Die Geschichte von Stian und Rina (15)

In Shattrath angekommen, sah Stian nicht nach rechts noch links, achtete nicht auf das bunte Treiben aus Allianzlern und Angehörigen der Horde, aus Flüchtlingen, zwielichtigen Gestalten und den seltsamen Vogelwesen namens Arakkoa, sondern stürmte umgehend zu den Portalen im Stadtzentrum. Er trat durch das entsprechende Tor… und fand sich einen Atemzug später in der Magierenklave von Silvermoons Sunfury Spire wieder.

Jetzt erst fiel dem Schurken auf, dass Haniko in ihrer Nachricht gar nicht geschrieben hatte, wo in der Hauptstadt er die Blutelfin treffen solle. Er wusste nicht, ob die Schwestern Sanemúra Familie in Silvermoon hatten oder gar selbst hier eine Wohnung unterhielten – er wusste überhaupt ziemlich wenig über Rinás private Verhältnisse, dachte er flüchtig bei sich. Aber gut, ihr Vater war verschwunden, das hatte die Heilerin ihm ja schon ganz am Anfang erzählt, mit ihrer Zwillingsschwester war sie bis vor kurzem zerstritten gewesen, und eine Mutter schienen die beiden nicht mehr zu haben, zumindest hatte Riná nie von einer Mutter gesprochen. Und immer, wenn sie in Silvermoon übernachten wollten, hatte die Priesterin sich ein Zimmer in einem der Gasthäuser genommen… Wenn nicht Haniko über eine eigene Bleibe in der Stadt verfügte oder die beiden Frauen bei Freunden untergekommen waren, in welchem Fall er nichts, aber auch gar nichts tun konnte, mussten sie sich wohl an einem öffentlichen Ort befinden. Von denen gab es zwar etliche in der Stadt, aber irgendwo musste er ja anfangen.

Die beiden Gasthäuser waren der offensichtlichste Ort dafür. Stian eilte zum ersten, dem Silvermoon City Inn, das nur wenige Schritte neben Yhaddars Haus lag, und ging ungeduldig hinein. Beide Cousins waren hier wohlbekannt, und Vinemaster Suntouched begrüßte den Schurken mit einem fröhlichen Winken. „Seid gegrüßt, Freund Stian. Sind dem ehrenwerten Herrn d’Vadheon die Weinvorräte ausgegangen? Oder ist Euer Vetter nur wieder einmal zu faul – verzeiht, zu beschäftigt! -, um selbst zu kochen?“

Stian, der normalerweise sofort auf das launige Geplänkel eingegangen wäre, verzog das Gesicht und winkte ab. „Entschuldigt, Vinemaster, ich bin in Eile. Ich suche jemanden: eine Sin’dorja, blond, Priesterin, mit Namen Riná Sanemúra. Ihr kennt sie bestimmt; wir waren einige Male gemeinsam hier.“
Der Weinmeister runzelte beim Nachdenken die Stirn, dann machte er ein bedauerndes Gesicht. „Ich weiß, wen Ihr meint, glaube ich, aber ich habe sie nicht gesehen. Nicht, seit sie das letzte Mal mit Euch hier war, jedenfalls, wenn ich mich nicht irre. Du, Velandra?“
„Sie war vielleicht mit einer anderen Dame zusammen“, warf Stian noch ein, „ihrer Schwester“, aber die Gastwirtin, die dem Gespräch mit halbem Ohr gefolgt war, schüttelte dennoch verneinend den Kopf. „Nicht dass ich wüsste. Es tut mir leid, Meister Skyggvandre. Aber seht Euch trotzdem gerne oben um – vielleicht ist sie ja hereingeschlüpft, ohne dass wir es bemerkt haben?“
Obwohl der Sin’dor bezweifelte, dass den wachsamen Augen der Tavernenwirtin und ihres Gefährten ein Gast entgangen sein könnte, befolgte er ihren Rat tatsächlich, doch leider war von Riná auch im Obergeschoss nirgendwo etwas zu sehen.

Einen unterdrückten Fluch auf den Lippen, machte Stian sich wieder auf den Weg. Er war gerade die Treppenstufen zum Wayfarer’s Rest heraufgestiegen und wollte eben in den gardinenbehangenen Flur zur Wirtsstube einbiegen, da kamen zwei junge Frauen aus der Tür: dunkelhaarig und braungebrannt die eine, ein wenig blasser und blond die andere, die gerade in indigniertem Tonfall zu ihrer Begleiterin etwas sagte, das der Schurke nicht mitbekam. Stian blieb wie angewurzelt stehen. „RINÁ!“
Die beiden Sin’dorjei wandten sich zu ihm um. Riná hatte eine distanziert-höfliche, halb interessierte Miene aufgesetzt, die so gar nicht zu seiner Liebsten passen wollte, aber das fiel Stian im ersten Moment gar nicht richtig auf.
„Und Ihr müsst Haniko sein.“
Rinás Begleiterin machte ein erleichtertes Gesicht.
„Und Ihr Stian. Gut, dass Ihr endlich da seid…“
Der Schurke nickte knapp. „Es dauerte etwas, bis ich Eure Nachricht bekam. Aber sagt, wie habt Ihr Riná gefunden? Und wo?“ Dann musterte er die Priesterin besorgt. „Aber wie geht es dir, Riná? Bist du in Ordnung?“ Schon wollte er sie in eine Umarmung ziehen, doch die Heilerin werte ihn brüsk ab.
„Entschuldigt bitte, ich kenne Euch nicht! Wer seid Ihr, und woher wisst Ihr meinen Namen?“

