Miami Files – „Blood Rites“ 8

Habe ich gedacht, es hätte weh getan, als Lady Fire mir die Ketten von den Handgelenken brannte?
Muss ich wohl. Lustig.

Ich habe übrigens dazugelernt. Das hier schreibe ich nicht von Hand, sondern erzähle es per Stimmerkennungssoftware direkt meinem Laptop. Die Ärzte wird es freuen. Da behaupte noch einer, ich sei nicht lernfähig. Zuhause werde ich es dann ausdrucken, schätze ich, und in mein Tagebuch kleben, um der Kontinuität willen. Kontinuität ist wichtig, wisst ihr. Hurra für die Kontinuität.

Ja, ich bin etwas zugedröhnt von den Schmerzmitteln. Nicht wundern. Es ist alles gerade ziemlich in säuselnde Watte gepackt. Rosa Elefanten sehe ich noch keine, aber das kann ja noch kommen.

Der Film ist abgebrannt. Äh, abgedreht. Ach, beides eben. Wir haben überlebt, größtenteils jedenfalls. Wenn das hier eine TV-Serie wäre, dann wäre dies die Szene, in der man den verwundeten Protagonisten bewusstlos im Krankenhaus liegen sieht, Schläuche in der Nase, piepende Gerätschaften, eben so, wie ich bis vor wenigen Tagen vermutlich auch ganz ähnlich ausgesehen habe. Dann Schnitt, neue Szene, mit der Einblendung: „24 Stunden zuvor“. Oder so.

Also. Einblendung. 24 Stunden zuvor.

Am Tag nach dem Straßenfest bekam ich einen Anruf von Ms. Bentley, der Showdown werde doch schon heute gedreht. Ob meine Freunde und ich noch immer Lust auf die Statistenrollen hätten?
Na aber sicher hatten wir. Auch wenn diese Vorverlegung die Dinge natürlich verdammt knapp machte.

Ach so. Eines habe ich ja ganz vergessen. Am Tag vorher, am Mittag vor dem Straßenfest, als wir auf dem Filmgelände waren, suchten wir auch Christine kurz auf. Ja, sie hält uns für Verräter, und natürlich wollte sie nicht mit uns reden, aber ich fand, sie – und Lady Fire – sollten gewarnt sein.
Also erzählte ich ihr von den Bucas und dass es sein könnte, dass die es auf die Filmproduktion abgesehen hätten und sie vielleicht versuchen könnten, diese zu sabotieren. Und dass die Bucas ja irgendwie eine Möglichkeit hatten, Feen-Magie aus ihren Besitzern und in sich selbst zu zwingen, dass also Lady Fire in Gefahr sein könne. Ich bat Christine, die Lady zu warnen und selbst auch auf der Hut zu sein – nicht für mich, nicht für uns, sondern für diejenige, der diese Geschichte ja auch am Herzen lag.

Christine sah mich ganz merkwürdig an, nickte dann aber. Vielleicht war das ja ein erster, winzigkleiner Schritt, um unsere Schuld an Lady Fire wieder ein Stückchen abzutragen…

Jedenfalls, der Showdown. Der Anruf kam früh genug, dass wir mehr oder weniger in Ruhe aufbrechen konnten, ohne uns übermäßig abzuhetzen, aber sonderlich viel Zeit vorher hatten wir auch nicht. Genug Zeit aber, uns mit einer Tüte Salz einzudecken.

Die Skriptänderungen waren nämlich eingearbeitet und das Konzept der Verwundbarkeit der Zombies durch Salz im Film etabliert worden. Aber natürlich war Eric Albarn der einzige Charakter, für den die Prop-Crew eine Papiertüte grobes (und Westernambiente-taugliches) Steinsalz besorgt hatte; wenn wir selbst welches wollten, mussten wir schon unser eigenes mitbringen, vor allem, da wir als Statisten ja vermutlich eher unauffällig damit würden hantieren müssen, wenn es soweit käme.

