Miami Files – „Death Masks“ 2

Irgendwann war es vorbei. Die Söldner lagen am Boden, ebenso zwei Bewohner des Viertels, und die Gestalt mit der Yansa-Maske – männlicher Körperbau, aber weibliche Bewgungen, vermutlich eben wegen der Maske, die er trug – verschwand im Nevernever.
Wir standen völlig verblüfft da und starrten auf das Chaos, da kam Macaria Grijalva zu uns und erklärte, der Typ in der Maske sei Alberto gewesen, einer der drei Orunmila-Ältesten, die mit Camerone verhandelt hatten. Und er habe alle 3 Masken an sich gebracht.
Dann ging sie wieder, um „aufzuräumen“, wie sie sagte.

In einer Seitenstraße wurden zwei überlebende Söldner gerade von einem Dutzend Anwohnern übel verprügelt, stellten wir fest. Edward und ich versuchten beide, den Mob von den beiden Söldnertypen wegzubringen, aber ohne Erfolg. Die hörten einfach nicht auf uns. Und dann kam Totilas dazu, und alles lief aus dem Ruder.
Denn der Mob erkannte ihn als White Court und ging geschlossen auf ihn los – und auf Edward und mich gleich mit.

Zwölf gegen drei: das sah trotz Edwards und Totilas‘ Kämpferqualitäten nicht gerade gut aus. Ziemlich als erstes schob Edward mich aus der Kampflinie, zu einer Hauswand und dem Müllcontainer davor, und baute sich zwischen mir und dem Mob auf, um mir etwas Deckung zu verschaffen. (Edward weiß eben, dass ich im Kampf nicht sonderlich nützlich bin. Dagegen sollte ich vielleicht mal was tun. Immerhin scheinen wir häufiger in solche Situationen zu geraten…)
Das hinderte jedoch einen der aufgebrachten Leute nicht daran, mich anzugreifen und mich gegen die Mülltonne zu rammen. Mit dem Rücken genau in den Griff am Container. Au.

Immerhin konnte ich so auf den Müllcontainer klettern und war somit erstmal aus der Schusslinie. Aber Edward und Totilas bekamen unten ziemlich übel eingeschenkt, und ich wollte nicht einfach so tatenlos herumstehen. Also griff ich mir einen der Blumentöpfe, die ein Stückchen über mir außen auf einer Fensterbank standen und warf ihn nach einem der Typen, die Edward beharkten. Nur – madre mia, wie peinlich! – hatte ich nicht sonderlich gut gezielt. Der Kerl fing
den Blumentopf sauber ab, sah einen Moment lang darauf, schrie mich wutentbrannt an: „Der gehört meiner Mama, du Arschloch!“ und schleuderte ihn zurück. Und im Gegensatz zu meinem kläglichen Versuch war das ein perfekter Pitch, der mich voll am Kopf traf. Au. Verdammt!

Edward sah einen Moment lang so aus, als wolle er auch zu mir hochklettern, aber hey, er ist Edward. Er war viel zu wütend, um sich aus dem Kampf zurückzuziehen. Also blieb er unten und prügelte sich weiter. Inzwischen hatten auch Roberto und Alex gemerkt, was da bei uns in der Seitenstraße los war. Roberto rief von draußen laut „Policía!“ – nicht so, als sei er selbst einer, sondern als wolle er die anderen warnen, dass die Cops unterwegs seien. Aber der aufgebrachte Mob hörte ihn gar nicht.

Von meinem Container aus konnte ich dann sehen, wie Roberto irgendwas aufhob. Und dann kam er in die Gasse gelaufen, und ich hörte ihn rufen: „Das könnt ihr doch nicht machen! Wisst ihr, wen ihr da verprügelt? Das ist Ricardo Alcazár, der bekannte Literat und Latino-Aktivist!“ Als auch das nichts fruchtete, watete er durch die Menge und hielt mir, „Autogramm! Autogramm!“ rufend, etwas zum Signieren hin. Es war das, was er zuvor aufgehoben hatte, irgendein völlig verranztes gedrucktes Etwas – ein Telefonbuch oder etwas in der Art, das irgendwer weggeworfen hatte.

