war es doch ein von Spitzen und versteckten Beleidigungen durchsetztes Gespräch.
So überreichte der Jarl, an der Oberfläche respektvoll, wie es einem Untergebenen und Gast gegenüber seinem Gastgeber und dem Souverän eines benachbarten Reiches gehört, doch unterschwellig durchsetzt von Verachtung und Häme, dem König Yngvar eine Schatulle voll Gold. „Damit Ihr wieder einmal Eure Hecken schneiden lassen könnt.“
Diese und ähnliche Bemerkungen machte Lyting Jarl ständig, und der König brodelte innerlich vor Zorn über den Gast aus dem Südosten. War der Königin Garten doch nicht aus Nachlässigkeit derart verwildert, sondern um der Erinnerung an Yngvar Konges Gemahlin willen und als ein Zeichen der Trauer.

Und so schrieb der König Yngvar später, zurück in seinen Gemächern, mehrere Briefe und sandte Boten aus, diese den Herrschern der Nachbarländer zu übergeben. Heiraten musste die Prinzessin Runa, seine Tochter, denn das Reich benötigte einen Nachfolger, um zu überleben, doch wünschte Yngvar Konge nicht länger, dass der Jarl Lyting einst dieser Nachfolger sein sollte.

  Des Königs rechte Hand, der Ritter Eyolf, wusste natürlich um die Boten, die der König ausgesandt hatte, und um die Nachricht, die diese bei sich trugen. Und so nutzte der Ritter die nächste sich bietende Gelegenheit, um seinem Herrn davon Mitteilung zu machen. Es führte ein geheimer Gang zu dem Gästehaus des Jarls, und dorthin begab sich der Ritter Eyolf, wann immer er seinem Herrn etwas zu berichten hatte oder wenn dieser ihn zu sich befahl.
Denn der Jarl Lyting war des Ritters wahrer Herr, seit langer, langer Zeit bereits. Er war es seit dem Ende jener Vollmondnacht vor nahezu zwanzig Jahren, als ein zwölfjähriger Knabe zum allerersten Mal aus der Gestalt eines Wolfes zurück in die eines Menschen wechselte, zitternd und verängstigt und lediglich mit vagen Erinnerungen an das, was geschehen war, Erinnerungen voller Hunger und Mordlust und dem Geschmack von Blut… Blut, das noch immer an des jungen Eyolfs Lippen hing, Blut, das ihn am ganzen Leib besudelte, in dessen Lache zu seinen Füßen die in Fetzen ehemals reicher Gewänder gekleidete Frau lag, die Kehle herausgerissen, das Gesicht unter der noch immer schief auf dem Haar ruhenden, blutbespritzten Krone nicht zu erkennen, und seit der Knabe mit schreckgeweiteten Augen aufgesehen und in das zufrieden feixende Gesicht des Jarls geblickt hatte.
Seit jener Nacht hatte Lyting Jarl den Werwolf in seiner Gewalt, hatte den verunsicherten Jungen gebrochen und zu seinem Werkzeug gemacht. Und zufrieden war der Jarl, hatte er doch in dieser einen Nacht zwei Dinge zugleich erreicht: sich selbst ein Werkzeug geschaffen und sich der Königin entledigt, die er, seit sie ihn einst abgewiesen hatte, um statt seiner den König Yngvar zu heiraten, aus tiefem Herzen hasste. Aufhalten hätte er Eyolf können, war er doch an den Ort des Geschehens gekommen, ehe der junge Werwolf sein erstes Opfer riss. Allein, der Jarl zog es vor, den Dingen ihren Lauf zu lassen, war das, was geschah, für ihn doch der denkbar günstigste Ausgang.

Als der der Jarl nun von den Briefen hörte, die der König versandt hatte, um die Königssöhne der benachbarten Reiche für seine Tochter, die Prinzessin Runa, zu interessieren, lachte er nur. „Sie werden nicht kommen. Und falls doch… mir ist nicht entgangen, wie die Königstochter dich ansieht. Es sollte dir nicht schwer fallen, sie für dich zu gewinnen. Verführe sie, und wenn du sie verführt hast, bringe sie zu mir. Sie wird sich nicht wehren, weil sie nicht weiß, wohin du sie bringst, und wenn ich sie einmal habe, dann ist das Band der Ehe schnell geknüpft. Auch dagegen wird sie sich nicht wehren, denn niemand anderes wird sie dann nehmen wollen, befleckt wie sie dann ist.“
Mit regloser Miene lauschte Eyolf den Worten seines Herrn. „Ich höre und gehorche!“

