Miami Files – „Summer Knight“ 4

22. Juni. Mittsommer ist vorüber. Und ich habe Geburtstag. Nicht, dass mir groß nach Geburtstag wäre. Einfach nur durchatmen. An nichts denken, nichts tun. Überlegen, was ich alles tun muss, um die Wohnung wieder instand gesetzt zu bekommen, kann ich morgen.

Wohnung wieder instand gesetzt? Oh ja. Die verbrannten Handgelenke waren ja nicht genug.

Im Krankenhaus entließen sie mich am nächsten Morgen mit der ärztlichen Ermahnung, ich solle meine Hände schonen. Keine Arbeiten mit Werkzeugen, kein Tippen auf einer Tastatur, kein längeres Schreiben mit der Hand. Ähem. Wenn die wüssten. Memo an mich: Diktaphon. Falls mich wieder mal eine wahnsinnige menschenweltfremde Feen-Lady retten will.

Roberto und ich teilten uns ein Taxi, meine Wohnung ist ja nur ein kleines Stück weiter als sein Laden. Er war also schon ausgestiegen, als das Taxi mich zuhause ablieferte… und ich gleich den nächsten Schock erlebte. Mein Gebäude, abgesperrt und menschenleer. Brandgeschwärzte Fassade. Nasse Asche. Deutliche Zeichen einer großangelegten Löschaktion. Viertes Stockwerk. Meine Fenster. Meine Wohnung. O Madre mia. Yolanda und Alejandra!

Ein neugieriger Nachbar aus dem Nebenhaus wusste mehr, oder meinte mehr zu wissen. Es sei ein Wohnungsbrand gewesen. Ach. Ein ziemlich merkwürdiger Wohnungsbrand, vielleicht Brandstiftung? Die Feuerwehr habe das ganze Haus evakuiert, ausnahmslos, auch wenn es nur in der einen Wohnung gebrannt habe. An der Tür hing ein deutliches „Betreten Verboten“-Schild und ein Hinweis mit einer Telefonnummer, wo man sich informieren könne.

Ich war zu geschockt, um hochzugehen, zumal der Nachbar mich am Ärmel festhielt und darauf bestand, ich könne da jetzt nicht rein. Also stolperte ich die Lincoln Street runter zu Robertos Bótanica, wo der mir erst mal einen Stuhl unterschob und mir was zu trinken in die Hand drückte. Dann rief ich die Feuerwehr an.

Es hatte keine Toten gegeben, gracias a Dios. Allerdings waren Yolanda und Alejandra auch nicht unter den Menschen gewesen, die aus dem Haus evakuiert worden waren. Meine Wohnung hatte man brennend, aber leer vorgefunden. Den nächsten Anruf wollte ich nicht machen, wollte meine Eltern nicht beunruhigen, aber ich musste. Mamá hatte die beiden aber auch nicht gesehen, wusste nur, dass Yolanda zum Babysitten hatte kommen wollen, und ich fürchte, sie muss aus meiner Stimme irgendwas herausgehört haben. Aber glücklicherweise nagelte sie mich nicht darauf fest.

Danach, als ich völlig geschockt dasaß und kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, weil sich alles in meinem Kopf wie wild drehte, trommelte Roberto die anderen zusammen (mit Ausnahme von Alex, der war noch außer Gefecht). Totilas erzählte, er habe abends noch mit Sir Anders geredet und ihn natürlich über die neuesten Ereignisse informiert. Was dazu führte, dass der Sidhe, als er hörte, dass (und wie) wir aus Pans Kerker entkommen waren, als loyaler Ritter seines Herzogs dazu verpflichtet war, den geflohenen Gefangenen wieder zu seinem Herrn zu bringen und diesen vor allem von Lady Fires Verrat zu berichten. Dass Pan von unserer Gefangensetzung mit ziemlicher Sicherheit gar nichts wusste und das alles auf Ruiz‘ Mist gewachsen war, dass wir zu Marshal Dees Schutz und Rettung gehandelt hatten, spielte dabe gar keine Rolle. Eid war Eid und Pflicht war Pflicht. Immerhin durfte Sir Anders diese Pflicht so auslegen, dass er Totilas darüber informierte, was er jetzt zu seinem großen Bedauern tun müsse, und dem so die Gelegenheit gab, davonzulaufen.

