New Orleans – Tage des Teufels (Victor – Teil 3)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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Der Familienarzt der Sauvageaus verpflegte sie schon seit Jahrzehnten. Er reinigte und nähte die Wunde. Als er gerade den letzten Verband anlegte, hörte Victor Audrey hereinkommen. Wie immer sang sie leise vor sich hin.
Sie verstummte, als sie um die Ecke bog und ihn sah. „Papa! Was ist denn passiert?“
Victor winkte den Arzt fort und ignorierte seinen Einwand, dass er mit der Verletzung in ein Krankenhaus gehöre.
Als sie alleine waren, sagte Victor. „Tim hat mich angegriffen.“
„Was? Aber…“ Sie sank auf einen Sessel und faltete die zitternden Hände im Schoß. „Warum denn? Und wo ist er jetzt?“
„Ich musste mich verteidigen und…“ Er unterbrach sich und tastete nach seiner Schulter. Er wollte ihr nicht in die Augen sehen und sie sehen lassen, dass er über einen Mord nachgedacht hatte. „Dein Bruder hat ihn ins Krankenhaus gebracht.“
„Im Krankenhaus? Aber… Aber warum hat er das denn gemacht? Dich angegriffen?“ Ihre Augen waren groß und flehend und Victor konnte nicht anders, als es ihr zu sagen.
Er seufzte. „Irgendwie ist er auf die Idee gekommen, ich hätte deiner Mutter etwas angetan.“
„Aber… Das verstehe ich nicht. Warum hat er denn das gedacht?“ Sie sprang auf.
„Was weiß denn ich. Er ist ein Säufer. Wer weiß, was er sich denkt.“ Er hätte es nicht persönlich werde lassen dürfen. Ruhig reagieren. Tim Geld geben und ihn wegschicken, wohin auch immer er wollte. Oder, im schlimmsten Fall, ihn aus dem Weg räumen lassen. Die eigenen Hände rein halten.
Seine pochende Schulter widersprach, weckte ihn ihm Fantasien, die Kehle des Rivalen zwischen den Fingern zu zerquetschen.
„Ich muss mit ihm reden.“ Audrey rannte zur Tür.
„Audrey! Warte.“ Victor stand auf und ignorierte den Vorschlag aus seiner Brust, sie einfach in ihr Zimmer zu sperren, bis sich die Situation beruhigt hatte.
Sie blieb an der Tür stehen und er lehnte sich an den Rahmen. Er musste mehr Blut verloren haben, als er gedacht hatte.
„Lass ihn, Audrey. Er ist nicht gut für dich. Er ist gefährlich.“
„Aber warum hat er das gesagt?“ fragte sie.
Er schüttelte seinen Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber ich habe deine Mutter geliebt. Ich hätte ihr nie etwas angetan.“

„Ich will ehrlich mit Ihnen sein“, sagte die blonde Frau. Sie hatte die letzte Stunde das Essen auf ihrem Teller von einer Seite zur anderen geschoben, ohne etwas zu sich zu nehmen. Früher einmal war sie schön gewesen, aber Angst und Entbehrungen hatten ihre Schönheit verbraucht. „Wir wissen ja beide, dass mich meine Mutter hergeschickt hat, damit ich jemanden finde, der mich und meine Tochter aushält.“ Sie hielt inne und wurde rot. „Und inzwischen weiß ich nicht mehr, ob sie nicht recht hat. Meine erste Ehe war eine Liebesheirat und Sie sehen ja, wo mich das hingebracht hat.“ Sie lächelte traurig. „Liebe reicht nicht aus.“
Er dachte an Lucelles Liebesbeteuerungen, immer zu viel, manchmal nahe am Wahnsinn und manchmal mitten drin und wie er gar nichts gefühlt hatte. Vielleicht war es besser, wenn keiner falsche Vorstellungen von der Beziehung hatte. Wenn keiner etwas fühlte.
Und später dann, wie sie auf seine Einladung, eine Zeitlang auf dem Manoir zu wohnen und sich kennenzulernen, die Auffahrt hinaufgekommen war, Audrey an der Hand.
Das kleine Mädchen hatte seine Mutter zu sich heruntergezogen und ihr etwas ins Ohr geflüstert und Ambers Lächeln erhellte ihr Gesicht.
„Ich weiß nicht, frag ihn selbst“, hatte sie gesagt und Audrey hatte ihn angesehen und war herausgeplatzt: „Mama hat gesagt, hier gibt es Pferde!“
Er hatte gelacht. Es war eine ganze Weile her, seit er einfach aus Freude gelacht hatte.
„Wir haben zumindest einen Stall. Möchtest du nachsehen, ob Pferde drin sind?“
Sie hatte genickt. Er hatte seine Hand ausgestreckt und sie hatte sie ergriffen ohne zu zögern. Ihre kleinen Finger in seiner großen Hand und er hatte sich gefragt, warum er nie die Hand seines eigenen Sohnes so gehalten hatte.

