New Orleans – Tage des Teufels (Achéron – Teil 1)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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A Song to Say Goodbye

Sway

Mein Name ist Achéron Sauvageau. Ihr könnt mich Ash nennen. Dies ist meine Geschichte.

Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Mutter, dass Vater uns nicht liebt. Das ist meine Schuld, sagte sie, weil der Teufel in mir ist. Der Teufel sagt mir das Gleiche. Seit dem Tag, an dem ich im Labyrinth umherirrte, kann ich ihn hören. Ich glaube, Mutter hörte ihn auch.

Sie hat sich umgebracht, als ich dreizehn war. Danach gehörte ihre Seele dem Teufel. Manchmal lässt er es zu, dass sie mit mir spricht, aber ich höre mit der Zeit auf, ihr zuzuhören. Sie hat so viele Regeln aufgestellt, an die ich mich halten musste, aber keine davon hat mir je gegen den Teufel geholfen. Manchmal glaube ich, sie war wahnsinnig. Manchmal glaube ich sogar, sie ist schuld daran, dass ich wahnsinnig geworden bin.

Nein, da tue ich ihr unrecht. Ich war nicht stark genug, um dem Teufel zu widerstehen. Ich war zu schwach, um den Teufel zu vertreiben.

Aber ich war doch noch ein Kind. Vielleicht hätte mir jemand helfen können. Mutters Regeln und Strafen haben das nie getan. Nicht mal, als sie mich in der Badewanne unter Wasser hielt. Oder als ich die Treppe hinunterfallen musste.

Trotzdem: Sie wollte mir nur helfen. Sie war wenigstens da. Vater war nie da. Sogar als ich nach dem Sturz von der Treppe im Krankenhaus lande, muss er dringend nach New York. Aber er schickt mir einen Teddy. Der Teufel macht sich einen Spaß daraus, durch diesen Teddy zu mir zu sprechen.

Vater hat wieder geheiratet. Seine neue Frau mag mich nicht. Oder ich mag sie nicht. Ich weiß nicht, wie das angefangen hat. Sie will, dass ich zu einem Psychiater gehe. Aber das nutzt überhaupt nichts. Psychiater werden dafür bezahlt, dass sie nicht an den Teufel glauben.

Die neue Frau hat eine Tochter. Meine kleine Schwester. Audrey. Ich mag sie auch nicht, bis ich sie singen höre. Nur ein Kinderlied. Mutter hat nie gesungen. Sie sagte, Musik sei vom Teufel.
Audrey bringt ein Klavier mit. Ich fange an, darauf zu spielen. Das gefällt dem Teufel. Er liebt es, wenn ich Musik mache. Wenn ich für ihn spiele, lässt er mich für eine Weile in Ruhe. Nicht sehr lang, aber eine Weile.

Seither mag ich Audrey. Sie mag mich auch. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht wegen der Musik.

Ich werde älter. Ich finde heraus, dass ich den Teufel nicht mehr so gut höre, wenn ich trinke. Dass ich klarer denken kann, wenn ich Marihuana oder andere Drogen nehme. Ich laufe von zu Hause weg, wieder und wieder. Im French Quarter finde ich immer etwas, was meinen Kopf klarer macht. Manchmal geben mir Menschen Geld, wenn ich Musik mache.
Einmal gibt mir ein Mann sogar ein Akkordeon. Er will mir beibringen, wie man es spielt, wenn ich bei ihm wohne und in seinem Bett schlafe, aber ich finde es allein heraus. Es ist nicht so schwierig.

Vater gefällt das alles nicht. Er will einen Sohn, der so ist wie er. Der sich für Reichtum und Macht interessiert. Er befiehlt mir, in die Schule zu gehen, keinen Alkohol zu trinken, nicht einfach irgendwo im French Quarter zu schlafen. Ich versuche, ihm zu gehorchen. Aber dann wird die Stimme des Teufels zu laut in meinem Kopf und es geht nicht mehr. Ich muss weg. Ich verstehe ohnehin nicht, was ich in der Schule soll.

Vielleicht wäre alles besser gekommen, wenn ich ein gehorsamer Sohn gewesen wäre. Wenn ich versucht hätte, so zu sein wie Vater. Vater war immer so stark. Ich, ich war immer viel zu schwach.

