Die Geschichte von Stian und Rina (21)

Die kommenden Wochen waren herrlich, einfach weil die beiden Sin’dorei sie zusammen verbrachten. Zwar hatte Stian seine Liebste während seiner Suche nach ihr an Erfahrung überholt, aber der Unterschied war nicht so gewaltig, dass sie nicht gemeinsam die Höllenfeuerhalbinsel und die nahegelegene Zangarmarsch durchstreifen konnten. Der Schurke liebte es, Riná zum Lachen zu bringen, vor allem mit seinen trockenen Kommentaren, die ihr immer wieder ein Kichern und ein „du bist unmöglich“ entlockten. Oder auch ein „Ihr seid unmöglich“, denn noch immer tat sich die Priesterin ein wenig schwer damit, ihn zu duzen, schwankte ständig zwischen dem vertraulichen Du und dem formellen Ihr hin und her. Aber das störte Stian kaum: Es war einfach eine ihrer Eigenarten, und die Gelegenheiten, zu denen sie ihn förmlich mit „Ihr“ ansprach, wurden auch langsam weniger.

Ihre Wege führten sie unter anderem in den Süden der Halbinsel, wo ein Schwarm der Arakkoa-Vogelwesen hauste; Arakkoa allerdings, die anders als die Ausgestoßenen, die in Shattrath lebten, allen Fremden feindlich gesinnt waren. Dort fanden die beiden neben dem jungen Kaliri-Weibchen, das sie für Drenna Riverwind in der Falkenwacht besorgen sollten, auch eine gefangene Sin’dorja, die sie befreiten und zurück nach Falcon Watch begleiteten.
Auch einen abgestürzten Zeppelin entdeckten sie, dessen aus zwei Goblins bestehende Besatzung sie ebenfalls um einige Gefallen bat. Zur Belohnung brachte einer von ihnen, ein Koch namens Legassi, den Elfen bei, wie man das Fleisch der örtlichen Geier zu butterweichen Bussardbissen verarbeiten konnte, während der andere, Screed Luckheed mit Namen, sich mit zwei Meisterwerken goblinscher Ingenieurskunst bedankte: einer Taschenuhr für Riná und einem Glücksbringer für Stian.
Ebenso brachte das Paar die Geister des Rüstlagers zur Ruhe, indem sie ihnen zu ihrer Rache gegen die Höllenorcs verhalfen. Urspünglich hatte eine Forsaken im Spinebreaker Post sie aufgefordert, etliche der Unerschütterlichen, wie sie auch genannt wurden, zu erschlagen, um den Geistern die Stärke der Horde vor Augen zu führen und sie entsprechend zu beeindrucken und zur Kooperation zu zwingen. Doch ein Tagebuch, das die Verlobten am Rüstlager fanden und das Althen, der Historiker, am Spinebreaker Post entziffern konnte, zeigte einen anderen Weg auf. Es sprach von einer Schlacht an einem alten Belagerungsturm der Allianz, geführt gegen Urtrak den Höllenorc, und von einem mächtigen Relikt: einem Horn, das die Herzen der Menschen im Kampf gestärkt hatte. Dennoch hatten sie die Schlacht verloren, waren von den Orcs niedergemetzelt worden, und so suchten seither die Unerschütterlichen die Expedition Armory heim, wo sie den Tod gefunden hatten, unfähig, Ruhe zu finden. Stian und Riná suchten und fanden dieses Relikt und riefen an dem besagten Belagerungsturm sowohl Urtrak und seine Bande als auch die Geister der Unerschütterlichen mit dem Horn zurück in den Kampf. Das Unterfangen war ein Erfolg: Gemeinsam gelang es den Lebenden und den Toten, den Höllenorcs beizukommen.
Es war ein erhebender Moment für den Schurken und die Priesterin, in das Rüstlager zurückzukehren und dem Schatten von Kommandant Hogarth den Beweis für ihren Sieg vorzulegen. In seiner gespenstischen Stimme rief der Hauptmann etwas über den Platz, und schon drifteten alle Geister herbei. Einen Moment lang waren die Elfen besorgt, ob sie nun von allen Unerschütterlichen auf einmal angegriffen werden würden, und Stian spannte sich schon an und griff an seine Dolche, doch es bestand kein Grund zur Sorge. Die Schemen lächelten das Paar an und verbeugten sich vor ihnen, und Kommandant Hogarth erklärte, dass die Unerschütterlichen nun endlich Frieden finden könnten. Dann wurden die Geister immer durchsichtiger und lösten sich schließlich ganz in Luft auf. Doch ehe der letzte von ihnen verschwand, eine menschliche Kriegerin, winkte diese den beiden Sin’dorei mit einem dankbaren melancholischen Lächeln zu. Es war ein wunderschöner, trauriger, bewegender Moment, und Stian und Riná standen noch eine Weile regungslos und in ihren Emotionen versunken in dem verfallenen Turm, ehe sie zum Spinebreaker Post zurückkehrten, um dort Bericht zu erstatten.