  Nachdem er die Boten ausgesandt hatte, suchte der König Yngvar seine Geliebte, die Seiðkona, auf. Zu ihm sprach Skuld, dass sie sich von den Aufmerksamkeiten des Ritters Eyolf gestört fühle, und Yngvar Konge versprach der Seiðkona, er werde dafür sorgen, dass seine rechte Hand sie nicht mehr belästigen werde.
Und die Zauberin berichtete dem König von dem Leichnam, den der Ritter Eyolf gefunden hatte. Davon mochte er zwar vielleicht bereits von seinem Adjutanten selbst gehört haben, doch über all den Geschehnissen war ihm dies bislang entfallen, und er beschloss, sich von dem Ritter alsbald genaueren Bericht darüber erstatten zu lassen.
Doch war der König mit seinen Gedanken in einer anderen Zeit. Er dachte an seine geliebte Frau, die Königin, und er dachte an das Kind, das er hatte zurückgelassen mit dessen Mutter an jenem Ort hinter dem Wasserfall…

  Auch der Jarl traf später an diesem Abend, in eben jener geheimen Höhle hinter dem Wasserfall, seine Geliebte, die Seiðkona. Skuld berichtete von den letzten Begegnungen mit ihrer jungen Schülerin, was der Jarl nickend zur Kenntnis nahm. „Ich habe ebenfalls … Vorkehrungen ergriffen“, erklärte er dann. „Aber falls sie nichts fruchten sollten, musst du eingreifen, Zauberin. Mit einem Liebestrank beispielsweise.“ „Du weißt, dass ich das kann, Lyting Jarl“, erwiderte die Seiðkona selbstbewusst. „Aber du weißt auch, dass es einen Preis hat. Es hat immer einen Preis.“
Und so versprach der Jarl, dass er die Seherin an die Spitze der Mondpriesterinnen erheben werde, sobald die Herrschaft sein sei, und dass er dem Orden der Mondpriesterinnen die Bedeutsamkeit verschaffen werde, die er verdiene.
Und so wandte er sich seiner Geliebten zu, und es wurde ein Kind gezeugt in jener Nacht.

  Die Königstochter hatte kaum ein Auge geschlossen in dieser Nacht. Rastlos war sie in der Umgebung des Königshofes gewandert, ja gerannt fast, und sie war zu einer Entscheidung gekommen. Sobald es der Anstand gestattete, eilte Runa in den Thronsaal, dort ihren Vater, den König, zu finden. Ein wenig verwundert war Yngvar Konge, als sie ihn um ein Gespräch unter vier Augen bat, doch bereit, seine Tochter anzuhören. „Ich habe nachgedacht“, begann die Prinzessin, nachdem der König, zu deren großem Missfallen über das ungebührliche Benehmen der jungen Frau, all seine Berater hinausgeschickt hatte. „Ich kann es nicht tun, und ich werde es nicht tun. Ich werde den Jarl nicht heiraten, und wenn Ihr mich enterbt, Vater.“
Ruhig hörte der König seiner Tochter leidenschaftlich ausgestoßene Worte an, dann hob er eine Hand. „Vielleicht musst du es nicht. Ich habe Kontakt aufgenommen mit den anderen Reichen, und sie gebeten, eine Verbindung in Betracht zu ziehen. Bestimmt ist einer unter den Söhnen jener Länder, der dir mehr zusagt. Ich bitte dich nur, sei solange höflich zu Lyting Jarl.“

