Miami Files – „Blood Rites“ 1

Gute Nachrichten, Römer und Patrioten: Die Verfilmung von Indian Summer nimmt endlich Gestalt an! Sheila hat eben angerufen und mir die Eckdaten durchgegeben. Sie haben tatsächlich Sam Worthington für die Rolle des Eric gewinnen können, was ich so ziemlich als Idealbesetzung empfinde. Die weibliche Hauptdarstellerin, eine gewisse Roselyn Sanchez, sagt mir bisher nichts, und auch die Regisseurin musste ich erst googeln. Kataklysma Bentley heißt sie und hat sich bisher ausschließlich in kleinen Genre-Produktionen betätigt – ich meine, hallo? Mit dem Namen kann sie ja nur in Genre-Produktionen gewesen sein. Eine Alienkomödie, ein Zeitreise-Actioner und ein psychologisches Horrordrama. Ich muss mir die mal ansehen.

Alex hat gerade angerufen. Es gibt einen Notfall. Treffen im Dora’s. Später mehr.

Alex‘ Notfall war ein Geist. Wie auch sonst, bei Alex. Und er brachte ihn – sie – tatsächlich mit in den Donut-Laden (genau wie damals die alte Mrs. Blanco zu ihrer Enkelin in Totilas‘ Studio, als ich die beiden frisch kennenlernte). Das war vielleicht seltsam. Die Verstorbene, Caroline Harris, hatte vor zwei Wochen einen Autounfall gehabt. Und hatte gestern dann über einen „Stafettenlauf“ von Geistern Alex kontaktiert. Es gehe um ihren Verlobten, erzählte sie durch Alex‘ Mund, nachdem sie erst einmal ganz begeistert war, den Autor der Eric-Albarn-Romane zu treffen. Madre de Dios. Ich meine, es war ja schmeichelhaft und alles, aber … ein Geist? Muy extraño. Jedenfalls. Dieser Verlobte war als Soldat mehrfach in Afghanistan gewesen und dann vor drei Monaten mit PTSD aus der Armee ausgeschieden. Seither war es ihm sehr schlecht gegangen, und Carolines Tod hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Und jetzt mache sie sich Sorgen um ihn: Steven habe all seine Waffen zusammengepackt und sei damit abgezogen, und nun habe Caroline Angst, dass er einen Amoklauf plane oder sonst eine Wahnsinnstat.

Sie hätte gar nicht mehr hier sein sollen, erklärte Alex. Normalerweise entstünden Geister, wenn es noch etwas Unerledigtes gibt, das sie zurückhält. Caroline habe aber alle Anzeichen einer Seele, die ungehindert ins Licht geht, ins Licht hätte gehen sollen, wenn sie nicht von einem äußeren Einfluss daran gehindert worden wäre. Und wirklich sah Roberto, als er sie mit seinem Inneren Auge betrachtete, dass sie ein schwarzes Band um den Hals trug. Auf dem Band war in silbernem Faden ein Kreis aufgestickt, ganz normal zweidimensional, wie ein Schmuckmuster, und trotzdem war unmöglicherweise an diesem Kreis eine Kette befestigt, die allerdings momentan lose herunterhing und nirgendwohin führte. Caroline erzählte auch, dass sie eigentlich schon das Licht gesehen habe, auf dem Weg dorthin gewesen sei, als sie einen Ruck spürte und etwas sie zurückzog.

Wir ließen uns von Caroline den Weg zu ihrer ehemaligen Wohnung zeigen und den Schlüssel, der – natürlich – unter der Türmatte lag. Da Steven McNeill ja laut Caroline mit seinen ganzen Waffen losgezogen war, fackelte Edward nicht lange, sondern schloss auf und betrat die Wohnung. Immerhin hatte er Grund zu der Annahme, dass hier ein Verbrechen vorbereitet worden war. Wir folgten ihm dicht auf – und mitten in ein Wohnzimmer, wo Steven McNeill in voller Lebensgröße eben aufsprang, eine Pistole zog und fürchterlich herumzubrüllen begann. Dass er Edward nicht gleich erschoss, ist noch alles. Auch dessen Versuche, die Situation zu entschärfen, schlugen fehl – der traumatisierte Soldat war einfach zu aggressiv. Also traten wir schleunigst den Rückzug an.

