Miami Files – „Summer Knight“ 1 & 2

Schreibblockade. Ich fasse es nicht. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine Schreibblockade. Jamás. Never. Jamais. Okay, ich weiß genau, wovon sie ausgelöst wurde, aber das macht es nicht besser, verdammt. George ist schuld. Und ich kann dem kleinen burro eigentlich noch nicht mal richtig böse sein.

Und das gerade, wo Sheila bzw. der Verlag jeden Tag mit irgendwelchen Änderungswünschen für Faerie Storm ankommen können. Naja, für die hätte ich momentan ohnehin keine Zeit.

Aber ich muss irgendwas schreiben. Und wenn ich schon nicht arbeiten kann, weil diese blöde Schreibblockade mir nicht aus dem Kopf will, dann muss ich mich eben irgendwie ablenken. Mit Tagebuchschreiben zum Beispiel. Das habe ich sowieso viel zu lange vernachlässigt. Und vielleicht hilft es ja, schüttelt irgendwelche geistigen Steine aus dem Weg oder was weiß ich.

Und überhaupt glaubt mir das außer den Jungs sowieso wieder keiner, wenn ich es irgendwem erzähle, also kann es auch hier rein und – falls es doch mal irgendjemand finden sollte – für Fingerübungen für einen neuen Roman gehalten werden. Sollen sie doch.

Mierda. Ich winde mich um den heißen Brei und verzapfe völligen Blödsinn, nur um irgendwie die Zeilen vollzukriegen, und glaubt bloß nicht, dass ich es nicht merke, Römer und Patrioten.

Also gut. Genug prokrastiniert. Wir haben wieder mal Ärger am Hals, und zwar so richtig. Als ob der, den wir uns bisher angelacht haben, nicht reichen würde.

Machen wir es kurz: Die Traumfresser gehen in der Stadt um. Wobei das eigentlich gar nichts Besonderes ist. Eigentlich gehen die immer um, schleichen sich in die Träume von Schlafenden und knabbern hier ein Stückchen, da ein Stückchen, ohne dass der Träumer es überhaupt bemerkt oder ihm das schadet.

Aber seit der großen Halloween-Party von Gerald Raith letztes Halloween – und lasst mich bloß nicht von der anfangen, Römer und Patrioten, sonst sitze ich nächstes Jahr noch hier und schreibe – vertreibt dieser Sommerfeen-Typ, Antoine, der mit Edwards Mutter angebandelt hat, doch diese seltsamen Feendrogen.

Bisher hatten wir mit denen nicht sonderlich viel zu tun, weder mit den Drogen selbst noch mit Antoine und Mrs. Parsen, weil Edward den beiden tunlichst aus dem Weg geht. Aber auf Alex’ Geburtstagsfeier vor drei Tagen sind uns dann ein paar Leute aufgefallen, die fürchterlich übernächtigt wirkten, teils auch echt gereizt. (Roberto kann da ein Liedchen von singen.) Das Mädel, mit dem ich mich unterhielt, war weniger gereizt, nur traurig und müde. Sie erzählte mir, dass sie so tolle Träume gehabt habe, seit sie angefangen habe, Antoines Zeug zu nehmen, viel bunter und schöner als sonst immer, aber seit einer Weile würde sie gar nicht mehr träumen, auch nicht die langweiligen normalen Sachen mehr, und sie wolle die tollen Träume zurück. Sie marschierte dann auch prompt los, um es „nochmal zu versuchen“.

Das klang verdammt nach typischem Suchtverhalten, wenn ihr mich fragt. Erst das Hoch, von dem man nicht genug bekommen kann. Und dann bleibt es aus, so dass man immer und immer und immer mehr davon braucht. Und nun träumt Alison gar nicht mehr, braucht also vielleicht eine andere Droge als die, die sie bisher von Antoine bezogen hat? Eine stärkere vielleicht? Hah. Honi soit qui mal y pense.

Dasselbe oder ähnliches hatten auch die anderen übernächtigten Partygäste erzählt, die wir befragt hatten. Alle hatten sie Antoines Zeug genommen, alle hatten sie erst so bunt geträumt, und bei allen hatte es dann plötzlich komplett aufgehört, und sie träumten gar nicht mehr. Und interessanterweise sahen sie alle in ihrem letzten Traum eine graue, immer zur jeweiligen Szenerie passende Gestalt, die alles aus den Träumen löschte, was sie berührte. Und am Ende war der ganze Traum fort, und dann berührte die Gestalt die Träumer selbst, wovon sie aufwachten und seither nicht mehr träumen konnten.

