Die Zeit der Schatten (Polaris. Sommertreffen 2013)

Das Volk lag im Sterben, vor langer Zeit, am Ende der Welt. Doch noch war die Hoffnung nicht verloren, denn noch hörte Eridanus das Lied der Sterne.

Eridanus, junger Ritter im Orden der Sterne, hatte jetzt, im friedlichen, ruhigen Winter, nun da der Makel schlief und die Dämonen nicht auf das Volk eindrangen, so dass der Dienst an den Waffen zurückstehen konnte, die Aufgabe erhalten, Meister Al Bali, dem Obersten Bibliothekar, als Gehilfe zur Seite zu stehen.

Es war eines Abends, als Eridanus gerade im Licht der Sterne arbeitete, die klar und hell durch die hohen, ehrwürdigen Kuppeln der Bibliothek leuchteten, dass Meister Al Bali die Bibliothek betrat, langsamen Schrittes und eine schwer aussehende Kiste in den Händen. Der Oberste Bibliothekar schien seinen jungen Assistenten gar nicht zu bemerken, sondern begab sich geradewegs zur verbotenen Sektion, deren Tür er aufsperrte und samt seiner Last darin verschwand.

Schon längere Zeit hatte Eridanus den Verdacht, dass der Bibliothekar etwas verheimlichte, finstere Pläne verfolgte. Und so war es nur natürlich, dass der junge Ritter diese Neuerwerbung seines Lehrmeisters näher untersuchen wollte. Unter einem Vorwand gelang es ihm, Bibliothekar Al Bali derart abzulenken, dass dieser die Tür nicht abschloss, als er die verbotene Sektion wieder verließ.

Als der Bibliothekar gegangen war, eilte Eridanus in die verbotene Sektion. Er fand das Buch nahe der Tür auf einem Podest und schlug es begierig auf. Sofort wurde ihm klar, dass es in einer Sprache verfasst war, die er nicht beherrschte. Doch neben dem unverständlichen Text enthielt das Buch auch einige Zeichnungen, von denen eine recht unmissverständlich als Sternenkarte zu identifizieren war.

Mit dem Speicherkristall, den er stets bei sich trug, weil er begonnen hatte, einen eigenen Wissensspeicher zusammenzustellen, nahm Eridanus die Seiten des fremden Buches auf. Er war beinahe fertig mit der Arbeit, als von draußen Schritte ertönten. Bibliothekar Al Bali kehrte zurück! Hastig legte Eridanus das Buch wieder an seinen Platz und schob den Speicherkristall in die Tasche. Es gelang ihm gerade so, die verbotene Sektion zu verlassen, doch an der Tür wurde er ertappt. Al Bali schalt ihn ob des Versuches, in den verbotenen Bereich einzudringen, doch der Oberste Bibliothekar schien nicht gemerkt zu haben, dass Eridanus bereits dort gewesen war.

Alcyone Kaus Borealis, junge Ritterin im Orden der Sterne, wanderte im Schnee ihres Gartens umher. Schwer waren ihre Gedanken in letzter Zeit, denn sie war die letzte Erbin ihres einst großen und mächtigen Hauses, das ausgelöscht worden war von den Kaus Australis, Brüder einst, dann tödliche Rivalen.

Der helle Klang ihres Namens und ein Schneeball an ihrem Gewand rissen Alcyone aus ihren Gedanken. Eridanus war es, der seinen geheimen Weg in ihren Garten genommen hatte. Lachend antwortete sie mit ihrem eigenen Schneeball und flog ihrem Liebsten dann, noch immer mit einem Lachen auf den Lippen, in die Arme, und alle Sorgen waren für den Moment vergessen.

Eridanus zeigte ihr die aus dem Speicherkristall abgezeichnete Sternenkarte, weil Alcyone von allen Angehörigen des Ordens mit am bewandertsten in der Sternenkunde war. Sie studierte die Karte eine Weile, verglich sie dann mit den Sternen am Himmel. Den Arm um Eridanus gelegt, deutete sie auf die Konstellationen am Nachthimmel, dann auf die Karte und darauf, wie die beiden sich voneinander unterschieden. Die Sonne war auf der Karte zu sehen, die Sternenbahnen etwas anders. Es war eine Konstellation, wie sie sich in einigen Wochen darstellen würde, wenn der Frühling käme…

Anschließend wandte sich das Gespräch wieder privaten Dingen zu: Eridanus sorgte sich um Alcyone, weil ihr Erbe so schwer auf ihr wog. Darum, und weil er selbst aus einer bürgerlichen Familie stammte, während Alcyone zu einem der ältesten Adelsgeschlechter des Volkes gehörte. Was ebenfalls bedeutete, dass der Prinz ebenso wie andere Adelige ein Interesse an ihr haben könnten, und gegen diese Konkurrenz hätte er keinerlei Chance. Doch Alcyone beruhigte ihn. Er war es, der ihr Herz singen ließ, für den ihre Augen leuchteten, der sie zum Lachen bringen konnte, ganz gleich, was kam. Er war es, den sie liebte, niemanden sonst.

Fornax, junger Ritter im Orden der Sterne, unternahm jetzt, im friedlichen, ruhigen Winter, nun da der Makel schlief und die Dämonen nicht auf das Volk eindrangen, so dass der Dienst an den Waffen zurückstehen konnte, häufige Reisen in den Süden, denn er war sicher, dass sich dort ein Heilmittel gegen den Makel finden ließe, und er war fest entschlossen, dieses zu finden. Doch nun war er einmal wieder heimgekehrt, heim in das Haus seines Bruders Menkalinan, Ordensritter wie Fornax selbst, der seinem älteren Bruder nacheiferte, obgleich er noch sehr jung war, kaum mehr als ein Knabe.