„Schon gut“, sagte Audrey leise. „Vielleicht hast du Recht. Ich… ich will jetzt ein bisschen spielen.“ Sie ging in das Musikzimmer und gleich darauf hörte er leise Töne, Anfänge von Melodien, die immer wieder abbrachen und neu ansetzten.
Victor legte sich auf sein Bett und schloss die Augen. Er musste sich ausruhen, ob er wollte oder nicht. Etwas Kraft schöpfen.

Seine Träume waren fiebrige Fetzen, die zum dröhnenden Takt eines Herzens pulsierten. Der letzte Blick aus den Augen der Beute, ihr Schrei erstickt in sprudelndem Blut aus der zerfetzten Kehle; das zischende und fauchende Weibchen zu Boden gedrückt und die kurze Ekstase der Paarung; rote Striemen von den Klauen des Rivalen, doch der Schmerz machte ihn nur noch wütender und sein Genick brach zwischen seinen Kiefern. Dann die Witterung der Beute. Er folgte ihr durch den schweren Geruch der Magnolien, den Hauch von brackigem Wasser und den Rosenduft, so süß, dass er ihn auf der Zunge schmecken konnte. Die Erde war feucht und nachgiebig unter seinen Füßen, als er durch die Dunkelheit des Labyrinths schlich. Die Witterung lockte ihn weiter, jetzt mit dem dumpfen Geruch nach Sex und dem hellen nach Blut durchsetzt.
Dann stand Victor zwischen den Hecken vor dem Mausoleum seiner Vorfahren. Wie ein übrig gebliebener Traumfetzen hing der Geruch nach Blut in der Luft. Sein Magen zog sich zusammen. Ob aus Ekel oder Gier, konnte er schon nicht mehr unterscheiden. Seine Schulter pochte, als würde sich etwas seinen Weg nach draußen brechen.
Audrey kauerte auf dem Pfad und zog ihr blutbeschmiertes Nachthemd zwischen ihren Beinen hervor, um sich notdürftig zu bedecken. Sie weinte und sah ihn verwirrt und hilflos an.

Sie war jetzt nicht wichtig. Victor schob sie zur Seite und sie brach neben der Hecke zu einem schluchzenden Häufchen zusammen.
Sein Ziel lag auf dem Rasen vor dem Grab. Sein Sohn war nackt, sein Gesicht tränenverschmiert und zwischen seinen Beinen die deutlichen Spuren dessen, was hier vor einem Augenblick passiert war. Spindelbeinig und bleich sah er aus, wie ein unterirdisches Insekt, das man ans Tageslicht gezwungen hatte. Er blieb über seinem Sohn stehen und sah auf ihn hinab.
„Ich wollte es nicht“, flüsterte Vic. „Sie war besessen. Ich wollte es nicht.“
Die Kreatur in seiner Brust befahl ihm, das kranke, hilflose Wesen zu zerreißen. Er griff in die Haare seines Kindes und zerrte seinen Kopf zurück. Der Rest seines Verstandes hatte Schwierigkeiten, zu den eindeutigen Impulsen des Tieres aufzuholen. Hatte Vic gerade…? Mit Audrey…? Hatte er sie…?
„Wie konntest du nur“, sagte Victor. „Sie ist deine Schwester.“
„Es tut mir leid.“ Vics Augen sahen genau aus wie die eines Rehs. „Ich wollte es nicht.“
Victor holte aus. „Sie… ist… deine… Schwester.“ Jede Silbe wurde von einem Schlag mit voller Wucht betont.
Schwer atmend hielt Victor inne. Eines der braunen Augen, die noch immer zu ihm hoch starrten, war schon halb zugeschwollen. Blut lief aus Vics Lippe.
Victor öffnete seine Hand. Ein paar dunkle Strähnen blieben zwischen seinen Fingern zurück. Sein Sohn fiel in sich zusammen. „Ich wollte es nicht. Sie war besessen“, sagte er.
Victor stolperte zurück. Der Boden unter seinen Füßen hatte jede Stabilität verloren. Alles falsch. Alles.