Und sie legten sich in der Großen Kluft mit den Schindern an, die dort hausten. Ranger Captain Venn’ren, der Hauptmann der Falkenwacht, hatte sie losgeschickt, um einige Felsklauen zu erlegen, und während sie dort waren, erforschten sie auch die große Höhle am südlichen Ende der Schlucht. Earthcaller Ryga, eine Schamanin des Orc-Clans der Mag’har, der im Geheimen in den schwer zugänglichen Bergen im Norden lebte, hatte von der Höhle gesprochen und sie gebeten, ihr einen seltenen Pilz zu besorgen, der nur dort zu finden sein sollte. Dummerweise stellte sich heraus, dass die Höhle nicht nur die Pilze beherbergte, sondern auch weitere Felsklauen – und vor allem deren Matriarchin, eine gefährliche, riesige Felsklaue namens Blacktalon.
Rinás Augen waren voller Besorgnis, als sie den Tunnel entlangspähte und Blacktalon erblickte; all ihre Tapferkeit unbenommen, war es doch eine ganz andere Sache, sich dieser Bestie zu stellen statt der gewöhnlichen Angehörigen ihres Rudels.
Stian ergriff die Hand seiner Liebsten. „Das schaffen wir. Zusammen schaffen wir das.“
Die Heilerin lächelte ihn an. „Ja, zusammen…“

Sie schafften es tatsächlich. Es stellte sich noch nicht einmal als besonders schwierige Aufgabe heraus. Blacktalons Klaue als Beweisstück für Hauptmann Venn’ren und die eilig eingesammelten Pilze für Earthcaller Ryga in der Tasche, kehrten die beiden Verlobten nach Falcon Watch zurück, nur um von dem Hauptmann auf eine weitere Mission geschickt zu werden. Diesmal, verlangte der Sin’dor, sollten sie in der frisch von den Schindern geräumten Kluft die Leuchtfeuer entzünden, die den Weg von Falcon Watch nach Süden und heraus aus der Höllenfeuerhalbinsel weisen sollten für die Flüchtlinge, die seit einiger Zeit immer häufiger durch das Portal nach Thrallmar und Falcon Watch kamen und weiter wollten nach Terokkar und Shattrath.

Die Leuchtfeuer zu finden, war kein Problem, sie zum Leuchten zu bringen hingegen durchaus. Denn die großen Bronzepfannen befanden sich allesamt ein gutes Stück über der Erde, und die beiden Sin’dorei mussten sich gewaltig strecken, um an das aufgeschichtete Brenngut heranzukommen.
„Weißt du was“, sagte der Schurke schließlich, „komm her, ich hebe dich hoch. Dann geht es leichter.“
„Würdet Ihr das für mich tun?“ Die Heilerin klang fast erstaunt.
„Ich habe es dir schon einmal gesagt: Ich würde für dich barfuß durch die Wüste gehen.“ Stian hielt inne und sah sich in der roten Einöde um. „He, warte, wir sind in der Wüste. Soll ich es dir beweisen?“ Der Schurke ließ sich auf den Erdboden nieder und machte Anstalten, die Stiefel auszuziehen.
Riná lachte. „Du bist unmöglich.“
Wieder einmal musste der Sin’dor grinsen. „Ich weiß.“

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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