New Orleans – Tage des Teufels (Victor – Teil 4)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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Nein. Vic und Audrey waren noch da, so einfach konnte er es sich nicht machen. Er öffnete seine Augen, blinzelte den Schmerz weg und versuchte, Kraft zu sammeln. Er sah den jungen Mann mit dem herzförmigen Stein aus dem Mausoleum kommen und wegrennen.
Er versuchte, sich aufzurichten. Ein neuer Schwall Blut quoll aus den Wunden an seiner Brust und er sank wieder zurück.
Ein paar Sekunden später, tauchte der Schwarze wieder am Eingang zum Labyrinth auf. Er fluchte und drehte wieder um. Aber kurze Zeit später stand er schon wieder vor dem Mausoleum. Er sah sich hektisch um, stolperte zurück und war wieder verschwunden.
Victor musste noch einmal lachen. So einfach war es wohl nicht. Mühsam kam er auf die Knie und zog sich an der Hecke hoch.
Eine Bewegung am Eingang zu Labyrinth. Diesmal war es nicht der Schwarze, oder nicht nur der Schwarze. Audrey, Vic und Tim. die ganze Truppe. Und eine alte Frau, die dunkle Haut grau und faltig, die Haare schlohweiß. Soléne? Kein Wunder, dass sie ihr Junges geschickt hatte.
Vic sah ihn an und erschauerte. Victor konnte es ihm nicht verübeln und nicht nur, weil er voller Blut war und ein Messer hielt.
„Das Herz. Gebt mir das Herz“, sagte Soléne und sah dabei Victor an. Antoine streckte seine Hand aus, aber sie schüttelte den Kopf. „Einer von ihnen muss es mir geben. Ein Sauvageau.“

Victor schüttelte seinen Kopf. Er hatte sich am Mausoleum entlang in Vics Nähe geschoben. Ein glänzend roter Streifen prangte jetzt am hellen Marmor.
„Nein“, sagte er. „Ich verdiene das vielleicht, aber nicht mein Sohn.“
Vic sah ihn aus seinen großen braunen Augen an, denen seiner Mutter so ähnlich, aber zerbrochen wie Spiegel. Mehr als sieben Jahre Pech. „Nein, Vater. Nein“, sagte er. „Ich will nicht, dass du stirbst. Und ich… ich kann nicht mehr. Aber du kannst weiterleben.“
Victor berührte die Wunden an seiner Brust. Es wäre besser, wenn Vic ihn angeschrien hätte, wenn er wütend geworden wäre, aber er hatte aufgegeben, still und leise.
„Was habe ich denn noch?“ sagte Victor. „Nach all dem?“
„Du kannst es ignorieren. Das hat doch früher auch immer funktioniert“, sagte Vic.

Die Anklage hatte Victor verdient.
„Dafür ist es jetzt zu spät“, sagte Victor und zwang sich, seinem Sohn weiter in die Augen zu sehen.
„Es spielt keine Rolle mehr“, sagte Soléne. Ihre Stimme war noch immer tief und rauchig. „Das Herz stirbt und wenn es nicht mehr schlägt, holt euch der Teufel. Gebt es mir. Eure Chance ist längst vorbei.“
Victor sah seinen Sohn an, die tausend Splitter, in die er zersprungen war. Es war zu spät. Zu spät, ihn zu retten. Er hätte damals etwas tun müssen. Nicht alles ließ sich wieder gut machen. Ja. Seine Chance war längst vorbei.
Er richtete sich auf. „Gib mir das Herz“, sagte er zu Antoine und bediente sich ein letztes Mal der Autorität des Firmenpräsidenten und des Familienoberhauptes.
Antoine warf Soléne einen Blick zu und gab ihm dann den Stein. Unter der glatten Oberfläche konnte Victor den Herzschlag spüren. Seine Schulter antwortete schwach.
„Willst du wirklich…“ Seine Stimme versagte. „.Willst du wirklich sterben?“
Sein Sohn nickte.