Menkalinan war überglücklich, seinen älteren Bruder nach dessen langer Reise wiederzusehen. Viel hatten beide sich zu erzählen, Fornax‘ Erzählungen aus dem Süden ebenso wie Menkalinans Bericht über den Fortschritt seiner Studien. Denn der junge Ritter war ein begnadeter Musiker, bewandert in allen Instrumenten, die das Volk nur kannte, und Fornax wollte alles darüber hören, ehe er sich zu seines Bruders großem Bedauern bald wieder auf den Weg würde machen müssen.

Menkalinan hatte eine Verehrerin; eine reiche, in ein kleineres Adelshaus eingeheiratete Dame mittleren Alters namens Lady Matar, die durch Zufall einmal den jungen Ritter spielen gehört hatte und seither versuchte, seine Kunst und ihn ganz für sich allein zu gewinnen. All die Male, in denen sie Menkalinan jedoch bislang in diesem Sinne angesprochen hatte, hatte dieser strikt abgelehnt, weil seine Musik niemandem im Speziellen gehören sollte, für das ganze Volk da war.

Und so heckte die Lady Matar einen Plan aus, einen Vorwand, unter dem sie Menkalinan doch würde spielen hören können. Es war ihr ein Leichtes, ihren guten Bekannten, den Senator Crux Australis, dazu zu bringen, dass dieser ein Fest veranstaltete: einen rauschenden Ball für die feine Gesellschaft der Stadt, ein weiteres Fest zur Feier des Winters und des Friedens in dieser Zeit.

Ebenso wenig Mühe kostete es die Lady, Menkalinans Lehrer und Mentor den Vorschlag zu unterbreiten. Meister Al Nair war nur allzu dankbar für eine Gelegenheit, bei der sein Musterschüler Menkalinan sein Können würde unter Beweis stellen können.

Und so fand das Fest statt. Zunächst freute Menkalinan sich selbst über die Gelegenheit, vor Publikum zu spielen, doch dann wurde er von Lady Matar in Beschlag genommen. Die Lady lobte ihn überschwänglich und schwärmte davon, endlich seine wunderbare Kunst hören zu können. Die Begeisterung der Dame war dem Ritter zutiefst unangenehm, und er versuchte vergeblich, sich von ihr zu lösen, bis die Zeit für seinen Auftritt gekommen war. Doch auch als Menkalinan seine Vorführung begann, ließ Lady Matar die Augen nicht von ihm. Das brachte den jungen Mann derart durcheinander, dass er seinem Instrument keinen geraden Ton entlocken konnte – besonders beschämend, weil niemand geringerer als der Prinz höchstselbst unter den Anwesenden war.

Fornax kam seinem Bruder zu Hilfe. Er veranlasste, dass eine Pause eingelegt wurde, und sprach Menkalinan rundheraus auf seine schlechte Leistung an. Der Jüngere gestand ihm, dass die Lady Matar es war, deren Schwärmereien ihn so aus dem Tritt gebracht hatten. Dass die Lady ihm bereits seit Wochen und Monaten nachstellte und seine Kunst für sich allein gewinnen wollte. Daraufhin konfrontierte Fornax die Lady Matar. In einem wütenden Ausbruch herrschte er sie an, sie solle seinen Bruder nicht länger belästigen und das Fest umgehend verlassen.

Von Fornax‘ Ausbruch eingeschüchtert, gab die Lady tatsächlich klein bei und begab sich nach Hause. Doch sie kochte vor Wut, und sie schwor Rache, und dass Menkalinan ihr gehören werde, irgendwie.

Es war der Abend der Feier, und Eridanus, selbst nicht eingeladen zu der Festlichkeit und wohl wissend, dass Alcyone dort einer ganzen Reihe junger und begehrter adeliger Junggesellen begegnen würde, saß in einem der Gemeinschaftsräume des Ordens der Sterne und betrank sich.

Später am Abend, nach dessen Rückkehr von der Feier, gesellte sich Eridanus‘ Ordensbruder Fornax zu ihm und leistete ihm beim Trinken Gesellschaft. Die beiden Ritter klagten einander ihr Leid: Eridanus über den Standesunterschied zwischen ihm selbst und Alcyone, Fornax über Menkalinan und die Lady Matar.
Außerdem kam das Gespräch auf das verbotene Buch, und zu Eridanus‘ Überraschung berichtete der andere Ritter, dass das dieses ihm durchaus bekannt war. Denn niemand anderes als Fornax selbst hatte es von einer seiner Expeditionen aus dem Süden mitgebracht. Er hatte es dem Senator Crux Australis übergeben, seinem väterlichen Mentor, der Fornax‘ Reisen finanzierte, und dieser wiederum musste es Bibliothekar Al Bali zur Aufbewahrung überlassen haben.

Nach dem Gespräch zog Eridanus sich in sein Zimmer zurück, um vor dem Zubettgehen seine Kopie des Buches aus seinem Speicherkristall noch ein wenig zu studieren. Da hörte er plötzlich eine Stimme aus den Schatten seines Zimmers, ein heiseres Wispern. „Triff mich am Platz der Fünf Winde…“
Er wusste nicht, was er davon halten sollte, doch er war zu erregt, zu rastlos und zu betrunken, um der rätselhaften Stimme keine Beachtung zu schenken. Und so hüllte er seinen Umhang um sich, trat hinaus in die sternenklare Nacht und wanderte zum Platz der Fünf Winde.

Einst hatte dieser Platz im Stadtzentrum gelegen, hatte Liebenden als Ort für Spaziergänge im Licht der Sterne und den Stadtbewohnern ganz allgemein als Stätte der Erholung gedient. Doch seit Ausbruch des Krieges befand der Platz sich unangenehm nah an den ersten Ausläufern des Makels, so dass sich kaum noch Leute hierher verirrten.