Es ist nicht immer sicher im Quarter. Leute werden überfallen oder verhaftet. Aber ich überlebe, und es gibt Tage, da ist es nicht furchtbar. Ich finde Freunde. Eine Band.

Der Teufel spricht immer noch mit mir. Er liebt meine Musik, meine Stimme. Vor allem meine Stimme. Er will, dass ich für ihn singe. Ich trinke Chartreuse, Absinth, Bourbon, was mir in die Finger kommt. Manchmal höre ich ihn eine ganze Woche nicht mehr.

Manche Sachen kann ich nicht. Ich sehe, wie meine Freunde sich küssen, sich berühren, sich lieben. Es gibt ein Mädchen, das sagt, sie will mich lieben, und ich will es auch, aber der Teufel lässt es nicht zu. Später kommt ein Junge, Will, mit sanften Händen und traurigen Augen. Er berührt mich, nur ganz kurz, und der Teufel schreit so laut, dass Blut aus meinen Ohren rinnt.

Wir geben Konzerte, meine Band und ich, und ich finde meinen Namen. Meine Mutter hat mir Vaters Vornamen gegeben, aber er passt nicht. Sandy findet den Namen einer Motte in einem Buch, und ich weiß, dass er zu mir gehört. Ich weiß auch, dass ich verbrennen werde.

Vor einem Konzert trinke ich echten Roten Absinth. Das erste Mal in meinem Leben. Dann singe ich, und der Teufel nimmt meine Stimme, meine Hände und spielt. Nicht nur mit mir. Mit meiner Band. Mit dem Publikum. Sie tanzen und schreien. Ich weiß, dass er sie alle töten will. Aber nicht mich.
Ich vertreibe ihn, aber es ist schwer, so schwer. Ich hätte nicht singen sollen.

Will, der Junge mit den traurigen Augen, ist tot. Mein Freund. Meine anderen Freunde, meine Band, fliehen vor mir. Sie verabschieden sich nicht. Sie haben Angst.

Mein Leben ist nicht mehr so gut. Ich muss mehr Drogen nehmen, härtere Drogen, um den Teufel zum Schweigen zu bringen. Manchmal nehme ich die falschen Drogen und sehe schrecklich-schöne Dinge. Einmal blicke ich in die Hölle. Danach schlafe ich tagelang nicht mehr.

Ich treffe eine Frau, Soléne. Sie ist so schön. Wir gehen in ein Hotelzimmer. Es riecht nach Lilien, ganz schwer und süß. Ihre Stimme ist wie Rauch und weicher Stoff. Ich hätte sie gern singen gehört, aber sie will etwas anderes. Sie küsst mich. Der Teufel ist ganz leise. Ich berühre sie, leicht, meine hellen Hände auf ihrer dunklen Haut. Sie beißt mich in die Schulter.
Dann ist sie etwas anderes. Nicht mehr menschlich. Katzenaugen, Krallen, spitze Zähne. Ich stoße sie zurück und renne davon. Ich denke, sie will mich fressen. Als ich in dem alten Haus am Fluss ankomme, wo ich wohne, lacht der Teufel mich schallend aus.

Audrey besucht mich. Sie ist fertig mit der Schule und will feiern. Ich soll sie begleiten, mit ihr singen. Ich will nicht singen, aber sie lässt nicht locker. Wenigstens Violine spielen soll ich.
Ich konnte ihr nie einen Wunsch abschlagen.

Der Club heißt „Le Chat Noir“. Der Teufel faucht an meinem Ohr. Oder ist das etwas anderes? Es klingt nicht so richtig wie der Teufel.
Aber ich darf nicht in den Club hinein. Falsches Outfit, sagt der Mann an der Tür. Geschlossene Gesellschaft. Ich versuche, ihm zu erklären, dass ich eingeladen bin, aber er hört mir nicht zu. Sagt, ich soll verschwinden, und droht mit der Polizei.

Audreys Auto steht nirgendwo. Ich bin sehr früh da. Vielleicht muss ich nur warten. Ich packe die Violine aus und spiele. Menschen werfen mir Münzen in den Violinkoffer.
Auf der anderen Seite der Straße steht ein Mann und sieht mich an. Als wäre ich seine letzte Hoffnung. Er sieht arm aus, und so einsam.

