New Orleans – Tage des Teufels (Antoine – Teil 2)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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Schwarzer Kaffee

Ziellos wandert Antoine durch die Straßen. Die zwei Bourbon im Le Chat Noir waren bei weitem nicht genug. Heute nacht muss er sich besaufen. Ist nur die Frage, wo und wie. Auf seine Homies hat er im Moment jedenfalls sowas von keinen Bock. Die würden ihn nur zulabern, blöde Fragen stellen, auf die er selbst keine Antworten weiß. In irgendeinem Laden an irgendeiner Ecke stiehlt er eine Flasche billigen Whiskey. Denn auf eine Interaktion mit irgendeinem alten Ladenbesitzer und darauf, dem seinen gefälschten Führerschein vorzeigen zu müssen, hat er noch viel weniger Bock als auf seine Homies.

Als er den Park erreicht, ist die Flasche zur Hälfte leer. Antoine lässt sich auf eine Bank fallen und starrt in den Nachthimmel, während er nach und nach den Whiskey vertilgt und sich seine Gedanken im Kreis drehen wie außer Kontrolle geratene Jahrmarktsattraktionen.

Irgendwann sieht er auf. Eine Gestalt steht vor der Bank, schwankend, lässt sich dann neben ihn fallen. Achéron. In der Hand hält er eine vielsagende braune Papiertüte, aus der oben ein Flaschenhals ragt. Und auf der etliche braunrote Abdrücke zu sehen sind. Denn Ashs Hände sind blutig, völlig zerschunden.

Antoine blinzelt. „Wasn mit dir passier‘?“ nuschelt er.
Der Junge zuckt nur mit den Schultern. „Ich habe für den Teufel gespielt.“ Seine Stimme klingt gleichmütig, als sei das eine völlig normale Alltäglichkeit.
Antoine ist zu aufgewühlt, und zu betrunken, als das ihn eine solche Eröffnung heute nacht noch groß schocken würde.
„Krasser Scheiß. Den Teufel. Alter.“
„Und was ist mit dir?“ Achérons Stimme klingt ähnlich undeutlich wie seine eigene.

Einen Moment lang schweigt Antoine, überlegt, wieviel er preisgeben soll. Aber, verdammt, der Junge hat ihn ins Le Chat Noir gebracht, oder zumindest dafür gesorgt, dass er ohne Ärger reinkam. Ein bisschen Info verdient er.
„Ich hab in dem Club meine Mutter gesucht. Ich bin adoptiert, weißt du.“ Er schüttelt den Kopf, lacht heiser auf. „Ich hab nur nicht das gefunden, was ich erwartet hatte.“
Ash macht ein vage zustimmendes Geräusch, und ehe er es sich versieht, kommt ihm das Geständnis zum zweiten Mal an diesem Abend über die Lippen.
„In letzter Zeit sind so komische Sachen passiert.“ Er starrt den Jungen herausfordernd an. „Kram halt, okay?“
Ash sieht Antoine fragend an. „Kram?“
Verdammt. „Ich weiß gar nicht, ob ich dir das überhaupt erzählen sollte. Du hältst mich eh nur für verrückt.“
Aber davon lässt der Junge sich nicht abschrecken. „Ich bin verrückt“, erklärt er trocken. „Ich höre den Teufel reden, weißt du noch?“

