Die Geschichte von Stian und Rina (11)

Von Riná war in der Kajüte nichts mehr zu sehen, als der Sin’dor am nächsten Morgen erwachte. Ein kurzes Briefchen hatte sie ihm aber immerhin hinterlassen, dass sie dringend nach Silvermoon zurück müsse. Nun ja, wenigstens etwas. Stian verbrachte den Tag mit der Erledigung von Aufträgen in Stranglethorn, aber gegen Abend zog es auch ihn in die Hauptstadt zurück. Er hatte einige Schmuckstücke hergestellt und war bereit, Meisterin Kalinda für die nächste Stufe seiner Juweliersausbildung aufzusuchen. Außerdem stattete er Yhaddar einen Besuch ab, ebenso wie der Schurkenbruderschaft, um sich über die neuesten Ereignisse und Gerüchte zu informieren und seinen Vorrat an Blitzpulver aufzufrischen.

Anschließend nahm er Boneshade noch auf einen kleinen Ritt vor die Stadt hinaus. Der blaue Hengst drängte mit Macht an den Elrendar-See; Stian nahm an, weil er einfach Durst hatte. Aber als sie an dem hinteren Teil des Sees mit dem Wasserfall angekommen waren, erkannte der Schurke einen wohlbekannten blonden Kopf im Wasser. Reiner Zufall – oder hatte Boneshade irgendwelche Forsaken-Sinne, von denen Stian nichts wusste? Wie dem auch sei, hier war Riná, und der Sin’dor würde sich bestimmt nicht beschweren, dass er sie gefunden hatte.

Als er sie ansprach, erschrak sie zuerst, schien sich dann aber zu freuen. Instinktiv war die Priesterin tiefer untergetaucht, als sie gemerkt hatte, dass sie nicht mehr alleine war, und nun wandte Stian ihr den Rücken zu und entfernte sich etliche Schritte, bis sie aus dem Wasser gekommen war und sich angekleidet hatte.
Nachdem Riná sich von der Überraschung erholt und Stian ihr die glücklichen Umstände von Boneshades Dickkopf erklärt hatte, sah der Schurke sie lange wortlos an, ehe er unvermittelt fragte: „Gestern abend… habe ich das nur geträumt, oder ist das wirklich passiert?“
Die Priesterin lächelte. „Das ist wirklich passiert, Stian.“
Er musste vor Freude breit grinsen und konnte nicht an sich halten. Mit einem fröhlichen Ausruf fasste er Riná um die Hüfte und wirbelte sie herum. „Ja!!!“

Die beiden verbrachten noch einige Zeit im Park vor der Stadt. Doch als Stian dann vorschlagen wollte, sich in eines der beiden Gasthäuser Silvermoons zurückzuziehen, lehnte Riná bedauernd ab. „Ich muss noch einmal fort“, erklärte sie in fast kläglichem Tonfall. „Es gäbe nichts, was ich lieber täte, als die Nacht mit Euch zusammen hier zu verbringen, aber ich habe es meinen Priesterkollegen versprochen…“
Stian versteckte seine Enttäuschung, so gut es ging. „Ich verstehe schon“, antwortete er. „Ich warte noch eine Weile, aber ich verstehe es, wenn es nicht geht.“ Riná lächelte dankbar und verabschiedete sich mit einem innigen Kuss von ihm, was dem Schurken zwar kein großer Trost war, ihm aber immerhin die Furcht nahm, er könne sie irgendwie verletzt oder verärgert haben.

Riná kam an diesem Abend nicht zu ihm zurück, und auch in den nächsten Tagen sah Stian sie nicht, aber der intensive Briefwechsel ging weiter. Einige Zeit später – sie hatten es nach dem Abend in den Eversong Woods noch immer nicht geschafft, einander wiederzusehen – fragte die Priesterin in einem ihrer Briefe rundheraus, wann und wo sie Stian treffen könnte, und daraufhin verabredeten sich die beiden Sin’dorei in Grom’Gol.
Stian war glücklich und aufgekratzt wie ein kleiner Junge: endlich wieder ein Treffen! Er hatte seine Riná so unerträglich lange nicht mehr gesehen!