Der Vorschlag ihres Vaters, des Königs, ließ die Prinzessin Runa innehalten, wäre dies doch das letzte gewesen, mit dem sie gerechnet hätte. Zunächst, bewegt von ihres Vaters Mitgefühl und wissend, dass er nur ihr Bestes wollte, zeigte sie sich einsichtig und nickte langsam. Doch dann brach sich Runas ungezähmtes, rebellisches Gemüt wieder Bahn, und sie schüttelte wild den Kopf. „Auch diese anderen Prinzen liebe ich nicht! Ich kenne sie nicht, und ich liebe sie nicht! Ich will die Liebe, die nicht nach Glück oder Unglück fragt!“
„Auch deine Mutter kannte ich nicht und liebte ich nicht, als ich sie heiratete“, war des Königs Erwiderung, „doch ich lernte sie lieben.“ Bedrückt klang seine Stimme, und ein Schatten der Trauer flog über sein Gesicht, als er fortfuhr. „Ich lernte sie lieben, auch wenn sie mir dann viel zu früh genommen wurde. Und auch du wirst lieben lernen, wer es dann auch sein wird. Du darfst sogar selbst unter den Prinzen wählen.“
Aber ich liebe den Ritter Eyolf, wollte die Königstochter rufen, doch die Worte kamen ihr nicht über die Lippen. Ihr Blick hingegen, der dorthin flog, wo sich üblicherweise des Ritters Platz befand, war nicht zu übersehen, und auch König Yngvar bemerkte ihn und deutete ihn sofort. „Hat er dich etwa entehrt?“, war seine strenge Frage. Und ohne Zögern kam freimütig Runas Antwort. „Nein. – NEIN!“  Aber ich wünschte, er hätte! Das dachte die Prinzessin allerdings nur, sprach es jedoch nicht laut aus.

Aufgewühlt von der Konfrontation, zog die Königstochter sich zurück, als ihres Vaters Berater wieder in den Thronsaal kamen, beunruhigt von den lauten Stimmen, die sie gehört hatten. Mit dem Gefolge betrat auch der Ritter Eyolf wieder den Raum, und Runas Blick fand für einen langen Moment den seinen, und wo er üblicherweise ernst blieb, lächelte er ihr nun ermutigend zu, und Runas Herz tat einen Sprung, und sie erwiderte das Lächeln froh.
Und während sie auf den Ausgang zuging, sah sie unter einer der Bänke, wo normalerweise einer der alten Männer aus Yngvar Konges Hofstaat saß und mit seiner Leibesfülle die Sitzfläche nach unten drückte, etwas aufblitzen. Obgleich unauffällig dort liegend, drang es derart deutlich in ihr Bewusstsein, als wolle ihr Seiðr sie darauf aufmerksam machen. Doch konnte Runa den Gegenstand jetzt nicht an sich nehmen, ohne die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen, daher kehrte sie später, als die Nacht eingekehrt war und der Thronsaal verlassen lag, dorthin zurück.

Es war ein Amulett, wie die Prinzessin es gut kannte. Solche Anhänger pflegte die Seiðkona jedem neu geborenen Kind als Schutz mit in die Wiege zu legen, wusste Runa, mit Gravuren versehen und meist aus Holz geschnitzt, wenn das Kind einer Familie aus dem Volke geboren worden war, oder aus Bronze, wenn das Neugeborene dem Adel angehörte. Ihr eigenes Amulett, das die Königstochter noch immer besaß und in ihrer Kammer aufbewahrte, war aus Silber gefertigt, mit den Wappen der Familien ihrer beider Eltern versehen. Und dieses Stück, das sie nun unter der Bank hervorgezogen hatte, war ebenfalls silbern, und es trug ebenfalls das Wappen der Königsfamilie, doch war es mit einem schwarzen Balken versehen, dem Zeichen dafür, dass ein Kind auf der anderen Seite des Bettes geboren war. Und das andere Symbol neben dem königlichen Siegel war eines, das die Prinzessin Runa nur allzugut kannte, denn sie sah es in ihrer Ausbildung fast jeden Tag vor sich. Es war das von Mistelkraut umkränzte Auge der Seherin…

Und wie eine eigene Erinnerung zogen die Bilder vor dem Geiste der Königstochter auf, klar und deutlich und unverkennbar. Und sie wusste, als sei sie selbst dabei gewesen, dass die unbekannte Frau aus ihrer Vision die Seiðkona gewesen war, die Runas Vater, den König, zunächst so glücklich gemacht und ihm ein Kind geschenkt hatte und dann von ihm zurückgelassen worden war.
Und sie wusste, als sei sie selbst dabei gewesen, dass ihr Vater, der König, die Seiðkona geliebt hatte, als er die Ehe mit Runas Mutter, der Königin, eingegangen war. Dass er Skuld weiter geliebt hatte, um so mehr noch, als diese ihm einen Sohn gebar, selbst wenn es ein Sohn von der anderen Seite des Bettes war. Dass dann jedoch die Königin ein Kind von ihm empfing, und dass somit die Pflicht seiner Gemahlin, der Königin, gegenüber ihn fortzog und er sich ebenfalls zur Pflicht auferlegte, seiner Gemahlin nicht wieder untreu zu sein und seine Geliebte, so sehr sein Herz auch für sie schlagen mochte, nicht mehr wiederzusehen. Dass er sie und ihren dreijährigen Sohn traurig zurückließ. Und dass er dann seine Frau, die Königin, doch noch lieben lernte, wie er gesagt hatte, sie ihm jedoch nach nur wenigen Jahren wieder genommen wurde, mit ihrem Tod durch ein wildes Raubtier.

