New Orleans – Tage des Teufels (Antoine – Teil 1)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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Schwarze Katze

Antoine beobachtet die Häuserfront aus zusammengekniffenen Augen. Er schlägt die Tür seines Pickup zu, ohne sich mit dem Schlüssel aufzuhalten. Sondiert die Lage. Irgendwas ist da heute abend los im Le Chat Noir, soviel ist mal klar. Oder warum steht da sonst so ein feiner Pinkel im Frack vor der Tür, mit einer Liste in der Hand und einem feist-arroganten Grinsen im Gesicht? Antoine hat noch kein Wort mit dem Weißbrot gewechselt, kann ihn aber jetzt schon nicht leiden. Arschloch.

Ein paar Meter vom Eingang des Clubs sitzt eine vage bekannte Gestalt auf der Straße. Schmal; nein, mehr als schmal. Ausgemergelt, die schwarzen, ungepflegten Haare tief ins kreidebleiche Gesicht hängend. Ash nennen sie den, kurz für Achéron, weiß Antoine, und nickt ihm flüchtig zu. Die Geige, auf der der Typ rumfiedelt, gar nicht mal schlecht rumfiedelt, um genau zu sein, gehört auch dazu. Ash war mal in einer Band, eigentlich sogar auf dem aufsteigenden Ast, auf dem besten Weg zu einem Plattenvertrag, aber dann ist beim letzten Gig der Band irgendwas fürchterlich schiefgegangen. Randale und Tote und all sowas. Ein Bandmitglied hinüber, ein weiteres in der Irrenanstalt, ganz krasser Scheiß. Antoine ist ziemlich froh, dass er da nicht dabei war. Bei so krassem Scheiß ist es aber jedenfalls kein Wunder, dass dieser Ash danach völlig abgestürzt ist. Auch wenn er ja angeblich aus einer stinkreichen Familie kommen soll.

Auf der anderen Straßenseite lungert noch ein weißer Typ rum, älter, bestimmt schon in den Fünfzigern. Eindeutig kein reicher Pinkel: Die billigen Klamotten sind schon etwas abgetragen, aber dafür penibel sauber. Marke „ich hab nix, aber das wenigstens mit Würde.“ Antoine schnaubt unwillkürlich, als er den Kerl abcheckt, dann geht er selbstbewusst auf den feinen Pinkel am Eingang des Chat Noir zu. „Ist das hier der Club von Solène LeGuir? Ich muss mit ihr reden.“
Aber das Weißbrot lässt ihn eiskalt abblitzen. Geschlossene Gesellschaft und so. Arschloch. Hat er doch gleich gemerkt.

Antoine zackert noch mit dem Türsteher herum, hat sich bedrohlich vor ihm aufgebaut und ist kurz davor, rabiat zu werden, da fährt wieder ein Auto vor. Und was für eins. Langgezogene, silberne Limousine, so ein Ding, das gut und gern drei von Pa Raymonds Jahreslöhnen gekostet hat. Der Mann, der aussteigt, passt perfekt zu seiner Karre: Ein Weißer in den späten Vierzigern, vermutet Antoine, maßgeschneiderter, silbergrauer Anzug und Krawatte, die garantiert handgefertigten Lederschuhe auf Hochglanz poliert und kein Haar am falschen Ort.

Der Geck sieht sich um, bemerkt Ash mit seiner Geige. Verzieht einen winzigen Moment lang das Gesicht, so kurz nur, dass Antoine sich fragt, ob er das wirklich gesehen oder sich nur eingebildet hat. Geht auf Ash zu und wechselt einige Worte mit dem Jungen, zu leise, als dass Antoine sie verstehen könnte. Aber eins ist klar, die zwei kennen sich. Und die kennen sich nicht nur, die sind Familie. Ist das mit der stinkreichen Familie also kein Mythos.

