Miami Files – „Blood Rites“ 3

Hah. „Kleine Genre-Produktionen“. Denkste. Was diese Kataklysma Bentley bisher gedreht hat, sind neben besagten drei Filmen vor allem Pornos. O Dios. Warum hast du mir das nicht vorher gesagt, Sheila!?
Vermutlich, weil sie genau wusste, wie ich reagieren würde. Durchatmen, Alcazár.
Dass sie bisher Pornos gedreht hat, heißt ja nicht, dass sie aus Indian Summer auch einen macht.

Heute nacht hatte ich einen schrägen Traum, Römer und Patrioten. Ziemlich Fantasy-lastig, irgendwie. Und zwar lebte die Figur, aus deren Ego-Perspektive ich träumte, in einer, hm, Fantasy-Parallelwelt unserer Erde im 16. oder 17. Jahrhundert, in der es Elementar-Magie und Luftschiffe und all solche Dinge gab. Amerika (auch wenn es anders hieß), war vor noch gar nicht allzu langer Zeit entdeckt worden, und die Eingeborenen waren keine Indianer oder Indios, sondern Tiermenschen. Mein Traum-Ego war ein spanischer (wobei auch der Name anders lautete, Spanien war Escamandrien oder so) guitarero namens Joaquin, der im Glücksspiel vor kurzem ein Luftschiff gewonnen hatte und mit einer kleinen Gruppe von Kameraden jetzt alle möglichen Abenteuer erlebte. Eine Love-Story gab es im Traum sogar auch; zwei sogar: zwischen Joaquin und einer chartreusischen (das Traum-Äquivalent für Frankreich, offensichtlich) Gnomin namens Francine sowie zwischen einem Minotauren namens Maurice und einer Escamandrierin namens Esmeralda, die alle auf dem Luftschiff (‚La Vaca des Nueves‚, was für ein abgefahrener Name!) mitflogen.

Ziemlich spannend und fast kinotauglich jedenfalls. Ich müsste mir echt mal die Mühe machen, das alles im Detail aufzuschreiben. Und sei es nur aus Spaß für mich selbst.

Genug Traum-Gerede fürs Erste. Wir stehen ja immer noch vor dem Problem Adlene, und Ximena hatte da eine Idee. Sie meinte nämlich, Adlene verfolge schon seit Jahren, Jahrzehnten beinahe, die Idee, den Jungbrunnen zu finden. Und sie würde ihn nun am liebsten an diesem Horn packen und ihn dabei um soviel Geld erleichtern wie nur irgend möglich. Wie genau der Betrug aussehen sollte, darüber waren weder sie noch wie uns im Klaren, und so haben wir die unterschiedlichsten Ideen hin und her gewälzt, bis am Ende doch die Grundzüge eines Plans Gestalt annahmen.

Aber zuvor machten wir uns auf die Suche nach Sharon, dieser verschwundenen Wachfrau. Oh, dabei fällt mir auf, die habe ich bisher noch gar nicht erwähnt. Also, seit dem Einbruch in der Gibraltar Bank wird eine Frau vermisst, die in der fraglichen Nacht vor Ort Dienst hatte. Getötet und fortgeschafft? Entführt? Verletzt? Vielleicht gar selbst involviert? Vanguard Security stellt die Sicherheit im Gebäude, und James Vanguard machte sich verständlicherweise Sorgen um seine Mitarbeiterin. Mehr als Mitarbeiterin, wie Edward uns klarmachte: Die Verschwundene war, ist, Teil von Vanguards Rudel, und ihr Rudel ist Lykanthropen ebenso wichtig wie echten Wölfen.

Von Vanguard bekamen wir auch einen persönlichen Gegenstand der Dame, was es Edward erlaubte, sie mit seiner Magie aufzuspüren. Die Spur führte aus der Stadt, nach Norden Richtung Lake Okeechobee. Wir fanden Sharon auf dem freien Feld außerhalb des Städchens Indiantown im Osten des Sees, aber dummerweise wurde sie wurde auf uns aufmerksam, feuerte einige Schüsse in unsere Richtung (von denen keiner traf, gracias a Dios) und rannte zu ihrem auf einem Parkplatz am Stadtrand abgestellten Auto zurück.

