Die Fahrt der Titanic (Julianna)

Unsere allererste Hühnerrunde fand bereits im Juni 2012 statt. Die Grundidee, aus der die Hühner überhaupt erst entstanden sind, beruhte darauf, die Fahrt der „Titanic“ nachzuspielen, mit unseren Charakteren als normalen Mitreisenden . Anders als für die New Orleans-Runde sind im Nachgang allerdings kaum Diaries dafür entstanden. Ich selbst habe meines nur angefangen und weiß nicht recht, ob ich irgendwann noch dazu kommen werde, es zu beenden. Aber Patti hat eines geschrieben, und sie hat mir erlaubt (bzw. sogar – weil sie ja für New Orleans keines geschrieben hat – gewissermaßen darauf bestanden :-)), dass ich es in diesem Blog poste. Also: Hier ist es!

Aber ehe ich an Patti übergebe, hier erst einmal die Charaktere:

Patti: Julianna Szabat, eine lebenslustige ungarische Witwe, deren Mann, der Kommerzienrat Szabat, vor kurzem verstorben ist und die nun auf der Suche nach einem Abenteuer und/oder Neuanfang nach Amerika reist.
Nocturama: Bria(na) O’Malley (Flynn) , ein burschikoses irisches Mädchen, das sich als Mann verkleidet und aufs Schiff geschmuggelt hat, um einer ungewünschten Verheiratung zu entgehen.
Niniane: Lord James Walcott III, Earl of Southerbrook (in Wahrheit Cassidy Patrick Cunningham), junger Zeitungsreporter, hat sich als falscher Adliger auf die Titanic geschmuggelt, weil der echte Träger des Namens und Besitzer des Tickets ihm das Manuskript seines ersten Romans gestohlen und unter eigenem Namen veröffentlicht hat.
Timberwere:  Nechama Szylbrstajn, eine ungarische Jüdin, die auswandern will, nachdem ihre Ehe unglücklich endete und sie sich recht ungewöhnlicherweise hat scheiden lassen. Sie kennt Kommerzienrätin Szabat und reist als deren Begleitung.
Bad Horse: Michael St. John (in Wahrheit Rory O’Malley), ein irischer Stallbursche, dem Brianna Flynn einst das Herz gebrochen hat und der sich deshalb jetzt als reicher Engländer ausgibt, um auf diese Weise eine gute Partie zu finden.

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Titanic, finally

Starring: Julianna Szabat, Witwe des kürzlich verstorbenen Kommerzienrats Szabat aus Budapest. Sie entspringt einer verarmten  Gutsherren-Familie  aus Heviz, woher sie auch Nehama Szilbrstaijn kennt. Die beiden sind in direkter Nachbarschaft aufgewachsen und haben sich aus den Augen verloren, nachdem  Juliannas Vater Geld und Gut verspielt hatte und Nehama verheiratet wurde. Julianna lernte den Kommerzienrat in der Kurklinik kennen, wo sie, zum ersten Mal verwitwet, gerade versuchte, sich als Krankenschwester durchzuschlagen, als er beinahe im Kursee ertrunken wäre. Seine Lunge hat sich nie wieder richtig von dem Unfall erholt. Man darf vermuten, dass er ihr nicht nur ihrer Schönheit wegen einen Antrag machte, sondern auch, weil es der geizige Mann für geschickt hielt, seine Pflegerin auf diese Weise fast kostenlos ins Haus zu holen. Mit seinen ewigen Vorwürfen im Nacken, dass sie zu verschwendungssüchtig sei, langweilte sich die  Kommerzienrätign in Budapest fast zu Tode, sollte aber bald ihren Ehemann überleben, da dieser auf der lange hinausgeschobenen Hochzeitsreise seinem Lungenleiden erlag. Julianna begibt sich auf die Reise in die Neue Welt, um den Gerüchten in Budapest zu entkommen, die besagen, sie hätte den Kommerzienrat  vergiftet.