Von der Nähe des Makels ein wenig beunruhigt, wanderte Eridanus suchend über den Platz. In einem abgelegenen Winkel, dunkel bis auf das Licht des Mondes, das in einem vagen, diffusen Strahl durch die Mauerritzen fiel, hörte er mit einem Mal die Stimme wieder. „Du bist gekommen…“

Keine Seele konnte Eridanus sehen, nur einen Schatten, nicht sein eigener, der sich wie von selbst zu bewegen schien. Und von diesem kam die Stimme, flüsterte Warnungen. „Hüte dich“, wisperte sie, „sie führen Böses im Schilde… Sie wollen euch auseinanderreißen, deine Liebste und dich… Sie werden es tun… Geht in den Süden… Nur dort habt ihr eine Chance…“

All diese Dinge wisperte der Schatten, und einen Moment lang zögerte Eridanus, malte sich tatsächlich aus, wie es wäre, mit Alcyone in den Süden zu ziehen, nur einen Moment lang, ehe er über sich selbst den Kopf schüttelte und den Gedanken von sich schob. „Zeig mir dein Gesicht!“, forderte er stattdessen. Und der Schatten kam ein wenig aus dem Licht heraus, und es war die Gestalt des Bibliothekars Al Bali, die Eridanus für einen kurzen Moment vor sich erkannte, ehe der Schatten sich wieder in genau diese zurückzog und spurlos verschwand.

Es war das Fest des Senators Crux Australis, und es war keine Frage, dass Alcyone Kaus Borealis, letzte und einzige Erbin ihres Hauses, ebenfalls eingeladen war. Und genauso wenig war es eine Frage, dass die junge Ritterin an der Festlichkeit teilnahm, teilnehmen musste, auch wenn der Sinn ihr eher nach allem anderen stand denn danach.

Denn es war das Fest des Senators Crux Australis, und wie Hohn erschien es Alcyone, bei einer Feierlichkeit des Hauses anwesend sein zu müssen, von dem ihr eigenes ausgelöscht worden war. Doch sie lächelte und neigte den Kopf zum Gruße, wie es sich für eine Adelige ihres Standes ziemte, selbst wenn sie eine Maske über ihre Züge gelegt hatte, eine Maske eiserner Höflichkeit, die ihre wahren Gefühle verbarg, und das Lächeln auf ihrem Gesicht wie festgefroren schien.

Natürlich war auch der Prinz zu Gast auf des Senators Fest. Während der Unterbrechung in der Musikdarbietung, als Alcyones junger Ordensbruder Menkalinan sich hatte entschuldigen lassen, suchte seine Hoheit Alcyone auf. Mit ausgesuchter Höflichkeit und nicht unbeträchtlichem Charme führte er das Gespräch, und Alcyone antwortete ebenso betont höflich, doch auch kühl, um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen.

So anstrengend die Begegnung mit dem Prinzen auch gewesen sein mochte, diejenige mit dem Senator war es in noch viel größerem Maße. Denn wo seine Hoheit sich freundlich verhalten hatte, machte Senator Crux Australis, nach außen hin ebenso höflich und charmant, im privaten Zwiegespräch aus seinem Hass kein Hehl. Er verspottete Alcyone ob der Vernichtung ihres Hauses und drohte ihr, dass sie bald ebenso folgen werde.

Das Fest schien eine Ewigkeit zu dauern, und es war Alcyone nicht möglich, es vorzeitig zu verlassen. Doch irgendwann fand es dann doch sein Ende, und endlich konnte sie Eridanus aufsuchen, die Maske fallen lassen. Ihr Liebster, wieder zurück von seinem Ausflug auf den Platz der Fünf Winde, und wieder ernüchtert von seinem Erlebnis dort, nahm sie in die Arme und sprach ihr Trost zu, ehe die beiden wieder auf das seltsame Buch mit den fremden Schriftzeichen zu sprechen kamen. Dabei fiel Eridanus wieder ein, dass Fornax ja früher am Abend bei ihrem gemeinsamen Trinkgelage erzählt hatte, er kenne das Buch. Vielleicht wusste er noch mehr darüber zu sagen? Und so nahmen die beiden sich vor, ihren Ordensbruder bei nächster Gelegenheit um seinen Rat zu fragen.

Die Gelegenheit, Fornax um Rat zu fragen, ergab sich bereits kurze Zeit später, als Alcyone ihm im sternenlichtdurchfluteten Ordenshaus begegnete. Ja, bestätigte der Ritter, er habe das Buch in den Norden gebracht. Doch lesen konnte er die Schrift deswegen leider dennoch nicht, noch Genaueres darüber sagen, welche Inhalte darin verzeichnet waren.

Im weiteren Verlauf des Gespräches erzählte Fornax seiner Ordensschwester ein wenig mehr vom Süden. Von der Sonne, die dort des Tags immer zu sehen war, selbst im Winter. Von der Landschaft, so anders als die verschneiten, eisigen Weiten des Nordens. Von dem Volk, das dort lebte, fremd, doch freundlich.

Und Fornax sagte etwas, das Alcyone einen Moment lang zögern ließ, wie der Schatten auf dem Platz der Fünf Winde Eridanus einen Moment lang hatte zögern lassen. „Ihr könntet in den Süden gehen“, schlug er wohlmeinend vor. „Im Süden könntet ihr zusammen leben, ohne dass jemand nach Stand oder Angemessenheit fragt.“ Doch wie Eridanus schüttelte auch Alcyone nach diesem einen Moment des Zögerns den Kopf. „Unser Platz ist hier“, erwiderte sie ernst. „Wir sind Ritter des Ordens, und wir können unsere Brüder und Schwestern nicht im Stich lassen. Wir müssen mit ihnen in der Schlachtreihe gegen den Makel stehen, wenn der Frühling wieder kommt…“

Dem konnte Fornax nicht widersprechen. Doch noch war es Winter, noch nahte der Frühling nicht, nicht für mehrere Wochen, und noch wartete eine weitere Expedition in den Süden auf den Ritter. Und so machte er sich auf den Weg, ließ die Stadt hinter sich, in seinem Atemanzug, der ihm half, sich leichter an die fremdartige Umgebung der Südlande anzupassen. Einige Tage musste er reisen, bis er sein Ziel erreicht hatte. Sein Ziel, das war eine Ansiedlung des Volkes, das im Süden lebte. Denn zu diesem Dorf hatte Fornax seit geraumer Zeit eine Beziehung aufgebaut. Zu diesem Dorf, und zu einer seiner Bewohnerinnen, einer jungen Südländerin, Ursa genannt, Ursa die Wilde.