Bis wir selbst unser Auto wieder erreicht hatten, war von der Lykanthropin nichts mehr zu sehen. Aber ein Passant hatte sie in Richtung des Sees davonfahren sehen, also folgten wir dieser Spur. Das Haar, das James Vanguard uns gegeben hatte, war bei der ersten Suche aufgebraucht worden; auf magische Weise konnten wir Sharon also nicht nochmal finden.

Aber mit Instinkt. Von der Hauptstraße führte ein beschilderter Weg zu einer Bootsmarina, wohin wir abbogen und wo die Vanguard-Wachfrau gerade dabei war, ein Boot zu mieten oder gar zu kaufen. Wir hatten Glück, dass die Transaktion noch nicht ganz abgeschlossen war, sonst hätte Sharon uns einfach wieder davonfahren können, aber so hatten wir Gelegenheit, ihr zuzurufen, dass wir nur mit ihr reden wollten, und nachdem wir ihr versprochen hatten, dass wir nicht an Bord ihres Bootes kommen würden, sondern in Rede-Abstand auf dem Steg bleiben würden, erklärte sie sich dazu bereit.

Sharon erzählte uns ihre Version der Dinge. Es gehe ihr gut, sie sei unverletzt, sie sei nur abgehauen, weil sie Mist gebaut habe. Folgendes war passiert: Sie wollte nicht näher darauf eingehen, was es genau gewesen war, aber sie muss wohl in einem Anfall von lykanthropischer Rage jemanden verletzt oder gar umgebracht haben, und das machte sie erpressbar. Erpressbar von unser aller Lieblings-Nekromanten Joseph Adlene, der sie dabei beobachtet oder sonstwie von der Sache Wind bekommen hatte. Adlene schien auch sehr genau zu wissen, dass sie bei dieser Bank arbeitete (ob er die Frau irgendwie beeinflusst hatte, um sie zu diesem Ausraster zu bewegen und ein Druckmittel gegen sie zu bekommen? So sorgfältig, wie der zu planen scheint, kann ich mir fast nicht vorstellen, dass es ein Zufall gewesen sein soll), und im Gegenzug für sein Schweigen erklärte Sharon sich bereit, wegzusehen, wenn während ihres Wachdienstes etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, und den Tresorraum zu öffnen.

Dieses Unvorhergesehene geschah dann in der fraglichen Nacht in der völlig unerwarteten Form eines jungen Mädchens, das frech wie Oskar in die Bank marschiert kam und schnurstraks auf Sharon zuging. Der fiel auf, dass das Mädchen einen seltsamen Gang hatte und seltsam tonlos zu ihr sprach – vermutlich von einem von Adlenes Geistern besessen, war unser aller erster Gedanke, als wir das hörten.

Jedenfalls öffnete Sharon dem Mädchen, wie mit Adlene vereinbart, den Tresorraum und hielt sich ansonsten aus allem heraus, war schon froh, nicht wie ihre Kollegen niedergeschossen worden zu sein. Das Mädchen hatte ganz klar das Schließfach von Segunda Escalera zum Ziel, wütete aber absichtlich im Tresorraum herum und öffnete noch andere Fächer, um vom eigentlichen Ziel abzulenken. Mit dem Inhalt des Segunda Escalera-Tresors (von dem Sharon leider nichts sehen konnte) verschwand sie dann, aber nicht, ehe sie nicht aus einem der anderen Kisten eine Halskette mitgenommen und sich umgehängt hatte.

Die Wachfrau konnte uns das Mädchen beschreiben: um die dreizehn, hellhäutige Afro-Amerikanerin mit einer auffälligen, weil offensichtlich selbstgemachten Schmetterlings-Tätowierung, gekleidet in billige Sachen vom Kaliber J.C. Penney.

