Die Geschichte von Stian und Rina (12)

In den kommenden Tagen und Wochen war Stian wie besessen. Auftrag um Auftrag nahm er an, halste sich die unmöglichsten Missionen auf, nur um so schnell wie möglich so viel Erfahrung zu sammeln, dass auch er den Bemühungen der Horde in Outland nützen würde, statt nur eine Belastung zu sein.

An die unterschiedlichsten Orte führten ihn seine Reisen: Stian erkundete Tanaris, Feralas, das Hinterland und den Un’Goro-Krater mit nahezu unerschöpflicher Energie. So versessen war er darauf, Aufgabe um Aufgabe abzuarbeiten, dass sein bester Freund und Schurkenbruder Hârfagre, der immer ein klein wenig erfahrener als Stian gewesen war, den er aber in diesen frenetischen Wochen weit hinter sich ließ, schon anfing, sich Sorgen zu machen.

Unterbrochen wurden des Schurken hektische Aktivitäten in dieser Zeit von zwei wunderbaren Abenden mit Riná in Silvermoon.
Bei der ersten dieser Gelegenheiten war die Priesterin so aufgekratzt, wie er sie noch kaum erlebt hatte. Die Erklärung dafür bekam der Schurke umgehend geliefert, denn mit dieser Neuigkeit konnte seine Liebste nicht hinter dem Berg halten:
„Oh Stian, ich habe sie gesehen! Ich habe Haniko wiedergetroffen!“
Der Blutelf wollte natürlich alles ganz genau wissen, hatte er doch ein nicht ganz unbeträchtliches Interesse daran, wie das Verhältnis zwischen Riná und ihrer Zwillingsschwester aussah. Doch seltsamerweise war die Heilerin gar nicht so erzählbereit, wie er das gedacht oder zumindest gehofft hätte; sie wirkte seltsam widerstrebend, über die Begegnung mit ihrer Schwester zu sprechen.
Immerhin, dass die beiden sich versöhnt hätten und dass alles gut sei, das bekam er heraus, aber viel mehr auch nicht. Und so drang der Schurke auch nicht weiter in die Sin’dorja, sondern wechselte taktvoll das Thema und genoss einfach die Zeit in der Gesellschaft seiner Herzdame.