Muy sospechoso, amigos…

Antoine, den wir daraufhin direkt auf die Sache ansprachen, wirkte allerdings ehrlich erstaunt, weil das nie in seiner Absicht gelegen habe. Die Leute sollten einfach nur „schön träumen“, sagte er. Deswegen hatte er Alex ja auch mit genau derselben Bemerkung einen Tiegel roten Honigs geschenkt.

Diesen Honig untersuchte Edward am nächsten Tag in seinem Labor. Seinem richtig gut ausgestatteten Labor. Keinerlei High-Tech, alles Erlenmeyerkolben und Petrischalen und Reagenzgläser und gute alte chemische Handarbeit, aber sehr, sehr umfangreich. Und aufgeräumt. Und überhaupt. Römer und Patrioten, considerame impresionado.

Langer Rede kurzer Sinn, auf rein mundaner Ebene war das Zeug genau das: Honig. Aber da Edward es ja auch und vor allem magisch betrachtete, stellte sich heraus, dass dadurch ein Tor ins Nevernever geöffnet und gewissermaßen eine Kopie der dort vorgefundenen Szene in den Geist des Schlafenden projiziert wird, den dieser dann im Traum betrachten und durchwandern kann. Eigentlich völlig harmlos, ohne Nebenwirkungen und nicht süchtig machend, soweit Edward das beurteilen konnte.

Wir kontaktierten Jack „White Eagle“, der sich nur zu gern von seiner Hippie-Kommune weglotsen ließ, weil dort anscheinend gerade eine Meute nerviger und spirituell hungriger Seniorinnen aufgeschlagen war. Der konnte uns allerdings auch nicht sonderlich viel mehr sagen. Nur, dass er das Zeug genau einmal genommen hatte, seine Traumszenerie irgendwie europäisch aussah und darin kein graugewandeter Radiergummi irgendeiner Art aufgetaucht war. Nach diesem ersten Mal habe er es nicht mehr genommen, und seine Träume seien wieder völlig normal, wie vorher auch.

Edward musste dann aber erstmal schleunigst zur Arbeit. Sein Chef wollte, dass er einem Marshal Schützenhilfe gibt, der in die Stadt gekommen war, um irgendwen zu suchen.
Ahem. Einer Marshal. Alex Martins Schwester, um genau zu sein. Und der Typ, den sie sucht, hängt natürlich voll in unserer Traumfresser-mierda mit drin, aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Wir waren nur alle immer noch in unserer mobilen Standleitung, als Edward auf dem Revier aufschlug, und so konnten wir mithören, dass der Marshal als ‚Dee Martin’ vorgestellt wurde und dass sie einen gewissen Ortego Ruiz suche, der aus dem Zeugenschutzprogramm abgehauen sei.
Eigentlich kein Verbrechen an sich, aber da der Prozess, wegen dessen er ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden sei, in die Berufung gehe und man Ruiz’ Aussage brauche, müsse sie ihn eben finden.

Edward fand später noch raus, dass Ruiz bei den Santo Shango gewesen sei und in dem Prozess gegen die Latin Kings ausgesagt habe. Yay. Naja, wenn ich gegen die Latin Kings ausgesagt hätte, wäre ich aber auch ins Zeugenschutzprogramm gegangen, Römer und Patrioten. Das Bild von dem Kerl, das Edward später herumzeigte, kam Totilas und mir allerdings bekannt vor: Den hatten wir letztens mal bei einer von Pans Partys am South Beach rumhängen sehen, als Pan uns mal wieder zu seiner seiner Feten eingeladen hatte und wir ja schlecht absagen konnten.

Also Pan aufsuchen, claro. Allerdings traf Alex sich erst noch mit seiner Schwester. Sehr niedlich, die junge Dame. Auch wenn sie mich vermutlich ungespitzt in den Boden rammen würde, wenn sie wüsste, dass ich das Adjektiv „niedlich“ mit ihr verbinde. Aber okay, es ist auch gar nicht so wirkich das richtige Wort. Verdammt hübsch. Verdammt attraktiv. Kompetent. Und ziemlich sachlich-kühl, weil sie in der Männerwelt der Marshals ständig allen beweisen muss, dass sie eben nicht niedlich ist.
Warum ich das weiß? Äh. Roberto, Totilas und ich nahmen uns in dem Restaurant einen Tisch in einer anderen Ecke und linsten mal rüber. Mussten doch sehen, wie Alex’ Schwester so ist. Wir wären auch beinahe nicht aufgeflogen, wenn Roberto nicht ständig so auffällig rübergestarrt hätte. Naja. Wir wollten sowieso unabhängig von Alex und Dee gehen.