Southampton, den 10. April 1912:

Endlich an Bord. Ich hatte schon befürchtet, dass der Kohlemangel wegen des Streiks uns genauso im Hafen festsitzen lässt, wie all die anderen Schiffe. Ich habe mich sofort aufgemacht, die Decks der ersten Klasse zu erkunden. Meine Kabine werde ich in den nächsten Tagen noch oft genug sehen. Irgendwo auf dem Weg ist mir Nehama abhanden gekommen. Vermutlich überfordert sie der Anblick des Schiffes und des großen weiten Meeres vollkommen. Das arme kleine Landei!
Nichtsdestotrotz bin ich herumgestromert und habe auf der Stelle einen wundervollen Ort entdeckt, an dem ich sicher jeden Tag ein paar Stunden zubringen werde. Das Café Parisien. Ein wundervoller Einrichtungsstil und vollwertiger Ersatz für unseren entgangenen Parisaufenthalt. Hier begegnete mir ein junger Engländer, Michael St.John,  den ich kürzlich in London auf irgendeiner Soiree traf. Ein hübscher Kerl, der sich reizend um mich bemühte, bis Nehama mit einem Adligen im Schlepptau aufkreuzte und mir den Spaß verdarb. Da der gute Earl nun aber schon so nett war, sie mir zurückzubringen, schlug ich vor, dass man sich ja gemeinsam das Schiff ansehen könne. Und ich muss sagen, die Ausstattung ist sehenswert. Nur diesem Gymnastikraum mit den am Boden festgeschraubten Fahrrädern konnte ich nichts abgewinnen. Nun ja, ein gutes hatte er. Ein weiterer hübscher Junge strampelte dort sehr sportlich und elegant und ließ mich einen Augenblick vergessen, dass ich bald vierzig werde. Oh ja, diese Reise lässt sich gut an. Ich bereue nicht, dass ich die schwarze Witwentracht noch heute morgen gegen ein feines weißes Kleid ausgetauscht habe. Die dunklen Gedanken können mir gestohlen und in Europa zurück bleiben. Ich will Leben. Ich will Freiheit. Und ich werde mich vergnügen wie noch nie zuvor!

Portsmouth, den 11. April 1912

Als die Titanic heute den letzten europäischen Hafen angelaufen ist, habe ich den bildhübschen Jungen aus dem Gymnastikraum kennengelernt. Sein Name ist Brian O’Malley. Er ist Ire, und ich habe ihn aus Versehen angesprochen, weil ich dachte, Nehama stünde neben mir. Offenbar habe ich sie schon wieder abgehängt. Das hat mir eine nette Unterhaltung über die Freiheit und den Sinn der Ehe eingebracht. Wobei sich der junge Hüpfer als recht frech herausstellte. Sagt er mir doch mitten ins Gesicht, dass eine Frau womöglich ohne Ehemann viel besser dastünde. Als wenn mich nicht die Ehe erst wieder zur angesehenen und reichen Frau gemacht hätte.  Ich glaube, ich muss diese Aussage des Jünglings tatsächlich als ein Angebot verstehen. Er ist wirklich ziemlich dreist, so mit der Tür ins Haus zu fallen. Da habe ich mich doch glatt vor Schreck etwas zurückgezogen, wo ich mir doch geschworen hatte, mir hier alles zu erlauben, was sich mir bietet.

Auf hoher See, den 13. April 1912:
Gestern abend haben wir getanzt. Sogar Nehama, die offenbar alles unternehmen will, um sich unsichtbar zu machen, habe ich ein, zwei Male an den Mann gebracht. Vor allem an den niedlichen kleinen O’Malley. Sie täte gut daran, mit einem von ihnen etwas mehr zu unternehmen, als nur zu tanzen, um die schlimmen Gedanken an ihren prügelnden Ehemann zu vertreiben und sich klar zu machen, dass die wenigsten so sind.
Aber ich habe keine Lust, sie andauernd zu ihrem Glück zu zwingen.

Der nette Mr. St.John war auch wieder mit von der Partie. Er ist ein kleiner Windbeutel, muss ich schon sagen. Seinen Komplimenten traue ich nicht so weit, wie ich ihn werfen kann. Doch ich bin ein eitles Weib und höre sie mir alle an, ohne ihn zu unterbrechen. Er ist jedenfalls sehr unterhaltsam. Und nach einigen Likörchen hat er mich sogar dazu gebracht, ihm von dem eigentlichen Anlass meiner Reise zu erzählen. Von den Briefen meiner lieben Schwester aus New York, von den immer deutlicher erkennbaren Lügen, es ginge ihr gut und sie würde im Luxus leben, obgleich sie auf immer billigerem Papier und immer seltener schreibt. Was ich dann noch so von mir gab, ist mir entfallen. Ich kann mich noch dunkel erinnern, dass er und Nehama sich sehr fürsorglich verhalten und mich zu meiner Kabine geleitet haben. Er hatte auf ausgesprochen nette Weise den Arm um meine Taille gelegt, so dass ich nahe daran war, ihn einfach zu küssen, weil es sich so gut anfühlte. Sicher wäre Nehama dann vor Scham gestorben, prüde wie sie ist. Also habe ich es wohl gelassen. Glaube ich.
Dann lag ich in diesem wunderbar weichen Bett und schmiegte mich in die Kissen, die aus Engelsfedern gemacht sein müssen. Heute ist mir, als hätte mich ein Zug überfahren Doch ich bereue nichts.