Der zweite gemeinsame Abend fand nicht zu zweit, sondern zu dritt statt. Ja, Stian und Riná hatten sich eigentlich zu zweit verabredet, doch in Silvermoon angekommen, fand Stian die Priesterin im Gespräch mit der jungen Hexerin Manami, die der Schurke noch von dem Tag kannte, als er Riná die Nachricht überbracht hatte, dass Haniko am Leben war. Offensichtlich hatten die beiden Frauen sich nach dieser Begegnung angefreundet, denn Riná hatte den Namen ‚Manami‘ auch schon das eine oder andere Mal erwähnt, hatte der Hexerin zum Beispiel vor einiger Zeit dabei geholfen, ihren Voidwalker zu zähmen.
Jedenfalls gesellte Manami sich an diesem Abend zu den beiden älteren Sin’dorei und lauschte gespannt deren Erzählungen: Stian ließ sich von Riná die Scherbenwelt in so vielen Einzelheiten beschreiben wie möglich, auch wenn es der Sin’dorja schwer fiel, die Fremdheit jenes Landes, oder zumindest des Teils, den sie schon davon gesehen hatte, in Worte zu fassen – die zwei Monde, der ewige Nachthimmel und das unglaubliche Farbenspiel der Schleier darin, die rote Ödnis des Landes, seine Gefährlichkeit…
Der Schurke hatte es da einfacher, waren seine Erlebnisse doch mundanerer Art gewesen. Ausführlich und mit dem ihm eigenen trockenen Humor berichtete Stian von seiner Suche nach dem Schatz des berüchtigten Piraten Cuergo. Dessen Schatzkarte war ihm bei den Freibeutern der Lost Rigger Cove von Tanaris in die Hände gefallen, und nachdem er die drei Teile der Karte erst einmal zusammengepuzzelt hatte, führte ihn das Pergament an die südlichste Südspitze des Kontinents. Zu Cuergos geheimem und eigentlich nur von See aus zu erreichenden Schlupfwinkel zu gelangen, war alles andere als leicht: Es erforderte eine lange Schwimmeinlage an schroffen, ungastlichen Klippen vorbei, durch Gewässer, die zu allem Übel noch von aggressiven Riesenschildkröten bewohnt waren. Der vergrabene Schatz wurde markiert vom Mast eines alten Schiffes, und wie der Zufall es so wollte, trafen just in dem Moment, in dem der Sin’dor auf das Versteck stieß, noch weitere Interessenten ein: Angehörige zweier verfeindeter Piratenbanden, die auch von Cuergos Gold erfahren haben und auf anderem Wege bis hierher gelangt sein mussten.
Die sechs Freibeuter waren ebensowenig wie der Blutelf bereit, auf den Schatz zu verzichten. Und so kam es zu einem wilden Handgemenge jeder gegen jeden und alle gegen Stian, aus dem dieser, hauptsächlich dank seiner Fähigkeit des Anschleichens von hinten, dem altbewährten Klingenwirbel in Kombination mit einigen geschickten Ausweichmanövern und der wohldosierten Anwendung einer Portion Blitzpulver zum richtigen Zeitpunkt, schließlich siegreich hervorging.
Stian hatte sich so viel von dem vielgerühmten Schatz erhofft: einen hübschen Schmuck für Riná vielleicht, Ohrringe zum Beispiel oder eine Halskette, oder auch ein edles Kleid, das er ihr würde überreichen können, wenn sie sich am Abend trafen, aber diese Hoffnung war vergebens. Die so mühselig erworbene Schatztruhe enthielt eine mit „Cuergos Gold“ beschriftete, eingestaubte Flasche mit einer klaren, goldgelben und ziemlich starken Flüssigkeit, dazu – oh Freude! – ein Holzbein und ein Papageienskelett und immerhin – immerhin! – ein paar Armschienen aus Stoff. Aber hatte der Schurke nicht munkeln hören, dass Cuergo mehr als nur einen Schatz vergraben hatte, dass es mehrere solcher Schatzkarten gab? Wenn dem so war, dann würde er vielleicht eines Tages wieder auf die Suche gehen. Aber andererseits, war es das wert? Ach, das würde die Zukunft zeigen. Er wollte sich da jetzt nicht festlegen.

Jedenfalls erzählte Stian von diesem Abenteuer ebenso wie von dem verlassenen Zwergenhaus im Hinterland, das ihm in einem bitteren Gebirgssturm Zuflucht geboten hatte – überhaupt von seinen Erlebnissen in jener Gegend und im Un’Goro-Krater. Manami hörte gespannt zu und schien sich ehrlich mit den beiden älteren Sin’dorei zu freuen, auch wenn es fast wehmütig aus ihrer Stimme klang, als sie auf Stians enttäuschte Bemerkung, er habe sich Schöneres aus dem Schatz erhofft, antwortete: „Aber Ihr habt wenigstens gesucht, für Eure Riná…“
Stian nickte lächelnd zu diesen Worten, denn Manami hatte ja recht. Und irgendwann, hoffentlich sogar mehr als einmal, würde er seiner Riná schon noch einmal ein schönes Geschenk machen können, da war er sich sicher.