Ich war derart baff, dass ich ihn nur anstarren konnte. Alle Anwesenden waren völlig baff, sogar der Mob. Vermutlich hätte ich mich gleich darauf aus meiner Schockstarre befreit und ihm das was-auch-immer-es-war tatsächlich signiert, wenn nicht in diesem Moment Alex in einem schwarzen Humvee – offensichtlich ein Fahrzeug der Söldnertruppe, das er kurzerhand requiriert hatte – in die Gasse gefahren wäre.

Totilas – der übrigens selbst ziemlich übel zugerichtet aussah – rief mir zu, ich solle runterspringen, und machte sich bereit, mich aufzufangen, aber es war wesentlich leichter, von dem Müllcontainer aus auf das Autodach zu klettern und sich an der Dachreling festzuhalten, also machte ich lieber das. (Erstens war es wesentlich leichter, und zweitens sah ich einen kurzen Augenblick lang vor meinem geistigen Auge das Bild von einem Paparazzo aufblitzen, wie der mich in Totilas‘ Armen fotografierte. No gracias. Auch wenn weit und breit kein Paparazzo zu sehen war. Besser nicht.)

Wir sammelten die beiden verletzten Söldner ein, und ich kletterte sobald wie möglich vom Dach in den Wagen, dann fuhren wir erst einmal zum Arzt. Einer der beiden Paramilitärs war sehr schlimm dran, würde es aber hoffentlich überleben. Den anderen brachten wir unter Hinweis darauf, dass er und seine Leute ganz schön im Dreck steckten und vermutlich von allen möglichen Seiten gelinkt würden und es in seinem eigenen Interesse sei, mit uns zu reden, dazu, dass er uns seine Version der Geschichte erzählte.

Seine Truppe arbeite für Gerald Raith, sagte er. So habe sein Commander jedenfalls gesagt; er selbst habe den Auftraggeber nie gesehen. Der Trupp sei vom Commander etwa vor einem halben Jahr zusammengestellt worden, um in Little Havanna Ärger zu machen. Mehr wusste er nicht, und wo sich das Hauptquartier der Söldnereinheit befand, wollte er auch nicht sagen.

Wir überließen ihm den Humvee – immerhin gehörte er seiner Truppe –, und er fuhr damit davon… allerdings nicht, ohne dass Roberto sein Handy im Auto „vergessen“ hatte. Damit und mit der GPS-App, die wir alle installiert haben, damit wir uns bei Bedarf finden können, ließ der Mann sich leicht verfolgen. Er fuhr hinaus in die Everglades, und wir folgten ihm in einigem Abstand, denn wir wollten ja vermeiden, dass er auf uns aufmerksam wurde.

Vielleicht wäre das, was dann passierte, anders passiert, wenn wir uns mehr beeilt hätten. Vermutlich aber auch nicht. Vermutlich war es ganz gut, dass der Kampf, als wir ankamen, schon in vollem Gange war.

Wieder stießen wir auf das reinste Chaos. Auf dem Gelände der Söldner kämpften zwei Parteien gegeneinander. Oder besser, zwei Seiten. Und eine der Seiten bestand aus einer Person. Von den Paramilitärs war schon so gut wie niemand mehr übrig, und die, die noch lebten, versuchten verzweifelt, sich aus dem Staub zu machen. Der Mann in der Yansa-Maske, mit allen Yansa-Fähigkeiten, stand gegen Cicerón Linares und seine Leute – und die waren selbst nicht ohne. Sie hatten nämlich offensichtlich Shango kanalisiert und waren nun in vollem übernatürlichen Modus unterwegs. Alberto, der Orunmila-Älteste, hatte keine Chance, Yansa-Maske oder nicht. Die Santo Shango umstellten ihn, trafen ihn immer wieder. Und schließlich rammte Cicerón Linares ihm ein Messer in den Rücken, und der alte Mann ging zu Boden.
Alex versuchte noch, zu ihm hinzukommen, aber da waren einfach zu viele Santo Shango in aggressivster Kampflaune, die sich dazwischenstellten. Padre en el cielo, perdonarnos, wir mussten Alberto liegen lassen.

