Die Geschichte von Stian und Rina (16)

Unterdessen hatten sie die Murder Row hinter sich gebracht und den großen Platz mit dem Brunnen erreicht. Haniko tat einen Schritt an den Brunnenrand und winkte Riná zu sich. „Da“, brummte sie ihre Schwester an, „sieh her!“
Die Heilerin tat, wie ihr geheißen, und beugte sich über die Wasseroberfläche; Haniko tat es ihr gleich. Nach einigen Sekunden richtete Riná sich wieder auf. „Wir sehen uns etwas ähnlich“, sagte sie mit einem fast anklagenden Ton in der Stimme und einem Achselzucken. „Na und?“
„Etwas ähnlich?“ Haniko war empört. „Das ist die Untertreibung des Jahres!“
Und tatsächlich: Jetzt, wo er die Gesichter der beiden Sin’dorjei viermal vor sich sah, zweimal im Wasser gespiegelt und zweimal in Fleisch und Blut, fiel Stian erst so richtig die unglaubliche Ähnlichkeit der Zwillinge auf. Sie sahen wirklich absolut gleich aus, wenn man die unterschiedliche Färbung einmal außer Acht ließ.
„Das hat nichts zu sagen“, winkte Riná heftig ab. Kam es dem Schurken nur so vor, oder wehrte seine Liebste sich mehr, als normal gewesen wäre, gegen die Erkenntnis?
Ob sie mit einem Zauber belegt worden war? Stian knirschte mit den Zähnen. „Schatten und Licht, Riná, wer hat dir das angetan?“ Oh warte nur, wenn er denjenigen erwischte… Wenn er denjenigen in die Finger bekam…

„Niemand hat mir irgendetwas angetan.“ Die Priesterin klang zunehmend verärgert. „Ihr irrt Euch einfach; ich bin nicht diejenige, die Ihr sucht.“
Stian warf in einer hilflosen Geste die Arme hoch, dann nahm er Rinás Hände in die seinen und sah ihr eindringlich in die Augen.
„Ich irre mich nicht. Woher kenne ich sonst deinen Namen? Woher weiß ich, dass du das Mal auf deiner Stirn“ – er deutete auf die kleine, federförmige Narbe – „seit deiner Geburt trägst? Woher kenne ich Shiee und Rendarei? Ich liebe dich, Riná Sanemúra. Und du liebst mich… wenn du es nur wüsstest…“
Rinás Gesicht hatte während seiner Worte einen seltsamen Ausdruck angenommen. War er dabei, zu ihr durchzudringen? Sollte er es tatsächlich geschafft haben?
„Das… das…“ Die Heilerin zögerte. „Das könntet Ihr sonstwo erfahren haben…“

„Jetzt reicht es.“ Haniko drängte sich brüsk zwischen die beiden. „Wie du willst. Wenn du ihn nicht liebst, wenn du ihn nicht mal kennst, dann wird dir ja das hier auch nichts ausmachen…“
Ehe Stian sich rühren, ehe er reagieren konnte, war die dunkelhaarige Hexerin auf ihn zugetreten, hatte die Arme um ihn geschlungen und gab ihm einen tiefen, leidenschaftlichen Kuss.
Eine Sekunde lang stand der Schurke völlig erstarrt, zu geschockt von dem unerwarteten Angriff, dann schob er Haniko von sich – in genau demselben Moment, in dem Riná ihrer Schwester eine schallende Ohrfeige versetzte, einen Laut zwischen Schluchzen und empörtem Aufschrei losließ, sich umdrehte und davonrannte.

Stian funkelte Haniko an und rannte seiner Liebsten hinterher, vorbei am Brunnen und den roten Teppich hinauf durch das Ehrenspalier aus Silvermoons Wachen (die wie immer gemäß Order völlig regungslos ihren Dienst versahen und sich mit keinem Wimpernzucken anmerken ließen, falls das seltsame Verhalten der beiden Sin’dorei sie verwunderte) hinein in den Sunfury Spire. Gehetzt sah der Elf sich um. Wo war Riná? Links hatten die Priester ihre Enklave, rechts die Magier. Geradeaus ging es in den Thronsaal von Lord Lor’themar Theron, und dort hinten war auch der Translokator nach Undercity zu finden. Wenn Riná den nähme, dann könnte sie überall untertauchen…
Nein. Da links sah der Schurke gerade einen blonden Kopf im Eingang verschwinden.
„Riná, warte! Bitte warte!“
Am hinteren Ende des Raumes, wo die Heilerin sich gegen ein Regal mit priesterlicher Literatur drückte, als wolle sie damit verschmelzen, holte er sie ein. Stian konnte hören, wie sie leise weinte.
„Riná…“
„Geht weg!“
„Bitte… Riná… lass mich erklären…“
„Geht weg! Es gibt nichts zu erklären! Ihr… Ihr sprecht von Liebe, und… und dann…“
Rinás Schluchzen wurde lauter.
„Riná.“ Stian hielt ihre bebenden Schultern fest und fing ihren zu Boden gerichteten Blick ein. „Riná, es ist die Wahrheit. Ich liebe dich. Das eben… das eben sollte wohl eine Schocktherapie sein. Und sie hat gewirkt, wie mir scheint. Aber… ich war davon ebenso überrascht wie du. Und es…“ Stian verzog angewidert das Gesicht. „Dieser Kuss eben… er war wie Asche in meinem Mund. Ist es noch. Riná, es gibt für mich keine andere Frau als dich.“