  Am nächsten Tag fand König Yngvar den Ritter Eyolf in der Kammer unter den Grabhügeln vor, wo dieser bei den Gebeinen des Soldaten Steinthor die Totenwache hielt. Der Ritter hielt dies für seine Pflicht, nicht nur, weil Steinthor als Angehöriger von des Königs Wache zu Eyolfs Leuten gehört hatte, sondern weil er sich an seine Jagden unter dem Vollmond nicht immer deutlich erinnern konnte und in ihm die Befürchtung aufgekommen war, dass er es vielleicht gewesen sein könnte, der in Wolfsgestalt, ohne Kontrolle über sich, den jungen Soldaten gerissen hatte.
Als Yngvar Konge nun mit dem Ritter sprach und den Namen „Steinthor“ hörte, den Namen eben jenes Knaben, der sein Sohn gewesen war, auch wenn der junge Mann dies nie erfahren hatte, um den Yngvar sich aus der Ferne immer weiterhin gekümmert und dafür gesorgt hatte, dass er ein gutes Leben bekam und bereits in jungem Alter an den Königshof geholt wurde, wo er zum Wachmann ausgebildet wurde und dann einen guten Posten in des Königs Leibgarde erhielt… als der König also diesen Namen hörte, da veränderte sich seine Miene kurz, flog etwas wie Erschrecken über sein Gesicht, doch war der Ausdruck zu schnell verschwunden, als dass Eyolf ihn hätte deuten können.
Vielleicht auch, um sich von den Gedanken an seinen Sohn abzulenken, stellte König Yngvar seine rechte Hand ohne Umschweife bezüglich der Prinzessin Runa, seiner Tochter, zur Rede. „Habt Ihr sie entehrt?“, fragte er auch den Ritter, wie die Prinzessin zuvor, und „Nein!“ war auch hier die Antwort.
„Sie schenkt Euch dennoch zu viel Beachtung“, sagte der König rauh, „und Ihr ihr ebenso, wie ich bemerkt habe. Doch sie wird jemand anderen heiraten, und deswegen könnt Ihr nicht am Hofe bleiben. Im Norden sind wieder Wildlinge über die Grenze gekommen; ich wünsche, dass Ihr dreißig Eurer Männer nehmt und an der Grenze für Ordnung sorgt.“
„Ihr wisst, dass ich einer Eurer besten Kämpfer bin, Majestät“, protestierte Eyolf. „Und ich bin Euer Adjutant, Eure rechte Hand, mein König. Und überdies wollt Ihr dreißig Männer mit mir senden. Wollt Ihr Euch wirklich all dieser Kampfkraft entledigen, nur um mich vom Hofe zu entfernen?“
Doch der König war von seinem Entschluss nicht abzubringen. „Es war keine Bitte, es war ein Befehl. Ihr könnt ihn befolgen und gen Norden ziehen, oder Euren Kopf verlieren, Ritter!“
Da spürte der Ritter Eyolf, wie der Zorn von ihm Besitz ergriff und ihn durchdrang. Und es stieg ein hörbares Grollen in seiner Kehle auf, und er spürte, wie die Verwandlung ihn überkam. Und Eyolf gab dem Drang nach und ließ die Verwandlung geschehen, und in der Wolfsgestalt griff er den König Yngvar an, und in dem nun folgenden Kampf wurde er selbst verletzt, verwundete den König aber noch schwerer.
In seiner Raserei hätte der Werwolf den König gar getötet, und er wollte es, oh, wie er es wollte – doch etwas hinderte ihn. Des Königs Linie war verbunden mit diesem heiligen Ort, mit den Grabstätten der Vorfahren, Yngvar Konge hatte oftmals Kraft aus der Verbindung mit den Ältesten gezogen… und nun, als er angegriffen wurde, war es, bildete die Macht der Vorfahren einen Schutzschild um den König, einen Schutzschild, den der Werwolf nicht durchdringen konnte, und der ihn gewaltsam und schmerzhaft in die Menschengestalt zurückschleuderte, als er es versuchte.
Und der Ritter Eyolf erkannte, dass er Hilfe brauchen würde, wenn er sein Werk vollenden wollte – und vollenden musste er es, selbst wenn es im Affekt und nicht aus kaltem Blut heraus begonnen worden war. Denn die Strafe für Königsmord, oder auch nur versuchten Königsmord, war ein langsamer und schmerzhafter Tod, und so konnte Eyolf den verwundeten Herrscher nicht am Leben lassen, wenn er selbst das seine behalten wollte.
Und die einzige, die ihm dabei helfen konnte, den magischen Schild in der Grabkammer zu durchdringen, war die Prinzessin Runa – war sie doch selbst vom königlichen Geblüt und von der Linie, die Yngvar Konge vor seinem Angriff schützte…

