Die Geschichte von Stian und Rina (19)

Am nächsten Morgen war es die reine Seligkeit, aufzuwachen und Riná neben sich zu finden. Die beiden Sin’dorei ließen sich ein wenig länger Zeit mit dem Aufstehen, als streng genommen notwendig gewesen wäre, aber dann rafften sie sich doch auf und beschlossen, den Anstrengungen der Horde ein wenig dienlich zu sein, wo sie schon einmal hier waren. Riná erinnerte sich, dass sie in Thrallmar einige Pflichten übernommen hatte, ehe der Fel Reaver sie überfiel, und so wollte sie dorthin zurückkehren und erstens ihre Auftraggeber wissen lassen, dass es ihr gut ging, und zweitens herausfinden, ob die Aufgaben noch aktuell waren oder ob jemand anderes sie inzwischen erledigt hatte.
Die meisten der Missionen standen tatsächlich noch aus, und so machten der Schurke und die Priesterin sich an die Arbeit. Die meisten davon waren recht schnell erledigt und stellten – vor allem zu zweit und beschwingt, wie die beiden Blutelfen waren – kein großes Problem dar, aber eine Pflicht war nicht nur unangenehm, sondern geradezu ekelhaft. Ein Goblin namens Razelcraz, der ein Stück außerhalb von Thrallmar ein Lager aufgeschlagen hatte und Teufelshunde als Wachtiere hielt, beschwerte sich, einer seiner vierbeinigen Schützlinge habe den Schlüssel zu seiner überaus genialen Erfindung gefressen, und nun gebe es nur eine Art, wieder an den Schlüssel heranzukommen – auf natürlichem Wege. Also sollten sie, verlangte der Goblin, den Hund Gassi führen, einige Hölleneber erledigen, ihn fressen lassen und dann seine … Exkremente durchsuchen. Bäääh.
„Kein Wunder, dass sich an diesen Job sonst niemand rantraut,“ fluchte Stian unterdrückt. „Pfui Spinne!“

Aber was wollten sie tun? Natürlich hätten sie ablehnen können, aber Vorarbeiter Razelcraz wirkte fast rührend in seiner Verzweiflung und seinem Verlangen, die Scherbenwelt endlich wieder verlassen zu können, und zumindest Riná, wenn schon nicht Stian, der liebend gerne den Goblin selbst die Geschäfte seiner Wachhunde hätte durchwühlen lassen, hatte ein gutes Herz, und so sagten sie zu. Mit dem Teufelshund an der Leine machten sie sich auf in das rote Land, und bald war der erste Hölleneber erlegt. Wie prophezeit, machte der Hund sich über die Tierleiche her, und ebenfalls wie prophezeit, schlug sich die Mahlzeit kurz darauf in einem übelriechenden Haufen nieder. Riná rümpfte die Nase und wollte sich schon auf die Suche begeben, aber Stian fiel ihr in den Arm. „Lass mich das machen.“
Er krempelte die Ärmel hoch, hielt den Atem an und fischte angewidert, aber entschlossen, in der braunen Masse herum.
Offensichtlich hatte allerdings der Verzehr dieses einen Höllenebers die Verdauung des Hundes noch nicht genug angekurbelt, denn der Schlüssel war trotz allen Suchens nicht zu finden. Stian brummte missmutig. Also weiter.