Edward sah ziemlich erledigt aus, fast noch mitgenommener als am Abend zuvor, aber irgendwie auch ziemlich zufrieden. Katzen-Kanarienvogel-zufrieden, um mal ein etwas abgenutztes Bild zu bemühen.
Cherie war die Nacht über bei ihm gewesen, rückte er etwas widerwillig heraus. Viel mehr gab er nicht preis, nur etwas von wegen dass sie verletzt gewesen sei und seine Hilfe gebraucht habe.
Ah ja. Verletzte White Court + ausgepowerter, aber gutgelaunter Cop + Nacht. Reicht schon.

Jedenfalls unterrichtete Edward seine Dienststelle über den Brand und brachte es fertig, sich den Fall zuteilen zu lassen. Jetzt durfte er ganz offiziell an den Tatort – und uns mitzunehmen, obwohl wir Zivilisten waren, würde ihm auch keiner verwehren.

Meine Wohnung war nicht völlig irreparabel zerstört, gracias a Dios. Gebrannt hatte es eigentlich vor allem im Flur und von dort ausgehend im Wohnzimmer. In den anderen Zimmern hatten die Löscharbeiten der Feuerwehr den meisten Schaden angerichtet. Vor allem mein Arbeitszimmer sah so aus, als wäre noch etwas zu retten. Alles nass, ja, die meisten Bücher werde ich ersetzen müssen, und einen neuen Computer brauche ich auch, fürchte ich, aber die Manuskripte und Skizzenbücher und alles sind wenigstens noch da. Und mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit lassen sich die Daten von der Festplatte wiederherstellen. Sowas geht ja heutzutage ganz gut. Oh, danke, danke, danke.

Mein erster Instinkt schrie ‚Ruiz‘. Der Brand war laut den Angaben der Feuerwehr ausgebrochen, nachdem wir ihm entkommen waren. Auf jeden Fall genug Zeit für den cabrón, um sich Yolanda und Alejandra zu schnappen. Aber woher hätte er von den beiden wissen können? So gut kennt er mich und meine genauen Familienverhältnisse hoffentlich nicht.

Als ich mich genauer umsah, fand ich am Türpfosten ein Brandmal in Form und Größe einer Kinderhand, und auch in der Höhe, die für ein sich anlehnendes Kind normal wäre. Eines von Lady Fires Feuerkindern vielleicht? Das nicht über die Schwelle kommen konnte, deswegen draußen blieb und direkt am Eingang den Brand verursachte, der sich dann weiter in die Wohnung und den Flur hinein ausbreitete? Aber warum? Ob eines der Feuerkinder die Lady Fire verraten hatte und nun mit dem cabrón zusammenarbeitete?

Aber auch diese Theorie passte nicht richtig. Die beiden mussten zumindest aus eigenem Antrieb die Wohnung verlassen haben, denn sowohl Alejandras Teddybär als auch Yolandas Handtasche fehlten.

Bei unserer Befreiung hatte Lady Fire etwas gesagt, das ich in meinem Zustand gar nicht richtig realisiert hatte, das uns aber jetzt wieder einfiel und vor allem Roberto enorme Sorgen bereitete. Während sie ihren Wachen aufgetragen hatte, uns aus dem Palast und in Sicherheit zu bringen, war die Lady selbst mit den Worten, man könne das nicht länger dulden und sie werde endlich etwas unternehmen, davongerauscht.