Achéron wirkt ganz und gar nicht glücklich bei der Begegnung, antwortet leise und zögernd, folgt dann aber dem anderen – seinem Vater? Vermutlich. Direkt zum Eingang des Clubs, wo Antoine jetzt ein paar Schritte von dem Weißbrot weggetreten ist und Optionen gegeneinander abwägt. Der Gedanke, das Weißbrot aufzumischen, ist zwar verdammt verlockend, wäre aber wohl eher, wie heißt das Wort? Kontraproduktiv. Immerhin will er es sich mit Solène LeGuir nicht gleich verscherzen.

Zu Antoines Überraschung bleibt Ash neben ihm stehen, sieht ihn an und nickt ihm zu. Und wendet sich dann an das Weißbrot: „Der geht auf Audreys High School.“ Das Weißbrot mustert Antoine von oben bis unten, gibt den Weg mit einem missmutigen „Und warum sagst du das nicht gleich?“ dann frei. Antoine schüttelt die Überraschung ab und folgt den beiden Männern hinunter in den Club. Auf der Treppe bekommt er auf sein leises „Danke, Mann“ nur ein vages Handwedeln zurück. Seltsam. Naja. Vielleicht wollte Ash mit der Aktion ja nur seinen reichen Arsch von Vater ärgern. Aber was auch sein Grund gewesen sein mag, Antoine wird sich bestimmt nicht darüber beschweren.

Drinnen bekommt der Junge dann doch den Mund auf. Der Kerl im silbergrauen Anzug, der als erster den Club betreten hat, redet etwas abseits vom Eingang schon mit einer jungen Frau. Und was für einer. Antoine muss an sich halten, um nicht hörbar durch die Zähne zu pfeifen. Die Schnalle ist heiß. Tiefdunkles Gesicht, noch um einige Töne dunkler als sein eigenes. Ebenmäßige, sehr afrikanische Züge, die von der offenen Afro-Frisur, die sie trägt, noch betont werden. Volle, pflaumenrot geschminkte Lippen. Die Augen mit Lidschatten in derselben Farbe betont. Nicht sonderlich groß, aber perfekte Kurven. Perfekte Kurven in einem hochgeschlossenen, enganliegenden, langen schwarzen Kleid, das alles verhüllt und doch alles zeigt. Ein Eindruck katzenartiger Geschmeidigkeit und völliger Ausgeglichenheit. Gelassenheit gepaart mit… etwas. Kraft. Energie. Eine gespannte Feder. Heiß.

Ashs Stimme klingt drängend. „Pass vor der auf“, sagt der Junge, aber Antoine bekommt es erst gar nicht so mit. „Die ist nicht richtig.“ Antoine schüttelt sich kurz, reißt sich von dem Anblick los. „Hmm?“
„Sie ist kein Mensch.“
Einen Moment lang macht Antoine ein irritiertes Gesicht, aber dann winkt er ab. „Die interessiert mich nicht.“ Was nicht ganz der Wahrheit entspricht. Aber er ist aus einem anderen Grund hier. Und der Junge klingt so panisch, dass Antoine ihn lieber nicht noch weiter aufregen will. „Ich muss nur zur Besitzerin.“

Die junge Frau kommt zu ihnen hinüber, zu Achérons sichtlichem Unbehagen. Etwas wie Panik spricht aus seinen Augen, und beinahe, scheint es Antoine, wäre er umgedreht und abgehauen, bleibt dann aber doch, zuckt nur sichtlich vor ihr zurück. Sie lächelt unergründlich und sagt was von einer Schwester, und der Junge verzieht sich in Richtung der Treppe.

