Die Geschichte von Stian und Rina (9)

In den folgenden Tagen und Wochen nahmen die beiden Sin’dorei ihren Briefwechsel wieder auf. Stian berichtete von seinen Abenteuern in Stranglethorn, während Riná, die Erfahrenere, ihm von Tanaris und Un’Goro schrieb.
Und eines Tages, als der Schurke sich an den Ruinen von Aboraz mit Zanzils Schergen herumschlug, oder besser: sich gerade für eine kurze Atempause ein Stück von der Ruine zurückgezogen hatte, stand sie plötzlich vor ihm, in voller, überraschender, unglaublich beglückender Lebensgröße.
„Riná! Was tust… Was tut Ihr denn hier?“
Ja, er hatte ihr in seinem letzten Brief geschrieben, dass Crank Fizzlebub aus Booty Bay ihn losgeschickt hatte, um Proben von Zanzils berüchtigter Mixtur einzusammeln, und dass diese Aufgabe keinesfalls eine leichte werden würde (genausowenig wie diejenige übrigens, dem Meeresriesen Gorlash Kapitän Smotts‘ gestohlene Kiste wieder abzujagen. Vor dieser Herausforderung grauste es Stian auch schon. Er hatte Gorlash aus sicherer Entfernung beobachtet, wie dieser am Strand und im Wasser in der Nähe seiner Höhle herumstapfte: massiv und wuchtig, mit grünen Haaren und Bart und garantiert alles andere als bereit, Smotts‘ Kiste einfach so wieder herauszurücken. Aber Stian war ja nicht umsonst ein geschickter Schurke: Vielleicht könnte er sich die Truhe durch Schleichen und Listigkeit aneignen, ohne dass es zu Blutvergießen würde kommen müssen… Hah. Wohl kaum. Aber man konnte ja hoffen – und es zumindest einmal versuchen.)
Aber dass die Priesterin ihn als Folge seines Briefes eigens hier aufsuchen würde, damit hatte er nicht gerechnet.
Ihre Antwort klang ein wenig peinlich berührt.
„Man sagte mir, dass Ihr – also ein Sin’dor, auf den Eure Beschreibung passt – diesen Weg zur Aboraz-Ruine genommen habe. Komme ich ungelegen?“
Stian strahlte die Elfin offen an. „Wie? Oh nein. Nein! Ganz im Gegenteil. Ich bin beinahe fertig hier.“
„Dann helfe ich Euch beim Rest Eurer Aufgabe.“

Dieses Angebot nahm der Schurke gerne an, und mit Rinás Hilfe waren die letzten beiden Proben von Zanzils Mixtur schnell gefunden. Anschließend wollten die beiden Sin’dorei eigentllch nach Booty Bay zurückkehren, aber unterwegs wurde Stian von einem jungen Paladin angesprochen, ob er diesem vielleicht gegen die Küstenpiraten helfen könne.
„Geht Ihr nur“, sagte Riná, „ich reite solange schon voraus nach Booty Bay. Ich warte im Gasthaus auf Euch.“

Die Hilfe war recht schnell gewährt – zu zweit ging es einfach wesentlich schneller, die Piraten zu besiegen -, und nachdem der Paladin sich von Stian verabschiedet hatte, ritt dieser im Eiltempo zurück nach Booty Bay.
In der Gaststube der Taverne zum Salzigen Seemann war die junge Elfin nicht, aber er fand sie zwei Etagen höher vorne auf dem Vorderdeck des ehemaligen Schiffes.
„Nun, wie lief es?“, erkundigte sich Riná, und Stian berichtete kurz. Gemeinsam lehnten sie an der Reling und blickten hinaus auf die sonnenbeschienene Bucht und das bunte Treiben auf den hölzernen Planken des Seemannsstädtchens unter ihnen.
Sie redeten nicht viel – Worte schienen kaum nötig, wie sie da so einträchtig nebeneinander standen -, bis Riná unvermittelt sagte: „Würdet Ihr mir bitte folgen, Stian?“
„Barfuß durch die Wüste“, erwiderte er prompt, und Riná lachte. „Ganz so weit müssen wir nicht“, erklärte sie und führte den Schurken aus dem Gasthausschiff hinaus bis zum Haus von Grarnik und Xizk Goodstitch, wo die beiden Goblin-Brüder eine Schneiderwerkstatt und einen Handel in Schneidereibedarf betrieben.

Als sie das Geschäft betraten, wurde Stian endlich so ungefähr klar, was die ganze Aktion bezwecken sollte. Denn schon bei einem ihrer letzten gemeinsamen Abende in Silvermoon hatte Riná ihn irgendwann gefragt, ob er denn keine andere Kleidung besäße als die Kluft, in der er auf Abenteuer auszog. Stian, dessen Vorstellung von „Feinmachen in der Hauptstadt“ bislang hauptsächlich darin bestanden hatte, Waffen, Umhang, Schulterstücke, Handschuhe und Armschienen abzulegen und nach einem ausgiebigen Bad natürlich Unterwäsche und Hemd zu wechseln, aber ansonsten anschließend wieder in seine übliche Ledermontur zu steigen, hatte verlegen gegrinst und verneint. Eigentlich, fand er, standen ihm seine dunkelblauen Ledersachen recht gut…