Wo in der Innenstadt die Kids aus den sozialen Brennpunkten herumhängen, ist kein großes Geheimnis. Also sahen wir uns dort um und stellten ein paar Fragen, bis wir die Gesuchte tatsächlich entdeckten. Das Mädchen war mit einer Freundin zusammen, von der sie sich keinesfalls trennen würde, und beide wollten unbedingt um die Häuser ziehen, in diesen und jenen Club gehen. Wenn wir mitkommen wollten… fein. Wenn nicht… Pech.

Madre mia. Naja, wir wollten schon ziemlich dringend mit dem Mädchen – Sevennah hieß sie, hatten wir bei unseren Fragen herausbekommen – reden, also gingen Roberto und ich mit in diesen Club. Die beiden Jugendlichen waren natürlich längst nicht so abgebrüht, wie der lässige Spruch klingen sollte; jedenfalls wirkten sie schon etwas beeindruckt, dass zwei erwachsene Männer sich mit ihnen abgaben.

Ich hingegen war alles andere als beeindruckt. Die Mädchen hätten natürlich gar nicht in den Club gelassen werden dürfen, aber es brauchte nur ein Zwinkern zum Türsteher, und sie waren drin. Und sie hatten auch keine Probleme, an Drinks zu kommen, und sie ließen sich davon auch durch unsere Warnungen nicht abbringen. Sie machten das definitiv nicht zum ersten Mal, vor allem nicht die ein paar Jahre ältere Kemberlee. Mierda.

Damit Roberto sich in Ruhe (naja, was an so einem Ort halt „Ruhe“ ist) mit Sevennah unterhalten konnte, ging ich mit Kemberlee auf die Tanzfläche. Mit ihr zu tanzen war definitiv unverfänglicher als eine Fünfzehnjährige in meiner Gesellschaft Alkohol trinken und vielleicht noch Drogen nehmen zu lassen, die hier auch kräftig angeboten zu werden schienen. Das Problem war nur: Irgendwann hatte Kemberlee keine Lust mehr auf Tanzen, und dann machte sie mir sehr deutlich und ziemlich betrunken klar, dass sie jetzt mit mir wo „privater“ hingehen wollte. Auch das war offensichtlich nichts Neues für sie. O Dios.

Ich machte Kemberlee daraufhin ebenso unmissverständlich klar, dass ich mit ihr nirgendwohin gehen würde, außer zu ihr nach Hause, um sie dort sicher abzuliefern, aber davon wollte sie nichts hören. Sie schleuderte mir ein „alter Spießer“ an den Kopf und suchte sich einen anderen Kerl, der ihr noch ein paar Drinks ausgeben und sie dann irgendwohin abschleppen würde.
Was mir ja eigentlich hätte egal sein können. Kemberlee hatte sich gestern und vorgestern und all die letzten Wochen und Monate von Kerlen abschleppen lassen, und sie würde es morgen und übermorgen und in den nächsten Wochen und Monaten und Jahren wieder tun. Was machte es da für einen Unterschied, ob heute da eine Ausnahme bildete? Aber, Madre de Dios, ayudame, es war mir eben nicht egal.

Als Kemberlee Anstalten machte, mit ihrem neu aufgegabelten Kerl den Club zu verlassen, trat ich dazwischen. Es kam zu hässlichen Worten, und vielleicht wäre die Sache auch zu Gewalt eskaliert, wenn Kemberlee nicht in mädchenhaft-betrunkener Begeisterung gesagt hätte: „Au ja, prügelt euch um mich!“ Das brachte den Typen zur Besinnung, und er zischte etwas von „Glaubst du etwa, du bist dafür wichtig genug, Schlampe? Hier gibt’s noch Dutzende wie dich!“
Wofür ich ihm wiederum mit Vergnügen eine reingeschlagen hätte, mich aber zurückhielt und Kemberlee dann doch unbehelligt heimbringen konnte.

