New Orleans – Tage des Teufels (Antoine – Teil 3)

Warnung für die Diaries zu „New Orleans – Tage des Teufels“:
Diese Geschichte ist ziemlich extrem, und auch ziemlich bitter. Es werden Themen wie Gewalt und Kindesmissbrauch angesprochen, und es kommt eine Vergewaltigung darin vor. Nicht explizit in den Diaries ausgesprochen, sondern nur angedeutet, aber diese Themen durchziehen die Geschichte. Ein oder zwei Sexszenen gibt es auch. Wer mit solchen Dingen ein Problem hat, sollte diese Beiträge vielleicht nicht lesen.

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Schwarzes Herz

Der Besuch im Le Chat Noir hat Antoine ziemlich aufgewühlt. Irgendwem muss er erzählen, was passiert ist, sonst platzt er, und da ist Achéron die logische Wahl. Der Junge wird ihm die kranke Scheiße glauben.

Achéron ist nicht da, als Antoine das kleine Haus am Fluss betritt. Achéron nicht, aber dafür Tim leClerq. Das ist Antoine gar nicht mal unangenehm, ist der ehemalige Trinker doch auch ein Typ, mit dem er gut reden kann.
Allerdings nicht über seine Fähigkeiten. Da ist sich Antoine noch nicht sicher, ob und wieviel er dem Mann davon erzählen will.
Aber über Audrey reden sie. Tim scheint gerne in den frühen Jahren zu schwelgen, als Audrey noch klein und seine Ehe noch annähernd glücklich war; die Jahre, ehe seine Trunksucht Frau und Tochter von ihm weg trieb. Und Antoine ist selbst überrascht darüber, wie gerne er von Audrey als kleinem Mädchen hören möchte, wie er über die Anekdoten, die Tim erzählt, herzlich lachen kann, und wie leicht es ihm fällt, sich ein Bild von der vierjährigen Audrey zu machen.

Dass er es sagen wird, weiß er selbst nicht, bis ihm die Worte über die Lippen kommen. Sie haben sich schon voneinander verabschiedet, weil Antoine noch jede Menge Kram zu erledigen hat, und Tim wendet sich schon ab, da ruft Antoine ihm hinterher. „Mr leClerq!“
Der Mann sieht zurück. „Ja?“
„Mr leClerq… sagen Sie…“ Antoine ist uncharakteristisch verlegen. „Mr leClerq… wäre es für Sie okay, wenn ich mit Audrey ausgehen würde?“
Tims freundliches Nicken zaubert wieder ein Lächeln auf Antoines Gesicht. „Alles klar, Mann!“

Einiges an erledigtem Kram später schlägt Antoine bei seinen Homies auf. Die wollen natürlich wissen, wie es gelaufen ist, denn Antoine hatte ihnen ja erzählt, dass er seine biologische Mutter treffen wollte. Über das Warum hat er sich dabei allerdings nicht ausgelassen: Diese ganzen komischen, übernatürlichen Sachen, die ihm da passiert sind, hat er lieber nicht angesprochen.
Hätte er auch gar nicht müssen, wie er nun feststellt. Nachdem er knapp berichtet hat, dass er seiner Mutter begegnet ist und ja, dass es ganz gut danach aussieht, als würden sie wieder eine Beziehung aufbauen können, bringen seine Ganger recht schnell die Sprache auf das andere Antoine-Thema der Woche[sup]TM[/sup]: die unglaublich coole Art und Weise, wie er diese Typen von der anderen Gang umgelegt hat.
Offenbar haben ihn ein paar seiner Kumpels bei der Sache beobachtet; wollten ihm eigentlich gegen die gegnerischen Ganger zu Hilfe kommen, kamen aber nicht dazu, ehe schon alles vorbei war.
Was genau da passiert ist, scheinen sie nicht hundertprozentig mitbekommen zu haben: Einer spricht von Antoines „alles wegrockenden Messerkünsten“, ein anderer fragt ihn, was das für ein abgefahren krasses Haustier gewesen sei und wie er es so abgerichtet gekriegt habe.

Antoine nimmt das Schulterklopfen und die Macho-Sprüche mit einem gezwungenen Grinsen entgegen und tut überlegen geheimnisvoll. Aber innerlich ist ihm fast übel von dem Getue, und mit einem Mal geht ihm die Frage durch den Kopf, ob er wohl noch lange dabeibleiben wird.
Schneller als sonst verabschiedet er sich. Schürzt mit einem vielsagenden Grinsen wichtige Aufgaben vor und macht den Abflug.
Es drängt ihn zurück ins Le Chat Noir. Jetzt, nachdem er den Schock einigermaßen verdaut und der Tatsache ins Auge sehen kann, dass er tatsächlich ein Raubtier in sich trägt, hat er das Bedürfnis, nochmal länger als heute mittag mit seiner Mutter zu reden.