Es brauchte noch drei weitere Schweinekadaver, bis der Schredderschlüssel endlich zum Vorschein kam. Erleichtert kehrten die beiden Sin’dorei zu Vorarbeiter Razelcraz zurück und lieferten Schlüssel, Leine und Hund wieder bei ihm ab. Sollte das Vieh doch ihn beißen; Schurke und Priesterin waren neben der unappetitlichen Pflicht zu allem Überfluss auch noch mehrere Male nur knapp einem Schnappen des übellaunigen Tieres entgangen.
Aber wenigstens hielt der Goblin sein Versprechen und zahlte gut.
Das  erste, was der Sin’dor tat, als sie den Auftrag endlich fertig abgewickelt hatten, war, sich gründlich die Hände und Unterarme zu waschen. Dennoch machte Riná eine klägliche Miene. „Stian… wie soll ich es sagen… Ihr riecht noch immer…“
Der Schurke zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen. Seine eigene Nase hatte abgeschaltet, er bemerkte den Gestank schon gar nicht mehr. Schon wollte er etwas sagen, da lächelte seine Liebste ihn an. „Aber ich beschwere mich ja gar nicht… ich muss mich bedanken! Sonst würde [i]ich[/i] jetzt so duften…“
Stians klägliches Gesicht stand dem der Priesterin in nichts nach. „Besser geht es leider nicht…“
Plötzlich lachte Riná. „Ich habe eine Idee. Was haltet Ihr von einem Bad?“
„Ein Bad? Eine ausgezeichnete Idee ist das! Nur wo? Hier auf der Halbinsel ist alles tot und trocken…“
Riná überlegte und lächelte dann wieder. „Was hältst du von Booty Bay? Ein sonnenbeschienener Ort, nicht dieses ewige düstere Rot, das ist genau das, was ich jetzt brauche.“
Der Schurke nickte. „Perfekt. Ich habe sogar meinen Heimatstein noch…“, setzte er an, aber Riná sprach schon atemlos weiter.
„Lasst uns ein Wettrennen machen. Wer zuletzt in Booty Bay ist, ist eine lahme Ente!“
„… in Grom’Gol“, beendete der Elf seinen Satz, aber die Heilerin war schon losgerannt zum Windreitermeister und hörte ihn nicht mehr.
Ein langsames, spitzbübisches Lächeln breitete sich auf Stians Gesicht aus, während er seiner Liebsten nachsah. Ein Wettrennen nach Booty Bay wollte sie? Na, das konnte sie haben!

Als Riná in dem Piratenstädtchen atemlos vom Windreiter sprang, saß Stian seelenruhig auf den Holzplanken der unteren Ebene, ließ die Beine Richtung Wasser baumeln und angelte. Der mehr als halbvolle Eimer neben ihm bewies, dass er schon eine ganze Weile mit dieser Tätigkeit beschäftigt war.
Die Sin’dorja trat hinter ihn und gab ihm einen spielerisch-ärgerlichen Knuff.
„Das war unfair! Du… du… du Schurke!“
Er grinste sie frech an. „Hey… was hast du erwartet?“

Trotz ihrer vorigen Pläne war Booty Bay doch nicht so ganz der geeignete Ort, um schwimmen zu gehen. Und so begaben sich die beiden Sin’dorei wieder nach Grom’Gol, wo ein viel einladenderer Strand sie erwartete.
In ihrem Unterzeug planschten und tauchten sie nach Herzenslust, und Stian fühlte sich wie ein übermütiger Junge. Geschwind schwamm er unter Riná weg und zog sie an den Beinen, wofür die Priesterin sich mit einem kräftigen Spritzen revanchierte, als sie beide wieder an der Wasseroberfläche waren.

Über ihrem heiteren Toben wurde es langsam dunkel, das Wasser kühler, und nach einer Weile schwammen sie müde, aber glücklich, ans Ufer. Stian schnüffelte misstrauisch an seinen Armen, doch Riná bestätigte ihm, dass der unangenehme Geruch vollständig verschwunden sei. Na welche Erleichterung! So konnte er doch wenigstens darauf hoffen, dass die Priesterin ihn über Nacht in ihrer Nähe dulden würde.
Gastwirt Thulbek kannte den Schurken natürlich, und es war diesem ein ausgesprochenes Vergnügen, dem Orc nun endlich Riná vorzustellen, von der er ihm schon oft und viel erzählt hatte.
Der Wirt bereitete ihnen ein einfaches, kaltes Abendessen aus Käse, Fleisch und Brot, das sie hungrig verschlangen, ehe sie sich in Stians Stamm-Hängematte im hinteren Teil des Gasthauses, dort, wo die durchkommenden Reisenden vom Zeppelin einen Schläfer am wenigsten störten, zur Ruhe begaben. Zuerst war Stian ein wenig besorgt, ob die orkische Hängematte nicht vielleicht zu unbequem für Riná wäre, aber die Priesterin lächelte ihn nur an und kuschelte sich zufrieden an ihn. Einige Male noch ertönten Schritte vom oder zum Zeppelin, doch je später es wurde, um so mehr ließ der Durchgangsverkehr nach, und bald schliefen die beiden Sin’dorei ein.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

Eine Antwort zu “Die Geschichte von Stian und Rina (19)

  1. *seufzt* so sollte es sein und so sollte ein Tag auch enden. Achja und böse böse du Schurke 😉

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