  Des Königs Tochter befand sich gerade im Garten, der dem Andenken ihrer Mutter diente, als der Ritter sie dort fand. Und ihr Herz öffnete sich ihm, als er herbeigewankt kam, sichtlich verwundet und mit Blut bedeckt, und vor ihr in die Knie sank.
„Eyolf! Du bist verletzt! Was ist dir geschehen?“ rief Runa, gar nicht beachtend, dass sie den Ritter nur mit seinem Namen und dem vertraulichen „du“ ansprach. Besorgt legte sie die Arme um den Ritter, um ihn zu stützen.
Doch der richtete sich aus eigener Kraft wieder auf und sah ihr tief in die Augen. „Es geht schon“, erklärte er, und sagte dann das, was die Prinzessin sich in ihren geheimen Träumen wieder und wieder ausgemalt hatte. „Runa, ich liebe dich. Ich brauche dich. Lass uns von hier fortgehen, nur wir beide…“
Mit großen Augen sah sie den Mann, den sie liebte, einen Moment lang nur an, nicht wissend, ob sie wachte oder träumte. Doch dann brach es aus ihr heraus: „Ja! Natürlich, ja! Ich gehe mit dir, wohin auch immer du willst!“
„Gut“, erwiderte der Ritter, und küsste sie innig, „dann lass uns sofort aufbrechen. Lass uns zu den Grabhügeln gehen und unter den Augen deiner Vorfahren das Band zwischen uns knüpfen…“
Auch dieser Vorschlag war der Königstochter nur allzu recht, und gemeinsam wanderten sie zu der Grabkammer, Hand in Hand, und diese Zeit, in der sie neben dem Geliebten ging und immer wieder in seine vertrauten Züge blickte, die ihr Herz singen ließen, war die glücklichste, die Runa je erlebt hatte.
Und Hand in Hand betraten sie die Grabkammer, und Hand in Hand gingen sie tiefer hinein, und weil er ihre Hand hielt, konnte der Ritter Eyolf nun den Schutzschild durchdringen, der König Yngvar umgab.
Und als die Prinzessin Runa ihren Vater, den König, in seinem Blute liegen sah, da verstand sie einen Herzschlag lang nicht, was sie da eigentlich sah. Doch dann sank sie mit einem Aufschrei vor ihm auf die Knie, hielt ihn fest und weinte und versuchte, ihr Seiðr herbeizurufen, um ihn zu heilen. Und mit einem Mal, als sie ihren Vater, den König, in seinem Blute liegen sah, schwand alle Rebellion aus der Königstochter Herzen und war für immer ausgelöscht. Und sie erkannte, dass der Ritter Eyolf sie nur benutzt hatte und sie in Wahrheit nicht liebte, und es war ihr gleich, denn sie wollte nur noch ihren Vater, den König, retten.
Und so bemerkte Runa über ihren Bemühungen kaum, dass der Ritter einen Speer aus einer der Halterungen an der Kammerwand zog und mit einem mächtigen Stoß sowohl sie als auch ihren Vater, den König, durchbohrte.
Doch im Tod brach alles Seiðr, das sich in der Prinzessin befand, in einer einzigen gewaltigen Explosion aus ihr hervor, ließ die gesamte Grabkammer und den Hügel darüber einstürzen und begrub alles, was darin war.