Kataklysma Bentley gab uns Rollen als Zombies, was, wie für den Rest der Komparsen auch, Western-Klamotten und einige Schminkarbeit bedeutete. Es hätte viel Spaß gemacht, wenn wir nicht so in Sorge gewesen wären.

Die Statisten sollten von zwei Seiten auf den Ritualkreis zuwanken, wo Sam Worthington und Roselyn Sanchez gemäß Drehbuch ihre Ausgangsposition für die Szene hatten. Der von Russell Means gespielte Indianerschamane stand ein Stück seitwärts und sollte dort seinen Hokuspokus aufführen.

Dann rief Ms. Bentley „Action“, und die Zombiehorde setzte sich in Bewegung. Und beinahe sofort bemerkte ich eine Art Flimmern, ein Verschwimmen, als die wirkliche Welt und die Welt der Geschichte miteinander verschmolzen, einander überlagerten. Und dann spürte ich Ziehen an meinem Geist, einen Hunger, und das Bedürfnis, die Gestalten, die da vorne standen, anzugreifen und meinen Hunger an ihrem warmen Fleisch zu stillen.

Da das ja genau das war, was wir befürchtet und sogar erwartet hatten, gelang es mir ohne größere Anstrengung, meinen Kopf freizuhalten und Herr meiner selbst zu bleiben, doch ich konnte sehen, dass die Statisten um mich her offenbar von diesen Einflüsterungen beeinflusst wurden. Und auch Robertos bislang gespielte Zombiebewegungen schienen plötzlich natürlicher, echter, als habe auch er sich dem Drang hingegeben…

Als ob es nicht reichte, dass wir uns unversehens echten Zombies gegenüber sahen, bemerkten wir mit einem Mal Lady Fire in Russell Means‘ Nähe. Sie war offensichtlich am Zaubern und hatte ebenso offensichtlich den toten Schauspieler unter ihrer Kontrolle, denn er imitierte ihre Gesten, um die Zombies zu steuern.

Und dann tauchten zu allem Überfluss auch noch die Warlocks auf, alle fünf, Flammen in den Augen und in den Händen. Sie teilten sich auf: Sam Buca schrie „Holt das Totem!“, dann wandten sie und Ray sich Lady Fire zu, während Feu, Tinder und der fünfte, dessen Name mir gerade nicht einfällt, sich gemäß dem Befehl ihrer Anführerin Richtung Ritualkreis orientierten, wo Roselyn Sanchez – Catherine – im Zentrum des Kreises mit hochgehaltenem Totem das Ritual begonnen hatte, während Sam – Eric – ihr den Rücken freihielt.

Oh verdammt. Ich machte mich gerade bereit, mich von meiner Zombiegruppe zu lösen und zu den beiden zu rennen – ich hatte immerhin Salz gegen die Zombies bei mir, und ich hatte Edwards zweiten Feuerschutztrank genommen, was mich hoffentlich gegen die Bucas wappnen würde – da sah ich beim Kreis mit ruhigem, entschlossenem Schritt, offensichtlich völlig unbeeindruckt von den Zombies, eine weitere Gestalt auftauchen. Eine Gestalt in der Kleidung eines Cowboys, oder besser eines Revolvermanns, die Verkörperung des revolverschwingenden Gesetzeshüters in seiner reinsten Form. John Wayne trifft Clint Eastwood trifft Robert Mitchum trifft Audie Murphy. Zwei Colts tief auf den Hüften sitzend, den grauen Hut weit ins Gesicht gezogen, langer grauer Mantel mit angestecktem Marshal-Stern über der hochgewachsenen Figur in grauem Hemd, Weste und Hose. Graue Stiefel. George. Er zwinkerte mir zu, was den imponierenden Ersteindruck ein wenig relativierte, und stellte sich dann an Erics Seite.