„Ich suche Solène leGuir“, sagt Antoine zu der jungen Frau, die aus der Nähe eine noch viel umwerfendere Wirkung hat als von fern. „Die Besitzerin. Ist sie zu sprechen?“
Die Frau lächelt dasselbe unergründliche Lächeln wie eben zu Ash. „Sie stehen vor ihr. Was kann ich für Sie tun?“
Antoines Kinnlade klappt herunter. Er kann es nicht verhindern. Er ringt nach Worten wie ein frisch gefangener Fisch nach Wasser.
„Sie… Aber… aber… Sie können nicht… Sie sind so…“ Heiß, denkt er, spricht es aber nicht aus.
Sie lächelt wieder dieses Lächeln. „Ich bin Solène leGuir. Wirklich. Was gibt es denn?“
Ein wenig fängt Antoine sich. Sucht nach schonenderen Worten. Findet beim besten Willen keine. Eröffnet es ihr also ganz ungeschminkt.
„Ich heiße Antoine Dowling. Und wenn Sie Solène leGuir sind… dann bist du meine Mutter!“

Das trifft sie. Das trifft sie mindestens ebenso sehr, wie es ihn getroffen hat. Ihre Augen weiten sich. Ihre Hand fliegt zum Mund, den sie öffnet, um etwas zu sagen, ihn dann aber wieder schließt. Einen langen Moment starrt sie Antoine an. Dann murmelt sie etwas von einer „Vorstellung“ und flüchtet.

„So ’ne Scheiße“, flucht Antoine. Er macht die paar Schritte zur Bar und lässt sich einen Bourbon einschenken. Eigentlich darf er noch gar nicht trinken. Scheiß drauf. Als ob ihn das je gekümmert hätte. Und nach dem Schock schon gar nicht.

Den ersten Whiskey kippt er in einem Schluck herunter, den nächsten trinkt er langsamer. Bemerkt dann erst, dass der Typ in den abgetragenen Klamotten auch in den Club gekommen ist und sich jetzt an der Bar an einem Glas festhält. Er sieht definitiv nicht so aus, als wolle er hier sein.
„Sie sehen aus, als wäre Ihnen gerade etwas ziemlich in die Glieder gefahren“, sagt der Typ im Konversationston. Und Antoine ist derart perplex von der Begegnung mit (der scharfen Braut) seiner Mutter, und derart aufgewühlt, dass er dem Fremden tatsächlich erzählt, was los ist.
„Ich sollte hier meine Mutter treffen. Ich bin adoptiert, wissen Sie. Aber…“, er zeigt mit dem Daumen über die Schulter in die Richtung, in die Solène verschwunden ist, „die ist meine Mutter. Die ist doch viel zu…“ heiß, denkt er wieder. „…jung, um meine Mutter zu sein!“
Der Typ macht ein mitfühlendes Geräusch.
„Ich meine, ich bin zwanzig… Selbst wenn sie mich mit sechzehn bekommen hat, die ist doch nie im Leben sechsunddreißig…“
Antoine bricht ab, als ihm bewusst wird, dass er sich mit seinem Geplapper vollkommen lächerlich macht vor diesem fremden Weißen. Aber der scheint nichts davon lächerlich zu finden, denn er beugt sich ein bisschen vor und nickt ernsthaft.
„Ich bin auch hier, weil ich nach sehr langer Zeit jemanden wiedertreffen werde. Und ich weiß auch noch nicht, wie das sein wird.“

Der Typ hat was an sich. Eine Art resignierte Ruhe strahlt er aus, schwer zu beschreiben, aber Antoine durchaus sympathisch. Vielleicht auch, weil sie beide hier völlig fehl am Platz sind. Denn inzwischen fängt der Club gut an, sich zu füllen, sind neben dem reichen Kerl aus der silbernen Limousine schon jede Menge anderer Leute aufgeschlagen. Eine Menge Teenager-Mädchen, nicht direkt in Prom Queen Finery, aber alle monstermäßig aufgebretzelt für den Abend im Club. Väter im Anzug, Mütter in Abendkleidern. Definitiv außerhalb ihrer Liga.
Völlig selbstverständlich suchen Antoine und der Fremde sich also gemeinsam einen Tisch, am Rand und etwas abseits der feinen Gesellschaft.
„Timothy leClerq“, stellt der Fremde sich vor.
„Antoine.“ Betont cool bringt er das. Überspielt damit das Unbehagen.