Roberto war nun derjenige, der auf den Gedanken kam, dass ich Ruiz vielleicht unwissentlich direkt in die Hände gespielt hatte, als ich mich den beiden Feenwächtern zu erkennen gab und so dafür sorgte, dass Lady Fire uns befreien kam. Denn warum hätte der cabrón wohl sonst ausgerechnet zwei von Lady Fires Rittern zu unserer Bewachung heranziehen sollen, um nicht genau dieses Ziel zu erreichen?

Und nun war die Lady vielleicht tatsächlich gerade im Begriff, irgendetwas Übereiltes zu tun, auf das Ruiz nur wartete. Mierda. Wir mussten sie erreichen.

Was gar nicht so leicht werden würde. Außer… Sie hatte doch mein neues Buch gelesen, hatte sie erzählt. Das musste sie ja von irgendwo gehabt haben, und nur Sheila und Norman kennen das Manuskript zu diesem Zeitpunkt. Also rief ich einfach Norman an und fragte ihn, was es mit Lady Fire auf sich habe. Sie sei eine seiner regulären „Probeleserinnen“, vor allem meiner Romane, erklärte er. Coléra. Ich wusste gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt. Er hatte von ihr allerdings nur die E-Mail-Adresse, nichts sonst.

Etwas Suchen verknüpfte lady.fire@gmx.com mit der Adresse eines Ladens namens „Fiery Places“. Deren Eigentümerin, eine Feuerkünstlerin, nannte sich auch „Lady Fire“ und stellte sich – keine große Überraschung – als Kontaktperson der Fae in unserer Welt heraus und war bereit, der Lady eine Nachricht von uns zukommen zu lassen (sie schickte zu diesem Zweck eine kleine, beschworene Flamme los). Während wir warteten, kauften wir Christine auch noch einige nützliche Dinge ab: Roberto ein Buch und ich eine Feuerschutzsalbe. Falls die Lady Fire mal wieder mit mir spazieren gehen will. Meinen Armen hätte allerdings nicht mal die geholfen, fürchte ich. Au. Verdammt.

Nach einer Weile erschien nicht die Lady Fire, sondern eines ihrer Flammenkinder. Das meinte, seiner Herrin sei es gerade unmöglich, uns zu treffen, da sie das Ritual nicht unterbrechen könne. Was für ein Ritual? Na das aus meinem Buch, das, mit dem man Titania beschwört!

Äh. Wenn dieses Tagebuch ein Comic wäre, dann stünde jetzt hier eine Sprechblase mit drei Punkten drin, über einem gezeichneten Cardo, dem die Kinnlade heruntergeklappt ist.

Einen Moment lang war ich wortwörtlich sprachlos, während all die Implikationen durch mich hindurchrasten. Yolanda!! Aber das Ritual existierte doch gar nicht. Aber Lady Fire hatte ja schon bewiesen, dass sie nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden konnte. Wenn sie daran glaubte, es mit völliger Selbstverständlichkeit durchzog, dann existierte es vielleicht doch, und dann… Yolanda!

Aber das Feuerkind beruhigte mich (oder versuchte es. Hah.) Nein, nein, die Lady verwende nicht meine Schwester als Gefäß für Titania, sondern meine Tochter. O Dios. Noch schlimmer!
Das Flammenkind verschwand also mit meiner eindringlichen Bitte an Lady Fire, Alejandra zu verschonen, weil eine solche Prozedur irreparable Schäden bei einem Menschen hinterlassen könne.

O Dios. Dass wir sofort zu Pans Palast mussten, war klar. Aber der Weg dahin dauerte mir viel zu lange, und ich war froh, dass ich nicht selbst fahren musste. Das hätte unter Garantie einen Unfall gegeben. Und Robertos blöder Spruch von wegen „was musst du deine ausgedachten Rituale auch so ausführlich beschreiben!“ half da komischerweise irgendwie auch kein Stück.