Linares ging zu dem Gefallenen hin und zog ihm mit triumphierender Miene die Yansa-Maske vom Gesicht, dann suchte er Albertos Taschen ab und brachte auch die beiden anderen Masken zum Vorschein. Mit einer davon kam Linares zu uns herüber und hielt sie Alex hin – die Eleggua-Maske. Mit Alex‘ ‚Boss‘ wolle er nichts zu tun haben, sagte er, der sei viel zu unberechenbar. Alex sah einen Moment lang so aus, als wolle er die Maske nicht annehmen, tat es dann aber doch, mit etwas unglücklichem Gesicht.
Die Yansa-Maske war ja das Ziel der ganzen Aktion gewesen, also gab Linares die natürlich nicht her, aber auch die von Oshun behielt er für sich. Roberto fragte danach, musste aber hören, dass die Santo Shango das erst einmal innerhalb ihrer eigenen Priesterschaft besprechen würden. Aber vielleicht könne man ja zu einem Deal kommen. Roberto solle doch mal mit Macaria Grijalva reden und zu vermitteln versuchen, die sei nämlich auf Linares & Co. nicht sonderlich gut zu sprechen.

Da sich die Situation jetzt ein wenig beruhigt hatte und Linares‘ Gang nicht mehr in vollem Kampfmodus war, wollten wir uns natürlich auch um Alberto kümmern. Doch der hatte den Kampf nicht überlebt. O Dios, acepte su alma.

Oh, und ratet mal, wer noch dort war, Römer und Patrioten. Ganz recht. Niemand anderes als Ilyana Elder. Ha. Soviel zum Thema Ritual, das ein paar Tage dauere und nicht unterbrochen werden dürfe. Sie hatte an dem Kampf zwar nicht aktiv teilgenommen, sich das Ganze aber interessiert und als offensichtlicher Teil der Gang angeschaut.
Wir richteten ihr aus, dass ihr Onkel Samuel sich Sorgen um sie mache, was sie zwar zur Kenntnis nahm, sich davon aber nicht in ihrem Entschluss beirren ließ, bei den Santo Shango zu bleiben. Sie sei erwachsen und wisse selbst, was gut für sie sei, erklärte sie überzeugt, und davon abbringen konnten wir sie nicht. Immerhin leierte ich ihr noch die Zusage aus den Rippen, sie werde mit Samuel reden, nicht dass das was ändere.

Wie nebenbei erwähnte Linares dann auch, dass er wisse, wo Ocean sei. Denn – das hatte ich bisher noch gar nicht erwähnt – Totilas‘ junge Cousine (eigentlich Tante, denn sie ist die Tochter von Gerald und Crysanthema Raith, und Gerald ist ja immerhin Totilas‘ Großvater, aber hey, Ocean ist siebzehn und Totilas Anfang, Mitte Zwanzig, da klingt das Wort ‚Tante‘ einfach falsch) war von zuhause abgehauen, das hatten wir in einem Telefongespräch mit Cherie erfahren. Gerald selbst war auch verschwunden, erzählte Cherie Edward, während im Hintergrund irgendein Feuergefecht ablief. Irgendwas an den Raith’schen Pot-Feldern anscheinend. Ein Angriff des Red Court oder so. Cherie war verständlicherweise mehr als kurz angebunden, und Edward, obwohl er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, machte sich doch einige Sorgen.

Jedenfalls war Gerald verschwunden, Ocean ebenso, aber Linares sagte jetzt, er wisse, wo sie sei. Und er werde sein Wissen sogar mit uns teilen, wenn Totilas verspräche, auf seinen Großvater einzuwirken, damit dieser die demnächst eintretenden Gegebenheiten widerspruchslos akzeptiere.
Was das für Gegebenheiten genau sein würden, erwähnte er nicht.
Totilas wiederum erklärte, er könne nicht versprechen, dass Gerald auch auf ihn hören werde, aber er verspreche, das Thema bei ihm anzusprechen. Damit zeigte sich Linares dann auch zufriedengestellt.
Ocean befinde sich in dem alten Raddampfer, der vor bestimmt zwanzig Jahren mal als Touristenattraktion in die Everglades gebracht worden war. Seit dieses Unternehmen glorreich scheiterte, rottete der alte Kahn an seiner Kette langsam vor sich hin. Sogar ein Vogelschutzgebiet war vor einigen Jahren um ihn herum entstanden.
Und Ocean werde dort gefangen gehalten, behauptete Linares. Vom Red Court oder Red Court Söldnern oder etwas in der Art.