Blut tropfte von dem Messer. Er half nicht mehr, der Augenblick zwischen Leben und Tod, er gab ihm keine Ruhe mehr.

Schreie aus dem Garten. Draußen fand er seinen Sohn, tränenüberströmt und die Tochter der Gladstones, die hilflos weinend versuchte, einer kleinen Frau den Kopf wieder anzusetzen. Ihre Puppen lagen auf dem Rasen verstreut, geköpft, erstochen, zerrissen. Das Puppenhaus war beschmiert: Hure. Schlampe. Nutte.
„Ich wollte es nicht! Ich wollte es nicht!“ Vic kauerte sich zusammen. „Er hat gesagt, er tut ihr weh, wenn ich es nicht mache. Er hat…“ Seine Stimme ging in blubbernden Geräuschen unter.
Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch noch ehe er reagieren konnte, legte sich eine Hand auf seinen Arm. „Schon gut, Victor“, sagte Lucelle. Ihr Mund war schmal zusammengepresst. „Kindererziehung ist meine Sache. Ich kümmere mich darum.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Victor“, sagte sie. Die Finger des kleinen Jungen zitterten, als er ihre Hand nahm. Sie führte ihn fort. Noch einmal schaute er zurück zu seinem Vater, die Augen vor Panik geweitet.

Vor dem Mausoleum stand ein junger Mann. Es war der Schwarze, mit dem Soléne in ihrem Büro verschwunden war und der sie angegriffen hatte.
Nicht, dass das Victor noch besonders interessierte.
Der Junge drehte sich zu ihm um und starrte das blutige Messer an.

Es war mitten in der Nacht  und er kam auf dem Weg von seinem Büro zur Küche am Zimmer seines Sohnes vorbei. Leise drang seine Stimme durch die Tür. „Nein, nein, du lügst. Sie wollten mich.“ Nach einer Pause sagte er: „Das würden sie nicht tun. Du lügst. Du lügst. Sie sind meine Eltern, Eltern machen das nicht wie bei Old Yeller. Sie würden mich nicht einfach…“
Mit einer Hand schob er die Tür ein Stück auf. Sein Sohn war alleine.

Victor wischte mit seinem Einstecktuch das Blut von der Klinge. „Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, dass dein ganzes Leben eine Lüge war?“

Er rauchte eine Nachmittagszigarre und sah aus dem Fenster. Audrey saß mitten im Garten zwischen den Rosen. Eine Libelle brummte heran und landete auf ihrer ausgestreckten Hand. Sie nahm das Insekt vorsichtig zwischen zwei Finger. Es hielt absolut still. Mit einer Fingerspitze strich sie über einen der schimmernden Flügel.
Dann riss sie ihn aus. Die Libelle versuchte, mit ihrem verbliebenen Flügel abzuheben, drehte sich aber nur im Kreis. Audrey zuckte zusammen und ließ mit einem Schrei die Libelle fallen. Sie sprang auf, sah verwirrt das Insekt an und fing an zu weinen.