Ursa die Wilde hatte ein wenig von Fornax‘ Sprache gelernt, und Fornax ein wenig von der ihren. So konnten sie einander verstehen, sich verständigen. Der Ritter hatte vom Makel berichtet, der seine Stadt, sein Land, heimsuchte, sein Volk zu vernichten drohte, und Ursa hatte ihrerseits von den Schatten gesprochen, von denen ihr eigenes Volk ständig bedroht wurde. Doch Ursas Volk hatte einen Weg gefunden, die Schatten in ihre Schranken zu weisen, wie sie erzählte, als Fornax und sie sich nun wieder begegneten. Es war ein Weg der Wildnis, der schamanistischen Zauberei, Fornax und seiner Kultur völlig fremd. Und dennoch hoffte der Ritter, in diesem Weg eine Möglichkeit gefunden zu haben, wie auch sein eigenes Volk gegen den Makel würde vorgehen können, dass der Weg des Südens gegen die Schatten mit den entsprechenden Änderungen auch der Weg des Nordens gegen den Makel würde sein können. „Norden kann lernen“, versicherte Ursa ihm. „Norden, du wirst lernen.“ Denn „Norden“, das war der Name, den Ursa für Fornax hatte, und beinahe wie ein Kosewort klang es aus ihrem Mund.

Die Lady Matar wartete und beobachtete und wusste sehr wohl, wann Fornax die Stadt verließ. Denn das war genau der Moment, auf den sie gewartet hatte; der Moment, in dem Menkalinan seines großen Bruders beraubt und er somit vollkommen auf sich alleine gestellt war.

Mit der Begründung, sich bei Menkalinan für ihr Verhalten auf des Senators Feierlichkeit entschuldigen zu wollen, lud Lady Matar den jungen Mann zu sich ein. Nichts Böses ahnend, folgte er der Einladung, doch die vermeintliche Entschuldigung war nur ein Vorwand gewesen, um Menkalinan in ihr Haus zu locken. In ihren Gemächern rempelte die Lady ihren Besucher derart an, dass dieser auf sie stürzte. Mit einem geschickten Griff brachte Lady Matar daraufhin ihre Kleidung durcheinander und schrie laut um Hilfe.

Den herbeieilenden Wachen versicherte die Lady, dem Anschein nach völlig aufgelöst, Menkalinan habe sich ihr unsittlich genähert. Derart verstört war der junge Ritter, dass er kaum ein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen wusste, sich gegen die Verhaftung nicht wehrte.

Lady Matar hatte gute Beziehungen zum Kerkermeister und seinen Schergen. Dank dieser guten Beziehungen erreichte sie, dass Menkalinan nicht nur verhaftet, sondern zusätzlich von den Wachen beinahe zu Tode geprügelt wurde, um ihn zu brechen. Und schließlich nutzte die Lady ihre Beziehungen auch noch aus, um Menkalinan in aller Stille gegen eine Sicherheit aus dem Gefängnis auszulösen und ihn in ihr Anwesen bringen zu lassen.

Es war in Eridanus‘ Elternhaus, wo seine Mutter ihrem Sohn nun, einige Tage nach dem Fest, von diesem erzählte. Denn ja, auch Eridanus‘ Mutter, Bürgerliche oder nicht, hatte eine Einladung zu der Feierlichkeit erhalten, und sie war noch ganz trunken von den Eindrücken, die sie dort erlebt hatte, von der Ehre, all die hochgestellten Persönlichkeiten gesehen zu haben und ihnen sogar vorgestellt worden zu sein. So war sie ganz und gar hingerissen von dem jungen, gutaussehenden Prinzen, strahlend und schimmernd in seinem Sternenglanze, und so nett und freundlich zu ihr, der Bürgerlichen! Und ein hübsches Paar habe er abgegeben mit der jungen Lady, die er zum Tanze aufgefordert habe, dieser Erbin des Hauses Kaus Borealis, Eridanus kenne sie vielleicht. Der Prinz habe ein reges Interesse an der jungen Dame gezeigt, und es sei ja kein Geheimnis, dass er irgendwann heiraten müsse. Vielleicht gäbe es ja bald etwas zu feiern in der Stadt?

Der nicht enden wollende Redeschwall versetzte den jungen Ritter in immer größere Misslaune, und schließlich unterbrach er seine Mutter mit der Mitteilung, dass Alcyone und er sich liebten und dass sie den Prinzen bestimmt nicht heiraten werde. Diese Neuigkeit jedoch gefiel seiner Mutter wiederum gar nicht. Sie redete ihrem Sohn eindringlich ins Gewissen, dass eine Adelige wie Alcyone sich bestimmt nicht mit einem Gemeinen wie Eridanus abgeben werde, und wenn doch, dann nur, um mit ihm zu spielen und ihn wegzuwerfen, sobald sich eine angemessene Partie biete. Dass er Alcyone vergessen solle.

Der Ritter knirschte mit den Zähnen und hatte gerade dazu angesetzt, seiner Mutter heftig zu widersprechen, als er durch ein lautes Klopfen an der Haustür unterbrochen wurde. Ein Trupp Wachleute war es, deren Anführer in harschem Ton nach Eridanus verlangte. Den Grund der Anklage weigerten sie sich zu nennen, nur dass sie ihn abführen mussten. Und vor den entsetzten Augen seiner Mutter ließ Eridanus sich verhaften, mit gefasster Miene und einem beruhigenden Lächeln, seinem eigenen Schrecken zum Trotz.

