Die Geschichte von Stian und Rina (23)

Stian jagte Boneshade den ganzen Weg zum Haus seiner Eltern. Dort angekommen, ließ er den blauen Hengst, nachdem er ihm eilig Sattel und Zaumzeug abgenommen hatte, einfach frei laufen und stürmte ins Haus. „Wo ist sie? Was ist geschehen?“
Seine Mutter Ranissa nahm ihn stumm in den Arm, während Stereyn, sein Vater, ihm bedeutete, leise zu sein. „Sie schläft gerade.“
Dann erstatteten die älteren Skyggvandres abwechselnd Bericht. Liliwyn war – bei Bewusstsein, aber völlig hilflos und ohne jede Orientierung – von einer Tauren-Schamanin nach Silvermoon gebracht worden. Die Schamanin war in den Badlands auf sie gestoßen, wo Liliwyn ohne ein erkennbares Ziel willkürlich und völlig verwirrt herumirrte. Die Sin’dorja konnte der Taurin nicht sagen, wer sie war, woher sie kam, wie es sie dorthin verschlagen hatte. Nur dass sie eine Jägerin sein musste, das war sofort klar, denn Bo, Liliwyns treuer Luchs, wich ihr nicht von der Seite.
Die Taurin kümmerte sich um die Verwundete und brachte sie nach Silvermoon in der Hoffnung, dass dort jemand die Elfin erkennen würde. Und Liliwyn hatte Glück: Auf dem Basar liefen sie und ihre Retterin einem Bekannten der Familie über den Weg, der umgehend Yhaddar informierte – und der wiederum sorgte dafür, dass seine Cousine nach Hause gebraucht wurde und die Schamanin den Dank der Familie erhielt.

Und das war der Stand der Dinge. Liliwyn begann langsam, sich wieder an das eine oder andere zu erinnern, ihre Eltern beispielsweise und Bo, ihren Luchs, doch sie war im wahrsten Sinne des Wortes hilflos wie ein kleines Kind. Hilfloser noch, denn all ihr Wissen, all ihre Fähigkeiten als im höchsten Grade ausgebildete Jägerin und Waldläuferin hatte sie vollständig verloren. Und sie war blind, gestand Lili ihrem Bruder, als die beiden Geschwister am nächsten Tag allein miteinander waren. Nicht einmal den Eltern hatte die Sin’dorja das bisher anvertraut, doch Stian erfuhr es, nachdem die junge Frau ihn nach einigem Zögern und Überlegen doch erkannt hatte.

Er war außer sich. Wenn diese Sache Riná getroffen hätte, dann wäre ihm noch schlimmer zumute gewesen, aber hier ging es um Liliwyn, um seine geliebte Schwster Lili, und der junge Blutelf war von einer wilden, rastlosen Wut erfüllt. Er würde herausfinden, was da geschehen war! So etwas wie das, was Lili widerfahren war, konnte einfach nicht passieren, ohne dass irgendwelche Spuren zurückblieben.
Und Spuren entdeckte Stian tatsächlich. In den Falten und Taschen der Kleidung, die Liliwyn bei ihrer Rettung getragen hatte und die der Schurke durchsuchte, ehe seine Eltern sie wegwarfen, verdreckt und zerlumpt, wie die Sachen waren, fand er winzige Mengen eines seltsamen metallischen Staubes, der dem Sin’dor vage bekannt vorkam, den er aber auf Anhieb nicht einordnen konnte. Und die Taurin hatte berichtet, Lili habe, als sie auf die Schamanin gestoßen war, ein Stück Metall umklammert, vielleicht den Teil eines Werkzeugs oder einer Waffe. Auch dieses Stück Metall sah Stian sich genau an, aber bis auf dasselbe Gefühl der vagen Bekanntheit und dass es ihm eigentlich mehr sagen müsste, als es tat, fiel ihm im Moment nichts dazu ein.
Er selbst kannte sich ja mit Metallen aus, war in der Kunst ihres Abbaus und Einschmelzens bewandert, aber dieser Werkzeugkopf, oder was es nun darstellen sollte, war aus keinem Metall gefertigt, mit dem er schon gearbeitet hatte. Dennoch blieb das Gefühl der Vertrautheit bestehen. Er müsste es eingentlich einordnen können, aber es wollte ihm einfach nicht einfallen. Kan’krek!

Also stellte Stian Nachforschungen an. Mit dem Staub und dem Stück Metall suchte er zunächst die Schmiede, dann die Alchimisten der Hauptstadt auf, doch die wussten damit auch nicht wirklich etwas anzufangen. Orkische Arbeit sei es vielleicht, sagte einer von ihnen zögernd, es sehe aus wie von Orc-Hand gefertigt. Oder? Hmmm… Der Experte war sich alles andere als sicher.
Nicht sonderlich ermutigend, aber es war alles, was Stian hatte. Er reiste nach Orgrimmar und suchte dort seinen Bekannten Kreokk Krukkenssohn auf, einen erfahrenen Krieger mit einem langen Zopf aus vorzeitig ergrautem Haar, mit dem der Sin’dor schon einige Male durch die Lande gezogen war und dem er unter anderem einige seiner ausgewählteren orkischen Flüche zu verdanken hatte. Krukkes Sohn war zwar in der Kunst der Alchimie bewandert, nicht der Metallurgie, aber er konnte vielleicht das Pulver identifizieren. Und wenn der Werkzeugkopf wirklich orkische Arbeit war, musste sich das doch in Orgrimmar herausfinden lassen.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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