„Hey Mann“, sagte der Schwarze. „Ich weiß nicht, was mit dir nicht stimmt, aber ich muss da rein und was holen.“
„Nein“, sagte Victor. „Ich werde dir das Herz nicht geben. Es ist die einzige Chance, die mein Sohn noch hat.“

Victor nahm einen Stapel verstaubter Zeitungsartikel und Briefe aus dem Regal. „Spricht etwas dagegen, wenn wir diese Dinger dem Stadtarchiv vermachen? Ich bezweifle, dass ich jemals die Zeit haben werde, mich eingehend mit unserer Familiengeschichte zu beschäftigen. Warum sollte das nicht jemand anderes tun?“ fragte er seinen Vater und blätterte rasch durch die Artikel.
„Das sollten wir besser lassen.“ Sein Vater sagte immer ‚wir’, auch wenn er ‚du’ meinte. „Ich fürchte, dass sie ein schlechtes Bild auf unsere Familie werfen könnten.“
Victor hob eine Augenbraue. „Satanismus?“ las er aus einem der Briefe vor.
Sein Vater machte eine wegwerfende Handbewegung. „Gerüchte, natürlich, aus einem abergläubischeren Zeitalter. Aber wollen wir wirklich, dass der Name ‚Sauvageau’ in Zukunft mit derartigen Begriffen in Verbindung gebracht wird?“
„Vermutlich nicht“, sagte Victor. „Allerdings würde mich jetzt doch interessieren, wie diese Gerüchte überhaupt in Umlauf geraten sind.“
„Plötzlicher Reichtum lockt immer Neider auf den Plan“, sagte sein Vater. „Und wenn dann noch eine hässliche lokale Legende hinzukommt, wird jedes Unglück sofort mit übernatürlichen Ereignissen in Zusammenhang gebracht. Denk an meinen Bruder oder was mit deiner Großmutter passiert ist. Beides wäre vor hundert Jahren dem Teufel zugeschrieben worden.“
„Mir war nicht bewusst, dass die Sauvageaus es schon zur Legendenbildung gebracht haben“, sagte Victor.
„Oh, das ist eine sehr alte Geschichte, die inzwischen Gott sei Dank in Vergessenheit geraten ist. Es hieß, dass unser Ahnherr Victor le Ancien“, er wies auf das Ölportrait eines Mannes in Kleidung aus der Zeit des Bürgerkrieges, „einen Handel mit dem Teufel eingegangen sei, um an seinen Reichtum zu kommen. Harte Arbeit ist natürlich weniger spektakulär als Satanismus. Dem Teufel versprach er seine Seele und die seiner Kinder. Doch da Victor kein Interesse daran hatte, den Handel einzuhalten, verführte er eine von diesen Voodoo-Göttinnen und ließ sich ihr Herz schenken. Das Herz konnte den Teufel fernhalten und die Göttin hätte es auch nur wiedererhalten können, wenn Victor es ihr geschenkt hätte. Angeblich liegt das Herz noch in seinem Mausoleum. Ich hatte einmal Gelegenheit es anzusehen und es befindet sich tatsächlich ein Stein darin, der wie ein menschliches Herz aussieht. Ohne Zweifel ist dieser makabere Grabschmuck der Ursprung der Legende.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, eine unnötige Geschichte, die wir aber nicht an die große Glocke hängen sollten. Es gibt immer Menschen, die so etwas wörtlich nehmen.“

„Euch gehört’s nicht“, sagte der Schwarze. „Es gehört meiner Mutter und sie braucht es. Und ich nehm’s mir, ob ihr wollt oder nicht.“
„Nein“, sagte Victor und für einen Augenblick sah es so aus, als würde der Schwarze sein Gesicht vor Wut verziehen. Dann erkannte Victor die Reißzähne, den tiefschwarzen Körper, die Klauen, die sich in seine Brust bohrten. Er musste lachen. Und er hatte Soléne vor ihrem eigenen Blag beschützen wollen.
Er schloss seine Augen und ließ sich fallen. Vielleicht war es nicht das Schlimmste, hier zu krepieren. Schluss machen.

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