Eigentlich hatte Alcyone an diesem Tag Eridanus aufsuchen wollen, um ihm von ihrem Gespräch mit Fornax zu berichten und von den neuen Erkenntnissen, die sie darin erlangt hatte. Doch in seiner Kammer im Ordenshaus war ihr Liebster nicht zu finden, noch in den Gemeinschaftsräumen der Ritter im Orden, und so begab Alcyone sich zum Haus seiner Mutter.

Fassungslos hörte sie dort von Eridanus‘ Verhaftung. Nur einige wenige Worte wechselte sie mit der älteren Frau, dann eilte sie, so schnell ihre Schritte sie nur trugen, in den Orden. Durch die langen Gänge, vorbei an den Kammern der Ritter, vorbei an den Gemeinschaftsräumen, direkt zu den Gemächern des Großmeisters des Ordens der Sterne. Er wusste, welch verdienter Ritter Eridanus war; er musste das Missverständnis einfach aufklären können!

Doch der Großmeister war nicht alleine in seinem Büro, als er Alcyone nach einer langen Wartezeit endlich empfing. Der Prinz war bei ihm, und beider Gesichter waren sehr ernst. Ja, Eridanus sei beschuldigt, ein verbotenes Buch gelesen zu haben, bestätigte der oberste aller Sternenritter, und eine sehr schwere Anklage sei es.

„Aber all seine Verdienste, was ist mit diesen?“, wollte Alcyone eben einwerfen, eine Verteidigung für ihren Liebsten aufbauen, da klopfte es an der Tür. Der Großmeister wurde zu einer wichtigen Angelegenheit fortgerufen, und Alcyone fand sich mit dem Prinzen allein.

Und beinahe umgehend warf der Prinz die Maske der ernsten, verständnisvollen Freundlichkeit ab, die er bis zu diesem Moment getragen hatte. Statt dessen konfrontierte er die junge Ritterin mit seiner wahren Natur. „Eridanus wird hingerichtet werden“, erklärte er hämisch. „Denn auf dieses Vergehen steht der Tod.“
„Beim Licht der Sterne, das ist nicht wahr!“ hielt Alcyone ihm aufgebracht entgegen. „Das Lesen verbotener Bücher ist kein Verbrechen, das mit der Todesstrafe geahndet wird!“
„Wenn ich es sage, wird es das“, war die kalte Antwort. „Euer Geliebter wird hingerichtet werden, es sei denn…“
„Es sei denn… was?“ fragte Alcyone – doch sie wusste es bereits. Die eisige Hand, die ihr das Herz zusammenpresste und den Atem stocken ließ, verriet es ihr.
„Es sei denn, Ihr heiratet mich. Hier und jetzt, sofort!“

Einen langen Moment drang kein Laut über Alcyones Lippen. Unkontrolliert wirbelten die Gedanken durch ihren Kopf, und gehetzt blickte sie sich um, als suche sie einen Ausweg. Doch es gab keinen; es gab keinen, und schließlich sah die Sternenritterin dem Prinzen voll Verachtung ins Gesicht.
„Ich werde Euch heiraten“, erklärte sie, und ihre Stimme zitterte nur kaum merklich dabei. „Unter zwei Bedinungen.“

Die beiden Bedingungen waren die folgenden. Dass die Hochzeit nicht bereits sofort stattfinden würde, sondern erst zu Frühlingsbeginn in einigen Wochen. („Um so besser“, lachte der Prinz. „Um so mehr Zeit, angemessene Vorbereitungen für eine prunkvolle Hochzeit zu treffen und all die Gäste zu laden…“) Und dass Eridanus die Nachricht zuerst von Alcyone selbst hören würde, dass niemand sonst ihm die Botschaft überbringe.

Und so eilte Alcyone in den Kerker. „Ihr habt fünf Minuten“, sagte der Kerkermeister, als er Eridanus‘ Zelle aufsperrte, doch das hörte sie kaum. Schon lag sie ihrem Liebsten in den Armen, bat ihn unter Tränen um Verzeihung, versuchte zu erklären und brachte doch kaum ein zusammenhängendes Wort heraus, bis er sie schließlich ein wenig beruhigt hatte und sie ihm die ganze Geschichte erzählte.

„Die Verhaftung war also nur ein Vorwand“, knurrte Eridanus grimmig, als Alcyone geendet hatte. „Aber noch ist nicht alles verloren, mein Stern. Wir haben bis zum Frühling, und bis zum Frühling kann viel geschehen. Geh‘ zu Fornax, er weiß um das Buch. Vielleicht kennt er einen Weg, um den Prinzen zu entlarven.“
„Oder Menkalinan“, kam Alcyone plötzlich die Idee, und neue Hoffnung keimte in ihrem Herzen auf. „Er beherrscht das Lied der Wahrheit!“

Fornax befand sich noch auf einer seiner Expeditionen, erfuhr Alcyone, als sie den älteren Ritter suchte. Nun, dann konnte sein Bruder vielleicht helfen. Doch auch Menkalinan war nicht anzutreffen, weder im Orden, noch in seinem eigenen Hause, das er mit Fornax teilte. Verhaftet sei der junge Herr worden, teilte ein noch immer fassungsloser Bediensteter der Ritterin auf ihre Frage mit, und so eilte diese bald zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit zu den Verliesen.

Anders als ihren Liebsten fand Alcyone ihren jungen Ordensbruder dort jedoch nicht vor. Es kostete sie einige Münzen an Bestechungsgeld, ehe sie dem Aufseher entlockt hatte, dass Menkalinan bereits kurz nach seiner Verhaftung gegen eine Sicherheit in die Obhut der Lady Matar entlassen worden war.