Dieser Earl mag ja eloquent sein, aber er ist mit großer Bestimmtheit auf den Kopf gefallen, was seine Fähigkeit angeht, Gelegenheiten zu ergreifen, wenn sie sich ihm bieten. Ich werde nicht näher darauf eingehen, welche Dummheit er verbrochen hat, weil ich mich weigere, die Existenz der letzten zwei Stunden anzuerkennen. Sie sind in meinem Zeitstrahl einfach nicht passiert. Das hat er nun davon, der schwachsinnige Idiot!

Wusste ich es doch! Der englische Dandy ist hinter mir her, weil ich reich bin. So weit, so gut. Ich kann es ihm nicht verdenken. Warum sollten nur wir Weiber auf Geldheiraten aus sein? Ich habe genug um zu teilen. Und mir gefällt seine Geschichte. Er war nämlich so klug, mir ganz ehrlich sein Ziel zu nennen. Noch dazu ist er gar kein englischer Gentleman, sondern ein irischer Stallknecht. Man stelle sich vor! Seit Jahren gibt er sich für die Londoner High Society als einer der ihren aus, und keiner hat es bisher gemerkt. Allein dafür liebe ich ihn! Ich stelle mir vor, wie aufregend so ein Leben ist. Wenn ich diesen Mann nicht für mich haben kann, dann will ich gar keinen auf dem ganzen Schiff.
Ein Anfang ist bereits gemacht. Oh ja. Ich hatte ihn. Er hatte mich. Äußerst heftig und ganz und gar unmoralisch auf dem höllisch unbequemen Sofa in meiner Kabine. Fast hoffe ich ein wenig, dass Nehama mein Tagebuch in die Finger bekommt, damit ich mir ansehen kann, wie sie sich windet bei der Vorstellung. Ich weiß, das ist ungerecht. Sie hat ja ein schweres Kreuz getragen, das ich mir gar nicht richtig vorstellen kann. Aber sie langweilt mich so schrecklich. Wenn sie nur wenigstens einmal lachen würde! Sie kann so hübsch sein, wenn sie lächelt. Aber sie tut es nur im Schlaf, wenn sie vergessen hat, dass jemand sie sehen könnte. Das arme, verstörte Ding.

Auf hoher See, den 14. April 1912:

Oh, ich hasse dieses Schiff und alle Leute darauf. Ich wünschte, es würde untergehen, mit Mann und Maus! Gibt es denn hier außer Lügnern und Betrügern keine ehrliche Haut? Ich will sofort an Land sein und diesem verdorbenen Haufen Blech den Rücken kehren können. Warum muss die Fahrt noch so lange dauern?
Es ist doch wirklich nicht zu glauben! Erst gesteht mir Rory, dass er nicht ist, wer er zu sein vorgibt, dann steht der bisherige Earl während des Captain’s Dinner auf und verkündet lautstarkt im ganzen Raum, dass er kein Earl ist, sondern diesem die Fahrkarte gestohlen hat. Ein Reporter und ehemaliger Straßenjunge ist er. Und im gleichen Zuge macht er dem hübschen irischen Bengel einen Heiratsantrag, weil der Jünglich nämlich auch gar keiner ist, sondern ein verkleidetes Mädchen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Während sie den Antrag noch annimmt, mit den Worten „Ja, warum eigentlich nicht?“ – Sie, die mir noch sagte, sie fände die Ehe überbewertet! – wird der Betrüger, den sie heiraten will, von Stewards abgeführt. Auch sie wird höflich aber bestimmt in eine Kabine verfrachtet. Und dann das schlimmste von allen: Wie vom Teufel geritten springt auch Rory auf und ruft in den Saal hinein, wer er wirklich ist und dass er nur mit mir geschlafen hat, weil ich reich bin, ehe man ihn ebenfalls abführt.
Ich bin noch immer wie vom Donner gerührt. Wieso nur hat er mir das angetan? Mein Kopf schwimmt und ich weiß gar nicht mehr, wie ich unter all den ungläubigen und spöttischen und mitleidigen Blicken aus dem Speisesaal geflohen bin. Ganz sicher werde ich auf dem Rest der Fahrt keinen Fuß mehr aus meiner Kabine setzen, außer wenn sich eine Gelegenheit bietet, Rory über die Reling zu stoßen. Soll er doch ersaufen im eisigen Wasser oder sich das Genick brechen, wenn er auf das Deck der zweiten Klasse fällt. Der Mann weiß gar nicht, was er sich eingebrockt hat. Oh, diese Schmach! Ich möchte ihn mit bloßen Händen zerreißen!  