„Wer, was, bist du genau? Warum kannst du dich in eine Katze verwandeln? Warum bist du zweihundert Jahre alt?“
Solène lächelt wehmütig. Ihre Haut ist faltig geworden in den letzten Stunden, und in ihrem Haar kann Antoine zahlreiche weiße Fäden entdecken. Nur ihre Stimme klingt noch immer jung, und doch belastet von der Wucht der Jahrhunderte.
„Dieser Körper existiert seit zweihundertundzwanzig Jahren. Nicht ich. Ich – das, was du meine Seele, mein Wesen, nennen würdest – ist unermesslich alt. Ich bin, oder war, eine Loa, Antoine.“

Was ein Loa ist, weiß Antoine natürlich. Weiß jeder New Orleanser. Loas sind die Gottheiten des Voodoo. Fasziniert, ohne seine Mutter zu unterbrechen, hört er ihr weiter zu.
„Im Laufe der Jahrhunderte habe ich mehr als einmal menschliche Gestalt angenommen, um für eine gewisse Zeit menschliche Emotionen zu verspüren. Mich menschlichen Gelüsten hinzugeben. Die Freuden eines guten Essens. Eines Mittagsschlafes im Schatten eines heißen Sommertages. Der körperlichen Liebe. Vor allem der körperlichen Liebe. Die Gefühle, die einen Menschen beim Liebesakt durchfluten, sind mit nichts zu vergleichen.“
Solène lächelt versonnen, und Antoine, der, als er achtzehn war, mal ein halbes Jahr lang eine feste Freundin und ansonsten ein paar flüchtige Begegnungen hatte, tut es ihr nach. Es ist mit nichts zu vergleichen.

„Vor zweihundertundzwanzig Jahren ist etwas geschehen, das zuvor noch nie geschehen war“, fährt Solène leise fort. „Ich habe mein Herz verschenkt.“
Antoine lächelt. „Deine wahre Liebe gefunden?“
Solène erwidert sein Lächeln traurig. „So dachte ich.“ Sie seufzt. „Ich habe mich geirrt. Aber das erfuhr ich erst, als ich ihm mein Herz bereits geschenkt hatte.“ Seine Mutter schüttelt den Kopf. „Victor Sauvageau benötigte mein Herz lediglich, um die ihm innewohnenden Kräfte zum Schutz gegen den Teufel zu nutzen.“
Antoine blinzelt verwirrt. „Victor Sauvageau? Der Victor Sauvageau?“ Der reiche Arsch im Anzug?, hätte er beinahe gefragt. „Audreys Adoptivvater?“
„Sein Vorfahr. Victor l’Ancien nennen sie ihn. Er war es, der Sauvageaus erstmals zu Reichtum und Ansehen brachte, den Grundstein für das Familienunternehmen legte. Er schloss einen Pakt mit dem Teufel dafür.“
„Huh. Krasser Scheiß. Wieso schließt jemand ’n Pakt mit dem Teufel?“
Solènes Lächeln ist eindeutig ein nachsichtiges Mutterlächeln. „Macht. Reichtum. Liebe… oder einfach nur das begehrte Wesen besitzen zu können. Es gibt viele Dinge, für die Menschen einen solchen Pakt eingehen würden und im Laufe der Jahrtausende eingegangen sind. Wohl dir, wenn du vor einer solchen Versuchung gefeit bist, mein Sohn.“
Ein Achselzucken. „Weiß nicht, ob ich’s bin. Ich war noch nicht in so einer Situation. Aber ich hoff’s.“

Sie nickt leicht und spricht weiter. „Das Herz einer Loa… es schützte Victor l’Ancien. Es hat auch seine Familie durch die Jahrhunderte beschützt… bis zum heutigen Tag. Bis heute verhindert es, dass die Sauvageaus Victor l’Anciens Teil der Abmachung einhalten müssen. Solange sie mein Herz in ihrem Besitz haben, hat der Teufel keine Macht über sie.“
Mit einer Grimasse sieht Solène an sich herunter, auf die Falten in ihrer zuvor so glatten, makellosen Hand. „Aber du siehst selbst, was geschieht. Ich bin bereits zu lange in diesem Körper gefangen. Ich beginne, meine Kräfte zu verlieren.“
Antoine stutzt. „Du meinst, sie haben dein Herz? Dein richtiges, echtes Herz? Das war wortwörtlich gemeint?“

Sanft nimmt Solène seine Hand und führt sie an ihren Hals, legt seine Finger an ihren Puls. Oder besser dahin, wo ein Puls sein müsste. Denn da ist nichts. Gar nichts. Kein Klopfen, kein Flattern.
Antoine sieht sie aus großen Augen an. „Krass.“
„Es war keine Metapher, nein“, sagt Solène. „Die Familie Sauvageau besitzt mein Herz. Und solange sie es besitzen, muss ich diesen Körper tragen, und solange sie es besitzen, wird dieser Körper altern und sterben.“
Antoine ballt entschlossen die Fäuste. „Dann müssen wir dir dein Herz wiederbeschaffen!“
Seine Mutter lächelt wehmütig. „So einfach ist das nicht. Aber vielleicht fällt uns ja gemeinsam etwas ein.“ Ihr Lächeln wird offener, freier. „Aber komm, lass‘ uns ein wenig deine neuen Fähigkeiten üben. Du solltest sie beherrschen können, jetzt wo du weißt, wer du bist.“
„Eins weiß ich noch nicht“, erwidert Antoine, in lockerem Tonfall, der den Ernst der Frage nur unzureichend überdeckt. „Wer war mein Vater?“
Solène macht eine wegwerfende Handbewegung. „Jemand. Ein gutaussehender junger Mann, mit dem ich eine ausgiebige Nacht verbrachte. Sonst weiß ich nicht sonderlich viel über ihn.“ Sie lächelt leicht. „Du siehst ihm ähnlich, wenn ich mir das so überlege.“

Da seine Mutter ihm offensichtlich nicht mehr über seinen biologischen Vater sagen kann oder will, lässt Antoine das Thema fallen und macht sich stattdessen unter Solènes kundiger Anleitung ans Üben. Übt seine Verwandlungsfähigkeit an sich selbst. Und alles andere an Benoît, dem Weißbrot, zu Antoines großer Genugtuung.