Also erzählt Antoine zum zweiten Mal an diesem Abend die verrückte Geschichte von der Gang, die ihn verfolgt hat. Von der Lüge, die er sehen konnte. Von der Tatsache, dass er adoptiert ist. Vom Schock, in dem jungen Mädchen, das kaum älter wirkte als er selbst, seine Mutter zu finden.
„Ich meine, sie ist so…“ Mit den Händen macht er eine vage Bewegung, deutet Solènes Kurven an. „… heiß.“ Schüttelt den Kopf, zuckt hilflos die Schultern. Stellt fest, dass der Whiskey leer ist, und greift beiläufig nach Achérons Papiertüte, auch wenn er keine Ahnung, hat, was für einen Fusel der Junge da drin hat. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. „Ich bekomm mein Hirn da nicht drumrum. Wie kann das gehen? Ich meine, sie ist so…“
Antoine bricht ab und nimmt einen Schluck, verzieht das Gesicht. Billigster Fusel. Egal.
„Ich hab doch gesagt, sie ist kein Mensch“, kommentiert Ash sachlich. Antoine runzelt erst die Stirn, nickt dann aber.
„Du hattest recht – sie hat irgendwas mit mir gemacht. Hat mich festgehalten, irgendwie mit ihrem Geist, aber ich … hab mich losgerissen. Hab sie weggestoßen. Keine Ahnung, wieso ich das konnte.“
Der Billigfusel schmeckt mit jedem Schluck erträglicher. Wortlos reicht Antoine dem Jungen die Flasche zurück. Ist immerhin seine.
„Warst du das, der das Büro so verwüstet hat?“, fragt der nach einem Moment. Antoine nickt.
„Ich musste einfach nur da raus. Sie… ich… sie war so…“ Wieder fehlen ihm die Worte, wieder fällt er auf das einzige zurück, das seine Empfindungen, wenn auch völlig unzureichend, wenigstens annähernd beschreibt. „… so heiß.“

Antoine legt den Kopf in den Nacken, starrt einen Moment lang ins Nichts.
„Wieso kann ich das? Mich unsichtbar machen, mit meinen Gedanken Leute durch die Gegend werfen… Was ist da los? Ist das der Teufel?“
Der Teufel – bisher war das immer ein abstraktes Konzept. Nenn es den bösen Trieb. Versuchung und Sünde, ja. Himmel und Hölle, ja. Aber eben … abstrakt. In Antoines Vorstellung, wie er aufgewachsen ist in seiner methodistischen Familie, mit Kirchgang und Sonntagsschule, ist man für die Dinge, die man tut, selbst verantwortlich. Ist das, was man tut, gewissermaßen privat. Nur zwischen sich selbst und dem Herrn der Welt.
Aber Antoine ist betrunken, und ihm sind all diese seltsamen Dinge passiert. Und der Junge hat so überzeugt gewirkt, als er vom Teufel sprach. Inzwischen würde er fast glauben, dass seine Fähigkeiten vom Teufel kommen könnten.

Achéron jedoch schüttelt entschieden den Kopf. „Das ist nicht der Teufel.“ Er trinkt einen Schluck aus seiner Flasche, wiegt dann nachdenklich den Kopf. „Ich glaube, du bist selbst auch nicht ganz menschlich.“
Antoine wirft ihm einen schnellen Blick zu. „Ich? Ich bin ganz normal.“
Aber verdammt. Das stimmt eben nicht. Irgendwas ist anders an ihm, und wenn es irgendwelche Psi-Kräfte sind oder eine Mutation, wie bei den ganzen Comic-Superhelden.
„Deine Augen sind anders“, erklärt Ash unvermittelt.
Antoine starrt ihn durch den Schnapsnebel verwirrt an. „Wie meinst du, anders?“
„Sie sind golden“, kommt die Antwort. „Wie Bourbon.“
Auf unerklärliche Weise macht diese Aussage Antoine wütend. „Meine Augen sind braun!“, erklärt er heftig. Will es nicht glauben. Sieht sich doch jeden Morgen beim Rasieren im Spiegel, und seine Augen sind. Definitiv. Nicht. Golden.
„Nein, golden“, wiederholt Ash stur. „Mit einer senkrechten Pupille. Wie bei einer Katze.“
Antoine schüttelt den Kopf. Kann es nicht glauben. Will es nicht glauben. Und doch… es passt. Irgendwie passt es in diese ganze, verdammte, abgefahrene, kranke Scheiße.
Er muss wissen, ob der Junge recht hat. Also zieht er sein Messer und betrachtet sein Gesicht in der Klinge. Eine Sekunde. Fünf Sekunden, zehn Sekunden. Reglos. Lässt dann das Messer sinken, greift nach der Flasche und nimmt einen tiefen Zug.
„Golden. Krass, Alter.“