Epilog

   Als des Ritters Speer sie durchbohrt, in dem Moment, als sich alles Seiðr in ihr sammelt und direkt vor dem Ausbruch steht, hat die Prinzessin Runa eine letzte Vision. Sie sieht sich selbst, und ihren Vater, den König, in den Hallen der Jenseitswelt. Und dort sieht sie auch ihre Mutter, die Königin, und Steinthor, ihren Bruder, unversehrt. Und sie sind endlich alle wieder zusammen, und glücklich. Und sie weiß, dass es die Wahrheit ist, die sie sieht, denn sie weiß, dass es ihr Seiðr ist, das ihr dies zeigt. Und die Königstochter lächelt.

  Mit sich verdunkelndem Blick sieht Yngvar Konge seiner über ihn gebeugten Tochter ins Gesicht. Und hinter ihr sieht er die Königin stehen, seine geliebte Frau, und hinter ihr in einer langen, langen Reihe all die Vorfahren, die bis zu ihm, dem König, geführt haben. Und eine einzelne Träne rinnt ihm über die Wange, ehe seine Sinne schwinden.

  Von der Wucht der sich im Moment ihres Todes entladenden geballten Magie Runas und dem davon ausgelösten Einsturz der gesamten Grabkammer bis nah an den Tod verwundet, kriecht der Ritter Eyolf in Wolfsgestalt Pfote um Pfote unter den herabgestürzten Felsbrocken hervor. Langsam, mit unendlicher Mühe, schleppt er sich bis zum Haus seines Herrn. Doch der Jarl Lyting lässt ihn nicht ein. Voller Verachtung verschließt man die Türen vor ihm, und mit dem Besen scheucht ein Diener die geschundene Kreatur davon. Mit seiner letzten Kraft gelingt es dem Wolf, die Sümpfe zu erreichen, und niemand weiß, ob er dort lebt oder stirbt…

  Lyting Jarl, Herrscher über das Reich seit zwanzig Jahren, sitzt auf dem Thron, der einst des Königs Yngvar war, noch korpulenter geworden denn zuvor. Eine junge Frau im Gewand einer Priesterin betritt den Thonsaal, und ihre Ähnlichkeit mit der Seiðkona ist unverkennbar. Ein ebenso unverkennbarer Ausdruck des Abscheus liegt auf ihrem Gesicht, als sie auf den Jarl zutritt, und im Ton ihrer Stimme, als sie ihn mit „Vater“ begrüßt. „Tochter“, erwidert der Mann auf dem Thron, kühl und beherrscht. Doch die junge Frau reagiert nicht, tritt nur weiter auf den Regenten zu, bis sie auf einen einzigen Schritt herangekommen ist. „Du hast lange genug die Macht besessen. Die Zeit ist endlich gekommen, dass die Mondpriesterinnen die Herrschaft übernehmen, wie es ihnen zusteht…“ Und die junge Frau zieht einen langen Dolch aus ihrem Gewand hervor und stößt ihn dem Jarl, ihrem Vater, bis zum Heft in den aufgedunsenen Leib.

  Wiederum einige Jahre später ist es die junge Priesterin, die auf dem Thron sitzt. Und neben ihr, auf einem nicht ganz so hohen, nicht ganz so prunkvollen, aber dennoch von großer Bedeutung zeugenden Stuhl, sitzt die Seiðkona und wispert der Regentin, ihrer Tochter, Ratschläge ins Ohr…

3 Kommentare

Eingeordnet unter Pen & Paper, Tanelorn-Treffen

3 Antworten zu “Love in the Time of Seið (Wikingerdrama. Wintertreffen 2012)

  1. Ohhh man das ist ja mal …….. ich kann es garnicht zusammenfassen
    es ist soviel am Anfang hatte ich viele Momente aller: „Nein das kann nicht sein“ „Nein, nicht wirklich?“, wie die Charaktere alle mit ein andere zusammen hingen, ich kann mir vorstellen das da jeder den Überblick verloren hatte. Ich muss auch sagen es ist zwar ein sehr trauriges Ende aber das einzeigste was sich richtig anfühlt bzw nicht zu Unpassend ist.
    Man konnte es eigentlich nur mit dem Tod der Hauptperson schön zu Ende führen.

    Gefällt mir

  2. Pingback: [Follow Friday] FF48: „Mein Highlight im August 2017“ | Timber's Diaries

  3. Pingback: [Follow Friday] FF52: „Erzählperspektiven“ | Timber's Diaries

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s