Die Geschichte von Stian und Rina (27)

„Ich hab‘ sie gesehen…“
Die krächzende Stimme kam von irgendwo zu seiner Linken.
Stian, der eben noch einen unterdrückten Fluch ausgestoßen hatte, fuhr herum. Auch in den Höhlenboden waren vergitterte Löcher gehauen worden, ebenso wie in einige der Höhlenwände. Nicht alle davon schienen besetzt zu sein, doch der Inhaber dieser speziellen Stimme hockte in einer der Vertiefungen in der Felswand, schon in der Hauptkammer, direkt zwischen dem Gang mit den herunterhängenden Käfigen und dem daneben. Der Schurke hatte das Gitter zwar gesehen, aber in der düsteren Beleuchtung nicht bemerkt, dass sich dahinter jemand befand, noch dazu, wo dieser Jemand bis eben völlig reglos geblieben war.
Mit einem wachsamen Blick in die Runde eilte er nun hinüber zu dem Loch in der Wand und unterzog dessen Insassen einer schnellen Musterung.
Es war ein Blutelf… auch wenn er kaum noch als Sin’dor zu erkennen war, sondern eher den Eindruck eines Getriebenen machte, fast aussah wie einer von jenen, die der Manasucht verfallen waren.
„Wie war das?“
„Die braunhaarige Frau, von der du sprichst, Bruder… ich habe sie gesehen…“
Stians Augen hefteten sich eindringlich auf den Gefangenen.
„Wirklich?“
Der Fast-Getriebene nickte. „Jäger-Kleidung, braunes Leder, mit Kette verstärkt. Und einen Spieß oder sowas. Allerdings trug sie den nicht selbst, sie hatte gar keine Waffen mehr. Einer der Zwerge trug diese Pike, sehr vorsichtig. Die leuchtete irgendwie grün. Gefährlich. Der, der sie trug, hatte einen Heiden-Respekt davor, und die Jägerin wurde von einer ganzen Meute hier entlang geschleppt…“
Stian nickte grimmig. Liliwyns Hellebarde… Er hatte die Waffe und das überirdische grüne Licht, in das sie getaucht war, oft genug gesehen. Seine Zweifel, ob der fremde Sin’dor ihm eine Lüge auftischen wollte, schwanden. Die Waffe hatte er nicht erwähnt – wenn der Gefangene sie gesehen hatte, deutete es darauf hin, dass er die Wahrheit sagte… und dass die Jägerin, von der er sprach, wirklich Lili gewesen war.
Er drehte sich kurz um und blickte in die Höhle und nach rechts und links auf die beiden Tunnel. Tatsächlich, von hier aus hatte man einen besseren Überblick, konnte man mehr erkennen als aus dem Gang mit den Käfigen. Gut möglich, dass dieser Elf hier wirklich etwas gesehen hatte, was Arrius Valen entgangen war…
„Weiter“, knurrte der Schurke. Er spürte, wie der Zorn wieder in ihm hochzukochen begann, alles andere auszuschließen drohte.

Der blutelfische Gefangene überlegte einen Moment. „Sie war bewusstlos, verwundet. Hatte ihnen wohl einen ziemlichen Kampf geliefert. Und ein großer roter Luchs lief ihnen hinterher und griff unentwegt die Zwerge an, bis sie ihn schließlich niederknüppelten und liegen ließen. Ich habe ihn später nicht mehr gesehen; ich vermute, er war nicht tot und hat sich davongeschleppt…“
„Und das war es?“ Stian zitterte vor Wut bei der Erzählung. „Was geschah dann?“
„Ich weiß es nicht“, war des Fast-Getriebenen Antwort. „Sie haben sie dort entlang geschleppt“ – er zeigte den linken Gang hinunter, nicht den mit den Käfigen – „dorthin, wo sie ihre Experimente machen.“
In Stians Augen, seinem Herzen, brannte ein wildes Feuer. Er umklammerte die Gitterstäbe des Käfigs so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. „Experimente?!?
„Ich weiß nichts Genaues, Bruder, tut mir leid… Ich weiß nur, dass die dort drinnen wohl irgendwelche Experimente machen, an Gefangenen, die sie für besonders halten. Viele sterben wohl daran und werden vermutlich drinnen verbrannt, denn man sieht sie nie wieder. Andere werden wieder hinausgebracht, dort durch den Seitenausgang“ – der Sin’dor deutete auf einen schmalen Tunnel zu ihrer Rechten – „geschleppt wie Mehlsäcke, alle bewusstlos. Ich nehme an, man wirft sie einfach weg draußen. Wie Abfall.“ Der Gefangene zögerte einem Moment. „Ich habe nicht gesehen, dass sie die Jägerin wieder rausgetragen hätten. Vermutlich ist sie drinnen umgekommen. Es tut mir leid um deine Lady.“
„Meine Schwester“, knurrte Stian wieder. Der Zorn in ihm kochte immer wilder. „Oh wartet… wartet nur alle…“ Er brachte sich mühsam und nur halb erfolgreich wieder unter Kontrolle. „Dieser Gang dort, sagtest du?“
Der andere Sin’dor nickte. „Sei vorsichtig, wenn du dort reingehst, Bruder. Ihr Sonder-Gefängnis müssen sie noch schwerer bewachen als alles andere.“

Stian nickte ebenfalls, doch er hörte kaum noch zu. Zu sehr hatte die Wut von ihm Besitz ergriffen, schloss alles andere um ihn herum aus. „Das werde ich“, murmelte er abwesend, war in Gedanken schon beim nächsten Schritt. „Und danke für die Hilfe, Bru -“
Oiya!„, ertönte plötzlich eine rauhe Stimme hinter ihm, gefolgt von weiteren lauten Schreien. Zwergenstimmen. „Eindringling!!
Stian wirbelte herum, die Hände schon an seinen Waffen. Drei Dunkeleisenzwerge kamen auf ihn zugerannt, einer an der Spitze, zwei dahinter, mit Hunden im Schlepptau. Und der Schrei des ersten hatte die gesamte Höhle aufgeschreckt; mindestens zwanzig Wachen näherten sich eilig und mit gezogenen Äxten.
Den ersten Zwerg, der bei ihm ankam, streckte der Schurke mit einem schnellen Dolchstoß nieder, und auch der nächsten beiden konnte er sich vergleichsweise leicht erwehren. Als diese erste Welle nicht mehr im Weg stand, versuchte er Blitzpulver anzuwenden und sich in eine dunkle Ecke zu verkriechen, doch die Hunde knurrten und schienen trotz des Gestanks und des Rauches genau zu wissen, wohin er wollte. Die Bestien stellten ihn bellend und geifernd, und schon waren die restlichen Zwerge über ihm.
Der Sin’dor schaltete alles Denken aus, überließ sich ganz der Wut, dem Zorn, wirbelte mit seinen Klingen herum und nahm etliche der Gegner mit. Doch es waren zu viele, er konnte das nicht durchhalten. Ein Fangnetz legte sich über ihn, dann ein zweites, hemmte seine Bewegungen, machte ihn hilflos, auch wenn er sich weiterhin wild wehrte. Die überlebenden Zwerge näherten sich vorsichtig, und Stian sah eine Keule auf seinen Kopf zusausen.

Verdammt, konnte er noch denken, dann wurde alles schwarz.

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Eingeordnet unter Stian & Rina, World of Warcraft

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