Irgendwann ist auch Achérons Flasche leer. Ebenso leer wie Antoines Kopf, in dem die Fragen und die Bilder und die Emotionen nur noch wie in Watte gepackt herumwirbeln. Und müde wird er. Ist schon spät, schon wieder früh, eigentlich. Beinahe wäre er auf der Parkbank eingeschlafen. Bekommt kaum mit, dass Ash ihn hochzieht, mit sich nimmt, irgendwohin, gar nicht weit.
Ein Haus. Eine Tür. Ein irgendwie abgestandener Geruch. Ein Matratzenlager, Decken. Noch etwas träge in ihrem Wattekokon weitersummende Gedanken. Schlaf.

Träume. Träume von Klauen und Zähnen und goldenen, längsgeschlitzten Augen. Der Geschmack von Blut in seinem Mund. Das Gefühl wilder Befriedigung, das ihn durchfährt, der Überlegenheit.
Ein Hauch von Wärme auf seiner Wange, Helligkeit auf seinem Auge. Mit einem Murren kommt Antoine zu sich, will den Sonnenstrahl wegwischen, der durch das staubige Fenster auf sein Gesicht fällt. Muss einen Moment lang überlegen, wo er hier ist und wie er hier hinkommt. Sein Kopf dröhnt.

Achéron ist nicht da. Ein Blick aus dem Fenster sagt Antoine, dass es ungefähr Mittag sein dürfte. Oder vielleicht auch schon früher Nachmittag. Verdammt, er hat zu lange geschlafen. Mühselig rappelt er sich auf. Sieht sich um. Kaffee. Alter, jetzt einen Kaffee.
Die „Wohnung“ ist allerdings weder groß noch irgendwie gescheit eingerichtet. Nicht einmal einen richtigen Esstisch gibt es. Etwas, mit dem er sich einen Kaffee machen könnte, und sei es nur eine Dose mit Instantpulver, findet Antoine in der heruntergekommenen Absteige jedenfalls nicht.
Er späht gerade in einen der Küchenschränke über der fleckigen Arbeitsplatte, da unterbricht ihn eine Stimme von der Tür her: „Unter dem Sink.“

Antoine wirbelt herum, angespannt wie eine Feder, die Linke schon zum Messer fahrend und bereit, jeden rivalisierenden Ganger, der ihn hier gefunden haben sollte, gründlich aufzumischen.
Doch dann entspannt er sich wieder, lässt die Messerhand locker an die Seite fallen.
Es ist Audrey Sauvageau.

Einen Moment lang starren sie sich nur an. „Sie!“, bricht es dann aus Audrey heraus, als sie ihn erkennt. Ihre Stimme klingt anklagend. „Was tun Sie hier?“
Antoine zuckt die Achseln. „Dein Bruder hat mich hier übernachten lassen.“
Das Mädchen runzelt die Stirn. „Einfach so?“
Antoine zuckt wieder mit einer Schulter. „Ergab sich so. Warum?“
Sie faucht beinahe. „Warum? Weil Sie… weil du… Du hast Solène überfallen! Warum hast du Solène überfallen?“
Der Vorwurf lässt ihn bitter auflachen. „Ich sie?! Sie hat mich angegriffen, Schwester!“
Audrey schnaubt ungläubig, mustert demonstrativ seine muskulöse Gestalt von oben bis unten. Ihre Antwort trieft förmlich vor Sarkasmus. „Ja sicher. Weil sie ja auch so viel stärker ist als du Bohnenstange!“
„Ist so.“ Antoine hebt beschwichtigend die Hände. Irgendwie hat er wenig Lust, sich mit diesem Blondchen zu streiten. „Frag sie selbst. Wenn sie nur einen Funken Ehre im Leib hat, wird sie es nicht verleugnen. Sie hat mich festgehalten, und ich hab mich bloß losgerissen.“
„Losgerissen. Und dabei hast du gleich das ganze Büro verwüstet!“
Antoine reibt sich mit verlegenem Gesicht den Hals. „Das war so nicht geplant. Ich wollte nur raus da.“
„Hmmm.“ Audrey ist noch immer nicht ganz überzeugt.
„Aber was meintest du da vorhin von wegen ‚unter dem Sink‘?“
Audrey sieht zur Kochnische hinüber. „Falls du die Kaffeemaschine suchst. Die steht unter dem Sink. Oben im Schrank sind nur Tassen.“