Beim Anwesen der Lady Matar wurde Alcyone mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, gehörte sie doch einem der ältesten Adelshäuser an, während die Lady lediglich in eine geringere Adelsfamilie eingeheiratet hatte und selbst ursprünglich von bürgerlichem Stand war. Lady Matar stritt auch gar nicht ab, dass Menkalinan sich in ihrem Hause befand, doch er sei aus freien Stücken und gerne ihr Gast, erklärte sie. Und der junge Ritter widersprach nicht. Er saß in einem bequemen Sessel in einer Ecke des Raumes, seine Laute in der Hand, auf der er wahllos herumzupfte, obgleich seine Hände Zeichen schwerer Misshandlungen aufwiesen, mindestens ein Finger gebrochen war.

Und auch Menkalinan selbst schien gebrochen, mit Augen, die glasig ins Nichts starrten, einem Kopf, der im Takt unhörbarer Musik leicht hin und her zu schwanken schien, offensichtlich unter eine Art Drogen gesetzt. Die Lady Matar lächelte triumphierend. „Seht Ihr?“
Alcyone knirschte mit den Zähnen, doch sie konnte nichts tun, bis die Hausherrin sich für einen Moment entschuldigen ließ, da eine häusliche Frage ihre Aufmerksamkeit beanspruchte.
Sobald sie jedoch alleine im Zimmer waren, versuchte die Ritterin in aller Eile, zu ihrem Ordensbruder durchzudringen. Zunächst schien es, als habe sie keinen Erfolg. „Die Lady hat mich gerettet“, nuschelte Menkalinan, wieder und wieder. „Sie ist gut zu mir, sie sorgt für mich…“ Ganz gleich, was Alcyone versuchte, was sie zu ihm sagte und welche Argumente sie anführte, in seinem benebelten Zustand ließ Menkalinan sich davon nicht abbringen.

Doch schließlich, als Alcyone bereits sicher war, dass Lady Matar jeden Augenblick zurückkommen musste und sie die Lady direkt würde konfrontieren müssen, drangen ihre Worte doch noch zu dem jungen Mann durch. Menkalinans Augen wurden klarer, und er schüttelte den Kopf, wie um zu sich zu kommen. Und als kurz darauf Lady Matar tatsächlich wieder den Raum betrat, ein Tablett mit einem Krug und einem Glas darauf in den Händen, konfrontierte Menkalinan sie selbst.

„Mein lieber Junge!“ lächelte die Lady. „Es geht Euch besser! Welch ein Glück, Euch wieder auf den Beinen zu sehen! Hier, trinkt etwas…“
„Nein! Ihr habt mich unter Drogen gesetzt! Und das sind nur weitere Drogen!“
Menkalinan griff nach dem Krug und goss seiner Peinigerin dessen Inhalt ins Gesicht. Ein Teil der Flüssigkeit rann Lady Matar in den Mund und entfaltete dort umgehend seine Wirkung. Benommen sank die Lady auf die Knie und hinderte Menkalinan und Alcyone nicht daran, ihr Haus zu verlassen.

Kurze Zeit später kehrte Fornax von seiner Reise in den Süden zurück. In ihrem gemeinsamen Haus fand er Menkalinan vor, noch immer gezeichnet und verwundet von seiner Tortur im Kerker und in den Händen der Lady Matar. Zorn kochte in dem älteren Bruder hoch, und voller Wut hastete er zum Anwesen der Lady.

Diese hatte sich sich wieder vollständig von der kurzen Benebelung erholt und begrüßte den Ritter mit ihrer üblichen übertriebenen Freundlichkeit. Doch Fornax war nicht in der Verfassung für ihre Schmeichelei. Aufgebracht stellte er sie wegen der Misshandlung seines Bruders zur Rede.
„Wisst Ihr, was ich am liebsten täte?“ rief er schließlich voller Wut. „Am liebsten würde ich mein Schwert ziehen und Euch erschlagen. Verdient hättet Ihr es!“

Da löste sich mit einem Male Fornax‘ Schatten von seinem Körper. Vor des Ritters entsetzten Augen tat er genau das, was Fornax gesagt hatte: Der Schatten ergriff Fornax‘ Schwerthand, schwang die Waffe und durchbohrte die Kehle der Lady.

Geschockt floh Fornax nach Hause, wo sein Bruder auf ihn wartete. Aufgewühlt erzählte der Ritter, was geschehen war. „Es sind die Schatten!“ Doch Menkalinan wollte ihm nicht glauben, konnte sich nicht vorstellen, was sein Bruder wohl meinte. Solange jedenfalls nicht, bis Fornax‘ Schatten sich wieder von ihm löste, Menkalinan angriff und diesen verwundete. Auch von Menkalinan ergriff eine Wut Besitz, und er versuchte, seinen Bruder zu erwürgen, und auch sein Schatten löste sich von ihm. Während die beiden Brüder so im Kampf miteinander gefangenen waren, kam Fornax wieder zu sich, schüttelte den Einfluss seines Schattens ab, riss sich los und flüchtete. Und auch Menkalinan kam wieder zu sich, als sein Bruder fort war, entsetzt über das, was er beinahe getan hätte. Der junge Ritter war wieder bei sich, doch eine weiße Strähne durchzog jetzt sein Haar. Fornax jedoch suchte Zuflucht bei Senator Crux Australis, seinem Mentor.