Pans Party war wieder so eine Sause, wo man ab einem bestimmten Punkt am Strand in die Feenwelt rüberwechselte. Ich frage mich wirklich, ob der gute Pan damit nicht gegen irgendwelche Feengesetze verstößt, wenn er einfach so jeden Normalmenschen, der zufällig auf seiner Party landet, in die Feenwelt lässt. Aber vermutlich kann er sich das leisten, er ist immerhin ein Herzog des Sommerhofes oder sowas, wenn ich das richtig verstanden habe.

Und wer stand neben ihm, in der glänzenden Rüstung eines Feenritters und mit einem Schwert an der Seite, bester Laune und offensichtlich el mejor amigo de Duque Pan? Ihr habt es erfasst, Römer und Patrioten. Señor Ortego Ruiz in voller Lebensgröße.

Sir Anders (genau der Sir Anders, der, wegen dem ich mich mit Edward duellieren musste) war auch da. Uns gegenüber hegte er keinerlei Groll mehr, immerhin war durch das Duell Cassidy Greys Ehre wiederhergestellt, sein resentimiento mir gegenüber aufgehoben, und die Sturmkinder hatte er bei der Auktion auch gewonnen.
(Übrigens erzählte er – mit todernster Miene – dass Ms. Grey entführt worden sei, denn eines Tages sei sie spurlos aus seiner Wohnung verschwunden gewesen, und sämtliche Wertgegenstände mit ihr.
Der Mann ist eine Fee, da gelten strengere Gesetze von Höflichkeit, einem Feenritter lacht man nicht einfach so ins Gesicht, aber ich musste echt an mich halten. Der arme Anders. Kann einem richtiggehend leid tun.)
Jedenfalls war Sir Anders auf Ruiz überhaupt nicht gut zu sprechen. Es gefiel ihm gar nicht, dass der seit neuestem Pans Erster Ritter ist. Denn erstens hat Ruiz wohl vor ein paar Wochen in einem magischen Duell den vorigen Ersten Ritter besiegt und somit ersetzt, außerdem behandelt er Frauen völlig respektlos, und drittens hat er auch noch einen sehr schlechten Einfluss auf Pan, der ja schon sowieso nicht der Stabilste aller Fae ist.

Aber jedenfalls war Ruiz gefunden, und deswegen ging Edward los, um bei Marshal Martin anzurufen und ihr zu sagen, wo sie hinkommen solle. Oh, achja. Irgendwas hatte ich um Ruiz rumhuschen sehen, irgenwas Kleines und Schwarzes und Schattenhaftes. Nur was es war, das konnte ich nicht genauer sehen, und ich konnte dann auch erstmal nicht darüber nachdenken.

Denn Ricardo Esteban Alcazár wurde zu einer Audienz bei einer veritablen Feen-Lady geladen, Römer und Patrioten. Die Frau nannte sich Lady Fire und war – natürlich, sie ist eine Fae! – atemberaubend schön, aber hey. Lady Fire. Flammenhaar und glühende Augen und zu heiß zum Anfassen. Ich hab’s natürlich doch getan. Sie angefasst, meine ich. Zweimal sogar, am Anfang und am Ende. Ich kann ihr ja schließlich den Handkuss nicht verweigern, wenn sie mir ihre Finger hinstreckt. Aber aua, aua, aua. Gut, dass sie nicht darauf bestanden hat, sich während des Spaziergangs, den sie mit mir machen wollte, bei mir unterzuhaken, wie sie das erst vorhatte. Und gut, dass draußen vor ihrem Pavillon ein gut gefüllter Sektkühler in der Nähe stand. Aua.

Wie sich herausstellte, ist die Lady ein großer Verehrer meiner Bücher. Sie kann nur leider nicht so ganz zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Eric Albarn ist derjenige mit den indianischen Vorfahren, nicht ich! Aber hey, welcher Autor kann schon von sich behaupten, dass waschechte Fae zu ihren Fans gehören – und dieser Fan es ihnen auch noch selbst ins Gesicht gesagt hat. Ich war jedenfalls schwer bedruckt, Römer und Patrioten.