Stian erstarrte. „Aber Riná, ich bin es doch… Stian…“
„Wer?“
„Stian… Stian Skyggvandre…“
Mit einem vagen Stirnrunzeln schenkte die Frau seines Lebens ihm einen abwesenden Blick, der sein Herz mit seiner Beiläufigkeit beinahe zum Stillstand brachte. „Nein, tut mir leid. Und nun muss ich fort, meine Pflichten erwarten mich.“ Sie wandte sich ab und begann gemessenen, aber bestimmten Schrittes die Straße hinaufzugehen.

Eine Sekunde lang stand der Sin’dor stumm da, zu geschockt, um auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, dann begann sein Verstand förmlich zu rasen. Sie hat ihr Gedächtnis verloren. Egal jetzt, warum. Ich muss sie dazu bringen, dass sie sich erinnert… 
„Riná, warte… wartet!“
Die Heilerin hielt inne und wandte sich mit kühler Höflichkeit zu ihm um,
„Was gibt es denn noch?“
Wie kann ich sie überzeugen…? Stians Blick fiel auf das zierliche weiße Kätzchen, das brav neben Riná herlief und gelegentlich leise maunzte.
„Shiee“, sagte er laut zu dem Tier gewandt, „na Kleine, wie geht es dir?“
„Woher kennt Ihr Shiee?“, fragte Riná sofort in anklagendem Tonfall. Sehr gut. Genau das hatte er erreichen wollen…
Stian lächelte beschwichtigend. „Ich sagte doch: Wir kennen uns. Wir lieben uns sogar. Das ist Shiee, und ich kenne sie ebensogut wie Rendarei, deinen Hawkstrider.“
Ein durchdringender Pfiff durch die Zähne, und sein blauer Skeletthengst kam mit klappernden Hufen angetrabt. „Und du kennst Boneshade hier.“
„Boneshade…“ Die Priesterin klang zögerlich.
„Genau. Erinnere dich… Erinnere dich an die Zeit, kurz bevor ich ihn bekam. Du hast mir dabei geholfen, ihn zu erlangen; ohne dich wäre Boneshade heute nicht mein Pferd. Erinnere dich: Desolace… der Deepstrider… Und apropos Desolace: die Zentauren… Khan Hratha… unser erster Kuss…“

„Ich war in Desolace…“, murmelte Riná, „aber…“ Sie überlegte. „Nein. Wirklich nicht.“ Die Priesterin schüttelte unwirsch den Kopf. „Ich liebe niemanden, ich habe gar keine Zeit, jemanden zu lieben. Ich bin für das Volk da. Und jetzt entschuldigt mich bitte.“
Wieder wandte sie sich ab und bewegte sich die Straße hinauf in Richtung des Royal Exchange.
Stian stand einen Moment wie gelähmt, ehe er ihr nachlief. Für das Volk dasein… „Kan’krek, Riná, das hatten wir doch alles schon mal. Ich dachte, darüber sind wir weg, verdammt!“
Riná sah ihn kühl an und machte eine abfällige Handbewegung. „Ich weiß nicht, wovon Ihr redet.“
Bei diesen kalten Worten konnte der Schurke nicht verhindern, dass es ihm die Kehle zuschnürte und Tränen in seinen Augen aufzusteigen drohten. Haniko, die ebenfalls weiterhin neben ihrer Schwester herlief, warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Reißt Euch gefälligst zusammen, Mann.“
Stian biss die Zähne aufeinander. „Keine Sorge“, knurrte er die Hexerin grimmig an. „Ich bin zusammengerissen.“
„Riná“, sagte diese gerade, „kommt wenigstens mit zum Brunnen, wie Ihr es mir vorhin versprochen habt. Ich will Euch etwas zeigen.“
Begeistert war die Priesterin nicht, doch sie rang sich ein „Na gut, aber nur bis zum Brunnen, und nur, weil ich ohnehin in diese Richtung unterwegs bin“ ab, setzte die Miene einer huldvollen Dulderin auf und ging dann schweigend weiter den Walk of Elders hinauf.
„Was wollt Ihr ihr denn am Brunnen zeigen?“ flüsterte Stian, an Haniko gewandt. „Na unser beider Spiegelbild natürlich“, schoss die dunkelhaarige Sin’dorja zurück. „Vielleicht kommt sie dann zur Besinnung.“

Ach so. Natürlich. Darauf hätte er auch selbst kommen können…
Der Schurke nickte leicht und verfiel in ein grüblerisches Schweigen. Seine Gedanken überschlugen sich. Wenn Hanikos Plan mit dem Brunnen nicht klappte, was könnte er dann tun? Wie konnte er Riná noch dazu bringen, dass sie sich erinnerte? Oh, Schatten und Licht, das konnte doch alles nicht sein…

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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