Nach Alcyones Zusage, den Prinzen zu heiraten, wurde Eridanus tatsächlich wie vereinbart freigelassen. Und so machte er sich, so bald er konnte, wieder an das Studium des verbotenen Buches. Eine Stimme schien aus dem Speicherkristall zu kommen, während er darin las, und beinahe schien es dem Ritter, als könne er das leise Wispern verstehen, nur ein einzelnes Wort hier und da zuerst, dann immer mehr, ganze Sätze beinahe, und im selben Maße schienen die fremdartigen Buchstaben vor seinen Augen immer mehr Sinn zu ergeben. Eridanus legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen, um die Schriftzeichen zu entziffern, lauschte angestrengt dem Raunen aus dem Kristall. Etwas von einem Ritual… von einer bestimmten Konstellation, von Blut, das fließen musste…

So konzentriert versuchte er, den Sinn der leise gemurmelten Worte zu verstehen, dass er nicht bemerkte, dass sich draußen vor dem Fenster etwas bewegte. Es war ein Schatten, der Schatten des Bibliothekars Al Bali, der nun durch den kristallenen Bogen des Fensters ins Zimmer floss und sich auf ein Bücherregal hockte, wo er weiter herumtollte, winkte und Eridanus‘ Aufmerksamkeit zu erlangen suchte. Schließlich, aufgrund einer Bewegung in seinem Augenwinkel, blickte der junge Ritter doch auf. Erschrocken bemerkte er den Schatten und war von dem Anblick derart abgelenkt, dass ihm der ehemalige Besitzer des Schattens entging, Bibliothekar Al Bali selbst, der Eridanus nun, wo der Ritter nicht auf ihn achtete, angriff: mit einem langen, scharfen Brieföffner, beinahe ein Dolch zu nennen bereits. In letzter Sekunde fuhr Eridanus herum, und die Klinge, die sonst sein Herz durchbohrt hätte, rammte sich ihm in die Seite.

Verwundet oder nicht, im Handumdrehen hatte Eridanus sein Sternenschwert gezogen und streckte den Bibliothekar nieder. Dann verband er mit einem Streifen seines Hemdes notdürftig die Wunde, ergriff das Buch und verließ den Raum, eine Hand auf seine Seite gepresst.

Zur selben Zeit befand Fornax sich weiterhin im Hause des Senators Crux Australis, seines Mentors. Plötzlich huschte plötzlich ein körperloser Schatten in den Raum und griff den Sternenritter an. Es war der Schatten des Senators Crux Australis, und vor den schemenhaften Schlägen, gegen die es keine echte Verteidigung gab, floh Fornax aus des Senators Haus.

Doch der Senator selbst, als er erkannte, dass sein Schatten ein Eigenleben entwickelt und welch großes Unheil er bereits angerichtet hatte, wurde wahnsinnig ob dieser Erkenntnis und nahm sich selbst das Leben.

Verwundet, wie er war, erreichte Eridanus Alcyones Anwesen. Doch die Wachen des Prinzen waren vor dem Eingang des Hauses postiert, so dass er auf diesem Weg nicht ungesehen hineingelangen konnte. Doch war der Haupteingang ja nicht der einzige Zugang, den Eridanus kannte. Als er die Wachen bemerkte, zog er sich zurück, ehe sie wiederum ihn bemerkten, und nahm seinen geheimen Weg in Alcyones Garten. An einer schlanken Säule kletterte er empor in das Obergeschoss, wo ein Fenster offen stand, und durch dieses hinein ins Haus.

Von unten hörte Eridanus Stimmen, und so verhielt er sich ruhig, um nicht die Aufmerksamkeit der prinzlichen Wachen auf sich zu lenken, von denen er glaubte, dass sie sich im Haus befänden. Statt dessen holte er seinen Speicherkristall hervor und begann wieder, das Buch zu studieren. Wieder wisperte die Stimme, und immer mehr davon schien der Ritter zu verstehen… Die Wunde an seiner Seite war wieder aufgebrochen, doch das bemerkte er gar nicht, noch bemerkte er, wie sein Blut davon auf den Boden tropfte; auf den Boden tropfte und sich dort in einer blauen Lache sammelte, ehe es durch das Eis sickerte.

Die Stimmen, die Eridanus gehört hatte, waren die von Alcyone und Menkalinan gewesen, denn nach dem Kampf mit seinem Bruder hatte der junge Ritter sich eilig zu Alcyones Haus begeben, um ihr zu berichten, was geschehen war und um sie vor den sich lösenden Schatten zu warnen. Und auch Fornax kam kurze Zeit später hinzu, denn er hatte nach seiner Auseinandersetzung mit des Senators Schatten genau denselben Gedanken wie sein jüngerer Bruder. Die drei Ritter sprachen gerade im Empfangszimmer miteinander, als Alcyone plötzlich eine Flüssigkeit auf ihren Arm tropfen fühlte, erst einen Tropfen, und dann, als sie hinsah, einen weiteren. Blau waren die Tropfen, und es war Blut, und es kam von der Decke!

Erschrocken rannte die junge Ritterin nach oben, mit der Sternenklinge in der Hand und gefolgt von Menkalinan. Doch noch viel größer war ihr Schrecken, als sie in dem Dachzimmer, aus dem das Blut heruntergetropft war, Eridanus vorfand, Eridanus, der in seinen Speicherkristall vertieft war und gar nicht bemerkte, dass sie hereingekommen war, noch dass langsam, aber stetig das Leben aus der Wunde in seiner Seite floss.

Sie rief seinen Namen, rüttelte ihn an der Schulter, um seine Aufmerksamkeit von dem Kristall weg und auf sich zu lenken, und endlich sah Eridanus auf und lächelte sie matt an. „Mein Stern“, murmelte er, und seine Stimme klang müde, so müde, „du bist hier…“
„Ja, ich bin hier“, erwiderte sie, ihre Tränen unterdrückend, „und du bist verwundet! Wir müssen dich zu einem Heiler bringen!“

Doch Eridanus hatte sich bereits wieder seinem Speicherkristall zugewandt. Die Stimmen lockten ihn, riefen ihn, und nun konnte er die Schrift vollständig lesen, verstand mit einem Mal den ganzen Plan.
Denn der Text sprach von Macht, beinahe unendlich viel Macht, über Feinde und über die Kräfte des Bösen, zu erlangen vermittels eines alten, machtvollen Rituals. Dieses Ritual musste abgehalten werden, wenn die Sterne eine bestimmte Konstellation am Himmel einnahmen und die Sonne zu sehen war, wie dies in einigen Wochen, bei Frühlingsbeginn, der Fall sein würde. Und das Ritual verlangte, dass ein Opfer gebracht werde, ein Leben genommen, und nicht irgendein Leben, sondern das des letzten Vertreters einer Blutlinie.