Die Sin’dorja tat seine Worte nicht ab, schrie ihn nicht wieder an, er solle verschwinden, sah den Schuken jedoch weiterhin aus verzweifelten Augen an. „Aber ich kenne Euch nicht!“
Stian spürte, wie sich sein Herz erneut zusammenkrampfte. Er hielt Rinás Schultern noch immer umfasst, aber ihr trostloser Blick sagte ihm, dass er nicht zu ihr durchdrang. Nichts, was er versuchte, brachte etwas… Die Priesterin hatte die Fäuste geballt, aber eher in einer Geste der Hilflosigkeit, nicht der Wut, und der Ring an ihrem Finger blitzte im sanften Licht der blauen Lampen leise auf.

Der Ring an ihrem Finger… der grünlich schimmernde Ring an ihrem Finger… ebenso aus Thorium gefertigt wie die Tiara, die sie trug und die ihr nun nach all der Aufregung ein wenig schief auf dem Kopf saß…

Den Schurken durchfuhr ein heißer Stich neuer Hoffnung. „Riná! Ich kann es beweisen!“
Aufgeregt deutete er auf ihre blonden Haare. „Dein Kopfschmuck – ich habe ihn für dich gemacht, ebenso wie den Ring hier…“ – bei diesen Worten nahm er ihre Hand und berührte das Schmuckstück leicht – „und ich habe dir eine Widmung hineingraviert!“
Die Priesterin legte den Kopf schief, kniff die Augen zusammen und sah ihn zweifelnd an.
„Es stimmt! Ich kannn es dir genau sagen! Der Ring trägt unsere Initialen, und in der Krone steht: ‚Für meine Riná. Ewig, Stian.‘
Zögernd, langsam, noch immer einen Ausdruck tiefsten Misstrauens auf dem Gesicht, zog die Sin’dorja erst den Ring vom Finger und sah ihn sich schweigend an, ehe sie langsam die Tiara abnahm und hineinspähte. Mit stockender, belegter Stimme las sie vor: „Für meine Riná. Ewig, Stian…“

Mit gerunzelter Stirn stand die Heilerin da. Ihr Gesicht trug einen Ausdruck der Verwirrung, die grünen Augen waren nach innen gerichtet, und Stian konnte förmlich spüren, wie es in ihr arbeitete. Erneut durchfuhr ihn dieses Gefühl der Hoffnung.
„Ich war auf der Höllenfeuerhalbinsel… ich habe auf jemanden gewartet…“
„Ja!“ Der Blutelf lächelte seiner Liebsten aufmunternd zu. „Das war ich, auf den du gewartet hast. Wir wollten zusammen durch das Portal gehen…“
Rinás Stirnrunzeln verstärkte sich, als sie tiefer in die verschütteten Erinnerungen einzudringen versuchte.
„Ich war auf der Halbinsel… da war ein Geräusch…“ – sie schüttelte sich unwillkürlich, als sie das sagte, und ihr liebliches Gesicht wandelte sich einen Moment lang in eine Maske des Entsetzens – „…und dann… dann war ich hier, in Silbermond…“
„Und davor?“ drängte Stian. „Was war, ehe du nach Outland kamst? Vielleicht fällt dir ja davon etwas ein…“
Die Priesterin zögerte wieder. „Der Orden hat mich in die Scherbenwelt geschickt“, sagte sie schließlich langsam. „Und so bin ich gegangen. Aber… ich wollte mich von jemandem verabschieden…“
Mit brennenden Augen sah der Sin’dor sie an. „Ja?“
„Ja…“ Riná versenkte sich noch tiefer in den verlorenen Teil ihres Gedächtnisses. Ihre Stimme kam fragend, leise, stockend, ihr Blick lag auf Stians Gesicht und war doch völlig nach innen gewandt. „Ich reiste nach… Stranglethorn… Dort… traf ich jemanden… am Meer… vor Grom’Gol… Er… war… traurig… sagte mir… dass er… dass er mich liebe…“ Mit einem Mal strahlten Rinás Augen auf, und ihr Blick kehrte zurück aus den Tiefen ihrer Erinnerung und richtete sich voll auf ihn.
„Oh, Stian, Stian, Ihr wart das!“
Und dann lag sie in seinen Armen.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

Eine Antwort zu “Die Geschichte von Stian und Rina (16)

  1. Na endlich ….. Das hat mir jetzt meinen morgen Eindeutig versüßt 🙂
    Für dieses naja noch nicht ganz Happy End hat sich das warten schon gelohnt … ich hab mir in den letzten Wochen wirklich noch stark überlegt wie das jetzt noch funktionieren soll. Jetzt kann es wirklich nur noch besser werden. Und böse, ganz ganz böse Schocktherapie. ^^ Nadann in diesem Sinne auf ein Happy End bis zum nächsten Teil ^^

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