Aber ich fürchte, ich habe eine Dummheit gemacht.
Ich erzählte der Lady Fire, dass bald der nächste Band herauskommen wird, und sie meinte doch tatsächlich, sie hätte das Buch schon gelesen! Cólera. Das wird doch noch umgeschrieben. Jedenfalls fuhr mir heraus, es wäre mir eine Ehre und eine Freude, ihr eines zu überreichen, wenn es denn ganz fertig sei. Und hätte mir in genau diesem Moment am liebsten auf die Zunge gebissen, denn was ist die Lady Fire nochmal? Richtig. Eine Fee. Und was mögen Feen gar nicht? Richtig. Geschenke. Toll gemacht, Alcazár.
Ich wollte mich dann noch rauswinden, so ein Buch sei ja gar kein richtiges Geschenk, weil man als Autor ja zig Freiexemplare davon hat, die man unter die Leute schmeißen kann, aber ich glaube, das hat es beinahe eher noch schlimmer gemacht. Wir einigten uns dann aber doch gütlich darauf, dass ich mein Wort selbstverständlich nicht zurücknähme, niemals, und dass die Lady Fire mir ein angemessenes Gegengeschenk machen werde. ¡Madre mía, ayudame!

Über Ortego Ruiz konnten wir dann aber auch noch kurz reden, auch wenn sie bei der Erwähnung dieser ‚Kreatur’ (Zitat Ende) regelrecht zu kochen begann. Sie mag ihn offensichtlich genausowenig, wie Sir Anders das tut, oder noch weniger.

Bis ich von der Lady wegkam, war auch Edward wieder da, mit Alex’ Schwester im Schlepptau. Die konfrontierte Ruiz und forderte ihn auf, zu seiner Aussage im Berufungsprozess zurückzukommen, aber der lachte nur und erklärte, sie könne ja versuchen, ihn zu zwingen. Nützen werde es ihr nichts, weil seine Magie stärker sei als ihre.

Hossa. Alex’ Schwester, magisch? Naja, Alex ist es ja immerhin auch, es sollte mich also eigentlich nicht überraschen.

Oh, und ja. Der Kerl ist tatsächlich genauso frauenfeindlich, wie das alle von ihm gesagt hatten. Das zeigte sich deutlich darin, wie er mit Dee redete. Und noch viel mehr darin, dass er gerade mit einem ohnmächtigen Mädchen aus einem Zimmer kam, als Dee ihn aufhielt. Und mit der marschierte er dann auch einfach weiter, als die Konfrontation vorüber war. Aufhalten konnten wir den cabrón dummerweise nicht. Feengesetze der Gastfreundschaft und so. Und vor allem, der Kerl scheint wirklich verdammt stark zu sein, was seinen magischen Wumms angeht.

Ich meine, immerhin war er bei den Santo Shango, kann also diese Santería-Magie. Hat jetzt als Pans Erster Ritter Feenmacht von dem bekommen. Und nicht zu vergessen diese Schattendinger, die um ihn rumhuschten. Die erkannte Roberto bei dieser zweiten Gelegenheit als sogenannte Oneirophagen. Also Traumfresser, oh ihr Nichtgriechen.

Wie weiter oben schon geschrieben: Eigentlich sind die Viecher völlig harmlos. Das sind kleine Wyldfae, die sich eben von Träumen ernähren, aber halt normalerweise nur hier und da ein bisschen knabbern. Roberto konnte allerdings sehen, dass die Exemplare, die um Ruiz herumhuschten, deutlich größer und besser genährt aussahen als Oneirophagen das sonst tun. Claro, wenn diese speziellen Vertreter ihrer Gattung ja in letzter Zeit ganze Träume fressen, statt nur ein bisschen zu naschen. Was den Opfern übrigens gar nicht gut tut, wusste Roberto. Der muss mal ein Buch über die gelesen haben oder so, der war nämlich glücklicherweise verdammt genau über die kleinen Biester informiert.
Denn wenn so ein Traum mal völlig aufgefressen ist, erholt sich das Opfer normalerweise nicht mehr davon. Es ist dann von seinen Träumen komplett abgeschnitten, und der Mensch muss ja träumen, um zu verarbeiten. Und wenn man das nicht kann, geht man irgendwann daran zugrunde.

Mierda. Wir müssen irgendeinen Weg finden, um den Leuten ihre Träume zurückzugeben.

Zu diesem Zweck wollten wir anderen vier nochmal mit Antoine reden, während Alex indessen Hurricane aufsuchte, um den vor dem derzeitigen Zustand seines Vaters zu warnen und ihn zu bitten, dafür zu sorgen, dass Tanit Pan nicht aufsuche, bis der Ruiz’ Einfluss wieder losgeworden sei. Denn das wäre sonst… nicht lustig. Höchst explosiv, um genau zu sein.