Ich will ein Lied für ihn spielen, als ich merke, dass Vater vor mir steht. Sein Gesicht ist kalt und fern.
„Victor“, sagt er, „deine Schwester wartet auf dich.“ Er sieht durch mich hindurch, als gäbe es einen anderen Sohn namens Victor. Einen, der keine so große Enttäuschung ist.
„Sie haben mich nicht rein gelassen“, nuschele ich leise.
Er schüttelt unwillig den Kopf.
„Warum hast du ihnen nicht gesagt, dass du zur Familie gehörst?“
Meine Antwort wartet er nicht ab. Dreht sich um und geht weg. Gerader Schritt. Ich weiß nicht, ob ich ihm folgen soll, oder ob er lieber will, dass ich verschwinde. Ich wäre beinahe gegangen, aber ich habe es Audrey doch versprochen.

Ich klaube die Münzen zusammen und folge ihm. Der einsame Mann ist woanders, nicht in der Nähe, sonst hätte ich ihm die Münzen gegeben. Sein Blick folgt Vater. Der Teufel sagt: „Den hast du nicht das letzte Mal gesehen. Wenn du ihn das letzte Mal siehst, dann gehörst du mir.“

Ein Auto hält vor dem Club. Laute Musik, dröhnender Herzschlag. Der Motor geht aus, die Musik auch, aber das Herz klopft noch einen Moment weiter.
Ein junger Mann steigt aus, kräftig, schwarz. Ich kenne sein Gesicht. Antoine. Junge aus einer Gang. Ich habe ihm mal ein Paket gebracht. Er will in den Club, aber der Mann an der Tür lässt ihn nicht rein. Ich mag den Mann an der Tür nicht.

„Er geht auf Audreys High School“, sage ich ihm. Es ist gelogen. Mutter hätte mich die ganze Nacht Gebete sprechen lassen, bis meine Stimme rau vor Durst gewesen wäre. Vielleicht noch länger. Ich soll nicht lügen.
Aber Mutter ist tot, und ich höre den Teufel gerade nicht. Nicht mal ein bisschen.

Der Mann an der Tür zögert, aber er lässt Antoine durch. Antoine nickt mir zu. Wir gehen gemeinsam die Treppe hinunter.

Der Club ist leer. Freie Tische überall. Nur Vater sitzt schon da. Hält sich steif und gerade. Wirft mir keinen Blick zu. Hätte ich doch besser gehen sollen?
Dann sehe ich sie. Soléne. Die Katzenfrau. Mein Herz schlägt schneller. Was habe ich da gesehen in dem Hotelzimmer? Sind es nur die Drogen gewesen? Habe ich sie verletzt, als ich sie wegstieß? Ich weiche zurück. Stoße gegen Antoine.
„Sei vorsichtig“, flüstere ich ihm zu. „Sie ist nicht richtig.“
Er sieht mich an. Verwirrt. Er versteht nicht.
„Sie ist kein Mensch“, sage ich eindringlich. Dann denke ich an die Drogen. Kann ich so sicher sein? „Vielleicht“, füge ich hinzu.
Er zuckt die Schultern.
„Ich will nichts von der“, sagt er, aber sein Blick fängt sich an ihrem Dekolleté. „Ich will nur zur Besitzerin.“
Die kenne ich nicht. Dachte ich.

Soléne gleitet auf uns zu. Hohe Schuhe. Wiegender Gang. Ich weiche zurück. Meine Schulter brennt plötzlich, wo sie mich gebissen hat.

„Victor“, sagt sie mit dieser Rauch-auf-Samt-Stimme. „Geh nach oben, deine Schwester wartet schon.“ Sie kennt den falschen Namen. Im Hotelzimmer hat sie mich Achéron genannt.