Zu viel mehr Gespräch kommen sie nicht, denn es geht los. Die Lichter, ohnehin schon auf gedämpfte Club-Beleuchtung eingestellt, werden noch weiter heruntergedimmt. Aufgeregtes Wispern von den Teenager-Mädchen. Nachsichtiges Lächeln, das Antoine nicht sehen kann, aber sich lebhaft vorstellt, von den Eltern.
(Seine Mutter) Solène leGuir tritt auf die Bühne, wo ein Mikrofon steht, von einem einzelnen Punktstrahler beleuchtet.

Ihre Beherrschung ist zurück. Wenn Antoine nicht wüsste, dass sie vor ein paar Minuten förmlich vor ihm geflohen ist, würde er nicht merken, dass ihr Blick einen Hauch von Unruhe in sich trägt, ihre Stimme ein klein wenig belegter ist als zuvor. Gebannt beobachtet er sie.
„Es ist mir eine große Freude und ich bin sehr stolz, heute eine meiner besten Schülerinnen zu ihrem ersten Auftritt vor Publikum anzukündigen. Und das auch noch zum Anlass ihres High-School-Abschlusses. Meine Damen und Herren, Audrey Sauvageau, an der Violine begleitet von ihrem Bruder.“

Eine Bewegung, mehr erahnt als gesehen, in Antoines Augenwinkel. Timothy leClerq ist bei dem Namen „Audrey Sauvageau“ zusammengezuckt. Interessant. Antoine legt den Gedanken zur Seite, denn der Punktstrahler erlischt. Und als er wieder aufflammt, steht am Mikrofon eine Gestalt. Blond. zierlich. Helle Augen, deren genaue Farbe in dem Licht und auf die Entfernung nicht zu bestimmen ist. Ein beigefarbenes Kleid, mit Pailletten bestickt, das das Mädchen eigentlich blass machen müsste, es aber nicht tut, sondern ihr richtig gut steht. Ein paar Jahre jünger als Antoine selbst. Vom Heißheitsfaktor her kein Vergleich mit (seiner Mutter) Solène, aber das Mädchen strahlt etwas aus… Güte. Unschuld. Und in diesem Moment am Mikrofon auch ziemlich viel Unsicherheit.

Im Hintergrund, die Geige in der Hand wie einen Rettungsanker, sitzt Achéron zusammengekauert auf einem Hocker. Das Gesicht ist wie üblich durch die darüber fallenden pechschwarzen Haare kaum zu erkennen. Er sieht seiner Schwester nicht sonderlich ähnlich. Aber vielleicht ist das Haar auch nur gefärbt und die Ähnlichkeit wäre größer, wenn man mehr von ihm zu sehen bekäme.

Audrey Sauvageau steht einen Moment lang nur da, konzentriert sich. Versucht offensichtlich, die Unsicherheit zu überwinden. Der reiche Arsch im silbergrauen Anzug, ihr Vater, nickt ihr zu, ein leichtes Lächeln um die Lippen. Erstaunlich. Als er vorhin aus seiner Nobelkarre ausgestiegen ist, hat es nicht den Eindruck gemacht, als würde er jemals ein Lächeln zustande kriegen.

Bei dem Nicken und dem Lächeln fasst Audrey sich und beginnt zu singen. Sie hat eine klare, süße Stimme, und Ashs Begleitung auf der Geige unterstreicht deren Zartheit noch.
Antoine wirft einen Seitenblick auf Timothy leClerq. Der Typ ist völlig versunken, die Augen wie gebannt auf Audrey, und er hat einen ganz seltsamen Ausdruck im Gesicht, Schmerz gepaart mit … etwas. Stolz?