Ohne lange zu fackeln, macht das Mädchen Kaffee. Als das schwarze Gebräu fertig ist, lassen sie sich auf dem Rand des Matratzenlagers nieder – ein Tisch ist ja keiner da – und stellen die Tassen vor sich auf dem Boden ab. Und reden.
Antoine ist erstaunt, wie leicht ihm das mit dieser Gesprächspartnerin fällt. Sie unterhalten sich über alles mögliche, nur sein Verwandtschaftsverhältnis zu Solène leGuir erwähnt er zunächst nicht. Zu klar ist es, dass Audrey seine Mutter als eine fast gleichaltrige Freundin betrachtet; diese Illusion will Antoine ihr nicht zerschlagen, solange es nicht unbedingt sein muss. Dafür sprechen sie über Timothy leClerq, ihren leiblichen Vater, der früher ein Trinker war. Nie gewalttätig, sagt Audrey entschieden (Zu entschieden? Verdrängt sie da etwas? Nein, entscheidet Antoine, sie meint es ernst, sie versucht nur, ihren Vater zu verteidigen), aber er konnte nie einen Job behalten und trank dann in seiner Depression noch mehr, und dieser Teufelskreis brachte ihre Mutter dazu, Tim schließlich zu verlassen. Knapp zwei Jahre später heiratete sie dann Victor Sauvageau, den reichen Arsch im silbergrauen Anzug, und der wiederum adoptierte auch die neunjährige Audrey. Die nun folgenden Jahre waren wundervoll, erzählt Audrey träumerisch. Obwohl es anfangs keine Liebesheirat gewesen war, entstand doch echte Zuneigung zwischen ihrer Mutter und deren neuem Ehemann, und zwischen diesem und seiner Adoptivtochter – und auch mit Ash, Victors Sohn aus erster Ehe, verband Audrey bald ein echtes Band der Geschwisterliebe, obwohl er irgendwie seltsam war, seit sie ihm das erste Mal begegnete. Aber das war einfach er, sagt Audrey.

Antoine hört zu, wirft ab und zu einen Kommentar oder eine Frage ein, beschreibt seinen eigenen Eindruck von Timothy leClerq, der ihm nämlich gar nicht wie ein akuter Trinker vorkam. Und eigentlich auch nicht wie jemand, der schwach ist. Er mag es, in Audreys Gesellschaft zu sein. Das Mädchen ist, man kann es nicht anders ausdrücken, einfach rundherum nett. Nett und intelligent und aufgeweckt. Sie erzählt ihm noch mehr von sich, von ihrer Familie, und Antoine ertappt sich dabei, wie er ihr mehr von seinem Hintergrund aufdeckt, als er das vorhatte. Sogar davon, wie er mit fünfzehn wie völlig selbstverständlich in der Gang gelandet ist. Sie schluckt etwas, nimmt es aber hin. Und lenkt das Gespräch dann geschickt auf ein etwas unverfänglicheres und bei neuen Bekanntschaften immer fruchtbares Thema: Musik, Film, Bücher. Wie erwartet hat sie in diesen Bereichen deutlich andere Vorlieben als er, aber immerhin, einige kleinere Überschneidungen gibt es.