Ich fliehe zu Audrey. Sie ist nervös. Hat Angst, falsch zu singen. Ich verstehe sie nicht. Oder vielleicht doch. Es ist immer falsch, wenn ich singe.
Sie kennt Soléne. Nennt sie ihre Freundin.
„Sei vorsichtig“, sage ich. „Sie ist… sie ist etwas Seltsames.“
„Was meinst du denn?“, fragt Audrey. Und: „Bist du dir sicher? Sie ist meine Freundin.“
Nein, bin ich nicht. Vielleicht waren es ja nur die Drogen.
„Ich glaube, sie ist kein Mensch“, versuche ich, zu erklären. Aber Audrey sieht nicht aus, als würde sie mir glauben. Sie lacht, um abzulenken, und weil sie Angst hatte, nach draußen zu gehen. Das beruhigt mich irgendwie. Dass auch andere Menschen als ich Angst davor haben, falsch zu singen.
„Schön siehst du aus“, sage ich, obwohl ich von den schimmernden Pailletten auf ihrem Kleid Kopfweh bekomme. Sie lächelt und dreht sich im Kreis, um ihr Kleid zum Leuchten zu bringen. Mir wird schwindlig, aber ich lasse sie es nicht sehen.

Sie geht auf die Bühne. Ich höre das Flüstern des Teufels an meinem Ohr. Fast wäre ich davongelaufen. Aber es ist Audrey, also folge ich ihr.
Sie steht nur da. Ich verstehe erst nicht, warum, aber dann wird mir klar, dass sie Angst hat. Angst, vor den Augen aller etwas Schlechtes zu tun. Ich nehme meinen Mut zusammen und will zu ihr gehen, als der Teufel krächzt: „Sei bloß vorsichtig, kleine Motte, dass du nicht an ihr verbrennst.“
Ich bleibe stehen.

Aber Vater sitzt in der ersten Reihe und lächelt ihr zu. Sein Gesicht ist so ruhig und weich, dass ich einen Moment lang denke, er wäre jemand anderes. Aber dann sieht er mich, sein Gesicht wird härter, seine Augen kälter, und ich erkenne ihn wieder. Ich bin erleichtert, aber es tut auch weh.

Audrey atmet durch und fängt an zu singen. Ich falle ein. Das Lied heißt „Sway“. Ich habe es mal im Radio gehört. Der Teufel summt mit, ganz leise. Er kann nur einen einzigen Ton summen, aber der ist grauenhaft. Das zweite Lied. Die Leute sehen entspannt aus. Audreys Stimme gewinnt an Gewicht. Manchmal übertönt sie sogar den Teufel. Ich glaube, das macht ihn wütend.

Der einsame Mann sitzt im Publikum, zusammen mit Antoine. Seine Augen sehen so verletzt aus, als er Audrey anschaut. Er tut mir leid.

Dann tritt Audrey nach vorn. Sie spricht von ihrem Papa und sieht Vater an. Er lächelt. Wieder dieses fremde Gesicht. Ich trete zurück, in die Schatten. Ich will nicht, dass er mich sieht und wieder zu Stein wird.
Audrey dreht sich um und schaut den einsamen Mann an. Sie nennt ihn Daddy und heißt ihn willkommen. Ich erinnere mich, dass ihre Mutter einen anderen Mann hatte, bevor sie Vater kennenlernte. Er war nutzlos, hat mir jemand erzählt. Ein schlechter Mann, ein schwacher Mann.
Er sieht nicht aus wie ein schlechter Mann. Schwach, vielleicht. Aber bevor ich ihn näher betrachten kann, spricht Audrey über mich. Sie bedankt sich bei mir, dass ich mit ihr gespielt habe, und mit jedem Wort spüre ich, wie der Klumpen Angst in meinem Magen größer wird.
„Ich habe eine Überraschung für dich“, hat sie mir vorher gesagt. Mutter hatte auch manchmal Überraschungen. Es endete immer damit, dass sie mich bestrafen musste. Immer.

„Mein Bruder ist ein Künstler“, sagt Audrey. „Er hat ein Lied geschrieben, das ich heute für euch singen werde.“ Nein, Audrey. „Es heißt: Le rêve dernier.“
Ach, Schwester. Was hast du nur getan? Das Lied gehört doch dem Teufel. Wie fast alle meine Lieder, aber dieses besonders. Was denkt sie denn, was das heißt, „Il attend aprés moi a l’heure du laitier/ le roi de marais avec la main fiévreuse?“ Was glaubt sie, wer der König des Sumpfes ist?

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