Das Mädchen singt ein Lied. Zwei Lieder. Nicht Antoines Stil, der entweder Hip Hop hört, oder dieses britische Trip Hop Zeug, oder, eher ungewöhnlich in seinen Kreisen, Alternative Metal wie Sevendust. Aber irgendwie zieht ihn der Gesang trotzdem in seinen Bann, um so mehr, als Audreys klare Stimme stärker wird, je mehr sie an Selbstsicherheit gewinnt. Antoine ertappt sich dabei, wie er selbst ein Lächeln auf dem Gesicht hat. Timothy leClerq lässt die ganze Zeit über den Blick nicht von ihr, oder zumindest immer gerade dann, wenn Antoine zu ihm hinsieht. Dann kommt Audrey zum Ende des zweiten Liedes. Hält inne und holt tief Luft, als sei sie selbst überrascht davon, wie gut das gelaufen ist, und lächelt. Fängt den Blick ihres Vaters ein („Papá“ nennt sie ihn) und dankt ihm für alles. Klar. Reiche Familie, reiches Mädchen. Eine Kindheit, die alles hatte. Antoine kann es direkt vor sich sehen: die Kleider, das Spielzeug, Reitstunden, Klavierstunden. Ballett. Er denkt immer verächtlich, dass reiche Kinder oft unglückliche Kinder sind, dass die ganzen Besitztümer keine Elternliebe ersetzen. Aber wenn das bei Ash so gelaufen sein mag – zumindest ließ die Begegnung mit seinem Vater vor dem Club sowas durchscheinen – macht seine Schwester diesen Eindruck jedenfalls nicht. Sie wirkt natürlich, unbefangen, völlig gelöst, als sie erst ihrem Bruder und dann ihrem Vater dankt und ihm sagt, dass sie ihn liebt.

Timothy leClerq zuckt etwas bei diesen Worten. Aber als das Mädchen sich gleich darauf zu ihrem Tisch wendet und Timothy direkt ansieht, zuckt Antoines Tischnachbar noch viel mehr. Von ihm spricht Audrey als „Dad“, sagt etwas von „langen Jahren“, und „willkommen!“
Das hat er also gemeint.
Timothy sieht bei allem erkennbaren Stolz auf seine Tochter, aus, als wolle er am liebsten im Boden versinken, vor allem, als der reiche Arsch im grauen Anzug einen vernichtenden Blick auf ihn schießt.

Timothy ist definitiv kein reicher Arsch. Vermutlich hat Audreys Mutter ihn wegen des „Papá“ verlassen. Was das schlechte Verhältnis zwischen Achéron und ihm erklären dürfte. Je nachdem, wie alt Ash war, als die Trennung der leClerqs passierte.
Aber da stimmt was nicht. LeClerq hat nicht ein einziges Mal zu Ash hingesehen, war immer nur auf Audrey konzentriert. Anscheinend ist er doch nicht Ashs Vater. Also noch kompliziertere Familienverhältnisse. Manchmal ist Antoine richtiggehend froh, dass seine Familienverhältnisse, von der Tatsache seiner Adoption mal abgesehen, überhaupt nicht kompliziert sind. Ma Joyanne, Pa Raymond, und er. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte das so bleiben können. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seine biologischen Eltern komplett ignoriert. Aber nein.

Antoines Gedanken werden ins Hier und Jetzt zurückgeholt, als Audrey und ihr Bruder auf der Bühne einen kleinen Disput haben. Sie hat gerade das nächste Lied angesagt, eines, das Ash selbst geschrieben hat, offensichtlich, und einen Moment lang sieht es so aus, als wolle der Junge sich weigern. Aber dann hebt er die Geige, noch immer widerwillig, und seine Schwester beginnt wieder zu singen. Auf Französisch diesmal, anders als die beiden ersten Lieder.
Vom ersten Ton an wird Antoine in die rastlose, düstere Stimmung des Songs gesogen. Er kann kein Französisch; nur das, was man halt in New Orleans so aufschnappt, wenn man hier geboren und aufgewachsen ist, aber nicht richtig. Also versteht er keinen Ton. Nur den Refrain, „le rêve dernier“, „der letzte Traum“, und irgendwo kommt das Wort „mort“ darin vor, „Tod“. Aber trotzdem versteht er das Lied, versteht dessen Inhalt, auf eine ganz seltsame, instinktive Weise, und es stellt ihm die Nackenhaare zu Berge. Weckt den Wunsch in ihm, aufzuspringen und sich in einer Orgie der Gewalt zu ergehen. Sein Messer zu ziehen und Blut unter der Klinge aufspritzen zu sehen, oder besser noch, unter seinen bloßen Händen. Als das Lied mit einem schrägen, dissonanten Ton endet, der dennoch auf perverse Weise passt, schüttelt er heftig den Kopf, um ihn klar zu bekommen, aber es dauert erschreckend lange Sekunden, bis er wieder im Hier und Jetzt angekommen ist.