Alcyone! Deswegen also wollte der Prinz sie heiraten, oder besser, die geplante Hochzeit war nur ein Vorwand, um sie mit seinen Wachmännern umgeben zu können, sie, die letzte Erbin ihres Hauses, in der Hand zu haben! Dies also war von Anfang an die Absicht der drei Verschwörer gewesen!

Aus erschöpften Augen blickte Eridanus zu seiner Liebsten, die ihn voll Sorge ansah. „Ich weiß jetzt, was sie vorhaben“, murmelte er und umriss in kurzen Worten den Plan. „Wir müssen fort…“
„Fornax hatte recht“, drängte Menkalinan, „ihr müsst in den Süden!“
Vor der Eingangstür wachten die Männer des Prinzen, und nun klopfte es dort heftig, hatten die Wachen allem Anschein nach die Unruhe aus dem Haus bemerkt und wollten nachsehen kommen, was es gab. Schon hatte ein Diener ihnen die Haustür geöffnet und kam ein Trupp Wachen die Treppe hinauf…
„Schnell! Über den Balkon!“

In Windeseile wollten die vier Ritter sich daranmachen, über den Balkon und die daran angrenzende Säule hinabzuklettern in den Garten, doch mitten in der Bewegung erstarrten sie. Denn unten im Garten wartete bereits der Prinz, mit einem Trupp Männer und einem bösartigen Lächeln im Gesicht. „Wohin so eilig, meine Verlobte?“

„Wir haben dich durchschaut, du Scheusal!“, rief Alcyone hinunter und drehte sich dann eilig zu ihrem Ordensbruder. „Menkalinan! Das Lied der Wahrheit!“
Und Menkalinan begann zu singen, und das Lied der Wahrheit enthüllte den Prinzen als das, was er war, ein von den Dämonen des Makels korrumpiertes Ungeheuer, abscheulich anzusehen in seiner Gestalt und mit seiner verzerrten Fratze, und die Wachmänner des Prinzen erschraken und zogen ihre Waffen und machten sich bereit, auf ihren einstigen Herrscher einzudringen.

Und Eridanus hielt seinen Kristall fest umklammert und deklamierte aus dem Buch der Schatten, mit klarer, lauter Stimme, die seine Verwundung und Erschöpfung leugnete, und unter den Füßen des Prinzen tat sich ein Riss in der verschneiten Erde des Gartens auf, bodenlos und leuchtend und beinahe unerträglich anzusehen, und der Prinz wurde von dem Riss in die Tiefe gezogen.

Doch ehe der Spalt sich schließen konnte, züngelte ein Schattenfinger nach oben und riss Eridanus mit sich.Für einen winzigen und doch endlos erscheinenden Moment trafen sich seine und Alcyones Blicke, dann sprang die Ritterin ihrem Liebsten nach in die Tiefen des Netherrisses, trotz Eridanus‘ verzweifeltem „Neeeeiiin!!“ und Menkalinans vergeblichem Versuch, sie zurückzuhalten.

Epilog

Vor Frühlingsbeginn unternahm Fornax eine weitere Reise in den Süden. Doch bereits, als er das Dorf seiner südländischen Freunde betrat, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Weniger Feuer brannten, und wenig Leute waren zwischen den Hütten und Zelten zu sehen. Und als er das Zelt Ursas der Wilden betrat, fand er dort mit ihr den Schamanen des Stammes vor, der an Ursas Lager kniete. Die junge Frau war erkrankt, lag im Sterben, und erst jetzt, als ihre Augen aufleuchteten und sie ihn anlächelte, erkannte Fornax, was sie ihm in Wahrheit bedeutete. „Du bist gekommen, Norden, noch einmal“, hauchte sie, „Sehe dich… sehen uns… bald… dort…“

Und Fornax sah die Zeichen des Makels an ihr, und er erkannte, dass er es gewesen war, er selbst, der den Makel hierher in den Süden getragen hatte, wo dessen Volk keine Verteidigung gegen ihn hatte, ebenso wie er es gewesen war, der die Schatten des Südens in den Norden getragen hatte, wo sein eigenes Volk keine wirkliche Verteidigung gegen sie wusste. Und als Ursa ihren letzten Atemzug tat, breitete sich Verzweiflung in ihm aus.

Wenige Wochen später kam der Frühling, und die Sonne zeigte sich erstmals wieder über dem Norden, und der Makel erwachte, und die Schlachtreihe stand. In vorderster Front stand Menkalinan, die Augen leer und trostlos seit dem Moment, als er Alcyone nicht davon hatte abhalten können, zu Eridanus in den Tod zu springen.

Und dann brachen die Kämpfe aus, und Menkalinan bemerkte eine neue, ganz und gar ungeahnte Kraft in sich. Denn obgleich es um einige Wochen zu früh geschehen war, war das Ritual abgehalten worden, waren die Worte gesprochen und war das Opfer gebracht, eine Blutlinie völlig ausgelöscht worden. Und obgleich um einige Wochen zu früh abgehalten, was seine Macht deutlich reduzierte, hatte das Ritual denjenigen, der ihm am nächsten stand, doch immens gestärkt. Und derjenige, der dem Ritual am nächsten gewesen war, war Menkalinan.

Und so wurde der junge Ritter zum Helden, metzelte hunderte, ja tausende Dämonen nieder – doch er war noch immer leer und trostlos im Herzen, und so wurde er schließlich zum Kriegsherrn des Makels.

Und so geschah es. Doch all dies war vor langer Zeit, und nun gibt es niemanden mehr, der sich daran erinnert.

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Eingeordnet unter Indie-RPGs, Pen & Paper, Tanelorn-Treffen

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