Sie war so betrunken, dass ich sie nicht einfach aus dem Auto lassen konnte, wie ich das vorgehabt hatte. Stattdessen musste ich bei Kemberlee zuhause klingeln, und ihre Eltern waren alles andere als begeistert, dass ihre Tochter mitten in der Nacht in diesem Zustand von einem Fremden abgeliefert wurde. Andererseits machten sie einen resignierten Eindruck, als sei auch das bei weitem nichts Neues. Und ich fuhr mit sehr schwerem Herzen nach Hause. Mierda.

Während ich von Kemberlee nachhause fuhr, entstand übrigens ganz langsam ein anderer Plan, der so gar nicht mit Adlene und Jungbrunnen und Magie und Kram zusammenhing. Ich habe doch Geld, verdammt. Und ich habe eine gewisse Verantwortung. Ich muss mich mal umhören, aber vielleicht… eine Stiftung. Ein Jugendzentrum. Jugendarbeit. Irgendwas, um die Kemberlees und Sevennahs dieser Stadt von der Straße und vor allem aus den Clubs und den One-Night-Stands mit völlig Fremden zu holen. So ein Projekt wird garantiert nicht allen helfen können. Aber vielleicht wenigstens einigen. Und irgendwas muss da passieren.

So, jetzt aber erstmal Treffen mit den Jungs, hören, wie es Roberto mit Sevennah gestern noch ging und ob er etwas herausfinden konnte

Nicht ganz so brisant wie bei mir, erzählte Roberto. Das Mädchen ist dreizehn, weniger abgebrüht als ihre Freundin, und als sie ein paar Drinks intus hatte, war sie doch sehr erleichtert, als Roberto sie einfach heimbrachte, ohne dass die Sache irgendwie weiter führte. Er verabredete sich dann für heute nachmittag auch noch einmal mit ihr, weil er Sevennah versprochen hatte, heute mit ihr einkaufen zu gehen. Aber der Reihe nach.

Sevennahs Bericht bestätigte das, was wir ohnehin schon so halb vermutet hatten. Sie war mit ihren Freundinnen an ihrem üblichen Platz herumgehangen und hatte sich dann auf den Heimweg gemacht, als sie plötzlich einen Filmriss hatte. Wieder zu sich gekommen war sie irgendwo auf einem Parkplatz in Strandnähe, wo der Parkwächter sie gefunden und sich um sie gekümmert hatte, bis sie aufwachte. Sie hatte allerdings einen sehr seltsamen Traum, von einem Banktresor und dass sie darin eingebrochen sei, haha, wie schräg. Ha ha.

Beim Aufwachen hatte Sevennah aber auch eine Kette um den Hals, die sie vorher nicht gehabt hatte und von der sie sich nicht erklären konnte, wie sie an sie geraten war, die sie aber ziemlich cool fand: ganz golden und mit einer Münze dran. Und genau diese Kette war es, wegen der Roberto heute nachmittag mit dem Mädchen einkaufen war: Er hatte Sevennah nämlich dazu bekommen, dass sie ihm die Kette (echtes Gold, sehr wertvoll, aber vor allem: gemeldetes Diebesgut aus dem Einbruch in der Bank!) überlassen würde, wenn er ihr dafür eine andere kaufte. Oder Schuhe. Oder eine Sonnenbrille. Oder alles drei. Zum Glück haben dreizehnjährige Mädchen einen recht… sagen wir mal… einfach gestrickten Geschmack, so dass Roberto mit ein wenig Bling sehr billig bei der Sache wegkam.

Roberto hat übrigens unabhängig von mir einen ganz ähnlichen Plan gefasst. Auch er ist der festen Überzeugung, man müsse etwas für die Kids aus dem sozial schwachen Milieu tun. Was genau er vorhat, sagte er allerdings nicht, aber vielleicht können wir uns zusammentun.