Am Strand, aber schon im Nevernever, führte Edward ein Ritual durch, um George herbeizurufen – er hatte sich dessen Wahren Namen offensichtlich ebenfalls gemerkt. Der wollte natürlich wieder mal eine Gegenleistung… aber nachdem er schon die ganze Filmszene aus „Legende“ bekommen hatte, war ich nicht gewillt, und in meinem aufgewühlten Zustand vielleicht noch nicht mal fähig, ihm etwas Größeres zu geben als einen Muffin. Der tat immerhin noch nicht mal weh. Aber demnächst bekommt der kleine burro rohes Gemüse und Vollkornkekse, wenn das so weitergeht!

George führte uns wieder durch die Schatten, in ebenso undurchdringlicher Finsternis und mit ebenso beunruhigender Geräuschkulisse wie zuvor. Wir kamen in dem Bereich heraus, den wir schon kannten – und das erste, was wir bemerkten, war Kampflärm. Da war eine riesige Flammenwand, hinter der sich Lady Fires Wachen verschanzt hatten und sich gegen Ruiz und etliche von Pans Gefolgsleuten zur Wehr setzten. Uns hatte George glücklicherweise hinter der Feuerbarriere abgesetzt, zwischen dem Kampfgeschehen und Lady Fires Tür.

Auf unser Klopfen reagierte niemand, was uns aber nicht davon abhielt, den Raum trotzdem zu betreten. Und da wurde auch klar, warum wir keine Aufforderung zum Eintreten bekommen hatten: Die Lady Fire war beschäftigt. Damit beschäftigt, die Sommerkönigin herzubeschwören. In meine Schwester, wohlgemerkt, denn die stand mit in dem Kreis, mit resigniert-gefasst-entsetztem Gesichtsausdruck. Offensichtlich hatte Yolanda sich freiwillig bereiterklärt, an Alejandras Stelle zu treten, oder Lady Fire war auf meine Bitte hin selbst umgeschwenkt. Egal, wie es gewesen war, es musste aufhören!

Keine Ahnung, wie oft die Lady schon „Titania!“ gerufen hatte. Aber offensichtlich noch keine dreimal, denn noch war die Königin aller Sommersidhe nicht hier.
Ich wusste, es war vermutlich keine gute Idee, aber ich rief die Lady an, unterbrach ihr Ritual. Ich konnte und wollte einfach nicht zulassen, dass Titania in meine Schwester hineinfuhr und diese übernahm. Im Roman mochte das spannend gewesen und für Catherine Sebastian gut ausgegangen sein, aber das hier war eben kein Roman, verdammt!

Roberto und ich versuchten alle möglichen Argumente. Dass es nicht funktionieren würde, weil es ohnehin nur ausgedacht war, wie Totilas Lady Fire erklären wollte, stellten wir erst einmal hinten an, das würde die Feuerfae vermutlich nicht so schnell verstehen. Also lieber Gründe wählen, die ihr vielleicht logischer erscheinen würden. Dass eine solche Besessenheit Yolanda ziemlichen Schaden zufügen könnte. Dass Königin Titania vermutlich überhaupt nicht amüsiert darüber sein würde, einfach so weggerufen zu werden von was auch immer sie gerade tat. Überhaupt – es war Mittsommer: Vermutlich war das, was ihre Majestät gerade tat, sogar ziemlich wichtig für den Sommerhof!

Aber die Lady Fire war nicht zu überzeugen. Im Gegenteil: Sie war selbst verdammt überzeugend, als sie erklärte, dass die Übernahme Yolanda nicht schaden werde und dass das die einzige Möglichkeit sei, Pan und Ruiz in die Schranken zu weisen. Und dann sah sie mir in die Augen und bat mich, ihr zu vertrauen. O cólera. Verdammte Weiber und ihre treuen Rehaugen – selbst wenn selbige Rehaugen glühende Flammen sind und deren Besitzerin einem gerade am Tag zuvor die verdammten Handgelenke weggebrannt hat!