Es ist schon kurz vor Mitternacht, als Antoine den Club verlässt. Er hat wenig Bock darauf, sich schon wieder von seinen Homies zu seinen krassen, kewlen Powerz gratulieren und womöglich weitere Fragen über sich ergehen zu lassen, und irgendwie erscheint ihm das alte Haus am Fluss als die ganz logische nächste Station, egal wie spät am Abend es sein mag.

Gleich beim Reinkommen merkt Antoine, dass was nicht stimmt. Dass hier irgendeine Kacke ganz gewaltig am Dampfen ist. Tim leClerq ist da, sitzt bei Achéron, hat den Arm um ihn gelegt und redet auf den Jungen ein, der, noch bleicher als sonst, unkontrolliert zittert und sich vor und zurückwiegt. Tims leise Worte stockend nachspricht. Ein Gebet, wie es aussieht.
Auf Antoines vorsichtiges „Was’n hier los?“ sieht Ash auf. Er hat geweint, bemerkt Antoine, und seine rot geränderten Augen sind völlig verzweifelt. Trostlos.
„Es tut mir so leid“, stammelt er. „Es tut mir so leid. Es tut mir so leid, ich wollte das nicht!“

Antoine sieht von ihm zu leClerq. Der Mann ist verletzt, hat einen Verband um den Kopf. Hat Ash ihn so zugerichtet? Aber würde Tim den Jungen derart beruhigen und trösten, wenn Achéron ihn angegriffen hätte? Vielleicht gerade deswegen, wie Antoine Audreys Vater inzwischen kennengelernt hat. Immerhin ist Ash nach eigener Aussage nicht immer zurechnungsfähig.

„Was wolltest du nicht?“, fragt Antoine.
Ashs Augen nehmen einen noch trostloseren Ausdruck an, wenn das denn überhaupt möglich ist. Resigniert. Bitter. Voll hilfloser Scham. Antwortet nach winzigem Zögern dann leise, aber deutlich.
„Ich wollte nicht mit Audrey schlafen.“

Ein rotes Licht explodiert in Antoines Kopf, zerfasert zu einem pulsierenden Schleier vor seinen Augen. Er spürt, wie die Verwandlung über ihn kommt, ungebeten: wie seine Zähne sich zuspitzen und seine Fingernägel sich zu Krallen auswachsen.
Ash kauert vor ihm, ein zitterndes Opfer. Sieht ihn aus hoffnungslosen Opfer-Augen an, die sagen: Tu’s. Ich hab’s verdient. Aber Antoine hat sich unter Kontrolle, gerade noch so.
Aber loslassen muss er die Wut, die Energie, die sich in ihm aufgestaut hat und die ihn platzen zu lassen droht. Ein zorniger Schrei, und der Raum wird von einem heftigen Wirbelsturm durchtobt, der vor nichts halt macht, was nicht festgeschraubt ist. Die Türen der Küchenschränke klappen wild auf und zu, Tassen fliegen heraus und zerschellen auf dem Fußboden, genau wie die Glaskanne der Kaffeemaschine. In einer Ecke haben Ashs Instrumente an der Wand gelehnt – jetzt fliegen sie durch die Luft und brechen in Stücke.

Allmählich legt sich der Sturm in Antoines Kopf. Mit einem tiefen Atemzug löst er langsam die geballten Fäuste. „Was ist passiert?“

Und Ash erzählt. Erzählt, wie er auf das Anwesen der Sauvageaus zurückgekehrt ist, um das Auto wieder hinzubringen.
„Auto wieder hinzubringen?“, unterbricht Antoine.
Die Frage lässt den Jungen nochmals stocken, aber er setzt dann weiter vorne wieder an. Langsam und ein wenig wirr, aber doch verständlich. Dass er am Nachmittag dazugekommen ist, als sein Vater und Tim leClerq eine Auseinandersetzung hatten, bei der Tim dem älteren Sauvageau eine Heugabel in die Schulter gerammt hat und dabei selbst einen Schlag über den Schädel abbekam. Dass diese Auseinandersetzung stattfand, weil Tim Hinweise darauf gefunden hätte, dass Audreys Mutter Amber nicht einfach nur bei einem Reitunfall ums Leben gekommen sei, sondern dass Victor sie umgebracht habe. Dass dieser erklärt habe, er sei für Ambers Tod nicht verantwortlich, Achéron ihm aber nicht geglaubt und daraufhin das Auto genommen habe, um Tim erstmal in Sicherheit vor seinem Vater zu bringen. Wie er dann später das Auto zurückbringen wollte und Audrey schlafwandelnd im Garten fand, vom Teufel besessen. Wie der Teufel etwas von dem Herzen sagte, dass er haben wolle und dann in Audreys Gestalt über Achéron herfiel und ihn zum Verkehr mit ihr zwang, weil er sie verletzt oder gar umgebracht hätte, wenn Ash sich geweigert hätte. Wie sie genau im Moment des Höhepunktes wieder zu sich kam, und nur wenige Minuten später auch Victor auftauchte. Wie sein Vater Ash zusammenschlug, der sich aber nicht wehrte, weil er es verdient habe.