Riná allerdings schien offenbar anderer Ansicht – oder zumindest schien sie zu denken, dass ein Satz Lederkleidung, selbst wenn diese farblich aufeinander abgestimmt war und noch so gut an ihm aussehen mochte, nicht reichte.
Und so bat sie den jungen Schurken zu warten, während sie mit den Brüdern Goodstitch sprach und sich dann an Grarniks Arbeitstisch mit Schere, Nadel und Faden zu schaffen machte. Einige Zeit später überreichte die Priesterin Stian ein ganzes Bündel mit Kleidern: einen richtigen Smoking, komplett aus Hemd, Hose und Jackett, ein weißes Leinenhemd, ein formelles weißes Hemd, eines, dessen Bezeichnung „stilvolles rotes Hemd“ lautete, eines, das offiziell“orangefarbenes Kampfhemd“ hieß, obwohl es mehr braun und weiß als orangefarben war, und schließlich ein schwarzes Schwadroneurshemd – auch wenn das eigentlich nicht als schwarz, sondern als dunkelblau bezeichnet werden musste.
Natürlich musste der Blutelf die Sachen gleich anprobieren: Ein Stück nach dem anderen zog er hinter Grarniks Webstuhl an und kam wieder heraus, um sich bewundern – oder auslachen? – zu lassen.

Aber letzteres hätte er nicht zu befürchten brauchen. Riná sah ihn mit jedem neuen Kleidungsstück am Körper lange prüfend an und bedeutete ihm dann, sich im Kreis zu drehen. Das tat Stian langsam und mit einem Lächeln im Gesicht (auch wenn ihm eine solche Modenschau zutiefst fremd war und er sich mehr als nur etwas seltsam dabei fühlte), und als er das letzte Stück – den Smoking in seiner Kombination – auf diese Weise vorgeführt hatte, bedachte er die Priesterin mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue. „Und?“
Riná lächelte. „Stian, Ihr seht wirklich toll aus!“ befand sie – und wurde blutrot, kaum dass sie es gesagt hatte.

Der Schurke grinste sie breit an – auch wenn ihm persönlich der Smoking viel zu formell und das Schwadroneurs- und das Kampfhemd viel eher seine Kragenweite waren – und nickte nachdenklich.
„Jetzt muss sich nur noch eine Gelegenheit finden, bei der ich diesen ganzen feinen Zwirn auch tragen kann… Im täglichen Leben sehe ich mich noch nicht so recht darin.“
Aber vor Stians geistigen Auge blitzte tatsächlich ein passender Anlass auf – so ziemlich der einzige Anlass, zu dem er sich in einem solchen Anzug halbwegs wohlfühlen würde… Die Bilder wirkten fast real, er im Smoking, Riná neben sich, in einem weißen Kleid, einen Strauß Blumen in der Hand…
Aber diesen Gedankengang verdrängte der junge Elf ganz schnell. Das war eine Sache, von der er nicht einmal zu träumen wagte…
Riná schien zu ahnen, welche Vorstellung er da gerade mit solcher Macht unterdrückt hatte, denn ihre Röte vertiefte sich noch.

„Ich danke Euch“, sagte Stian einfach, aber von Herzen. „Ich danke Euch sehr. Ich habe leider nichts, mit dem ich mich gebührend revanchieren kann… Aber wenigstens eine Kleinigkeit kann ich Euch doch geben.“
Denn die trug er schon eine ganze Weile mit sich herum und wartete nur auf eine passende Gelegenheit.
Als Riná ihn fragend ansah, drückte Stian ihr ein kleines Medaillon in die Hand. „Ein Glücksbringer. Ich habe ihn in Stonetalon gefunden. “ (Einem Arbeiter der Venture Company aus der Tasche stibitzt, um genau zu sein, aber das musste Riná ja nicht wissen.) „Ich glaube zwar nicht an diesen ganzen Kram, aber nehmt ihn einfach als wertfreies Andenken. Und vielleicht bringt es ja doch ein wenig Glück und beschützt Euch, wenn ich nicht da bin, um es selbst zu tun.“

Die Priesterin nahm das Geschenk lächelnd entgegen, und der Schurke sprach weiter. „Und das hier…“
Mit einer schwungvollen Bewegung holte er eine langstielige rote Rose hervor und überreichte sie der Sin’dorja mit einer galanten Verbeugung. „Auch nichts von materiellem Wert, fürchte ich. Aber von ideellem, wie ich hoffe. Eine wunderschöne Rose für eine wunderschöne Dame.“

Der Blutelf wunderte sich flüchtig über sich selbst – so eloquent war er wirklich nur in Rinás Gesellschaft.
Er hatte kein allzu schlechtes Gewissen ob der Tatsache, dass sie ihn so reich beschenkt hatte und er sie nicht: Zum einen hatte er seinem allerersten Brief an sie – dem Entschuldigungsbrief nach dem kurzen, missglückten Treffen beim Kloster – als Zeichen seiner Zerknirschung einen selbstgefertigten Ring beigefügt, und zum anderen war, seit Riná ihn gefragt hatte, ob er das „edelsteinbesetzte Band“ beherrsche (denn dieses könne sie, wie alle Gegenstände, die ihre Heilkünste unterstützten und verstärkten, gut brauchen) und er bedauernd hatte verneinen müssen, Stians ganze Juwelierskunst darauf ausgerichtet, diese Anleitung irgendwo zu erstehen und die Herstellung des Ringes zu lernen. Gut genug dazu war er, jetzt musste er nur noch irgendwo die Anleitung finden. Leider gab es diese nur so selten zu kaufen – aber eines Tages, schwor er sich, eines Tages würde er für Riná ein edelsteinbesetztes Band anfertigen. Das oder auch alles andere, was ihr beim Heilen nützen würde, ob Ring oder Kette. Irgendwann…

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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