Ja, verdammt. Ich vertraute ihr.

Nur Yolanda… O Dios. Yolanda. Ich wäre ja selbst in den Kreis, hätte mich statt meiner Schwester von Titania besetzen lassen… aber ich war mir sehr sicher, dass die es noch viel weniger lustig finden würde, in einen Mann hineinzufahren.

Roberto hingegen… Roberto hat ja durch seine Santería-Zauberei Erfahrung mit solchen Übernahme-Geschichten. Und seine Santería-Schutzpatronin, Orisha oder wie die das nennen, ist ja, wenn ich das richtig verstanden habe, die Heilige Jungfrau Maria, und die hat ihn auch schon das eine oder andere Mal mit ihrem Geist erfüllt. Was vermutlich auch der Grund ist, warum Roberto diese, hm, ziemlich deutliche weibliche Seite hat (und auch ziemlich oft raushängen lässt), wenn ich mir das so recht überlege.

Jedenfalls betrat er, während ich noch zögerte, den Kreis und tat auch irgendwas, um sich selbst zum attraktiveren der beiden potentiellen Ziele darin zu machen. Und es gelang: Die Sommerkönigin fuhr tatsächlich in Roberto hinein.

In exakt diesem Moment ging die Tür wieder auf, und Pan und sein cabrón von Erstem Ritter stürmten herein. Ruiz hatte diese verdammten goldenen Pistolen in der Hand und wollte auf Titania schießen, aber der Sommerherzog fiel ihm in den Arm. Und dann sprach die Königin ein Machtwort, und alles hing sofort, und ich meine sofort, an ihren Lippen.

Ihre Majestät machte keinerlei Hehl aus ihrem Unmut darüber, einfach so herbeizitiert worden zu sein, aber darüber werde sie sich mit Lady Fire gesondert unterhalten, sagte sie. Als Lady Fire ihr den Grund für die Beschwörung nannte, erklärte Titania, sie habe keinerlei Lust, diese Entscheidung selbst zu treffen. Sie gebe diese statt dessen in die Hände der ‚Ritter von Miami’… und zeigte auf uns bei diesen Worten. Überdies stehe es Pan an, sich bis zu der Entscheidung einen Ersten Ritter zu suchen, der für dieses hohe Amt besser geeignet sei – und außerdem sei es Mittsommer und der Winter im Begriff anzugreifen. Und mit diesen Worten verschwand sie. War einfach fort. Und wir standen da wie vor den Kopf geschlagen.

Hossa. Wir sind also jetzt die Ritter von Miami?!?

Ruiz wartete gar nicht ab, wie Pan jetzt reagieren würde, sondern haute einfach ab. Totilas wollte ihn daran hindern, aber der cabrón hatte noch immer seine Revolver in der Hand und setzte Totilas mit einem dieser Sonnenstrahlen außer Gefecht.

Ich gebe zu, ich war mehr als überreizt und nervös. Ich blaffte Pan an, er müsse doch jetzt endlich handeln. Das war nur dummerweise die völlig falsche Strategie, denn darauf reagierte der Sommerherzog nun gar nicht gut. Es war Edward – ausgerechnet! – der Pan davon überzeugte, dass Ruiz im Angesicht des Angriffs durch den Winter wie ein Feigling geflohen sei, während sein Lehnsherr ihn brauchte.

Soweit so gut. Der cabrón war also nicht mehr der Erste Ritter. Aber nun brauchte der Herzog einen neuen. Und dreimal dürft ihr raten, wer das wurde, Römer und Patrioten.