Die Gelegenheit zu einem Geschenk für seine Liebste kam sogar recht bald. Stian lernte zwei neue Schmuckdesigns, die perfekt zu Riná passten und die er natürlich für sie anfertigte, sobald er die benötigten Materialien zusammen hatte. Das eine war ein Ring aus Thorium, das andere eine Thorium-Tiara, die ebenfalls Rinás heilende Kräfte verstärken würde und seltsamerweise den völlig unpassenden Namen ‚Smaragdkrone der Zerstörung‘ trug.
Eigentlich hätte der Blutelf Riná die Schmuckstücke am liebsten persönlich übergeben, doch sie hielt sich ja in der Scherbenwelt auf, und er wusste nicht, wann er sie wiedersehen würde. Und weil er so ungeduldig war – und damit sie sobald wie möglich von den beiden Gegenständen würde profitieren können –, gravierte er eine Widmung in die Tiara und ihrer beider Initialen in den Ring und schickte ihr die beiden Dinge dann stattdessen mit der Post.
Einige Tage später kam ein Brief zurück, in dem Riná sich überschwenglich bedankte und von ihren weiteren Erlebnissen in Outland berichtete. Die Nachricht stachelte den Schurken noch weiter an: Er wollte endlich wieder bei ihr sein können!
Stian legte sich noch mehr ins Zeug als zuvor, wagte sich in den Norden von Felwood, nach Winterspring und in die Brennende Steppe und nahm immer anspruchsvollere Aufträge an. Den Versunkenen Tempel hatte er inzwischen auch aufgesucht und dort für den Herrn der Assassinenliga, Lord Jorach Ravenholdt, zusammen mit einer Gruppe unerschrockener Abenteurer den grünen Drachen Morphaz getötet. Das wiederum hatte zuvor Ausflüge nach Aszhara, Zul’Farrak und Jintha’Alor bedeutet, und auch Maraudon hatte der Blutelf mit einer Gruppe mutiger Mitstreiter aufgesucht. Oh, wie hatte auf dem Weg in die Höhlen von Maraudon sein Herz geklopft, als er am anderen Ende des Zentaurendorfes die aufgeschüttete Rampe gesehen hatte, wo Riná und er ihren Kampf gegen Khan Hratha und seine Schergen ausgestanden hatten; und dort, auf dem offenen Platz dort oben, hatte er sie zum ersten Mal geküsst… Die Erinnerungen drohten ihn beinahe zu überwältigen, und erst die Anstrengungen in Maraudon selbst lenkten ihn ein wenig ab.

Als er in der Brennenden Steppe war, stattete Stian auch dem Blackrock Mountain einen Besuch ab, genauer gesagt, dem Lower Blackrock Spire. Eigentlich verfügte er noch nicht ganz über genug Erfahrung, um sich mit den Blackrock-Orcs anzulegen, und schon gar nicht alleine, aber ein Goblin namens Kibler hatte ihm von den Worgs erzählt, die die Orcs im Spire züchteten, und dem Sin’dor damit einen gehörigen Floh ins Ohr gesetzt. Was, wenn er den Blackrocks einen kleinen Worgwelpen unter der Nase wegstibitzen und zähmen könnte? Wäre das nicht ein Schelmenstück, das eines Stian Skyggvandre angemessen wäre? Außerdem fehlte ihm ein Haustier. So sehr er Boneshade auch liebte, treuer Gefährte, der dieser war, mit dem blauen Hengst ließ sich nun einmal schlecht kuscheln, und manchmal war dem Schurken einfach danach, ein kleines, pelziges Wesen zu knuddeln. Wenn er schon nicht mit Riná zusammen sein konnte…

Ja, je länger Stian darüber nachdachte, um so mehr verfestigte sich die Idee. Den Versuch war es wert!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

Eine Antwort zu “Die Geschichte von Stian und Rina (12)

  1. Ich sehe viel OCC sterben vor meinem inneren Auge ^^
    Was gibt es zur Story zu sagen jaaaaaaa ausser wieder fantastisch 🙂
    Das mit der Tira und dem Ring war ja wieder richtig süß wie eigentlich das komplette Kapitel. Nur um zu seiner Rina zu können arbeitet er Tag und Nacht so sollte es sein uns so würde ich es auch machen 🙂
    Schön auch wie man die anderen wieder mit einbringen konnte mit Manami
    Was ich persönlich Schade finde ist das man, mal wieder so wenig über die Schwester Haniko von Rina erfährt was aber halt damit zusammenhängt das wir nur Stain’s Sicht kennen.
    In jedemfall ich hoffe das Stain bald wieder seine Herzensdame trifft.
    Auch wenn ich schon böse Vorahnungen habe da ich letztens den
    Flag von Stain lesen konnte und die Stelle am Finger ……
    NEEEIIIINNNNN !!!!! DAMIT!!

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