Als der Schurke zur vereinbarten Stunde in Grom’Gol eintraf, fand er die Priesterin draußen vor der Befestigung: Sie stand am Ufer und blickte versonnen auf das Meer hinaus.
Nach der Begrüßung und einigen Minuten der Unterhaltung merkte Stian, dass Riná irgendwie einen traurigen Eindruck machte. Nein, traurig war nicht das richtige Wort; die Heilerin wirkte zwar bedrückt, aber war da nicht auch irgendetwas anderes, ein Hauch von Spannung und Erwartungsfreude?
„Stian…“, begann sie zögernd.
Eine seltsame, undefinierbare Angst beschlich den Schurken. Sie war so ernst, ernster noch als sonst…
„Ja, Riná?“
„Ich… ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.“
Die undefinierbare Angst wurde zu einer eisigen Klammer um sein Herz. Was sagte sie da?
Eine Sekunde lang blieb Stian sprachlos, bis das Unfassbare eingesackt war. Dann brach es aus ihm heraus.
„Nein“, rief er entsetzt. „Nein, nein, nein!“
„Doch, Stian“, versetzte die Priesterin bedauernd, „ich muss Euch verlassen.“
„Nein…“, stammelte der Sin’dor erneut. Kein anderer Gedanke hatte in seinem Kopf Platz. „Nein, Riná, bitte, tut mir das nicht an…“
Impulsiv fiel er vor ihr auf die Knie.
„Riná, ich bitte Euch – wir haben uns doch gerade erst gefunden…“
Die Heilerin griff nach seiner Hand.
„Stian, bitte, steht doch auf.“
Er schüttelte heftig den Kopf. „Riná… verlasst mich nicht, ich flehe Euch an! Ich kann Euch nicht verlieren!“
Riná machte ein verwundertes Gesicht, dann flog Verständnis über ihre Züge.
„Ach Stian, ich meine doch nicht für immer!“
„Nicht für -“ Der Schurke stutzte und ließ die Worte der Sin’dorja noch einmal im Geist an sich vorübergehen. Langsam löste sich die Kralle um sein Herz wieder. „Nicht für immer?“
„Nein.“ Riná lächelte leicht. „Es tut mir leid, ich wollte Euch nicht erschrecken – ich wurde in die Scherbenwelt gerufen, und dem Ruf muss ich folgen. Man braucht mich dort…“
Stian schloss die Augen und atmete einmal schwer durch. Dann zog er die Heilerin impulsiv an sich und drückte sie fest. Mit einem erleichterten Halblacher schüttelte er den Kopf. „Ich dachte wirklich… Tu‘ mir das nie wieder an, Liebste, ich bitte dich von Herzen!“

Aber dennoch. Auch wenn es kein Abschied für immer war, es war dennoch schwer zu ertragen. Wer wusste schon, wie lange Riná sich in Outland aufhalten würde, wann er sie wiedersehen würde, und vor allem, welche Gefahren dort lauerten? Ja, natürlich konnte die Priesterin gut auf sich selbst aufpassen, das wusste der junge Schurke wohl, aber trotzdem kam es ihn hart an, dass er sie nicht begleiten, ihr nicht folgen, ihr nicht zur Seite stehen konnte…