Dass wir McNeills Haus beobachteten, verstand sich von selbst. Alex allerdings ging indessen Caroline Harris suchen, die war nämlich in dem ganzen Durcheinander kurzerhand verpufft. Als er wiederkam, erzählte er, er habe sie gefunden, und sie habe ihm haargenau dasselbe nochmal erzählt, von ihrem Autounfall und der grünen Ampel und den Sicherheitscodes und ihrem Verlobten und ihrer Angst, er wolle Amok laufen. Das arme Mädel ist eindeutig in irgendeiner Schleife, und auf ihre Zeitangaben verlassen können wir uns keinesfalls. Hätten wir das mal gewusst, ehe wir bei McNeill im Wohnzimmer standen.

Edward ließ währenddessen die Namen Caroline Harris und Steven McNeill durch den Polizeicomputer laufen und bekam einige Informationen über die beiden. Caroline war Angestellte bei einer Bank, der Gibraltar Private Bank & Trust, und gerade unterwegs zur Arbeit, als sie eine rote Ampel überfuhr und mit tödlicher Wucht in einen Lastwagen raste. Sie starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Über den Verlobten Steven spuckten die Computer das aus, was Caroline auch schon erzählt hatte: Soldat, mit PTSD entlassen wurde, wohl nach irgendeinem nicht näher bezeichneten Vorfall, aber nicht unehrenhaft. Diverse Waffen auf ihn zugelassen.

Es versteht sich von selbst, dass wir Stevens Wohnung beobachteten, falls er wirklich etwas vorhatte. Mit ihm zu reden, war in seiner momentanen aggressiven Stimmung sicherlich nicht gerade aussichtsreich. Und nach einer Weile kam McNeill tatsächlich aus dem Haus und fuhr in einem alten, vor dem Haus geparkten Wagen davon. Alex gelang es, das Auto zu verfolgen, ohne dass der er merkte, während Edward seinen Partner Henry anrief und den das Nummernschild durch den Polizeicomputer jagen ließ. Vor drei Tagen gekauft, sagte Henry. McNeill fuhr gutes Stück weit, ehe er in einer Seitenstraße in einer etwas heruntergekommenen Gegend parkte und ausstieg, den Wagen abschloss und den Schlüssel in eine nahegelegene Mülltonne warf. Dann ging er zu Fuß davon und rief sich zwei Straßen weiter ein Taxi.

Edward und Totilas blieben bei McNeills Wagen, um den etwas näher zu untersuchen, während Alex, Roberto und ich dem Taxi folgten. McNeill ließ sich zu einem Autohändler bringen und erstand dort eine ähnlich klapprige Rostlaube wie die, die er soeben zurückgelassen hatte. Sehr seltsame Geschichte. Warum ein Auto aufgeben und gleich ein absolut vergleichbares kaufen? Es sei denn, es gab einen Grund, mit dem alten Wagen nicht mehr gesehen zu werden… Natürlich folgten wir ihm weiter, als er mit seiner Neuerwerbung von dem Händler wegfuhr.

McNeill unterbrach seine Fahrt an einer Buchhandlung, wo er eine Bibel kaufte (was ich weiß, weil ich neugierig war und ihm in den Laden hinterherging. Unauffällig und vorsichtig natürlich. Was denkt ihr denn, Römer und Patrioten.) Die Dame an der Kasse lächelte ihn an und sagte irgendwas zu ihm, von dem ich nur das „… Bruder“ am Ende verstehen konnte, aber was es auch war, McNeill schoss ihr einen Blick zu, der sie umgehend zum Schweigen brachte. Und auch die übrigen Kunden traten instinktiv von ihm zurück. Creepy.

Anschließend fuhr McNeill nach Hause, stellte den neu gekauften Wagen ab und verschwand wieder in seiner Wohnung. Und was sollte das jetzt? Muy extraño. Also weiter das Haus beobachten. Nach einer Weile stießen Edward und Totilas wieder zu uns, Totilas etwas … zerzaust. Und vor allem von einem deutlichen Spritzer Eau de Garbage umgeben. Er hatte tatsächlich die Mülltonne nach dem Autoschlüssel durchsucht, weil er nicht wollte, dass Edward den Wagen einfach aufbrach.

Das Ergebnis der Mühen: Ein Kofferraum voller Waffen – Pistolen, Maschinenpistolen und ein Sturmgewehr sowie eine Granate – und eine Bibel im Handschuhfach. Unterstrichen waren vielsagende Stellen wie Gen 13:13, Gen 18:20, Gen 19:13 oder 1. Chronik 21:15-16: alles Verse, die sich mit der Vernichtung und Zerstörung als Strafe für Sünde befassten. Ganz klar, den Mann mussten wir weiter im Auge behalten.