Das ist der Moment, in dem Achéron wieder leise zu schluchzen beginnt und Tim leClerq alle Mühe hat, ihn wieder halbwegs zu beruhigen. Antoine steht wie vor den Kopf geschlagen da, die Fäuste wieder geballt, wodurch sich seine noch immer zu Krallen ausgefahrenen Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen bohren. Aber das merkt er gar nicht.

Es kommt Antoine nicht in den Sinn, Achérons Geschichte anzuzweifeln. Der Junge sagt die Wahrheit, das kann er spüren. Und auch Timothy hegt ganz offensichtlich keinen Zweifel. Der Ältere nickt wissend und verstehend, als würde ihn Ashs Geständnis gar nicht sonderlich wundern. Er scheint auch nicht groß schockiert über Antoines unmenschliche Fähigkeiten, was den wiederum wundert.
Schockiert ist leClerq nicht, aber fragen tut er dennoch, also klärt Antoine ihn auf. Über sich und seine Fähigkeiten und darüber, was er mit der anderen Gang getan hat. Über Solène. Und über ihr Herz. Wie sie es dem Vorfahren der Sauvageaus geschenkt hat und es die Familie seither vor dem Teufel beschützt.

Das wiederum lässt leClerq stutzen und die Stirn runzeln. „Das Herz?“ fragt er erstaunt. „Das Herz ist ein böses Voodoo-Artefakt, das Audrey schaden könnte.“
„Du irrst dich, Mann“, erwidert Antoine, ebenfalls überrascht. „Ich glaube meiner Mutter, wenn sie sagt, dass es die Sauvageaus schützt.“
Auch Ash sieht aus verweinten Augen auf und nickt. „Er hat recht. Es schützt uns vor dem Pakt, den unser Vorfahr mit dem Teufel geschlossen hat.“

Timothy nickt nachdenklich. Er scheint ihnen zu glauben, aber trotzdem noch nicht ganz überzeugt zu sein. Sein Stirnrunzeln vertieft sich. „Aber wie kommt dann dieser Priester darauf, es sei ein böses Artefakt?“
Antoine zuckt die Achseln. „Hat er sich eben geirrt. So Mythen und Geschichten ändern sich ja immer mal über die Zeit. Vor allem, wenn man’s selber nicht genau weiß, sondern nur erzählt bekommen hat.“
Timothy nickt wieder. „Das wird es wohl sein. Auch wenn er meinte, von dem Ding drohe Audrey Gefahr.“

„Audrey!“ Der Name lässt Achéron wieder aufsehen. Sein Gesicht ist angespannt und verzweifelt. „Ich konnte nicht zu ihr… danach… Ich hätte… Ich wäre… Du… Antoine, du musst gehen und nach ihr sehen!“
Antoine traut seinen Ohren nicht. „Du hast sie einfach dort gelassen? Einfach so??“
Wütend schüttelt er den Kopf. Und rennt los.

Als Antoine auf dem Landgut ankommt, ist von Audrey im riesigen Garten weit und breit nichts zu sehen. Aber weiter hinten auf dem Gelände ist eine grüne Wand zu sehen. Eine Hecke. Ein Labyrinth. Vielleicht ist sie ja dort. Aber je näher er kommt, desto weniger denkt Antoine an Audrey, denn aus dem Labyrinth ruft ihn etwas. Ein dumpfes, stetiges Pochen. Ein Sog. Ein Drang. Solènes Herz. Sie sagte etwas von einem Mausoleum in einem Labyrinth, fällt ihm ein.

Mit großen Schritten eilt Antoine zum Labyrinth und mit schnellen Schritten hindurch, ruft ein paar Mal Audreys Namen. Aber spätestens im Zentrum des Irrgartens verstummt das, denn hier ist das stetige Pochen in seinem Geist besonders stark, zieht es ihn wie magnetisch in das wuchtige Gebäude aus hellem Marmor.

Ehe er jedoch hineingehen kann, hört er unregelmäßige Schritte von schräg hinten. Antoine dreht sich um. Ein Weißer in den späten Vierzigern, eingerissener, silbergrauer Anzug und verschmutzte Krawatte, die garantiert handgefertigten Lederschuhe mit Blutstropfen bespritzt und das Haar wirr und zerzaust. Victor Sauvageau. In der Hand ein Messer. Blutig. Antoine starrt auf die Waffe, als habe er noch nie eine gesehen, als sei er noch nie in eine Messerstecherei verwickelt gewesen.