Antoine war von Ruiz übel zusammengeschlagen worden. Er selbst war nicht bereit, gegen Pans Ersten Ritter zu reden – Feenehre und Feenschwüre und so – aber Mrs. Parsen erzählte uns, was los war, während Antoine einen Spaziergang machen ging. Nachdem er von uns gehört hatte, dass es negative Nebenwirkungen gebe, was er so nie gewollt hatte, wollte Antoine sich weigern, seine drei Drogensorten weiter herzustellen. Aber Ruiz verprügelte ihn und erinnerte ihn an seinen Eid dem Sommerherzog – und somit dessen Erstem Ritter – gegenüber. Anscheinend hatten Ruiz und Antoine überhaupt zusammen geplant, diese Traumdrogen zu produzieren und unter die Leute zu bringen, wobei der Fae keinerlei Ahnung hatte, dass sein Kumpel damit irgendwelche Oneirophagen füttern wollte.

Wieder zurück von seinem Spaziergang, erzählte uns Antoine genaueres über die Wirkweise der Drogen. Das ging zum Glück nicht gegen seinen Eid. Es gibt drei Sorten, wie wir ja schon wussten, deren Effekt von unterschiedlichen Reizen ausgelöst wird, die aber dieselbe Wirkung haben. Wie Edward bei der Analyse ja schon herausgefunden hatte, wird tatsächlich kurz ein Tor ins Nevernever, zu wenigen ganz bestimmten Orten, geöffnet und eine Kopie der jeweiligen Szene in den Geist des Träumenden geladen. So kommen vermutlich auch die Oneirophagen in die Träume hinein – denn für normale Träume müssen sie ja auch selbst ein solches Tor in den Geist der Schlafenden hinein öffnen. Und – und diese Information war für uns besonders interessant – wenn man im Nevernever ist und sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befindet, dann kann man sehen, wie sich diese Tore dort öffnen.

Alex ließ sich also von Antoine beschreiben, welche Orte das alles so sein können. Glücklicherweise hat der Fae seine Drogen nur mit fünf verschiedenen Orten verknüpft, und zwar alles solche, die er für interessant, aber grundsätzlich harmlos hielt. Er wollte ja niemandem wehtun.

Und ja, Alex konnte uns hinbringen. Der hat ja da diese Möglichkeiten als Abgesandter von Eleggua. Wir rüsteten uns also entsprechend gegen Feen: mit möglichst viel kaltem Eisen, Schlagringen, Messern und all solchem Zeug. Ich bin heilfroh, dass wir damit nicht auf der Straße angehalten wurden. Die Cops hätten uns garantiert erst mal für eine Straßengang gehalten mit dem ganzen Kram.

Wir einigten uns auf den „Garten der geduldigen Rosen“. Ich hielt den zwar für potenziell zu unübersichtlich, um Traumfresser zu jagen, aber ich wurde überstimmt. Ich weiß auch nicht. Wenn Roberto etwas wirklich will, dann setzt er seinen Kopf irgendwie auch meistens durch. Jedenfalls. Ich sage jetzt nicht ‚Hab ich’s doch gesagt’, aber meine erste Wahl wäre der Rosengarten nicht gewesen.

Er war nämlich verdammt unübersichtlich. Und wir bekamen auf die Glocke. Aber sowas von. Erstmal war es anstrengend genug, die blöden Tore überhaupt zu sehen. Und dann waren diese kleinen Mistviecher von Traumfressern auch noch so richtig verdammt schnell.

Ich mache es kurz. Wir sahen vorher schon ein paar Oneirophagen in dem Garten rumwuseln. Dann ging ein Tor auf, und Alex stellte sich davor und „machte den Gandalf“, wie er es später nannte. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich überrascht war. Jeder hat doch den Herrn der Ringe gesehen. Ich hatte nur Alex bis dahin irgendwie nicht als jemanden auf der Rechnung, der gerne geek references von sich gibt.
Jedenfalls war das Problem, dass Alex den Traumfressern den Weg versperrte. Und somit war er für sie das Ziel Nummer eins. Und die Dinger waren so extrem schnell, das glaubt ihr gar nicht, Römer und Patrioten. Ständig wurde Alex von denen angegriffen und gekratzt, und Edward dazu. Gegenangriffe brachten gar nichts, Eisenmesser hin oder her. Wie auch, wenn die gar nicht erst trafen.

Und dann… Was dann passierte, weiß ich gar nicht so genau. Oder nein. Ich weiß genau, was passierte, ich weiß nur nicht genau, wie.
Ich weiß nur, dass ich die Viecher von meinen Freunden ablenken wollte. Und mir fiel plötzlich ein, dass wir ja im Nevernever waren. In der Feenwelt. Wo so ziemlich alles möglich ist. Also, hm… Ich kann es nicht richtig erklären. …konzentrierte ich mich, und stellte sie mir so plastisch vor, wie ich nur konnte, und plötzlich … war da diese Sahnetorte, ganz genau so, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Über die machten die Oneirophagen sich her, ließen darüber die Jungs in Ruhe, und so konnte uns Alex ungestört ein Tor nach draußen öffnen.

