Die Geschichte von Stian und Rina (22)

Über all diesen Erlebnissen wurde es Herbst. Der Schurke und die Priesterin kehrten häufig nach Silvermoon zurück und verbrachten dort, abseits von den Gefahren der Scherbenwelt, so manchen idyllischen Abend miteinander, den einen oder anderen davon auch zusammen mit Stians Cousin Yhaddar. Der jüngere Schurke schloss die blonde Heilerin gleich als zukünftige Schwägerin ins Herz, vertraute Stian aber in einem stillen Moment an, dass er froh war, doch einige Unterschiede zwischen Riná und seiner Medolie entdeckt zu haben.

Eine Weile nach ihrem letzten Besuch bei Yhaddar verschlug es die beiden Sin’dorei wieder einmal nach Falconwing Square. Es war die Zeit von Hallow’s End, einem Fest, das vor allem von den Verlassenen begangen wurde und auch als „die Schlotternächte“ bekannt war. Es war ein ausgelassen fröhliches Fest, aber fast schon zu ausgelassen, mit einem deutlich erkennbaren gruseligen Unterton, und eine Zeit, in der sich die Lebenden, wenn auch mit einer lachenden Miene, um ihre Unsicherheit zu überspielen, mehr als sonst vor Geistern und Gespenstern zu schützen versuchten.
Stian und Riná hatten sich eigentlich nicht sonderlich um die Bräuche der Schlotternächte gekümmert, doch als sie nach Falconwing Square kamen, fanden sie dort die Anwohner in heller Aufregung. Ein Geist in der Gestalt eines kopflosen Reiters hatte in den letzten Nächten das Dorf unsicher gemacht, hatte auch bereits mehrmals versucht, die Häuser im Ort anzuzünden, zum Glück bislang ohne Erfolg – oder besser, den Dorfbewohnern war es in einer heldenhaften Anstrengung beim ersten Mal gelungen, die Flammen schließlich zu löschen, und nun standen große Fässer mit Wasser bereit, um eine ähnliche Beinahe-Katastrophe bereits im Ansatz verhindern zu können.
An den vorigen Tagen war der Reiter immer zu einer bestimmten Stunde aufgetaucht, und diese Stunde war nun nicht mehr weit entfernt. Angespannt warteten der Schurke und die Priesterin mit den Einheimischen, und wirklich – zum erwarteten Zeitpunkt ertönte zuerst ein überirdisches Heulen, dann ein lautes, unheimliches Gebrüll, und dann erschien er selbst im Abendhimmel über dem Falkenplatz: eine geisterhafte, tatsächlich kopflose Gestalt auf einem ebenso geisterhaften, fliegenden Ross, dessen Hufe in Flammen loderte. Mit einem hässlichen Lachen warf der Kopflose unzählige Fackeln in das Dach des Gasthauses, und die glühenden Hufe seines Pferdes taten ihr Übriges. Im Nu brannte das Gebäude lichterloh.
Stian fackelte nicht lange, sondern rannte zu den Fässern, schnappte sich einen Eimer und stürzte sich gemeinsam mit den Dorfbewohnern in die Löscharbeiten. Riná tat es ihm gleich, sah er, ebenso wie ein fremder Sin’dor, ein Paladin, der eben erst im Dorf angekommen war. Ein weiterer Fremder jedoch, ein junger Magier, wie es aussah, stand wie versteinert da und starrte in die Flammen.
„Steht nicht herum!“, herrschte Stian den Magier an, während er eilig den nächsten Eimer füllte, „Helft lieber!“
Der Angesprochene gaffte noch einen Moment lang weiter, dann griff er endlich ebenfalls ein.

Schließlich waren die Flammen gelöscht. Der Kopflose war irgendwann verschwunden, nachdem er noch einige weitere Runden über dem Dorf gedreht hatte und feststellen musste, dass seine Brandstiftungsversuche letztendlich zum Scheitern verurteilt waren.

Die Helfer wurden, rußgeschwärzt, wie sie waren, von den dankbaren Einwohnern im Gasthaus zu einem Umtrunk eingeladen. Zwar roch es überall nach Rauch und verkohltem Holz, doch einige der Zimmer im oberen Stockwerk sowie die Gaststube im Erdgeschoss waren größtenteils unversehrt geblieben. Das Ausmaß der Zerstörung veranlasste den Gastwirt, während des Servierens der Getränke unablässig vor sich hin zu brummen. „Das war es. Jetzt reicht es. Geister… Feuersbrünste… Ich bin ruiniert! Genug! Ich gehe nach Silvermoon und fange dort neu an. Ich verkaufe das Gasthaus…“ Der Wirt ließ sich frustriert bei den Gästen auf einen Stuhl fallen und stützte die Hände in den Kopf. „Ich meine es ganz ernst, wirklich. Will nicht einer von Euch ein Wirtshaus in bester Lage erwerben?“

Der widerwillige Magier war wortlos verschwunden, sobald die Löscharbeiten beendet waren, doch mit dem Paladin sowie seinem Bruder, einem jungen Schurken, der ebenfalls zu der Gruppe stieß, unterhielten die beiden Verlobten sich eine ganze Weile sehr angeregt. Der Paladin stellte sich als Candúin vor; sein Bruder hieß Celahir.
Candúin musste irgendwann nach Silvermoon zurückkehren, dringende Angelegenheiten erwarteten ihn, wie er sagte, und auch Riná entschuldigte sich nach einige Zeit später. Die Heilerin war müde von den Anstrengungen und zog sich in das Gastzimmer zurück, das am wenigsten beschädigt worden war und das sie schon früher am Abend für sie beide reserviert hatte. Stian hingegen war noch hellwach und aufgekratzt, und so gab er seiner Verlobten einen liebevollen Kuss. „Ich bleibe noch ein wenig auf und komme dann nach.“

Die beiden Schurken saßen noch lange zusammen. Celahir war voller Fragen, und Stian tat sein Bestes, sie alle zu beantworten und dem Jüngeren wertvolle Ratschläge zu geben. Mit einem Mal ertönte draußen das missmutige Krächzen eines rennenden Falkenschreiters, der vor dem Gasthaus jäh durchpariert wurde, und unmittelbar darauf kam ein Meldereiter in die Gaststube gestürzt.
„Ich suche einen Stian Skyggvandre, ist der zufällig hier? Sonst muss ich sofort weiter…“
Der Sin’dor sah argwöhnisch auf. „Wer will das wissen?“

——
Meine liebste Riná,

bitte vergib mir, dass ich nicht auf Dich gewartet habe. Aber gerade
erreicht mich ein Bote meiner Familie – es gibt Neuigkeiten, sehr
schlechte Neuigkeiten. Es geht um meine Schwester Liliwyn…

Sie lebt, Schatten und Licht sei Dank, aber es geht ihr nicht gut. Ich muss fort…
Du schläfst oben friedlich im Gasthaus. Zum Glück ist es hier sicher
– ich bete, dass der Reiter nicht wiederkommt…

Liebste, ich küsse dich. Und ich melde mich, sobald ich Näheres weiß.

Ewig, S.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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