Achéron ist von der Bühne verschwunden, Audrey steht noch da, sieht auf ihre Schulfreundinnen und deren Eltern herab, Verwirrung im Blick, ebensoviel Verwirrung, wie aus dem Stirnrunzeln und dem spärlichen Applaus des Publikums spricht.
Noch immer in dieser rastlosen Stimmung verfangen, springt Antoine auf. Scheiß auf Höflichkeiten und Abwarten, er muss jetzt mit seiner Mutter reden. Die steht an der Bar, das Gesicht unergründlich – hat ihr dieses letzte Lied gefallen? Hat es sie ebenso verstört wie ihn? Er kann es nicht sagen – und sieht ihn an, als er zu ihr tritt.

Das Gespräch beginnt stockend, förmlich. Wie zwischen zwei völlig Fremden. Aber genau das sind sie ja auch. Antoine weiß nicht genau, wie beginnen, setzt mehrmals neu an. Aber es gibt Dinge, die er wissen, Fragen, die er stellen muss, und das nicht hier draußen, nicht hier, wo jeder zuhören könnte, der nur ein bisschen die Ohren spitzt. Und so nimmt die junge Frau, die seine Mutter ist, ihn mit nach hinten in ihr Büro. Nichts Ungewöhnliches. Schreibtisch, Drehstuhl dahinter, zwei Besucherstühle davor. Regale mit Büchern und Ordnern an den Wänden. Zwei Drucke mit afrikanischen Motiven an der Wand – oder sind es Originalgemälde? Es sieht tatsächlich so aus.

Als sie allein sind, sieht Solène ihn an, mit diesem unergründlichen Blick. „Was möchtest du wissen?“
Es gibt eine ganze Menge Dinge, die Antoine wissen möchte, jetzt, wo er hier ist. Auch wenn er eigentlich immer gedacht hatte, dass ihm das alles egal wäre. Ist es anscheinend aber eben doch nicht. Wer ist mein Vater? Wie hast du dich gefühlt, all die Jahre? Und, jetzt auf einmal, unerwartet, die wichtigste Frage von allen. Warum hast du mich weggegeben?
Aber nichts davon sagt er laut. Stattdessen spricht er das Thema an, weswegen er in den Club gekommen ist, weswegen er überhaupt Informationen über seine leibliche Mutter eingeholt hat.

