Die Geschichte von Stian und Rina (26)

Den Weg in die Blackrock-Spitze kannte Stian ja von seinem Ausflug damals, als er Jinn gezähmt hatte. Doch nun wandte er sich in die andere Richtung, in die Tiefen des Berges hinein, wo weder Orcs noch Oger hausten, sondern die Darkirons lebten.
Das Gebiet der Dunkeleisen begann mit einer weitläufigen Mine, in der – ganz ähnlich wie in der Schlackegrube – mit Horden von Sklavenarbeitern ausgedehnte Bergarbeiten betrieben wurden. Doch diesen Gefangenen ging es deutlich schlechter als ihren Leidensgenossen draußen in der Brennenden Steppe: Sie sahen elender aus, arbeiteten fast rund um die Uhr und wurden schärfer bewacht. Stian fand kaum eine Chance, mit ihnen zu sprechen; zu dicht hingen den Inhaftierten die Wachen auf den Fersen. Trotz allem gelang es Stian, das eine oder andere Wort zu wechseln und einige wenige Informationen aufzuschnappen: Es wurden ständig neue Gefangene tiefer in den Berg gebracht, sehr viele sogar, und nicht nur Zwerge, sondern Angehörige aller Völker. Und diese kamen nicht mehr zum Arbeiten heraus, wie das früher der Fall gewesen war, sondern blieben verschwunden.  Was es auch war, was dort drinnen mit ihnen passierte, die Dunkeleisen machten diese Gefangenen offensichtlich nicht, um ihre Minenarbeiten zu beschleunigen…

Und was es auch war, in Stian verdichtete sich immer mehr das Gefühl, dass er auf der richtigen Spur war, dass genau dies auch Liliwyn geschehen sein musste.
Aus den unglücklichen Zwangsarbeitern war ohnehin nichts weiter herauszubekommen, also arbeitete der Sin’dor sich weiter in den Berg hinein. Durch enge Gänge schlich er, vorbei an unzähligen Wachleuten und einem vor einer besonders engen Stelle patroullierenden, ziemlich furchteinflößenden Flammenwesen, einem Feuer-Elementar offensichtlich, der, wie Stian flüchtig hörte, von den Zwergen ‚Aufseher Pyron‘ gerufen wurde, dessen glühender Aufmerksamkeit der Schurke aber glücklicherweise entging. Am Ende dieses Ganges befand sich ein aus dem rohen Stein gehauener Torbogen, und hinter diesem lag die eigentliche Stadt der dunklen Zwerge.
Oder besser, dort lag zunächst einmal ein weiterer Gefängnistrakt. Zu seiner Linken konnte Stian ein schmiedeisernes, fest verschlossenes Tor sehen, das wohl in die zivileren Gefilde der Darkiron-Stadt führen musste. Vor ihm erstreckte sich eine weitläufige Höhle, in der Aufseher mit ihren Hunden patrouillierten und Gruppen von zwergischen Soldaten Wache standen. Mehrere schlecht beleuchtete Gänge führten von der Höhle fort; auch dort gingen Dunkeleisenzwerge auf und ab. In einem der Gänge hingen Käfige von der Decke, zum Teil leer, zum Teil mit hohläugigen Gefangenen besetzt.

Der Schurke verschmolz förmlich mit den Schatten, während er seine Optionen überdachte. Dann sondierte er seine Umgebung und passte den Moment ab, in dem alle Wachen sich gerade anderswo befanden oder anderswo hinsahen, ehe er geduckt und eng an die Wand gedrückt zu dem ersten der Käfige huschte.
Dessen Insasse lag reglos da und reagierte auch nicht, als Stian ihn leise ansprach. Der Sin’dor sah genauer hin und stellte fest, dass es diesem Zwerg gar nicht mehr möglich war, zu reagieren. Tote Augen stierten leer zu ihm herab. Oh verdammt… Mit einem Seufzer und einem leisen Kopfschütteln wandte der junge Elf sich zum Käfig daneben. Darin befand sich ein Mensch, der trotz seines abgemagerten Zustandes definitiv noch lebte, denn er spuckte nun trocken aus und bedachte Stian mit einem Blick, in dem alles Misstrauen und alle Erschöpfung dieser Welt lagen.
„Und was willst du, Blutelf? Soll ich vielleicht die Wachen rufen, dass sie dich anhören?“
„Was ich will?“ Stian sah sich angewidert um und knurrte. „Den Darkirons das verdammte Handwerk legen. Euch alle hier rausholen. Aber zuerst brauche ich Informationen. Eine braunhaarige Sin’dorja… Blutelfin – die Haare ein etwas helleres Braun als meine, aber mit einer gewissen Ähnlichkeit im Gesicht – war sie hier? Sie hätte Jägerkleidung getragen, vermutlich bequemes Leder, aber mit Kette besetzt. Vielleicht lief zu der Zeit auch ein Luchs hier herum… Wobei, vermutlich nicht“, murmelte der Schurke dann, „er hätte nicht zugesehen, wie seine Herrin gefangen genommen worden wäre, sie muss ihn draußen gelassen haben… Wie dem auch sei: Habt Ihr so jemanden gesehen?“
Der Gefangene spuckte wieder aus, oder versuchte es, denn erneut blieb der Käfigboden vor ihm trocken.
„Hier gibt’s einige von eurer Sorte, Elf. Und so verrückt, wie du bist, hierherzukommen, gibt es vermutlich bald einen mehr.“

Verrückt? Ja, vermutlich war es verrückt. Doch der Sin’dor befand sich im Griff seiner Wut über das, was er hier sah, über das, was man Lili angetan hatte, und es war ihm in diesem Moment herzlich gleichgültig, ob es verrückt war.
„Ihr habt also niemanden gesehen, der so aussah?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wie ich sagte, es kommen viele Gefangene hier vorbei. Auch Langohren dabei. Tiefer hinein in den Berg. Raus kommt kaum mehr einer. Vielleicht haben sie Glück, dass sie nicht hier sind, wo wir sind. Aber vielleicht haben auch wir das Glück, dass wir nicht dort sind. Irgendwas machen die da drin mit denen.“ Der Mann hustete heister. „Glück. Pah.“ Wieder versuchte er auszuspucken. „Ich habe nicht mehr lange, dann verrecke ich. Und ich hoffe nur bei allem, was mal recht war, dass es jemand diesen Bastarden heimzahlt. Aber was willst du eigentlich von dem Mädel, hm? Deine Geliebte? Wenn sie hier ist, lebt sie nicht mehr. Oder wünscht sich, sie würde nicht mehr leben. Du bist besser dran, wenn du dich an sie erinnerst, wie sie war. Glaub mir.“
„Meine Schwester“, knurrte Stian leise, aber heftig. „Und ich will wissen, was mit ihr geschehen ist. Und ja, ich will die Bastarde büßen lassen.“
„Tja, viel Erfolg, Langohr.“ Das klang alles andere als ernst gemeint. „Falls du die Kerle erwischst, denk an mich, wenn du sie umbringst. Arrius Valen heiß‘ ich.“
Der Schurke nickte. „Stian Skyggvandre. Und das werde ich tun. Aber ich hoffe, ihr Leute haltet durch, bis ich wiederkomme – ich bringe Verstärkung und hol‘ euch hier raus…“
Arrius Valen hatte sich schon abgewandt. „Sicher, Elf. Sicher. Das tust du. Ich werd‘ mich nicht drauf verlassen, wenn’s dir nichts ausmacht.“

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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