Alex war nach der Nacht im Krankenhaus zuhause geblieben, um sich zu erholen. Totilas war ausgeknockt. Roberto hatte noch ein wenig an den Nachwirkungen der Besessenheit durch Titania zu knabbern, und Edward war nach seiner Nacht mit Cherie auch nicht groß auf der Höhe. Außerdem hätten sich ihre speziellen Fähigkeiten nicht mit der Feenmagie vertragen, die ein Erster Ritter der Fae automatisch übertragen bekommt. Es ging nicht anders. Nur ich blieb übrig.
Ich leistete Pan also diesen Eid, den ein Erster Ritter seinem Lehnsherren leisten muss, aber mit dem Zusatz, dass es nur vorübergehend sein würde, bis wir einen Nachfolger gefunden und ich diesem friedlich das Amt übergeben hätte. Trotzdem war mir alles andere als wohl dabei. Aber ich war jetzt der Erste Ritter. Mierda.

Eigentlich hätte Pan jetzt jedes Recht gehabt, mich zum Krieg gegen den Winter abzukommandieren, aber glücklicherweise hielt er es doch für wichtiger, dass ich dem cabrón das Schwert und den Mantel wieder abjagen sollte, die dieser ja beide auf seiner Flucht mitgenommen hatte.

Ruiz hatte sich von den Oneirophagen wegbringen lassen, über die er ja noch immer die Gewalt besaß. George war als einziger nicht mit ihm mitgegangen, und so führte der uns jetzt – ohne Gegenleistung, man mag es kaum glauben, aber es ging ja auch um die Befreiung der Mutter – dem Verräter hinterher.

Wir landeten wieder in derselben alten Autowerkstatt. Aber diesmal hatte der cabrón kein wehrloses Opfer, an dem er sich vergehen konnte. Statt dessen trafen wir auf eine wüste Schälgerei: Marshal Dee hatte offensichtlich schon auf ihn gewartet und ihn konfrontiert.

Natürlich konnten wir sie nicht alleine gegen den Mistkerl kämpfen lassen, sondern sprangen ihr zur Seite. Mit seiner absolut selbstsicher vorgetragenen Behauptung, wir hätten die Traumfresser-Mutter schon befreit, konnte Totilas Ruiz immerhin so lange verwirren, dass Edward versuchen konnte, dem cabrón die Waffen abzunehmen. Die Pistole konnte er ihm auch entreißen, das Sommerschwert aber dummerweise nicht. Mit dem ging Ruiz auf mich los, und ich hatte alle Mühe, seinen Angriffen auszuweichen. Immerhin machte er sich so gegenüber Dee verwundbar, der es gelang, Ruiz einen wohlplatzierten Tritt gegen das Kinn zu verpassen. Der cabrón fiel um wie ein Sack Reis, war sofort außer Gefecht. Dennoch hätte sie noch weiter auf ihn eingeprügelt und ihn vielleicht sogar totgeschlagen, wenn nicht Roberto und Edward eingegriffen hätten. Vor allem von Roberto ließ sie sich zurückhalten, denn der wirkte nach seiner Übernahme durch Titania noch immer sehr weiblich, und auf Männer war Marshal Dee in diesem Moment gar nicht gut zu sprechen. Was ich verstehen konnte, mich aber irgendwie auch ziemlich frustrierte. Mierda.

In diesem Moment, als der Kampf vorüber war und Ruiz am Boden lag, bemerkte ich auch erst, dass meine Handgelenke gar nicht mehr wehtaten. Und als ich vorsichtig unter die Verbände linste, waren die Brandwunden tatsächlich verheilt. Hatte es also doch einen Vorteil, der Erste Ritter eines Sommerherzogs zu sein. Nur die Narben waren noch da. Aber das wäre ja auch zu viel zu erwarten gewesen.

Jetzt, wo Ruiz außer Gefecht war, nahm ich ihm das Schwert und den Mantel des Ersten Ritters ab, während Totilas ihm den Schlüssel vom Hals zog. Dee versprach uns, dass sie sich wieder unter Kontrolle hatte und auf den cabrón aufpassen würde, bis der Krankenwagen kam und sie ihn den Behörden übergeben konnte.