Also gut. Der Ansatz, die Oneirophagen im echten Nevernever zu stellen, war gründlich in die Hose gegangen.
Aber Roberto fiel ein, dass die Viecher im eigentlichen Traum nicht nur jede Gestalt annehmen können, die in die jeweilige Szenerie passte, sondern dort auch der Sprache mächtig sind. Vielleicht könnten wir mit einem von denen ja einfach reden? Sie auf diese Weise davon abhalten, Träume ganz aufzufressen? Solange sie nur ein bisschen knabbern, tun sie ja niemandem weh.

Gute Idee, nur die wollte gründlich geplant werden.
Erstens, wie kämen wir alle zusammen in denselben Traum. Wenn wir alle gleichzeitig die Drogen nähmen und dann einschliefen, würden wir ja alle woanders landen.
Also dürfte nur einer von uns einschlafen, die anderen müssten dann aus dem Nevernever heraus durch das Tor mit dem Oneirophagen zusammen in seinen Traum hüpfen.
Dabei würde Jack helfen können, sagte der, als wir ihn anriefen. Es gäbe da so ein indianisches Schwitzhütten- und Rauchritual, das in seinem Volk angewandt werde, um Traumvisionen zu erschaffen. Das könnte uns bei unserem Vorhaben unterstützen und in die richtige Richtung leiten. Er würde auch schon alles soweit vorbereiten.
Na gut. Nächste Frage: Wer würde einschlafen, in wessen Traum würden die anderen kommen?

Irgendwie meldeten sich alle freiwillig. Alex war als erster raus, denn der würde ja die Truppe körperlich durchs Nevernever führen müssen, der konnte sich nicht schlafen legen. Die anderen drei führten alle noch Gründe an, warum sie jeweils derjenige sein sollten.
Aber am Ende blieb dann euer freundlicher Narrator übrig, Römer und Patrioten, weil einfach die logischsten Gründe dafür sprachen, dass ich es machte.
Die anderen haben alle auf die eine oder andere Weise magisches Talent, das ihnen im Traum entweder erhalten bleiben oder verloren gehen würde. Ich war der einzige, von dem wir wussten, dass ich im Traum mehr können würde als in Wirklichkeit, Sahnetorte erat demonstrandum. Und wenn es gar noch mein eigener Traum wäre, hätte ich darauf hoffentlich sogar noch mehr Einfluss als nur im reinen Nevernever.

Puh. So richtig wohl war mir nicht dabei, das kann ich ja hier in der Privatsphäre meines Tagebuches durchaus eingestehen. Aber ich fand den Gedanken irgendwie trotzdem auch ziemlich spannend.
Weniger spannend fand ich allerdings, dass wir uns für White Eagles Schwitzritual komplett nackt ausziehen mussten. Waffen und Ausrüstung durften wir mit in die Schwitzhütte nehmen, nur anhaben durften wir nichts.

Oh, und ich hatte vorher ein paar Stunden damit verbracht, mich auf den Traum vorzubereiten. Denn damit die anderen meinen Traum aus dem Nevernever heraus finden konnten, musste es ja ein bestimmter sein, und nicht einfach ein beliebiger der fünf möglichen Orte. Wir einigten uns auf die eisige Stadt im Hohen Norden, also setzte ich mich nachmittags hin und schrieb ein Eisgedicht. Weder sonderlich gut noch sonderlich originell, fürchte ich, aber ich bin Romanschriftsteller, kein Poet, verdammt, und um mich in den Eistraum zu bringen, würde es hoffentlich reichen. Gut, dass Alex von Antoine etwas von dem roten Honig zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte und nicht die grünen Pillen. Sonst hätte ich meine gesamte iTunes-Bibliothek nach Schnee- und Winter-thematisierter Musik absuchen müssen, weil die Pillen ja durch Musik getriggert werden und nicht, wie der Honig, durch Poesie. Und irgendwie bezweifle ich, dass es gereicht hätte, eines meiner Snow Patrol-Alben zu hören.