Lady Fire machte daraufhin eine herrische Handbewegung, und der Zombiepulk, in dem ich mich befand, teilte sich ebenfalls auf: eine Hälfte Richtung Bucas, die andere Hälfte weiter Richtung Ritualkreis. Das war dann auch genau der Moment, in dem ich mich von den Zombies absetzte und Richtung Ritualkreis rannte. Dass meine Zombie-Schminke, als ich dort ankam, von mir abgefallen war, wunderte mich auch kein bisschen mehr.

Als ich mich von der Gruppe löste und losrannte, erkannte mich Lady Fire, und ihr Gesicht nahm zu dem Fanatismus, den es ohnehin schon zeigte, auch noch einen Ausdruck tiefsten Hasses an.
„Ich werde deine Geschichte zerstören, koste es, was es wolle!“ schrie sie und stachelte ihre Marionetten noch weiter an.

Ich war einen Hauch zu langsam. Feu schleuderte einen Feuerball auf Catherine, die, davon voll getroffen, zu Boden ging, ehe ich sie erreichen konnte. Das Totem fiel ihr aus den Händen und zu Boden, und Feu gab einen triumphierenden Ausruf von sich. Doch dann war ich da und griff mir das Totem. Keine Zeit, mich um Catherine zu kümmern, denn schon hatte Feu die Hände erhoben, um weiteres Feuer auf uns niederregnen zu lassen. Auch keine Zeit, groß darüber nachzugrübeln, ob es klappen würde oder nicht, aber wir waren im Nevernever, oder das Nevernever war hier mit der Realität verschmolzen, so stark, dass sogar George hier sein konnte, und außerdem war das hier meine Story, verdammt!

Ich hob also das Totem in die Luft und deklamierte etwas, über das ich gar nicht groß nachdachte, das aber vage wie ein indianischer Regenzauber klingen sollte. Und tatsächlich begann es über dem Gelände zu regnen, was die von den Bucas gelegten Feuer fürs Erste verlöschen ließ. Sam Buca schrie wütend auf und stürmte mit ausgestrecktem Arm auf Lady Fire los, und ich konnte sehen, dass sie zauberte, und dass Lady Fire taumelte und von diesem Zauber geschwächt zu werden schien, und, verdammt nochmal, trotz allem, was sie getan hatte, tat die Feenlady mir leid.

Aber ich konnte nicht viel in dieser Hinsicht tun, denn die Zombies waren inzwischen bei uns angekommen, und Eric, George und ich hatten alle Hände voll damit zu tun, sie mit vereinten Kräften und unserem Salz von uns abzuhalten. Alex hingegen bewegte sich auf Lady Fire und die zwei Bucas bei ihr zu, und ich konnte sehen, dass er die Handbewegungen machte, die er immer macht, wenn er eines seiner Tore öffnet.

Und dann hörte ich Feu Bucas Stimme und sah sie einen weiteren Feuerball in ihren Händen formen und auf uns schleudern, und ich konnte ihm nicht mehr ausweichen. Eine Sekunde lang spürte ich keinen Schmerz, nicht einmal Unbehagen, nur Verwunderung über das unerträglich helle Gleißen rund um mich her, und dann wurde mir bewusst, dass ich brannte, lichterloh, und dass der Schmerz mich mit einem Mal überwältigte, und dann wurden das unerträglich helle Gleißen und die alles verzehrende Pein zu einem tiefen, undurchdringlichen Schwarz.

Ich kam im Krankenhaus wieder zu mir, auf der Intensivstation, mehr oder weniger jedenfalls. Eine unbestimmbare Zeit lang driftete ich gelegentlich kurz an die Oberfläche (die Jungs sagen, das waren so etwa zwei Tage), ehe die Wachperioden langsam mehr wurden und ich allmählich wieder aufnahmefähig genug wurde, um zu begreifen, was geschehen war.

Edwards Feuerschutztrank hat mir das Leben gerettet. Und vielleicht auch der Regen, der noch immer fiel.
Mir das Leben gerettet… und verhindert, dass ich dauerhafte Brandnarben davon tragen werde. Also über die an meinen Handgelenken hinaus.
Le agradezco los favores que nos hace.