George brachte uns indessen zu seiner Königin, wo Totilas das magische Schloss öffnete. Man konnte der Ober-Oneirophaga richtiggehend die Erleichterung anmerken, ganz gleich wie fremdartig sie war, allein daran, wie sie sich im Moment ihrer Befreiung genüsslich ausdehnte, gewissermaßen ihre Wolkenform reckte und streckte. Und sie war unglaublich fremdartig. Denn in ihrem Recken und Strecken dehnte sie sich derart aus, dass sie auch über uns hinwegfloss, uns in ihre Präsenz einhüllte, und das war… Madre mia. Sehr, sehr eigenartig und überhaupt nicht angenehm.
Aber es dauerte nur einen Moment lang, dann zog sie sich wieder zusammen und verschwand durch die Risse im Boden, vermutlich zurück zum Äußeren Rand, wo sie eigentlich hingehörte.

Als wir zu Pans Palast zurückkamen, war die Auseinandersetzung Sommer gegen Winter in vollem Gange. Das passierte vor allem draußen am Strand, wo die Sturmkinder Tanits Drohung wahrmachten und Pans Streitmacht einen mehr als heftigen Denkzettel verpassten. Dem gingen wir lieber aus dem Weg (nicht dass Pan noch auf die Idee kam, sein neuer Erster Ritter könne sich jetzt, wo Ruiz erledigt war, doch noch an dem Kampf beteiligen) und verzogen uns auf die reale Seite des Strandes.

Denn unterwegs hatten wir darüber nachgedacht, wer sich wohl als mein Nachfolger in Pans Diensten eignen würde, und hatten aus unterschiedlichen Gründen Sir Anders und Marshal Dee verworfen. Aber wie wäre es mit dem Surfer, der uns sein Handy geliehen hatte?
Wir fanden den Jungen tatsächlich am Strand, und nach ein wenig Überzeugungsarbeit erklärte er sich auch dazu bereit, den Job anzunehmen. Puuuuh. Erste Hürde geschafft.

Aber es stand ja auch noch unsere Entscheidung über den Sommerherzog von Miami aus. Wir waren uns alle einig, dass Lady Fire es nicht sein konnte. Ja, sie hatte uns geholfen, und ja, wir waren ihr sehr dankbar dafür, dass sie uns befreit hatte und alles, aber sie war einfach zu weltfremd, zu… feeisch. Sie würde die Stadt ins Chaos reißen und es nicht einmal merken. Die unglaubliche Hitzewelle, die allein durch ihre Gegenwart in der Stadt ausgelöst worden war, zeigte das schon allzu deutlich.

Wir bestätigten Pan also im Amt, was Lady Fire mit extremem Missfallen quittierte und beleidigt mit ihrem Gefolge aus der Stadt abzog. Cólera. Ich hoffe, sie ist nicht nachtragend, aber ich befürchte ganz anderes. Und ich habe ihr ja auch noch ein Exemplar von Faerie Storm versprochen, sobald es fertig ist… O madre mia, ayudame. Wie ich ihr das zukommen lasse, und wie dann die Begegnung mit ihr wird, muss sich zeigen. Um es in Comic-Sprache zu sagen, schluck.

Colin, der Surfer, trat übrigens tatsächlich meine Nachfolge an. Dazu musste er mich natürlich in einem Duell besiegen. Wir wählten ‚Waffen‘, und als Waffen die bloßen Hände. Sprich, wir spielten schlag-die-Hand-und-zieh-sie-weg, und irgendwann schaffte ich es auch, die Hände an Ort und Stelle zu lassen, so dass Colin sie treffen konnte. Dann gab ich Mantel und Schwert ab, und Colin sprach den Eid, und damit war die Episode ‚Cardo ist Pans Erster Ritter‘ gegessen. Puuuuuh.