Als wir bei dem alten Dampfer ankamen, spähten wir also erst einmal die Lage aus. Zuerst war keine Bewegung zu sehen, aber dann entdeckten wir ein vernageltes Kabinenfenster, an dem es ratterte und rüttelte, als wolle sich jemand dort befreien, und außerdem die Silhouetten von zwei Wachtposten auf dem Oberdeck.
Roberto und Alex sorgten für Ablenkung, indem sie mit einem Glades-Boot, das Alex irgendwo auftreiben konnte, sich für Ornithologen ausgaben, die hier den seltenen blauen Wasserläufer beobachten wollten. Indessen schlichen Edward, Totilas und ich uns über das Schaufelrad an der Seite des Schiffes an Bord.
Allerdings hatte es eine ganze Weile gedauert, bis Alex und Roberto mit dem Boot angtuckert kamen und die Wachtposten ablenkten. Die Kabine, in der Ocean allem Anschein nach festgehalten worden war, war jedenfalls jetzt leer; nur noch ihr Rucksack lag dort. Den durchsuchte Totilas schnell, aber dann warf er plötzlich den Kopf hoch, weitete die Augen und eilte aus dem Raum, hastig gefolgt von Alex und mir. Offensichtlich hatte er mit seinen White Court-Sinnen irgendwas bemerkt.

Aber dazu brauchte es nicht mal White Court-Sinne. Das konnte sogar ich spüren, dass da etwas in der Luft lag. Eine Anspannung. Ein Knistern. Geballte Erotik, die um so stärker wurde, je näher wir ihrer Quelle kamen. Die Quelle, das war der Salon des alten Dampfers, wo vier Kerle, die anscheinend gerade wachfrei hatten, dabei waren, sich um Ocean zu prügeln. Drei rangelten wild miteinander und mit dem Vierten. Dieser Vierte befand sich in einer gierigen Umarmung mit Totilas‘ Cousine, seine Lippen fast mit ihren verschmolzen, die Körper, obgleich noch fast vollständig bekleidet, eng aneinandergepresst, und er bemerkte überhaupt nicht, wie das Mädchen ihn schwächte.

Im Zuge der Geschichte mit Totilas‘ Vater letztes Halloween hatte ich ja erfahren, was es mit White Court-Jungfrauen auf sich hat: Dass sie noch keine vollen Vampire sind und durch die Macht der wahren Liebe diesen Fluch loswerden und zu ganz normalen Menschen werden können – aber eben nur, solange sie noch niemanden mit ihren White Court-Kräften getötet haben. Wenn dies einmal geschehen ist, dann ist derjenige für immer ein Vampir.

Letztes Halloween hatte Ocean uns noch erzählt, wie sehr sie darauf hoffte, einmal ihre wahre Liebe zu finden, und dass sie nie zum Vampir werden wolle. Doch jetzt hatte sie offensichtlich die Kontrolle an ihren Dämon verloren: Sie hatte die typischen silbernen White Court-Augen bekommen und war kräftig dabei, ihr erstes Opfer zu machen.

Aus Totilas‘ entsetztem Aufschrei wurde klar, dass er das nicht zulassen konnte und wollte, und so stürzten wir uns alle in den Kampf. Es entstand ein wildes Getümmel, in dem wir Ocean das eine potentielle Opfer entreißen konnten, sich aber sofort einer der anderen Kerle auf sie stürzte und sie mit dem weitermachte. Die Typen waren dummerweise ziemlich gut ausgebildet und nicht abgelenkt genug, um uns nicht auch noch mit anzugreifen.

In dem ganzen Chaos kam keiner von uns ungeschoren davon. Ich war unbewaffnet, griff mir aber von einem der Billardtische in dem Salon ein vergessenes Queue, um wenigstens nicht ganz hilflos dazustehen, oder vielleicht sogar irgendwas damit erreichen zu können. So versuchte ich, mit dem Queue den Kerl aus Oceans Umarmung zu ziehen – leider nicht sehr erfolgreich. Aber einen anderen Effekt hatte der Versuch. Um den Söldner wegzuziehen, musste ich ja dicht an die beiden heran… und plötzlich bemerkte ich, wie begehrenswert das junge Mädchen vor mir doch war. Mein Verstand wusste genau, dass ich das Mädchen eigentlich nicht begehrte, dass das nur die White Court-Pheromone waren, die Oceans Dämon ausschüttete, denn er wollte mich ebenso gewinnen wie die Söldnertypen. Aber, O madre mia, mein Körper und mein Instinkt reagierten dennoch. Mit einem Mal fühlte ich mich unglaublich angezogen von Ocean Raith, und ich musste aufpassen, dass ich nicht ebenso über sie herfiel wie die Kerle.

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