Nachdem ich zu Boden gegangen war, nahm Roberto, der mit seinem Zombiepulk inzwischen auch am Kreis angekommen war, das Totem an sich. Es gelang den Bucas zwar, ihn auch zu Boden zu schicken, doch er verlor nicht sofort das Bewusstsein, sondern konnte George noch zurufen, er solle das Totem zu Alex bringen. Was unser Wyldfae-Freund zwar versuchte, aber die Bucas nahmen es ihm ab.

Edward legte sich im Nahkampf mit den Bucas an, doch auch ihn schalteten sie aus. Totilas hingegen wäre wohl wesentlich schlimmer verwundet worden oder gar ebenfalls außer Gefecht gesetzt worden, wenn er nicht…

Los. Sag es. Du warst bewusstlos, du hast es nur erzählt bekommen, du kannst das jetzt hier auch in dieses Mikro diktieren.

Wenn er nicht mitten im Kampf seine White Court-Fähigkeiten eingesetzt hätte. Nach dem, was Alex erzählte, hat Totilas Feu Buca gepackt und sie zu Tode geküsst. Ihr mit seinem White Court Vampirismus das Leben entzogen wie seiner Ziehmutter Crys damals. O madre mia.

Immerhin gelang es Alex aber, ein Tor ins echte Nevernever zu öffnen und Lady Fire mit hindurch zu nehmen, ehe die Bucas ihr noch mehr ihrer Macht entziehen konnten. Weil Alex damals bei der Entscheidung pro Pan nicht dabei gewesen war, erachtet Lady Fire ihn sogar noch nicht mal als Verräter und war bereit, mit ihm zu gehen und mit ihm vernünftig zu reden.

Als die Bucas merkten, dass Lady Fire ihrem Zugriff entzogen war, machten sie sich ebenfalls aus dem Staub – zwar waren sie noch zu viert und von uns stand nur noch Totilas, aber Lady Fire war fort, und ihr anderes Ziel hatten sie erreicht: Sie hatten das Totem in ihren Besitz gebracht. Mierda.

Die Realitätsverschiebungen waren von Christine auf Geheiß von Lady Fire ausgelöst worden: Die Verwirbelungen gingen von ihrem Trailer aus, und als der Spuk vorbei war, hörten sie auch auf und die normale Wirklichkeit kehrte zurück. Die Statisten – glücklicherweise unversehrt – fanden zurück zu sich selbst. Sam Worthington war ziemlich geschockt, aber bis auf ein paar Kratzer unversehrt. Kataklysma Bentley war begeistert… bis sie bemerkte, was geschehen war. Denn Feu Buca lag ja tot am Boden – und mit ihr Roselyn Sanchez. Sie hatte von Feus Angriff offensichtlich so schwere Brandwunden davongetragen, dass sie diese nicht überlebte. Die Jungs haben mir allerdings versichert, dass ich mir keine Vorwürfe machen muss, dass für Roselyn schon jede Hilfe zu spät kam, als ich den Ritualkreis erreichte. Ich glaube ihnen das. Aber Vorwürfe mache ich mir trotzdem.

Jede Menge Vorwürfe sogar. Was hätten wir – was hätte ich! – tun können, um dieses Gemetzel zu verhindern? Hätte ich Ms. Bentley einweihen sollen, ja müssen? Hätte ich den Dreh abblasen sollen? Hätte ich das überhaupt gekonnt? Ich hätte können müssen, hätte meinen Einfluss als Autor spielen lassen können und müssen… Wir hatten den Verdacht, dass etwas passieren würde; wir wussten, dass die Bucas direkt nebenan ihr Unwesen trieben und es auf uns abgesehen hatten… Und wir wussten, wozu sie fähig waren. Die Jungs können sagen, was sie wollen: Roselyn Sanchez‘ Blut klebt an meinen Händen.
Santísimo padre en el cielo, perdona mi pecado…

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