Nachdem Roberto seinen Bericht von den beiden Treffen mit Sevennah erstattet hatte, gingen wir wieder ans Planen des Betrugs an Adlene. Und wie ich schon sagte: So ganz langsam kristallisiert sich eine Idee heraus. Ich weiß nur nicht genau, ob ich sie hier noch so exakt zusammenbekomme. Irgendwie wollen wir Adlene dazu bekommen, dass er durch ein von Alex geschaffenes Tor geht, in der Meinung, dass sich dahinter der Jungbrunnen – oder der Eingang zum Jungbrunnen – befindet, dass er in Wahrheit aber dann im Tresorraum der Bank landet, wo ihn die Behörden (a.k.a. Dee Martin, mit ihren besonderen Mitteln für übernatürliche Straftäter) in Empfang nehmen und wegsperren können. Außerdem soll er selbst noch für das Ritual, oder einen Teil des Rituals zahlen, bzw. seine Ressourcen dafür hergeben. Irgendwie so. Wie ich ebenfalls gerade sagte: erstens ist das Ding noch nicht so richtig ausgefeilt, und zweitens habe ich dann irgendwann den Faden verloren, als Alex und Edward ans magische Eingemachte gingen. Ich weiß nur noch, dass sie mich baten, ich solle eine passende Legende recherchieren. Irgendwas, das passt und das es wirklich gegeben haben soll, damit unsere Geschichte auch plausibel klingt, wenn wir sie ihm auftischen.

Und genau damit werde ich mich jetzt beschäftigen, Römer und Patrioten, und dieses Tagebuch hier daher erstmal beiseite legen. Ich hoffe nur, wir verlieren Ximena nicht mit unserer ganzen bisher ergebnislosen Planerei. Bei der letzten Besprechung klang sie nicht sehr begeistert.

Nachtrag. Planänderung. Ich war gerade lustig am Googlen nach passenden spanischen Galeonen (Nuestra Señora de Atocha? Viel zu bekannt. Santa Margarita? Vielleicht, aber auch noch ziemlich bekannt), als das Telefon klingelte. Alex war dran, wir würden auf eine Vernissage gehen. Vernissage? Okay…

Aber es hatte durchaus Sinn und Verstand. Denn auf dieser Vernissage würde auch Joseph Adlene sein, hatte Alex mit seinen Connections herausbekommen, und den wollte er ja zu gerne mal kennenlernen. Also sind wir hin, alle außer Totilas, der ohnehin schon die ganzen letzten Tage irgendwas für Gerald erledigen muss. In die Ausstellung gingen wir allerdings nicht gemeinsam, sondern teilten uns auf, auch wenn wir uns die Mühe vermutlich hätten sparen können: Wer uns kennt, weiß, dass wir ständig zusammenhängen, und kann vom einen auf den anderen schließen. Und selbst wer uns nicht kennt, wird das relativ schnell herausbekommen.

Jedenfalls kam Alex mit Adlene ins Gespräch. Wobei – „Gespräch“ kann man das wohl kaum nennen. Das war offen zur Schau gestellte Feindseligkeit. Was sie sagten, konnte ich aus der Entfernung nicht hören, aber das war in ein mehr oder weniger höfliches Gewand verbrämte Gewaltandrohung. Alex erzählte später, er habe zwei Geister neben Adlene gesehen, beide mit diesem Halsband mit dem seltsamen zweidimensionalen Ring, eine hübsche Frau und einen Türsteher-cum-Schlägertyen. Adlene habe die beiden auch ziemlich herumkommandiert. Der Necromancer wusste jedenfalls genau, wer Alex war, oder besser, seine kontrollierten Geister sagten ihm bescheid, und Alex versuchte das auch gar nicht zu leugnen.

Währenddessen fiel Roberto ein Mann auf, der eine ganze Reihe von Damen um sich herumstehen hatte und diese überaus angeregt unterhielt. Er war eigentlich gar nicht alt (in den Dreißigern oder frühen Vierzigern vielleicht?), wirkte aber irgendwie alterslos. Blond, stark sonnengebräunt, mit einer Seefahrerkappe auf dem Kopf. Seine Zuhörerinnen hielt er mit Erzählungen von seinen maritimen Abenteuern in Atem, denn er sei Kapitän zur See. Was durchaus passte, denn die Ausstellung drehte sich ja auch um Gemälde von Segelschiffen.

