Die Geschichte von Stian und Rina (25)

In der Zwischenzeit jedenfalls durchstreifte der Sin’dor die unwirtlichen Lande im Zentrum des Kontinents auf der Suche nach Hinweisen. Er schlich sich erneut ins Angor Fortress, doch alle Aktivitäten der Zwerge dort richteten sich auf die Erforschung der Ausgrabungsstätte von Uldaman, und nichts in der Festung deutete darauf hin, dass die Angehörigen des Shadowforge-Clans mit dem, was Lili zugestoßen war, etwas zu tun hatten oder Näheres darüber wussten. Uldaman selbst, in das Stian sich noch einmal wagte, ergab auch keine näheren Aufschlüsse – dort fanden einfach Ausgrabungen statt, das war alles. Und das Erz, das sich dort finden ließ, ähnelte zwar dem Dunkeleisenerz ein wenig, aber es war nicht dasselbe. Also Fehlanzeige.

Die Sengende Schlucht war des Schurken nächste Station. Hier, wo fast das ganze Gebiet von einem riesigen Canyon durchzogen war, beschäftigten sich die Dunkeleisen-Zwerge vor allem mit ausgedehnten Minen- und Bergarbeiten der unterschiedlichsten Art; zu mehr schien das tote Land nach der Beschwörung von Ragnaros und der damit einhergehenden Zerstörung auch nicht zu taugen. Die Dunkeleisen setzten zum Schutz und für die unangenehmeren Arbeiten schwere Golems ein, und zuerst dachte Stian, dass seine Schwester vielleicht mit einem dieser mechanischen Monstren aneinander geraten war, ganz ähnlich wie Rinás Erlebnis mit dem Teufelshäscher auf der Höllenfeuerhalbinsel. Doch nähere Untersuchungen ergaben, dass diese Riesen gar nicht so gefährlich waren, wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte – mit denen wäre Liliwyn spielend fertig geworden. Aber der Blutelf brachte etwas anderes in Erfahrung: Für ihre Minenarbeiten unten im Canyon, in einem streng bewachten Gefängnis, das einfach nur „die Schlackegrube“ hieß, setzten die Darkirons vor allem Sklavenarbeiter ein, und bei diesen Sklaven handelte es sich fast ausschließlich um gefangene Feinde. Dies war der erste richtige Hinweis, den Stian hatte, und so schlich er sich eines Nachts in die Schlackegrube, um Näheres herauszufinden.

Wie nicht anders zu erwarten, waren die Bedingungen, unter denen die Sklavenarbeiter in der Schlackegrube gehalten wurden, entsetzlich. Der Sin’dor knirschte mit den Zähnen und nahm sich vor, den Unglücklichen so bald wie möglich zu helfen. Doch zunächst war er aus einem anderen Grund hier.
In der Nacht schlich er sich in die Mine hinein und versuchte, mit den Gefangenen zu sprechen. Die Mehrheit von ihnen waren Zwerge, und etliche von ihnen sprachen nur ihre eigene Muttersprache oder waren in einem derart abgestumpften Zustand, dass sie gar nicht mit ihm sprechen wollten.
Stian war sich entsetzlich der wachsenden Gefahr bewusst, in der er schwebte: Mit jeder Ecke, die er in der Schlackegrube betrat, mit jedem neuen Sklaven, den er unendlich vorsichtig ansprach, mit jeder Minute, die er hier länger verbrachte, stieg das Risiko, dass er entdeckt oder gar von einem der Gefangenen verraten werden würde. Doch er machte weiter – irgendetwas musste sich doch herausfinden lassen!

Was er letztendlich herausbekam, war jedoch nicht sonderlich viel. An diesem Ort, wo die gesamte Belegschaft – Sklavenarbeiter wie Wachen –  fast ausschließlich aus Zwergen bestand, wäre eine Sin’dorja aufgefallen wie ein wilder Drachenfalke in Tirisfal. Liliwyn war nicht hier gewesen, soviel wurde dem Schurken relativ bald klar, als er erst einmal in den Tiefen des Gefängnisses den einen oder anderen Unglücklichen gefunden hatte, der bereit war, mit ihm zu reden, und als sich dann auch noch bei allen, die er befragte, die Aussage deckte. Aber, so erfuhr Stian, die Dunkeleisen unterhielten auch Minenoperationen im Blackrock Mountain selbst, und während früher ein durchaus reger Verkehr zwischen den beiden Orten geherrscht hatte, bei dem Gefangene ebenso wie Aufseher aus dem Blackrock in die Schlackegrube kamen und vermutlich auch umgekehrt, war dieser Austausch inzwischen fast völlig zum Erliegen gekommen. Bei den  Neuankömmlingen der letzten Zeit handelte es sich immer um Feinde, die in den Scharmützeln im Grenzland zwischen der Sengenden Steppe und Loch Modan gefangengenommen worden und ohne Umweg über die Minen im Schwarzfels direkt hierher gebracht worden waren. Aus dem Blackrock selbst: gar nichts mehr. Irgendetwas schien dort vorzugehen, und Stian, der als Blutelf unter all diesen Zwergen selbst auffiel wie ein Drachenfalke in Tirisfal und sein Glück hier schon mehr als überstrapaziert hatte, zog sich mit einiger Mühe und unter größter Vorsicht aus dem Gefängnis zurück und machte sich auf den Weg.

Den riesigen Lavaspinnen, die in der Sengenden Schlucht ihr Unwesen trieben, konnte er größtenteils ausweichen oder wurde schnell mit ihnen fertig, und so erreichte der Sin’dor kurz vor Morgengrauen den Schwarzfels. Den Tag verbrachte Stian gut versteckt in der Nähe des Eingangs, schlief und sammelte Kräfte im Vertrauen darauf, dass Boneshade und Jinn ihn warnen würden, sollte sich eine Gefahr nähern.
Als es dunkel geworden war, stärkte der Schurke sich mit Brot und kaltem Braten, dann streichelte er den Worgwelpen und gab seinem Pferd einen liebevollen Klaps auf den knochigen Hals. „Wartet hier auf mich“, befahl er beiden Tieren. „Jinn, du passt auf meine Sachen auf, ja?“ Denn seine Schlafrolle, die Satteltaschen und ihren Inhalt nahm er wie immer nicht mit, sondern hatte sie mit Boneshades Sattel und Zaumzeug zu einem ordentlichen Stapel aufgeschichtet und mit Geröll und Gestrüpp so gut es ging getarnt.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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