Die Geschichte von Stian und Rina (10)

Inzwischen war es Abend geworden. Die beiden Sin’dorei setzten sich in die Gaststube des „Salty Sailor“, nahmen ein kräftiges Abendessen aus Booty Bays Spezialitäten zu sich und plauderten noch ein Weilchen.
Aber irgendwann begann Riná zu gähnen, Stian nicht viel später, und so erhob sich die Elfin, um mit dem Wirt zu sprechen. Eine Minute später kam sie zurück und machte Anstalten, die Treppe hinaufzugehen. Stian begleitete sie nach oben, wo die Priesterin auf eine Kajüte mit zwei einzelnen Betten deutete.
„Es ist nur noch dieses Zimmer frei“, erklärte sie knapp.
Das war’s, dachte Stian traurig, jetzt wird sie abreisen. Nein, natürlich werde ich das Anständige tun, ihr die Kajüte überlassen und mir selbst anderswo eine Unterkunft suchen. Im Zweifelsfall oben beim Windreitermeister im Stroh. Oder vielleicht teilt ja Ian Strom nebenan für eine Nacht das Zimmer mit einem Schurkenbruder…
„Nun gut“, sagte er laut. Er war an der Tür stehengeblieben, während die Blutelfin die Kajüte schon betreten hatte. „Dann wünsche ich Euch eine angenehme Nacht, werte Riná.“ Schon setzte er zu einer Abschiedsverbeugung an…
„Stian.“
„Ja?“
„Das Zimmer hat doch zwei Betten…“
Halb zweifelnd, halb hoffnungsvoll blickte der Elf zu der Priesterin hinüber.
„Es macht Euch nichts aus, das Zimmer mit mir zu teilen?“
Die Heilerin schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich vertraue Euch doch.“
Des Schurken Antwortlächeln flog ihr froh entgegen. „Das könnt Ihr auch.“
Während sie noch da standen, erklangen Schritte hinter Stian im Gang. Der Blutelf blickte sich um und sah einen rotgewandeten Priester der Forsaken – einen Priester, mit dem er noch vor wenigen Wochen zusammen in Warsong Gulch die Flagge der Horde gegen die Allianz verteidigt hatte.
„Thyler“, grüßte Stian ihn – im exakt selben Moment, wie auch Riná den Forsaken mit Namen ansprach.
„Ihr kennt euch?“, fragten sie einander dann fast ebenso gleichzeitig, und der Schurke lachte und durchbrach die Symmetrie, indem er Riná mit einer auffordernden Handbewegung den Vortritt ließ.
„Ja, wir durchstreiften letztens gemeinsam die Blackrock Depths“, erklärte die Priesterin.
„Und wir kennen uns aus Warsong Gulch und den Razorfen Downs. Wie geht es Euch, werter Thyler?“
„Danke schön, ich kann nicht klagen“, war dessen Antwort, und es folgte ein wenig belangloses Geplauder zwischen den drei Abenteurern, bis Thyler schließlich sagte: „Ich gehe dann wohl mal. Ich glaube, ich störe hier.“
„Aber nicht doch“, wollte Stian den Priester noch aufhalten, aber da war der Verlassene schon verschwunden.
Einerseits war der Schurke froh darum, denn eine gewisse Störung hatte Thyler tatsächlich dargestellt, aber andererseits war er jetzt mit Riná alleine, alleine in einem Zimmer… Natürlich würde Stian sein Versprechen halten, selbstverständlich würde er sich ehrenhaft benehmen, gar keine Frage, aber oh, die knisternde Spannung, die er fühlte, war kaum zu ertragen.
„Würdet Ihr mich wohl einen Moment alleine lassen, bitte?“ drang die Stimme der Heilerin in seine Gedanken. „Ich möchte mich gerne umziehen.“
„Aber natürlich“, nickte Stian. „Ich wollte meinen Kollegen Ian Strom ohnehin noch etwas fragen.“

Als Stian aus der Kajüte des Schurkenlehrers nebenan zurückkehrte, saß Riná im Nachtgewand auf dem hinteren der beiden Betten.
Er selbst entledigte sich seiner Kleider bis auf Hemd und Hose und ließ sich dann auf das freie Bett im vorderen Teil der Kajüte sinken. Er war sich Rinás Nähe nur allzu bewusst, und er machte sich darauf gefasst, dass es lange dauern würde, bis er würde einschlafen können.
Stian legte sich auf die Seite, zog wärmesuchend die Decke hoch bis über die Schultern und versuchte, seiner Stimme möglichst wenig von seinen Gefühlen anmerken zu lassen, als er sich zu der Sin’dorja hinüberwandte.
„Also dann… Schlaft gut, liebe Riná.“