„Ich kann auf einmal Sachen. Und deswegen hab ich gehofft, du könntest mir helfen.“
Solènes Stimme klingt ruhig, gelassen. „Was für Sachen meinst du?“
„Seltsame Sachen. Sachen, die ich mir nicht erklären kann. Übernatürliche Sachen.“
Sie nickt aufmunternd. „Sprich weiter.“
„Naja… einmal war diese Gang hinter mir her. Lange Geschichte. Jedenfalls haben die mich gejagt. Wenn sie mich erwischt hätten, hätten sie mich fertig gemacht. Also bin ich gerannt. Gerannt, so schnell ich konnte. Aber die haben nicht aufgegeben, und sie haben aufgeholt, waren mir immer dichter auf den Fersen, und irgendwann konnte ich nicht mehr. Also hab ich mich in einen Türeingang gedrückt – völliger Blödsinn, die mussten mich da drin sehen. Haben sie aber nicht. Ich meine, ich stand da in der Tür, und die haben sich wie wild umgesehen und mich gesucht und einfach über mich weggesehen. Als wär ich unsichtbar gewesen oder sowas. Und ein anderes Mal hab ich gemerkt, dass mich einer anlügt. Hab’s einfach gewusst.“
Das ist bei einem Deal gewesen, und die Sache wäre sowas von den Bach runtergegangen, wenn er dem Arschloch den Scheiß – den der Typ absolut glaubwürdig rüberbrachte, eigentlich hatte es keinerlei Grund gegeben, ihm nicht zu glauben – abgekauft hätte. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Antoine zuckt ein wenig verlegen die Schultern. „So Sachen halt. Deswegen bin ich gekommen. Denn meine Eltern sind’s nicht, soviel ist mal sicher. Also hab ich gedacht, vielleicht weiß meine biologische Mutter, was das für ein Scheiß ist. Und beim Amt kannst du ja rauskriegen, wer deine biologischen Eltern sind. Also…“ Ein erneutes Achselzucken. „Also bin ich hier. Finde meine Mutter, und die ist… viel zu jung, um meine Mutter zu sein.“
Solène hat ihm stumm zugehört. Auch jetzt macht sie einen quälend langen Augenblick keine Anstalten zu antworten. Und als sie es dann tut, ist ihre Stimme so ungerührt wie immer.
„Du vermagst Dinge. Und du denkst, ich als deine Mutter könnte etwas damit zu tun haben.“
Antoine nickt, die Augen auf sie gerichtet.
„Und da wunderst du dich, dass ich aussehe, wie ich aussehe?“ Sie klingt kühl, spöttisch gar, und in ihren Augen meint Antoine etwas zu lesen, das ihm verdammt nach Verachtung aussieht.

„Wie kannst du so ruhig bleiben!? Das nehm‘ ich dir nicht ab!“
Solène lächelt nur, auf diese aufreizende Art und Weise, die ihn völlig wahnsinnig macht, und Antoine springt auf. Er weiß selbst nicht genau, was er eigentlich will. Die Antworten aus ihr herausprügeln? Sicherlich nicht. Aber er ist wütend: Er will endlich wissen, was verdammt nochmal los ist, will sie an den Schultern packen, schütteln, diese unnatürliche Ruhe von ihren Zügen verschwinden sehen.

Irgendetwas – etwas Unbestimmbares, aber irgendwie Animalisches – fliegt über ihr Gesicht. Und Antoine fühlt sich plötzlich festgehalten, kann sich nicht rühren, obgleich Solènes Hände weiterhin locker an ihren Seiten hängen. Sie sieht ihn spöttisch an, zeigt keinerlei Anzeichen von Anstrengung oder dergleichen. Ihre Stimme ist noch immer weich, aber jetzt mit eiserner Härte darunter. Ein Raubtier, das mit zahnloser Beute spielt.
„Und da wunderst du dich, dass ich ebenfalls Fähigkeiten habe, und zwar größere als du?“ Sie lacht leise. „Du musst noch sehr viel lernen.“

Antoine faucht wütend auf. Und es passiert… etwas in ihm. Eine Anstrengung. Ein roter Schleier vor seinen Augen. Ein Duck in seinem Kopf, der sich aufbaut. Ein metallisches, lauter werdendes Knirschen, das nur er hören kann, das er sich vermutlich auch nur einbildet, um eine Vorstellung zu haben, die dem nahekommt, was da passiert.
Und dann explodiert die Druckwelle weg von ihm, die Stille so laut, dass sie ihn betäubt. Der Schreibtisch kippt um, Papiere flattern wild durch die Luft. Solène wird zurückgeschleudert in das Bücherregal an der Wand, fällt. Doch das sieht Antoine kaum mehr, denn er ist frei, kann sich wieder bewegen, und er stürzt aus dem Raum, aus dem Club, vorbei an erstaunten weißen Gesichtern, die Treppe hinauf und vorbei an dem Arschloch von Türsteher. Nur raus. Nur weg.

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Eingeordnet unter Hühnerrunde, Pen & Paper

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