Victor drehte sich zu Soléne um, die schon näher gekommen war und ihre Finger nach dem Herzen ausstreckte.
„Nein.“ Vic machte eine Bewegung nach vorne und Victor zog seine Hand zurück.
„Der Teufel, er bekommt unsere Seelen“, sagte Vic und schlang seine dünnen Arme um sich. „Ich will das nicht. Ich will nicht, dass er meine Seele bekommt. Er hat schon gesagt, was er damit machen will.“ Victor hätte ihn gerne in die Arme genommen. Ihn gewärmt. Aber was hätte er schon für Wärme zu geben?
„Es ist besser, wenn wir sterben“, sagte Vic. „Bevor der Teufel uns holt.“
„Wartet.“ Tim, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, machte jetzt einen Schritt nach vorne. „Hier muss gar niemand sterben.“
Zu spät. Zu spät. Victor hob das Messer und fasste es an der Klinge. Er hielt es seinem Sohn hin. „Ich habe nie zugehört und ich habe deine Wünsche nie respektiert. Vielleicht sollte ich das jetzt tun…“
Vic nahm das Messer vorsichtig in die Hand. „Ich… ich kann nicht. Das wäre eine Todsünde“, sagte er.
Victor stemmte sich von der Mauer ab. Wenn er seinen Sohn töten musste, um seine Seele zu retten, würde er das tun. Mehr blieb nicht übrig.
Aber Vic drehte sich zu Audrey um und drückte ihr das Messer in die Hand. Sie schüttelte nur stumm ihren Kopf.

„Nein! Es ist mein Herz! Ihr könnt nicht… gebt es mir!“ Soléne sank auf die Knie. Ihre alten Knochen knackten. „Victor“, sagte sie und hob ihre Hände. „Du hast mich einmal geliebt, weißt du nicht mehr? Bitte, gib es mir.“
Victor sah auf sie hinab. „Nein“, sagte er einfach und sie zuckte zurück, als hätte er sie geschlagen.
„Nein? Nein?“ zischte sie und mit einem Satz war sie in seiner Nähe und umklammerte seine Beine. Licht sammelte sich um ihre Gestalt und das Herz in seiner Hand wurde unerträglich warm. Weißglühende Hitze durchströmte seinen Körper und verbrannte alle Kraft, die er noch gehabt hatte. Ohne einen Laut fiel er zu Boden. Er konnte nicht einmal mehr seinen Sturz abmildern.
So oder so würde es für ihn jetzt nicht mehr lange dauern.
Das Herz rollte aus seiner Hand und Tim vor die Füße. Er hob es auf.

„Hört auf damit! Hört alle auf damit!“ Audrey hatte immer noch das Messer in der Hand. Victor versuchte, aufzuspringen, aber nicht mal ein Finger gehorchte ihm.
Tim griff nach Audrey. Das Messer zuckte herunter. Für einen Augenblick rangen sie miteinander, dann breitete sich Blut auf Audreys weißem Kleid aus.
Victor schloss für einen Augenblick seine Augen. Beide Kinder verloren. Er konnte niemanden beschützen.
„Ich kann sie retten.“ Soléne sah nur noch aus wie ein Haufen Haut und Knochen. Sie hob eine zitternde Hand und zeigte auf das Herz. „Gebt mir das Herz, dann kann ich sie heilen.“
Vic, der seine Hände an die Seiten seines Kopfes gepresst hatte und sich geschüttelt hatte, als könnte er damit die letzten Ereignisse abwerfen, blieb stehen. Er sah seinen Vater an.
Victor nickte schwach. Sein Sohn erwiderte das Nicken.
„Nimm es dir“, sagte Victor. „Ich gebe dir dein Herz. Es gehört dir.“