Ursprünglich hatte Stian überlegt, ob er bei dieser Begegnung um Rinás Hand anhalten sollte. Aber unter diesen Umständen war das unmöglich. Verlegen spielte er mit dem Gegenstand in seiner Tasche herum, den er eigens für sie angefertigt hatte. Dem edelsteinbesetzten Band, dessen Herstellungsweise er vor einiger Zeit gelernt hatte, war sie in der Zwischenzeit entwachsen, doch der Elf hatte noch ein anderes nettes Design gelernt, einen Citrin-Anhänger, und den hatte er für sie gemacht.
„Riná“, begann er nun unsicher.
„Was ist denn, Stian?“, fragte sie sanft.
„Ich… eigentlich wollte ich…“, druckste er und setzte dann von neuem an, „Ich habe etwas für dich. Und wenn du jetzt weggehst, dann ist es mir um so wichtiger, dass du es mitnimmst, wenn ich schon nicht bei dir sein kann.“
Die Sin’dorja sah ihn erwartungsvoll an. „Was ist es denn?“
Sie zeigte sich von dem Anhänger, den er ihr hinhielt, ebenso begeistert, wie er das gehofft hatte. „Oh, Stian, der ist wunderschön! Würdet… würdet Ihr ihn mir anlegen?“
„Aber mit dem größten Vergnügen!“
Stian nahm die Kette wieder an sich, trat hinter die Priesterin und schob sachte ihr blondes Haar beiseite. Er konnte es nicht lassen: Er musste einfach ihren Nacken küssen, ehe er ihr die Kette umlegte und den Verschluss zunestelte. Er konnte spüren, wie sie ein Schauer durchlief, dann drehte Riná sich um und küsste ihn innig auf die Lippen. Nun war der Schurke es, dem wohlige Schauer den Rücken hinunterrannen, und der Kuss vertiefte sich, wurde inniger, drängender, hungriger. Er wollte, nein konnte sie nicht gehen lassen; es war dem Elfen im wahrsten Sinne des Wortes fast körperlich unmöglich, sich aus der Umarmung mit der Frau, die er liebte, zu lösen.

„Danke, Stian, er ist wirklich wunderschön!“, sagte Riná schließlich noch einmal, als sie sich endlich doch wieder voneinander getrennt hatten, dann lächelte sie schelmisch. „Ich habe auch etwas für Euch.“
„Oh? Was ist es denn?“, fragte Stian nun seinerseits und machte die Augen weit auf, als die Heilerin ihm ein Stoffbündel hinhielt. Es war ein Umhang, ein wunderbarer, wärmender Umhang, der auch noch so verzaubert war, dass er seine Beweglichkeit stärken würde. Stian war sprachlos. „Danke!“, brachte er schließlich hervor.
„Aber nein“, lächelte Riná, „nichts zu danken. Ich will doch, dass Ihr mir bald folgen könnt…“

„Wenn ich doch nur erfahrener wäre!“ fluchte der Schurke unterdrückt vor sich hin, „wenn ich doch nur mit dir kommen könnte! Ich wollte so gerne gemeinsam mit dir durch das Portal gehen…“
Riná lächelte wieder und gab ihm einen Kuss. „Ich werde auf der anderen Seite auf Euch warten, wenn Ihr bereit seid. Das verspreche ich.“

Die Priesterin löste sich von ihm und verabschiedete sich. Dann ging sie davon.
Stian sah ihr nach, Kopf und Herz voll verwirrender Emotionen – und diesmal war er es, einige Momente später, als sie schon fast die Umfriedung erreicht hatte, der ihr aus voller Kehle hinterherrief. „RINÁ!!!“
Sie drehte sich um und wartete, bis er sie erreicht hatte. „Ja?“
„Riná… Ich liebe dich! Das musst du wissen, ehe du gehst.“
Die Heilerin lächelte. „Und ich Euch.“

2 Kommentare

Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

2 Antworten zu “Die Geschichte von Stian und Rina (11)

  1. Wiedermal ein sehr schöner Teil …… Ich liebe diese Art des Schreibstills
    vor meinem inneren Auge spielt sich das ganze echt schön ab……
    Im ersten moment hab ich auch nur so gedacht : „Nein , Nein das kann sie nicht machen nein“ aber ist ja nochmal Gut gegangen. (Was das ganze noch schlimmer gemacht hat ….. ich hab grad davor die Story um Shynassar gelessen wo es hieß das die Verlobte seines Bruders auch Rina hieß ……. nur so nein nein nein … naja mal gespannt wies weitergeht. Ich will mehr Stoff ^^ ich bin abhängig ^^ in diesem Sinne biss moin

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  2. Vielen Dank für das Lob! Es freut mich sehr, zu sehen, dass hier jemand interessiert mitliest. Das motiviert doch gleich doppelt zum Weiterschreiben… 🙂

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