Ach, was habe ich nur beschworen? Man soll doch vorsichtig sein, was man sich wünscht. Soeben kam Nehama in meine Kabine und war ganz blaß. Sie sagte, wir hätten einen Eisberg gerammt. Ich weiß nicht, was sie sich solche Sorgen macht. Es war nur eine ganz leichte Erschütterung. Ein leises Rumpeln, wie ein Zug, der bremst. Danach gingen die Motoren des Schiffes aus. Es ärgert mich, dass so ein dummes Stück Eis ausgerechnet jetzt die Fahrt verlangsamt. Ich will mir doch einmal kurz den Störenfried ansehen. Wenn er groß genug ist, dann ist vielleicht schnell die Kollision die große Attraktion und nicht mehr der unerträgliche Auftritt meiner Tischnachbarn.

Der Eisberg ist wahrlich groß. Stücke davon sind auf mehrere Decks der Titanic gefallen. In der dritten Klasse spielen sie Fußball mit den Brocken. Doch hier bei uns laufen Stewards herum und bitten alle Passagiere, als reine Vorsichtsmaßnahme in die Rettungsboote zu steigen. Mich hat wohl Nehamas übervorsichtige Ader angesteckt, denn ich habe ein flaues Gefühl im Magen bekommen. Ehe ich mich auf die Beschwichtigungsversuche des Personals verlasse, steige ich lieber für ein paar Minuten in eines der Boote. Ich möchte nur eben noch diese Zeilen zu Papier bringen, mir etwas wärmeres anziehen,  am besten wieder meine Witwentracht, und vorsichtshalber die Tasche mit dem Geld für Ilona mitnehmen. Meinen Schmuck hätte ich auch gerne dabeigehabt, doch ich wurde zu allem Überfluss gerade bestohlen. In der kurzen Zeit, in der ich den Eisberg betrachtet habe! Wenn das nicht Rory war, dann war es wohl Nehama. Oder eines der Zimmermädchen. Aber lieber wäre mir, wenn es Rory wäre, denn dann hätte ich noch mehr Grund, ihn zu erwürgen. Ich könnte ihm den Schädel mit einem Stück Eis einschlagen, oder (durchgestrichen) Ach, egal. Ich sollte mich eilen.

Oh weh, die Rettungsboote sind schon fast alle zu Wasser gelassen. In all der Aufregung habe ich es verpasst, von den Decks der ersten Klasse aus zuzusteigen. Es scheint doch ernster als zuerst gedacht. Ich will versuchen aus der zweiten Klasse noch in eines zu kommen…. Meine Güte, das Schiff sinkt wirklich. Hier ist ein steiler Abhang, wo ein gerader Boden sein sollte. Ich bin schon einige Male gefallen und habe mich verlaufen. Dort geht es wieder nach draußen… Oh mein Gott, das Meer ist auf einmal so nah. Sollten es bis zum Wasserspiegel nicht noch einige Meter mehr sein? Mir wird angst und bang. Da! Dort unten sitzt Nehama in einem Rettungsboot und schlingt die Arme um ihre Instrumententasche, als könne sie sie wärmen. Ihr Kopf wird von der Bootslaterne umstrahlt, als trüge sie einen Heiligenschein. Der Unschuldsengel! Sie sieht mich, winkt mir zu. Spring, sehe ich sie flüstern. Ich werfe die Geldtasche zu ihr und mache mich bereit, über die Reling zu steigen. Über mir fügt sich dem höllischen Lärm vom Ablassen des Dampfes aus den Kaminen ein neues, noch ohrenbetäubenderes Krachen hinzu. Ein Schatten fällt auf mich. Ich blicke nach oben in heranrasende Schwärze und wundere mich. Sterbe ich etwa gerade?

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