Als sie auseinandergehen, einige Tassen Kaffee später, ist es schon Nachmittag. Auf der Straße verabschiedet Audrey sich mit einem kleinen, fröhlichen Winken, und zu seinem Erstaunen winkt Antoine genauso fröhlich zurück. Huh. Die Kleine ist richtig süß. Völlig außerhalb seiner Liga natürlich. Aber so durch und durch nett. Die ist keine von denen, die sich von all ihren Unterschieden – in Reichtum, Sozialisierung, gesellschaftlicher Schicht, Hautfarbe – abhalten lassen würde, wenn sie sich was aus ihm machen würde. Wenn sie sich was aus ihm machen würde. Was nach ein paar Tassen Kaffee noch längst nicht gesagt ist. Trotzdem hat Antoine ein Lächeln auf den Lippen, als er langsam Richtung Le Chat Noir wandert, wo erstens sein Auto noch steht und er zweitens nochmal mit seiner Mutter reden muss. Dringend. Und hoffen, dass das Gespräch diesmal nicht in einem verwüsteten Büro endet.

Solène sieht immer noch umwerfend heiß aus, aber auf subtile Weise anders. Erst nach ein paar Minuten fällt Antoine auf, was es ist: Ein paar wenige, winzige Falten sind auf ihrem zuvor so makellos glatten Gesicht erschienen. „Ich bin froh, dass du gekommen bist“, hat sie bei seinem Eintritt zu seiner Erleichterung ruhig gesagt. „Wir müssen reden.“
Jetzt sitzen sie einander in den beiden Besucherstühlen gegenüber, und seine Mutter mustert ihn aus diesen unergründlichen Augen.
„Damit du verstehst, wer du bist, musst du verstehen, wer ich bin“, sagt sie schließlich. „Was denkst du, wie alt ich bin?“
Antoine muss nicht lange überlegen. „Du siehst aus, als seist du ungefähr so alt wie ich. Fünfundzwanzig, maximal. Aber da das nicht stimmen kann, musst du älter sein. Mitte dreißig mindestens. Aber wenn du schon so jung geblieben bist, irgendwie, vielleicht noch älter? Fünfzig?“
Solène lächelt milde. „Dieser Körper“, sagt sie langsam, „hat zweihundertundzwanzig Sommer gesehen.“
Damit hat er nun nicht gerechnet. Blinzelt die Überraschung weg. „Zweihundertzwanzig? Krass, Alter.“

Der Ausruf zaubert ein schwaches Lächeln auf ihr liebliches Gesicht. „Ich bin kein Mensch. Aber das hast du dir nun bereits gedacht. Sieh her.“
Solène erhebt sich anmutig aus ihrem Stuhl, und konzentriert sich kurz. Oder ist es eher anders herum, dass sie die Konzentration fallen lässt, die sie bislang aufbringen musste, um wie ein Mensch auszusehen? Fast kommt es Antoine tatsächlich so vor. Einen Wimpernschlag später hat er jedenfalls nicht mehr Solène leGuir, Clubbesitzerin, vor sich, sondern eine Katze. Riesengroß, mit tiefschwarzem, glänzendem Fell und goldbraunen Augen wie feinem, altem Bourbon. Keine bestimmbare Katzenart. Kein Panther wie der, den er als Junge bei den gelegentlichen sonntäglichen Zoobesuchen mit seinen Eltern immer minutenlang bewundert hat. Auch keine Löwin oder Tigerin mit schwarzem Fell. Stattdessen steht vor ihm der Inbegriff einer Raubkatze, die Verkörperung all dessen, was den Geist der wilden, samtpfotigen Jägerin ausmacht.

„Huh“, entfährt es ihm; für alles andere ist sein Kopf zu leer. Fasziniert starrt Antoine die riesige Katze an, streckt dann vorsichtig die Hand nach ihr aus. Berührt das seidenweiche, glänzende Fell. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, Angst zu haben, noch verspürt er Zweifel oder Unglauben. Wenn er seinen eigenen Augen, seinem Tastsinn nicht trauen kann, wem soll er dann trauen?