Langer Rede kurzer Sinn: Es klappte. Hütte. Rauch. Sechs schwitzende, nackte Männer, von denen einer sich den Honig einverleibt und dann ein Eisgedicht deklamiert. Naja. Vorliest. Marshal Dee war übrigens glücklicherweise nicht dabei. Die hätte sich zwar vermutlich auch nicht geniert, sich vor uns allen auszuziehen, wenn es die Pflicht erfordert hätte, aber es gab da so das Problem, dass ein gewisser Zeitpunkt im Monatszyklus das Ritual unmöglich macht. Sprich, wenn die Frau ihre Tage hat. Taste hier nicht so um den heißen Brei herum, Alcazár, es liest außer dir eh keiner.
Como quiera que sea, ich schlief irgendwann tatsächlich ein, während Jack noch sein Ritual abzog und indianische Schamanengesänge intonierte, und landete in dieser eisigen Stadt, von der wir schon gehört hatten.
Die anderen tauchten nach einer Weile ebenfalls auf, wie geplant durch das Tor aus dem Nevernever. Da es mein Traum war, imaginierte ich uns als allererstes ein paar winterfeste Klamotten her, dann fingen wir an, uns nach dem Oneirophagen umzusehen.

Es dauerte eine Weile, aber dann sahen wir ihn: Er hatte in diesem Traum, passend zur Szenerie, die Gestalt eines grauen Schneeleoparden angenommen. Totilas war bei dem Versuch, ihn aufzuhalten, etwas zu, hm, forsch. Er stürmte auf den Leoparden zu, so dass der Traumfresser gleich wieder abhauen wollte, aber Alex schloss das Tor, das er sich öffnete. Ich warf ihm einen frisch imaginierten Schneehasen als Futter hin, während wir ihm zuriefen, dass wir doch nur reden wollten.

Und nachdem der Oneirophage die Gestalt eines der hochgewachsenen, schmalen Stadtbewohner angenommen hatte, nur mit grauem Gewand statt einem weißen, gelang das tatsächlich.
Wir erfuhren, dass diese Spezialträume hier für seinesgleichen unermesslich lecker schmecken, gar kein Vergleich mit normalen Träumen. Deswegen können die Oneirophagen sich in Antoines Drogenträumen auch nur schwer zurückhalten und fressen gerne mal den ganzen Traum auf, wenn sie können. Und deswegen könnte es auch schwer werden, sie davon abzubringen, fürchte ich – sag doch mal einem Gourmand bei einer Völlerei, er solle nicht das ganze Buffet vertilgen, sondern sich mit ein paar Happen begnügen.
„Soooo lecker“, schnurrte er, und räkelte sich dabei gegen ein Haus, das prompt verschwand. Und das war gar nicht lustig. Ich kann es gar nicht richtig beschreiben, aber es fühlte sich an wie ein Radiergummi, der mit fiesem Quietschen durch mein Gehirn rubbelte. Das war war ein Teil meiner Vorstellungskraft, die er da fraß!

Außerdem bekamen wir noch aus dem Traumfresser heraus, dass seine Art eine Herrin, eine Mutter, hat. Mit der habe jemand einen Vertrag abgeschlossen, sagte er. Genaueres wisse er nicht, das sei alles zwischen der Mutter und dem Anderen gelaufen. Er komme nur in die Spezialträume und fresse sich satt. Und was er fresse, das bekäme dann der Andere. Aber was der Andere dann damit genau mache, wisse er nicht.

Der Oneirophage erklärte sich bereit, uns zu seiner Herrin zu bringen, wollte dafür allerdings eine Gegenleistung. Er habe doch schon den Schneehasen bekommen, sagte ich, aber das war ihm nicht genug. Er wollte mehr, und zwar etwas Komplexes.

Etwas Komplexes. War ja klar. Also gut. Es hatte mir zwar gar nicht gefallen, wie er vorhin das Haus weggerubbelt hatte, aber es musste nun mal sein.
Ich konzentrierte mich also wieder, wie zuvor bei der Sahnetorte im Nevernever, und imaginierte ihm eine Spieluhr. Die komplexeste Spieluhr, die ich mir ausdenken konnte. Mit vielen Zahnrädern und Federn und Drähten und Stiften. Mit einer Mondphasenanzeige. Mit einer Wetteranzeige. Mit Zinnsoldaten in der Anzahl der jeweiligen Stunde. Mit einem mechanischen Vogel, der zur vollen Stunde die Zeit sang. Viel zu übertrieben, viel zu wuchtig, aber er wollte ja etwas Komplexes.

Und weil es ja mein Traum war, musste ich mich gar nicht groß anstrengen. Ich malte mir die Spieluhr in allen Details aus, und einen Moment später stand sie vor dem Oneirophagen. Der schnurrte einen Moment lang genüsslich und voller Vorfreude darum herum, und dann begann er ganz langsam, sie einzusaugen.