Von der Priesterin kam erst keine Antwort. Dann… ein tiefer Seufzer.
Stian richtete sich besorgt wieder auf. „Was habt Ihr?“
Es folgte erneut ein langes Schweigen. Schließlich, zögernd, ganz leise: „Ach, Stian…“
„Ja, Riná? Was ist denn?“ Wollte sie etwa doch, dass er die Nacht anderswo verbrachte? Vielleicht wäre das besser: All seine Nervenenden standen in Flammen…
„Ach, Stian… ich würde mich sehr über einen Kuss von Euch freuen…“
Stians Herz schlug plötzlich bis zum Hals.
„Aber… aber gerne doch“, stotterte er verlegen, schon auf den Beinen, „nichts lieber als das! Ich… ich dachte nur…“
Doch dann machte er keine weiteren Worte. Vorsichtig, wie um einen Zauber nicht zu durchbrechen, ging er die wenigen Schritte zu Riná hinüber und kniete sich neben ihr Bett. Riná war wieder errötet, und ihr schönes Gesicht zeigte eine Spur von Angst, aber auch ein warmes Lächeln. Die Priesterin beugte sich ihm entgegen, als er die Arme um sie schlang, einen forschenden Blick in ihre Augen warf, dann die seinen schloss und sie zärtlich küsste. Ein winziges Zögern noch, dann erwiderte die Heilerin den Kuss hingebungsvoll.
Der Moment schien ewig zu dauern, doch schließlich ließen die beiden Sin’dorei atemlos voneinander ab.
„Schatten und Licht, wie habe ich mir das gewünscht!“, entfuhr es dem Schurken, und Riná lächelte ihn an. „Ich mir auch“, flüsterte sie.
Stian küsste sie erneut, kürzer diesmal und mit nur halb geschlossenen Augen, dann noch einmal, lang und genüsslich.
„Ah, Riná“, war alles, was er herausbekam, als sich ihre Lippen wieder voneinander getrennt hatten. Das und ein glücklicher Seufzer. „Riná, Riná, Riná.“ Er hielt die Priesterin fest, als wolle er sie nie wieder loslassen. Hatte er zuvor gedacht, all seine Nervenenden stünden in Flammen? Jetzt brannten sie lichterloh.
„Stian…?“ fragte Riná leise.
„Hmmm?“, machte er zufrieden, das Gesicht in ihrem Haar verborgen.
„Stian… meint Ihr es ernst?“
Er löste sich von ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern und sah ihr tief in die Augen.
„Ob ich es ernst meine? Oh, Riná, und wie ich es ernst meine! Du hast vorhin gelacht, als ich es sagte – aber es war mir mit jeder Silbe ernst, die ich sagte. Ich würde für dich barfuß durch die Wüste gehen. Ich würde für dich bis ans Ende dieser Welt gehen und zurück. Ich würde für dich mein Leben geben, wenn es sein müsste.“ (Auch wenn er natürlich hoffte, dass es nie so weit kommen würde.) „Also ja, Riná, liebste Riná: Ich meine es ernst mit meinem ganzen Herzen.“
Die Priesterin lachte erleichtert, und nun war sie es, die sich vorbeugte und ihm einen innigen Kuss gab. Dann zog sie ihn zu sich auf das Bett hinunter und kuschelte sich eng an ihn. Stian legte die Arme um die Heilerin, vergrub erneut das Gesicht in ihrem Haar und schloss selig die Augen.

„Ihr müsst doch müde sein“, meinte sie kurze Zeit später – verlegen? Ein wenig ängstlich vielleicht auch, weil sie sich nicht sicher war, wie weit er jetzt zu gehen gedachte?
Ja, Stian war tatsächlich müde, sehr sogar, aber das war nicht der Hauptgrund, warum er sich an diesem Abend keine weiteren Freiheiten herausnahm. Es wäre einfach falsch, würde Riná mit ziemlicher Sicherheit wieder verschrecken. Überdies war der junge Schurke sich seines eigenen Glückes noch gar nicht so sicher – er konnte kaum glauben, dass er Riná tatsächlich im Arm hielt, dass sie es gewesen war, die nach der größeren Nähe gesucht hatte. Und außerdem war diese langsame Entwicklung auch einfach wunderschön. Er hätte gar kein schnelleres Vorgehen haben mögen.
Stian brummte eine schläfrige Zustimmung und konnte Rinás Lächeln beinahe spüren, bis er kurz darauf in den Schlaf hinüberdriftete. In dieser Nacht würde er keine Alpträme haben, das wusste er.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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