Die Feuerkinder hatten indessen auf Alejandra und Yolanda aufgepasst und sie von der Auseinandersetzung ferngehalten. Alejandra war nur am Schwärmen über ihre tollen neuen Freunde, die brennen konnten und soooo nett waren. Ich hoffe, ich konnte ihr trotzdem im Nachgang ein wenig Vorsicht gegenüber Feen einimpfen… Aber dass es sie gibt, das weiß sie jetzt. Naja, vielleicht vergisst sie das auch wieder. Sie ist immerhin erst vier.
Nur Yolanda wird das so schnell nicht vergessen. Die war ziemlich geschockt von ihrer plötzlichen und so unangenehmen Begegnung mit dem Übernatürlichen. Es wird sich wohl erst noch zeigen, ob sie akzeptiert oder verdrängt. Aber mein Schwesterchen ist zäh, die wird sich schon durchbeißen, hoffe ich.

Und Dee hat die Stadt wieder verlassen, ihr Auftrag ist ja erledigt. Ehe sie abfuhr, rief sie kurz an. Das fand ich nett.

Oh, und ein Gutes scheint die ganze mierda immerhin gehabt zu haben. Denn es ist so viel passiert, dass mir schon wieder ein paar Ideen gekommen sind. Es scheint, meine Schreibblockade ist vorüber, Römer und Patrioten.


04. Juli. Unabhängigkeitstag. Aber deswegen schreibe ich gar nicht. Sondern deswegen, weil George mich in letzter Zeit ab und zu im Traum besucht. Das ist irgendwie cool. Er frisst auch gar nichts, zumindest nicht, dass ich es merken würde, aber wir unterhalten uns im Traum, weil er da ja reden kann. Er ist jetzt anders als die anderen Oneirophagen, ist der einzige, der einen Namen hat, und fühlt sich etwas einsam, glaube ich. Aber ich freue mich ja, wenn er mich besuchen kommt. Und er ist mein Freund.

Ich habe George auch danach gefragt, ob er und seine Freunde vielleicht etwas von dem Material, das sie Alison und den anderen weggefressen haben, an sie wiedergeben könnte. Denn noch konnten wir den Opfern ja nicht helfen, und wenn da nicht bald etwas passiert, werden sie daran zugrunde gehen, fürchte ich.

Dummerweise meinte George, wieder ausspucken ginge nicht, das Zeug sei alles weg. Aber er hat mich auf eine Idee gebracht. Er fragte mich nämlich, warum ich nicht einfach wieder was in die Leute reintäte, ich sei doch so gut darin, Zeug in Sachen reinzutun. Hmmm. Ich alleine sicher nicht, aber… hmmmm. Mal mit den anderen reden.


10. Juli

Es hat geklappt. Gracias a Dios, es hat geklappt. Ich weiß nicht genau, was Edward da genau für ein Ritual abgezogen hat, aber wir haben uns alle daran beteiligt, und es klappte. Ich schrieb ein Skript, um die Träume wieder anzustoßen. Roberto lieferte die ganzen Materialien, die benötigt wurden. Alex fand den Platz, wo es am besten stattfinden konnte, und Totilas versetzte die Opfer in einen angemessen entspannten Zustand. Und bei Edward lief wie gesagt alles zusammen, der führte das Ding durch. Madre mia, was bin ich erleichtert.


16. Juli

Die Wohnungsrenovierung soll auch demnächst abgeschlossen sein, hat man mir versichert. Gut … so langsam bin ich die Baustelle leid.


27. Juli

Dee hat angerufen. Ruiz ist in ein Koma gefallen, sagte sie, und es sieht nicht so aus, als werde er je wieder zu sich kommen. Ich bin ja sonst kein rachsüchtiger Typ, aber. Geschieht ihm recht. Geschieht ihm recht.

Dee meinte auch, sie werde sich melden, wenn sie wieder mal in der Stadt sei. Das würde mich freuen. Und wie.

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