Sauvageau zieht mit einer beiläufigen Bewegung sein Einstecktuch aus der Brusttasche. Wischt damit sorgfältig, aber gleichzeitig völlig mechanisch und abwesend, über die blutverschmierte Klinge. Seine Augen sind wie tot. Nein. Nicht tot. Am Rande des Wahnsinns oder sogar schon darüber hinaus.
„Junge“, sagt er dann. „Hattest du schon einmal das Gefühl, dass alles in deinem Leben eine Lüge war?“ Die Stimme des Mannes wirkt in ihrer reglosen Kühle ungefähr ebenso durchgeknallt wie seine Augen.
„Ey, ich hab keine Ahnung, was mit dir los ist, Mann“, schießt Antoine zurück und zeigt auf das Mausoleum. „Aber ich muss da jetzt rein und was holen.“
„Nein.“ Der reiche Arsch im ehemals feinen Anzug schüttelt den Kopf. „Ich werde dir das Herz nicht geben. Es ist die einzige Chance, die mein Sohn noch hat.“

„Euch gehört’s nicht“, zischt Antoine. „Es gehört meiner Mutter, und sie braucht es, sonst wird sie sterben. Also nehm ich’s mir, ob ihr wollt oder nicht.“
„Nein!“
Sauvageau ballt die Fäuste, packt das Messer fester und stellt sich ihm in den Weg. Antoine stößt ihn mit vor Wut gefletschten Zähnen beiseite, und erst als der Ältere irre zu lachen beginnt, wird Antoine klar, dass die Verwandlung über ihn gekommen ist, ohne dass er das überhaupt aktiv gewollt hätte, dass sie ihn mit sich gerissen hat und sich seine Klauen in die Schulter der Mannes gebohrt, die Reißzähne millimeterscharf an seiner Kehle vorbei geschnappt haben.

Mit einem wütenden Knurren stößt Antoine seinen Widersacher zu Boden. Springt mit einem Satz über ihn und die Stufen ins Mausoleum hinab. Drinnen herrscht andächtige Stille, Steintafeln und Wandnischen für Generationen von Sauvageaus. Und dort, auf einem Podest neben einer der Grabnischen, eine Urne. Oder besser so ein Ding wie die alten Ägypter es benutzten. Wie hießen die noch? Es ist lange her, dass Antoine das gelernt hat. Kanopen, genau. Eine Urne mit Deckel, aus feinstem Porzellan. Oder aus einem Stein gehauen? Was es auch sein mag, das Material ist so dünn, dass man durch die Wände hindurch etwas aufschimmern sehen kann. Etwas Dunkles. Etwas, das pocht und trommelt und Antoine ruft und an ihm zerrt.

Mit zitternden Händen öffnet er die Kanope und holt ihren Inhalt heraus. Es ist ein Stein, ein dunkelgrauer, von rötlichen Einlassungen durchzogener Stein in Form eines menschlichen Herzens. Solènes Herz. Das Herz seiner Mutter. All die Jahrhunderte hat es hier gelegen. Antoine greift sich den Stein, lässt die Kanope achtlos liegen und rennt hinaus. Vorbei an dem verwundeten Arsch im Anzug, zurück Richtung Ausgang. Rechts. Links. Links. Rechts. Links. Da ist der Eingang. Schon will Antoine durch den Heckenbogen hinaus ins Freie, da findet er sich mit einem Mal wieder vor dem Mausoleum wieder.
„Was zum…!“ Antoine schüttelt wild den Kopf und rennt wieder los. Wieder die Gänge, wieder der Ausgang, und wieder, urplötzlich, ohne Empfinden des Weges dazwischen, die Marmorsäulen des Mausoleums. Antoine flucht laut und versucht es diesmal in der anderen Richtung. Dasselbe Ergebnis. Der Arsch im Anzug hat sich indessen an der Mauer des Mausoleums hochgekämpft und lacht heiser. Lacht Antoine aus. Wenn er nicht so verzweifelt versuchen würde, aus dem verdammten Labyrinth zu kommen, würde er anhalten und den Dreckskerl fertig machen. Aber es hat keinen Zweck. Wieder und wieder rennt Antoine im Kreis, heult auf wie ein gefangenes Tier im Käfig. Nicht mal sich an dem Arsch im Anzug (er ist Audreys Stiefvater, flüstert es in ihm) auszulassen, würde jetzt helfen.

Wieder einmal sieht er den Eingang vor sich, ist sich ganz sicher, diesmal trickst er den verdammten Fluch aus!, da kommen ihm Gestalten entgegen. Sie alle. Audrey und ihr leiblicher Vater. Achéron. Und eine alte Frau, die Antoine auf den ersten Blick kaum erkennt, so stark ist sie gealtert. Seine Fäuste krampfen sich um den Stein in seinen Händen, und sein eigenes Herz droht stillzustehen. Solène. Mutter. Sie kann sich alleine kaum mehr auf den Beinen halten, muss von Tim und Audrey gestützt werden.

Sofort fällt Solènes Blick, wie magisch angezogen, auf den rot gemaserten Stein. „Mein Herz“, krächzt sie gierig. „Mein Herz… gebt es mir!“
Sofort hält Antoine es ihr hin, doch seine Mutter schüttelt abwehrend den Kopf. Die einfache Geste wirkt schon, als koste sie sie einen Großteil der Kraft, die sie noch besitzt.
„Einer von ihnen muss es mir geben“, presst sie mühsam heraus. „Ein Sauvageau…“
„Gebt es ihr!“, knurrt Antoine wild und drückt dem Mann das Herz in die Hand. Der Pulsschlag unter dem glatten, marmorierten Stein pocht langsam. Gleichmäßig. Ungerührt. Aber kommt es Antoine nur so vor, oder ist der Schlag schwächer geworden in den Minuten, in denen er das Herz jetzt schon hält?