Und, ¡Madre mia!, das tat weh, Römer und Patrioten. Tío, tat das weh. Ich konnte richtiggehend spüren, wie er mir jedes Zahnrad einzeln aus der Fantasie zog. Ich glaube, ich wäre beinahe sogar davon umgefallen, aber ich konnte mich dann doch irgendwie aufrecht halten.

Um mich abzulenken, fragte ich den Traumfresser, der mit sichtlich gewölbtem Bauch dasaß und sich mit der Zunge über die Lippen leckte, ob er eigentlich einen Namen habe.
Das Konzept von Namen kannte er gar nicht, ich musste es ihm erst genauer erklären. Er hatte keinen – natürlich nicht, wenn er vorher nicht mal gewusst hatte, was das überhaupt war – aber er wollte gerne einen haben. Und während ich noch überlegte, was denn ein guter Name für so einen Oneirophagen wäre, nannte Roberto ihn schlicht und ergreifend „George“.

Ich fand das erst fürchterlich albern, ein Feenwesen namens „George“, aber vermutlich war es viel besser so. Wer weiß, mit welchem hochtrabenden Blödsinn ich sonst angekommen wäre, wenn man mich gelassen hätte.

Unser Traumfresser nahm diesen Namen völlig begeistert für sich an und murmelte ihn ein paarmal vor sich hin. Und dann hatte Edward geistesgegenwärtig eine brilliante Eingebung. „Kannst du es nochmal sagen?“, fragte er, und ohne zu zögern antwortete die Fae: „George.“

Hossa. Das weiß ja sogar ich inzwischen, dass der Wahre Name eines Wesens demjenigen, der den Namen kennt, Macht über das Wesen gibt! Wie der Kleine das sagte, hat sich mir regelrecht eingebrannt: Ich glaube, ich werde nicht vergessen, wie er es ausgesprochen hat.

Jedenfalls brachte George uns dann wie versprochen zu seiner Königin. Sobald er aus meinem Traum draußen war, sah er wieder aus, wie die Oneirophagen es alle tun: klein, schwarz, bizarr, spindeldürre Beine. Und er konnte nicht mehr sprechen. Aber es kam mir beinahe so vor, als könnte ich in seinem Geschnatter nun fast so etwas wie Worte erkennen.

Oh, und wir waren nun nicht mehr in meinem Traum, also waren wir auch alle wieder nackt. Yay.

George führte uns durchs Nevernever bis zu einer Höhle, in der viele weitere Traumfresser herumwuselten. Und ganz an deren Ende war ein … Etwas zu sehen. Eine wabernde Gestalt, anscheinend irgendwie aus demselben Stoff gemacht wie die übrigen Oneirophagen, nur … weniger stofflich. Aus ihr heraus blitzten an unterschiedlichen Stellen immer wieder Köpfe auf, verschwanden dann gleich wieder, um in anderer Form anderswo wieder aufzutauchen. Und diese Köpfe redeten mit uns … zeitversetzt. Ganz schön verwirrend im ersten Moment.

Die Königin war voller Hass und Wut auf Ruiz, und sie zeigte uns eine schwere Eisenkette, mit der an die Höhlenwand gekettet war. Aber nicht nur war die Kette aus Eisen und die Ober-Oneirophaga eine Fae, sondern das Schloss – besonders kompliziert und mit mehreren Schlüssellöchern versehen, die sich ständig bewegten – war auch noch magischer Natur. War ja klar.

Und ich glaube, den Schlüssel hatte ich auf Pans Party an einer Kette um Ruiz’ Hals hängen sehen. War ja noch klarer.

Es gelang uns also nicht, diese Kette gleich hier und an Ort und Stelle zu lösen, aber wir versprachen der Traumfresserkönigin, dass wir tun würden, was nur immer in unserer Macht stand, damit sie sobald wie möglich nach Hause zurückkehren könnte. Denn hier gehört sie nicht her, hierher wurde sie von Ruiz gegen ihren Willen beschworen und festgesetzt.
Dann öffnete Alex uns ein Tor in die reale Welt. Eine Moment lang hatte ich echt Angst davor, dass wir nicht in Jacks Schwitzhütte wieder herauskommen würden, sondern irgendwo, wo es ganz besonders peinlich wäre, wenn plötzlich fünf nackte Männer aus dem Nichts aufkreuzen. Aber zum Glück war das nur ein kurzer Moment der Panik, und wir landeten ganz brav wieder auf dem Gelände der Kommune.

Aber als George meine Spieluhr gefressen hat, ist irgendwas mit mir passiert. Seitdem habe ich diese verdammte Schreibblockade. Ich hoffe nur, das geht irgendwann wieder weg. ¡Madre mia!, wie ich das hoffe!

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