Tim wich zurück, aber Antoine nahm ihm den Stein ab und reichte ihn seiner Mutter. Sie atmete tief auf, als sie ihn in ihren Fingern hatte. Er zerfloss wie schmelzendes Fett und drang in ihre Hände ein, zog Bahnen aus Licht durch ihren Körper, löste ihn auf in ein urtümliches Glühen, wie es vielleicht schon über prähistorischem Magma geleuchtet hatte. Stücke trieben von ihr fort wie Funken aus einem Lagerfeuer und das Licht nahm ab.
„Nein!“ sagte Vic ungewohnt laut. „Wir hatten einen Handel! Audrey.“ Er wies auf die leblose Gestalt seiner Schwester.
Für einen Moment zogen sich die Funken wieder zusammen. Die Gestalt berührte Audreys Wunde und das Fleisch schloss sich. Das Mädchen keuchte erschrocken auf und fuhr hoch. Ihr Blick wanderte von der Lichtgestalt zu den beiden Victors und sie sank wieder in sich zusammen. „Nein“, flüsterte sie. „Warum habt ihr das gemacht? Ich hätte alle retten können…“
„Aber nicht, wenn du sterben musst. Du kannst doch nicht sterben. Nicht du“, sagte Vic.

Audrey sprang auf. „Aber du? Ich dachte, dass du meinen Kindern auf deiner Violine etwas vorspielst. Dass wir noch ganz oft gemeinsam singen können. Ich dachte, wir…“ Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie ließ sie laufen.
Neben Victor kniete sie nieder. „Und du, Papa, ich habe gedacht, dass du mit deinen Enkeln im Garten spielen würdest. Dass wir alle zusammen sind und glücklich…“ Ihre Stimme zerfaserte. „Was soll ich denn ohne euch machen?“
Victor hob eine Hand. Sie zitterte und hinterließ einen Strich aus Blut auf ihrer Stirn, als er ihr die Haare aus dem Gesicht strich.
Er sah ihr fest in die Augen und für einen Moment verdrängten Hoffnung und Stolz all den Schmerz. „Du bist meine Tochter“, sagte er und legte seine Finger an ihre Wange. „Du schaffst das.“
„Ich bleibe hier“, sagte sie. „Bei euch, wenn er kommt. Wenn er kommt…“ Sie hob ihren Kopf. „Wenn er kommt, dann will ich dem Teufel in die Augen sehen und ihn verfluchen.“

Vic schrak zusammen und schüttelte seinen Kopf. Victor schüttelte auch seinen Kopf, so weit er es noch vermochte.
„Nein“, sagte Vic. „Das darfst du nicht, das darfst du nicht. Er darf nicht auf dich aufmerksam werden. Nicht auf dich.“
Jetzt trat auch Tim hinter sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Komm mit uns“, sagte er leise. „Es ist besser so.“
Für einen Moment presste sie ihre Lippen aufeinander, dann atmete sie stockend aus und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen.
„Passt auf sie auf, bitte“, sagte Vic und sah von Tim zu Antoine.
„Keine Angst“, sagten die beiden Männer fast gleichzeitig. Vic nickte ernst.
Victor beobachtete, wie die drei Gestalten im Labyrinth verschwanden. Er vertraute weder Tim noch Antoine, aber er vertraute Audrey. Er vertraute darauf, dass sie stärker war als ihr Vater.
Die Wunde an Victors Brust hatte aufgehört, zu bluten. Vermutlich war das ein schlechtes Zeichen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Victor machte eine Handbewegung und bat seinen Sohn zu sich hinüber. Vic setzte sich neben ihn auf den Boden und fing leise an zu singen. Er hatte eine schöne Stimme, samtig und zart wie die Flügel eines Nachtfalters. Vorher war das Victor nie aufgefallen.

Mit letzter Kraft richtete er sich auf. Er umarmte seinen Sohn und fragte sich, ob er das überhaupt schon mal gemacht hatte, Vic einfach nur zu halten. Der Junge versteifte sich in seinen Armen, ließ dann aber die Berührung zu. Victor drückte sein armes, zerbrochenes Kind an seine blutige Brust, sein Kind, dass er erst nicht hatte vor dem Monster beschützen wollen und jetzt nicht vor dem Monster beschützen konnte. Sein Gesicht war nass und mit Erstaunen stellte Victor fest, dass er weinte.
Er strich seinem Sohn über den Kopf und sagte: „Es tut mir leid. Es tut mir leid. Verzeih mir.“
Vic unterbrach sein leises Singen. „Schon in Ordnung, Dad“, murmelte er. Dann sang er weiter.
Victor sah auf. Am Eingang zum Labyrinth stand ein Priester und lächelte.
Er sagte: „Endlich.“

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