Dann jedoch bemerkte dieser Mann Roberto und wurde unter der Sonnenbräune schlagartig kreidebleich. Er wimmelte seine Bewunderinnen ab und versuchte sich aus dem Staub zu machen. Roberto jedoch hielt ihn draußen auf und redete mit ihm.
Es stellte sich heraus, dass der Mann die Aura Titanias gespürt hatte, die Roberto ja anscheinend noch immer umgibt, und zunächst dachte, unser Freund sei gerade von der Sommerkönigin besessen. In diesem Glauben konnte Roberto ihn zwar nicht auf Dauer lassen, weil er zu wenig darüber wusste, was die beiden verbindet, aber er machte dem Seemann klar, dass er Titanias Stimme in dieser Angelegenheit sei.

In welcher Angelegenheit? Das wusste Roberto selbst nicht, aber das hat ihn ja noch nie daran gehindert, sich in einem ausgedehnten Bluff zu versuchen.
Der Mann – Hans Vandermeer nannte er sich, Kapitän des Segelschiffes Titania – gestand Roberto, das Amulett sei ihm gestohlen worden (was für ein Amulett das sei, sagte er nicht, und Roberto wollte nicht zu genau nachhaken, um seine Unwissenheit zu überspielen), und es täte ihm unendlich leid, und er könne nichts dafür. Von wem es gestohlen worden sei, wollte Roberto aber doch wissen. Das war ja auch eine durchaus legitime Frage, selbst wenn er gewusst hätte, um was genau es ging. Die Beschreibung des Diebes, oder besser der Diebin, passte vage auf Chérie Raith, aber ehrlich gesagt auch auf eine Menge anderer südländischer Frauen mehr.

Roberto drohte Kapitän Vandermeer dann, er werde ihn töten, falls der Mann Ärger mache, aber darüber schien der Seemann nur unendlich erleichtert. Sehr, sehr gerne, wenn das in Robertos Macht stünde, sagte er. Nicht so ganz das, was der hatte hören wollen… Statt dessen gestattete Roberto ihm schließlich, in der Stadt zu bleiben, wenn der Kapitän im Gegenzug Roberto zur Verfügung stünde, wann immer der ihn brauche.
Auf diesen Handel ließ Vandermeer sich mit Begeisterung ein: Er war geradezu aus dem Häuschen bei dem Gedanken, nicht mehr aufs Meer hinaus zu müssen, sondern auf dem festen Land bleiben zu dürfen – aber ob Roberto das vor Titania verantworten könne? Ja klar, meinte der. (Hust, sage ich da nur. Oh, und habe ich auch schon gesagt, dass Roberto einem ausgedehnten Bluff gegenüber noch nie abgeneigt war?)

Jedenfalls. Ein altersloser niederländischer Kapitän eines altmodischen Segelschiffes, der nicht sterben kann, aber gerne sterben möchte und aufgrund irgendeines Handels mit Titania eigentlich nicht länger an Land bleiben darf oder kann? Der Fliegende Holländer, anyone?

Diese neue Entwicklung hat jedenfalls dafür gesorgt, dass wir am Überlegen sind, ob wir Vandermeer und sein Schiff nicht in den Betrug an Adlene einbauen können. Ein anderer Gedanke war es, die heftige Abneigung zwischen Alex und Adlene zu nutzen und eine Art Plan wie im Film Der Clou zu spinnen, bei dem Roberto so tut, als habe er sich mit Alex überworfen und wolle sich nun mit Adlene verbünden, um Alex eines auszuwischen. Aber so richtig weit und vor allem spruchreif sind wir mit unseren Überlegungen noch nicht gediehen.

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