Der ältere Sauvageau zögert, wiegt das Herz in der Hand. „So zu sterben hat mein Sohn nicht verdient. Dann lieber ich.“
„Nein!“ Ashs Stimme klingt ungewohnt heftig. „Nein, Vater, nicht du! Ich will nicht, dass du stirbst.“
„Aber du bist noch so jung, Vic. Du hast dein Leben noch vor dir.“
Vic?, fährt es Antoine flüchtig durch den Kopf, aber der Gedanke ist sofort wieder verschwunden.
Der Junge schüttelt währenddessen den Kopf. „Wofür soll ich denn leben, nach allem, was passiert ist? Ich… ich kann nicht mehr, Vater. Ich bin so müde… Aber du – du kannst noch ein langes Leben haben.“
Sauvageau lacht bitter. „Wofür soll ich denn noch leben nach alledem?“
Achérons Antwort wirkt von den Worten her unendlich zynisch, aber ihrem Klang nach sind die Worte resigniert, akzeptierend. „Du kannst es ignorieren. Das hast du doch sonst auch immer.“

Der Ältere sieht einen Moment lang so aus, als habe sein Sohn ihm ungebremst in die Eier getreten. Dann starrt er ihn einen endlosen Wimpernschlag lang forschend an. „Willst du… willst du wirklich sterben?“, fragt er dann stockend. Und als Ash nickt, atmet sein Vater tief durch, nickt ebenfalls und hält Solène das Herz hin.
„Nein!“, ruft der Junge, und Sauvageaus Hand zuckt zurück, bringt das Herz außerhalb der Reichweite von Solènes gierig tastenden Fingern. „Nicht so!“
Achéron zeigt auf das Herz. „Wenn du es ihr gibst, dann holt uns der Teufel!“ Seine Stimme schwankt. „Ich will nicht, dass der Teufel meine Seele bekommt. Er hat mir schon ganz genau gesagt, was er damit alles vorhat…“
Der Junge starrt seinen Vater mit einem wilden Ausdruck in den Augen an. „Besser, wir sterben gleich. Bevor der Teufel uns holt.“

Wieder zögert der ältere Sauvageau, atmet sichtbar, während er Ashs Worte überdenkt. Dann nickt er erneut, hält seinem Sohn das blutige Messer hin. „Ich habe dir nie zugehört. Ich habe deine Entscheidungen nie respektiert. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich endlich damit anfange…“
Ash nimmt das Messer, hält es locker in der Hand, und widerstreitende Emotionen flackern über sein Gesicht, die Antoine nicht alle deuten kann. Erleichterung ist darunter. Und Enttäuschung.

„Halt!“, fällt Tim leClerq plötzlich ein. „Niemand muss hier sterben!“
„Ich kann mich nicht selbst töten“, sagt auch Achéron. Er macht keine Anstalten, die Waffe gegen sich selbst zu richten. „Das wäre eine Todsünde, dann würde mich der Teufel holen… Dann hätte das vorher Sterben keinerlei Sinn…“

„Bitte…“ Solènes schwache, krächzende Stimme lässt alle für einen Moment innehalten. „Ich brauche mein Herz… Ihr könnt nicht… bitte gebt es mir, sonst muss ich sterben…“
Ash sieht sie mitleidig an. „Ich kann nicht“, antwortet er traurig. „Es geht ja nicht nur um meine Seele, sondern auch um die von Vater… vielleicht um die aller Sauvageaus seit Victor l’Ancien. Aber… kannst du denn kein anderes Herz nehmen? Nimm meines, ich gebe es dir.“
„Nein…“, stöhnt Solène. Ihre Stimme wird immer schwächer. „Ich brauche mein eigenes… Bitte…“

Antoine steht mit geballten Fäusten da, macht eine bedrohliche Bewegung zu dem Älteren hin. „Gib es ihr schon, verdammt!“
Seine Mutter wankt indessen auf Sauvageau zu, fällt vor ihm in die Knie. „Victor… ich habe dir mein Herz geschenkt, weil ich dich geliebt habe… und du hast mich geliebt… Weißt du nicht mehr? Bitte gib es mir… Es war nie dafür gedacht, dass du es behältst…“
Sauvageau sieht auf ihre knochigen Hände, die seine Beine umklammern, ihr flehendes Gesicht, das zu ihm aufsieht und doch ganz in der Vergangenheit gefangen scheint, und schüttelt sachte den Kopf. „Nein.“

Solènes Züge verzerren sich zu einer wilden Maske des Hasses. „Verräter!“, kreischt sie, und dann, urplötzlich, flackert ihre Gestalt zu der des Raubtiers. Aus ihren bourbonfarbenen Augen zucken Blitze, ein Licht, das sie und Sauvageau pulsierend umschließt. Ein zischender, elektrischer Knall, und beide gehen ungebremst auf die Bretter. Das Herz fällt Ashs Vater aus den kraftlosen Händen, rollt leClerq vor die Füße. Der hebt es auf, wortlos und geschockt.
„Mein Herz…“ Kaum hörbar kommen die Worte aus Solènes Kehle, ein ersterbender Abendhauch. „Gebt mir mein H…“