Irgendwann kam McNeill auch tatsächlich wieder heraus. Er trug eine Sporttasche in der Hand, stieg in sein Auto und fuhr davon. Wir folgten ihm natürlich, und zwar bis zu einem Bürogebäude im Bankendistrikt, das gerade vollständig renoviert wird und deswegen leersteht. Als wir in einigem Abstand oben ankamen, war der Mann gerade damit fertig, ein Scharfschützengewehr an der glaslosen Fensteröffnung aufzubauen. Und ehe wir ihn daran hindern konnten, gab er ein paar Schüsse ab. Draußen Schreie, panisch herumrennende Menschen. Aber ein schneller Blick nach draußen ergab, dass offensichtlich gar niemand getroffen worden war, sondern dass McNeill anscheinend mit Absicht auf die gegenüberliegende Hauswand statt auf Leute gezielt hatte.

Trotzdem kam natürlich ein Wachmann nach oben gerannt. Er langte gerade bei uns an, als wir den sich wie wild wehrenden McNeill mit vereinten Kräften dingfest gemacht hatten, und er musste uns natürlich erst einmal mit der Waffe im Anschlag verhaften. Was wir anstandslos über uns geschehen ließen, bis die Polizei kam und festgestellt wurde, dass wir uns nichts zuschulden hatten kommen lassen. Während wir alle nur Schrammen abbekommen hatten, war McNeill von einem von Totilas‘ Schlägen schwerer getroffen worden als geplant – unser White Court hätte ihm um ein Haar den Schädel eingeschlagen, Madre mia – deswegen kam der Ex-Soldat unter Polizeibewachung erst einmal ins Krankenhaus.

Auch wir fanden uns wegen unser diversen Kratzer im Krankenhaus ein – deswegen, und weil wir versuchen wollten, vielleicht noch etwas mehr über McNeills Beweggründe herauszufinden. Aber als Roberto ihn mit seinem zweiten Gesicht ansah, erkannte er, dass der Mann nur noch eine leere Hülle darstellte, dass von dem, das seine Persönlichkeit ausmachte, kaum mehr etwas übrig war. Offensichtlich hatte er absichtlich so getan, als wolle er einen Amoklauf begehen (ohne wirklich jemanden umbringen zu wollen), um sich dabei von den Sicherheitskräften zur Strecke bringen zu lassen. „Suicide by Cop“, wie Edward das so schön knapp auf den Punkt brachte.
Alex hatte McNeills Verlobte mit ins Krankenhaus geholt, auf seine übliche Weise, und nun öffnete er ihr das Tor ins Jenseits. Denn er hatte ja schon zuvor gesehen, dass Caroline eigentlich schon längst hätte gehen sollen, dass es nichts mehr gab, das sie hier hielt, außer dem Zauber, der sie zurückgerissen hatte. Und nun, wo auch die Sorge, dass ihr Verlobter Amok laufen könnte, hinfällig war, hielt sie erst recht nichts mehr. Alex öffnete das Portal absichtlich so, dass es auch für McNeill geeignet wäre, falls dieser loslassen wollte. Und der Ex-Soldat war schwer verletzt genug, sein Lebensfaden so dünn, dass ihm das ein Leichtes war. Kaum hatte Alex sein Ding getan und wir das Krankenzimmer verlassen, da hörten wir das typische langgezogene Biiiiiiieeeeeeeeep eines Herzstillstandes. Und Alex erzählte später, er habe McNeill mit ungläubiger Stimme „Caroline?“ fragen hören und sei ihr dann freudig gefolgt. Santísimo Padre del cielo, nimm die beiden gnädig bei dir auf.

Ich glaube es nicht. Da steigt morgen abend die Kick-Off-Party für den Drehbeginn von Indian Summer, und die Einladung kam nicht bei mir an. Wenn Sheila nicht vorhin angerufen hätte, wann genau ich bei der Party aufzuschlagen gedächte, wäre die Sache komplett an mir vorbeigegangen.
Na gut. Sheila hat aber angerufen, und natürlich gehe ich hin. Und genauso natürlich lade ich die anderen ein. Vielleicht ist das ja mal eine Gelegenheit für Alex, Dallas Hinkle auszuführen. Die mag ihn, und er sie, das kann ich doch sehen.
Und ich rufe jetzt Dee an.

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