Eine Sekunde später hat Solène wieder ihre Menschengestalt angenommen, zu Antoines Erleichterung vollständig bekleidet. „Du bist mein Sohn“, sagt sie sanft. „Du kannst das auch.“
Antoine sieht sie verwundert an, und seine Mutter nickt. „Versuch‘ es“, ermutigt sie ihn.
Also versucht Antoine es. Schließt die Augen und versucht sich vorzustellen, wie es sein muss, eine Katze zu sein. Die geballte Kraft der Muskeln, die unter dem glänzenden Fell spielen. Die scharfen Sinne, jeder Duft ein Trompetenstoß in seiner Nase. Die empfindlichen Schnurrhaare, die ihm genauestens jede Entfernung anzeigen. Es geht viel, viel einfacher, als er gedacht hätte. Fast sofort kann er spüren, wie die Verwandlung über ihn kommt: Im einen Moment steht er als Mensch vor seiner Mutter, im nächsten als Raubtier.

Wieder erinnert er sich. Sieht er die Szene vor sich, von der er Solène beim letzten Besuch erzählt hat, von der Gang, die ihn verfolgte, und vor der er sich auf unerklärliche Weise in dem Türeingang verstecken konnte. Aber jetzt laufen die Bilder vor seinem Auge anders ab. Versteckt er sich in dem Hauseingang, ja, sehen die Ganger sich suchend nach ihm um, ja. Aber dann, als sei mit der Verwandlung eine Mauer in seinem Kopf gefallen, kommen die bislang verdrängten Erinnerungen zum Vorschein. Der dunkle Schatten des Hauseingangs, aus dem urplötzlich ein schwarzer Alptraum springt, mit gelben Augen und gefletschten Fangzähnen, fauchend und brüllend, beißend  und mit seinen Krallen fetzend, bis von seinen geschockten Verfolgern nur noch eine undefinierbare Masse Fleisch auf dem Erdboden geblieben ist.

Der Schock über diese unerwartet und ungefiltert auf ihn einprasselnden Erinnerungen reißt Antoine in die Menschengestalt zurück. Mit großen Augen, die von dem Büro um ihn her nichts wahrnehmen als das dunkle, verstehende Gesicht seiner Mutter, packt er sie an den Schultern, sieht sie wild an.
„Ich habe sie umgebracht. Ich habe mich verwandelt und sie alle umgebracht!“
Antoine hat noch nie jemanden umgebracht. Nie vor dieser Sache, jedenfalls. Klar, er ist in einer Gang. Und klar, er war auch schon in ziemlich üble Sachen verwickelt. Schlägereien. Messerstechereien. Diebstahl. Autoklau. Sogar bewaffnete Überfälle. Tankstellen-Shops und so. Hat auch schon gesehen, wie Leute umgekommen sind. Aber bis zu dieser einen Nacht hat er noch nie ein anderes Leben genommen.

Von Schuldgefühlen überwältigt, bricht Antoine in die Knie. Tränen strömen ihm aus den Augen, und alles, was er herausbekommt, ist ein unverständliches Stammeln. So geweint hat er noch nie, nicht einmal als Kind, als er vom Baum gestürzt war und sich den Arm gebrochen hatte und Ma Joyanne ihn den ganzen Weg ins Krankenhaus im Arm hielt, vorsichtig, um nicht aus Versehen den Bruch zu berühren.
Nun legen sich wieder Arme um ihn, weich und warm und unendlich tröstend. Solènes Stimme, so weich und warm wie ihre Umarmung und doch durchsetzt von einem stählernen, unbeugsamen Kern. Der Inbegriff einer Mutterstimme, und mit einem Mal tut es nichts, rein gar nichts zur Sache, dass diese Mutterstimme, diese Mutterseele, im Körper einer Zwanzigjährigen steckt. Sie ist seine Mutter.
„Shhhhhhh“, raunt Solène leise. „Shhhhhhhhh. Alles ist gut. Du bist mein Sohn, und ich werde nicht zulassen, dass dir etwas zustößt. Niemand, niemand wird dein Herz bekommen!“

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