Antoine springt seiner Mutter an die Seite, während Achéron und Audrey zu ihrem Vater eilen. Beide leben noch, aber Sauvageau atmet flach und keuchend, und die Wunde an seiner Schulter ist wieder aufgebrochen. Audrey hat Tränen in den Augen.
„Genug!“, schreit sie wild. „Das hört jetzt auf!“ Gehetzt sieht das Mädchen sich um. „Hörst du mich, Teufel? Hörst du mich? Ich werde das jetzt beenden!“

Antoine versteht eine Sekunde zu langsam, was sie vorhat. Er stürzt auf sie zu, aber er kommt zu spät. Ihr Vater begreift schneller, ist Audrey auch näher, aber selbst Tim kann das Messer nur um den Zentimeter ablenken, der verhindert, dass seiner Tochter die Klinge direkt ins Herz fährt. Blutüberströmt stürzt Audrey zu Boden.
„Audrey, nein!“ Das Gesicht aller drei Männer eine Maske des Entsetzens. Zeigt sein eigenes denselben Ausdruck? Die Frage schießt Antoine durch den Kopf, und er stellt flüchtig fest: ja. Tut es.

Audreys Augen sind geschlossen. Sie atmet mühsam, redet von dem Opfer, das sie bringt, damit der Fluch der Sauvageaus endlich gebrochen wird. Ash stammelt haltlos etwas, wieder und wieder, fast unhörbar. Nicht du, Audrey, so klingt es, oder vielleicht auch Warum du, Audrey? Tim leClerq kniet fasssungslos neben seiner Tochter, hält sie im Arm, streichelt ihr weinend das Gesicht, während Antoine nur dasteht, rasend vor Wut gegen irgendwas und nichts. Und sich hilflos fühlt, so verdammt hilflos. Auch Sauvageau hat mit letzter Kraft die Fäuste geballt. „Keinen retten“, murmelt er bitter, „keines meiner Kinder kann ich retten…“

„Ich kann es.“
Sie sehen auf beim Klang der heiser flüsternden Stimme. Solène. Keiner der Männer hat in diesem Moment noch an Solène gedacht. Solène, die aussieht, als halte nur noch ein letzter dünner Faden sie zusammen und am Leben.
„Ich kann sie retten. Gebt mir mein Herz zurück, dann kann ich sie heilen.“

Die beiden Sauvageaus, Vater und Sohn, reagieren absolut identisch. Sie sehen auf, sehen einander an, und ohne dass sie nicken müssten, fliegt ein Einverständnis zwischen ihnen hin und her. Sie drehen sich zu Solène und machen beide dieselbe auffordernd-überreichende Handbewegung.
„Ich gebe es dir zurück“, sagt der Ältere. „Dein Herz gehört dir.“
Er ist zu schwach, um es ihr tatsächlich selbst zu übergeben, und Tim leClerq, der den Stein noch immer festhält, steht wie festgewurzelt. Das dauert alles zu lange, also nimmt Antoine dem Mann das Herz kurzerhand ab und legt es seiner Mutter in die zitternde, klauenartig ausgestreckte Hand.

Ein Zittern durchfährt Solène, ein ekstatisches Seufzen. Dann beginnt die rote Marmorierung des Steins zu leuchten, dunkel orangefarben erst, dann immer heller, immer intensiver und strahlender, bis Solène davon umhüllt ist, ein Meer aus Licht und Funkeln. Das Herz löst sich auf, verschmilzt mit seiner Besitzerin, und je mehr es strahlt, umso mehr löst Solène sich auf, wird selbst zu einer Gestalt aus reinstem Licht. Ein glückliches, befreites Lachen erklingt, hell und verzückt, und dann beginnt die Lichtgestalt, die Antoines Mutter war, sich langsam in die Luft zu erheben.

Audrey liegt noch immer blutend am Boden.

„HALT!!“ Beide Sauvageaus donnern es im selben Moment, erstaunlich kräftig dafür, wie fertig beide eigentlich sind. Antoines und Timothys eigene Rufe gehen dagegen regelrecht unter. „Wir hatten einen Handel, Solène! Du musst Audrey helfen!“
Antoine rechnet halb damit, dass die Loa, allem Irdischen entrückt, einfach weiterschweben wird. Aber die Gestalt hält inne. Kehrt zurück. Hüllt das Mädchen kurz in ihr sanftes Licht, und die Wunde in Audreys Brust schließt sich. Das frauenförmige Licht gibt ein warmes, flackerndes Strahlen von sich und zieht sich wieder zurück. Schwebt davon und ist bald darauf verschwunden. Antoine starrt Solène nach, mit einer Kralle um die Brust, verwirrt und mit zwiespältigen Gefühlen. Weiß, dass er seine Mutter nie wiedersehen wird, und bedauert. Fragt sich aber auch, ob das nicht vielleicht besser ist.

Audrey holt zitternd Atem, öffnet die Augen, und Antoines Blick wird ruckartig zu ihr gerissen. „Audrey! Oh Himmel sei Dank!“
Aber das Mädchen hat nur Augen für ihren Bruder und Adoptivvater. Kreidebleich läuft sie zu ihnen hin, umarmt sie ganz fest. „Warum habt ihr das getan? Ich hätte euch gerettet…“
Beide Sauvageaus schütteln den Kopf. „Du darfst nicht sterben. Nicht du“, sagt Achéron. „Du musst weiterleben…“ Und sein Vater drückt Audreys Hand. „Lebe, Audrey. Für uns.“
Die Tränen laufen ihr frei und ungehindert über das Gesicht. „Aber… aber ihr dürft genausowenig sterben! Ash – du musst doch meinen Kindern auf der Violine vorspielen… mit uns zusammen singen… Ich dachte, wir…“ Sie wendet sich zu ihrem Vater. „Und du musst doch deine Enkel im Garten spielen sehen, Papa… sie Huckepack tragen und… und dass wir alle zusammen glücklich sind… Wie soll ich denn weiterleben ohne euch…“ Die Stimme versagt ihr.

Victor Sauvageau sieht seine Tochter eindringlich an, tastet mühsam nach ihrer Hand. „Du bist meine Tochter. Du kannst das.“
Erst nickt sie schwach zu seinen Worten, doch dann schüttelt sie wieder energisch den Kopf. „Ich gehe nicht weg. Ich bleibe bei euch. Wenn… wenn der Teufel kommt, will ich ihm ihn die Augen sehen und ihn verfluchen…“
„Nein!“, ruft Ash, beinahe verzweifelt. „Das darfst du nicht! Er darf nicht auf dich aufmerksam werden. Nicht auf dich…“
Und auch der ältere Sauvageau schüttelt schwach den Kopf. „Bitte, Audrey. Du musst gehen. Sonst ist unser Tod völlig sinnlos.“

Das Mädchen weint noch immer haltlos, als ihr leiblicher Vater zu ihr tritt und ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter legt. „Komm mit uns“, sagt er sehr sanft. Audreys Schultern sacken resignierend herab, und in ihren Augen erstirbt etwas. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht lässt Antoine fast das Herz stillstehen.
Die Sauvageaus sehen leClerq und ihn an. „Passt auf sie auf“, bitten sie beide im exakt selben Moment. Und auch die Antwort, der Blick des Einverständnisses mit den beiden Todgeweihten, kommt exakt gleichzeitig. „Keine Sorge.“

Mit dem Mädchen zwischen sich, sie stützend wie eine alte, gebrechliche Frau, verlassen sie das langsam das Labyrinth. Antoine sieht nicht zurück, bis sie das offene Gelände erreicht und zur Hälfte überquert haben. Und auch dann hätte er vermutlich weiter starr geradeaus gestiert, wenn nicht Tim leClerq einen Schreckenslaut von sich gegeben hätte.
Antoine folgt seinem Blick, versteht nicht, was ihn so kreidebleich hat werden lassen. Am Eingang zum Labyrinth steht ein Mann in einer Soutane. Ein Priester. Antoine kann nur sein halbes Profil sehen, aber der Kerl scheint zu lächeln.
„Das ist er“, stammelt Tim. „Er ist es… Der Teufel…“

Antoine stutzt. Und versteht. Es war ein Priester, der Tim versichert hat, Solènes Herz sei ein böses Artefakt, das Audrey schaden könne. Es war ein Priester, der Tim überhaupt erst dazu gebracht hat, seine leibliche Tochter zu kontaktieren. Es war ein Priester. Dieser Priester. Der Teufel.

Antoine ballt die Fäuste, aber es gibt nichts, was er tun kann. Rein gar nichts. Nur beten, beten für die Seelen von Victor und Achéron Sauvageau. Und beten, dass Audrey ein wenig Glück im Leben finden wird.
Einen Moment lang blitzen wild die unterschiedlichsten Bilder in seinem Kopf auf.
Antoine, wie er nur wenige Wochen nach all dem hier seinen Kummer über Audreys Weggang ertränkt, alleine.
Antoine, wie er nach einer heftigen Auseinandersetzung die Gang verlässt. Audrey, die zuhause auf ihn wartet, lächelnd.
Antoine, wie er sich immer mehr in die Gang verstrickt.
Audrey und er, in einer kleinen, verkommenen Wohnung. Audreys Haar verfilzt. Leere Schnapsflaschen überall. Sie streiten wild. Lampen fliegen.
Audrey und er in einem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer, Blick auf einen Garten. Lächelnd, liebevoll.
Antoine, wie er geschockt über Audreys Leiche steht. Das Blut ihrer aufgeschnittenen Handgelenke wirkt überirdisch rot auf den weißen Kacheln des Bades.
Audrey und er zusammen bei Ma Joyanne und Pa Raymond im Garten, älter, ein vielleicht sechsjähriges Kind auf Ma Joyannes Schoß. Es ist blond, mit Ashs braunen Augen. Und weiß.
Audrey und er zusammen bei Ma Joyanne und Pa Raymond im Garten, älter, ein vielleicht sechsjähriges Kind auf Ma Joyannes Schoß. Es ist dunkelhaarig und krausköpfig, und hellbraun.
Antoine an der Tür zu Audreys Haus, nachdem er die Kinder für das Wochenende bei sich gehabt hat.
Audrey und er, alt und ergraut, mit ihren Enkeln auf dem Schoß.

Antoine schüttelt den Kopf. Er kann nicht wissen, was die Zukunft bringt. Er kann nicht garantieren, dass alles gut ausgehen wird. Er weiß nur eines. Er wird sein verdammt noch mal Bestes tun.

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