Jane Austen: Hanley Manor – Cecil

Cecil Wycliff an Mrs. Mary Cook, seine frühere Hauslehrerin und Freundin:

Liebste Mary,

noch ist mein letzter Brief nicht lange her, jedoch ist schon das nächste Schreiben nötig – dringend nötig, muss man sagen!
Ich verzichte auf alle üblichen Höflichkeitsfloskeln, denn meine Erzählung wird dich mehr interessieren. Die Ereignisse der letzten Tage würden sich gut in einem deiner geliebte Romane machen, aber du würdest dem Autor eine allzu wilde Phantasie vorwerfen und wirklich, du hättest nicht ganz Unrecht.
Vielleicht sollte ich mich für meinen Brief dennoch an diesen Romanen bedienen und die wichtigste Entwicklung erst zuletzt enthüllen. Doch du kennst mich, ich konnte dringende Nachrichten noch nie gut für mich behalten.

Nun, so denn heraus damit: Meine Mutter lebt! Und nun die ganze Geschichte: Wie es sich verhält, heiratete mein Vater in seiner Jugend eine Dame, die ihm vom Vermögen und Stand überlegen war. Man kann sich vorstellen, dass ihre Eltern wenig Freude an der Verbindung fanden und alles daran taten, der Liebe den Weg zu versperren. So erzählten sie meinem Vater, seine Ehefrau sei zutiefst unglücklich über die Armut ihrer Ehe und wünsche eine Auflösung, so dass sie zu ihren Eltern heimkehren könne. Sie zahlten ihm eine gewisse Menge Geld und nahmen ihm das Versprechen ab, die kurzlebige Ehe geheim zu halten, um die Zukunft meiner Mutter nicht auf das Spiel zu setzen. Ich stelle mir aber gerne vor, dass mein Vater insgeheim die Hoffnung hegte, sein Glück zu machen und anschließend erneut um ihre Hand anzuhalten.
Meiner Mutter jedoch sagten sie, ihr Kind sei gestorben und mein Vater habe sie nie geliebt. So ließ sie sich voller Trauer überzeugen, einen älteren Lord zu heiraten, mit Namen -–vielleicht hast du es schon erraten – Rutherford.
Ja, es ist wahr: Lady Rutherford ist in Wirklichkeit meine Mutter. Nun ergeben auch ihre freundliche Einladung und ihre Fragen einen Sinn, ebenso ihre Zurückhaltung, von denen ich dir schon schrieb.

Nun, als mein Vater sich genötigt sah, aufgrund einiger Anschuldigung an meine Person (davon später mehr) nach Hanley Manor zu reisen, gab es ein Wiedertreffen. Du kannst dir die Tränen sicher vorstellen, die reichlich geflossen sind. Nein, du weiß es schon, auch ich konnte die nötige Haltung nicht bewahren.
Wie wundersam und wundervoll, auf so eine Art seine Mutter zu finden. Wie herrlich, wenn sich die Dinge selbst richten, als wäre es göttlicher Wille.

Mein Vater wird nun erneut heiraten und er könnte nicht glücklicher sein. Er ist wie verwandelt und erlebt eine neue Jugend. So hat es sich auch ganz natürlich ergeben, dass ich mehr von den Geschäften übernommen habe, um Vater und Mutter Zeit zu geben, sich wieder zu finden. Lache nicht, doch seine Liebe hat mich mehr zur Verantwortung getrieben als es seine Ermahnung je getan hätten!

So es möglich ist, verbringe ich Zeit mit meiner Mutter, die tausend Fragen zu meiner Jugend und meiner derzeitigen Situation hat. Mit Freuden beantworte ich sie ihr, doch mischt sich ob ihrer Zuneigung auch ein wenig Trauer in das Glück, so ich daran denke, wie lange wir einander missen mussten.

So viel zu meinen Eltern. Hier mache eine Pause, liebste Mary, trockne dir die Augen und erzähle allen Freundinnen die Neuigkeiten, denn es gibt noch mehr zu schreiben.

Denn auch mit den jungen Miss Haystone gab es seltsame Verwicklungen. Diesmal will ich am Anfang beginnen und du kannst dir alles in der schöner Sprache und den feinen Bildern der Romane vorstellen, wie du es magst.
Von den Schwestern habe ich dir schon berichtet, von der sanften und anmutigen Primrose und der klugen, gewitzten Emma und um dir auf deine Frage zu antworten, nein, bisher hat sich noch keine stürmische Liebe entwickelt, es gab keine nächtlichen Treffen und niemand kauerte an niemandes Tür, von Gefühlen übermannt.
Ich muss sagen, dass ich schon den einen oder anderen Gedanken an die beiden Damen verschwendet habe, jedoch gewillt war, allem seine Zeit zu lassen und, ich gebe es zu, dass nicht wenig meiner Zeit dafür verschwendet wurde, um Indien zu trauern.
Aber ich komme jetzt endlich zu den besagten Ereignissen, ich weiß, dass du es vor Ungeduld kaum noch aushältst.

Ich schrieb dir schon zuvor von Sir Alcott Foster, einem Edelmann, der häufig in Hanley Manor anzutreffen und der ein vorzüglicher Jagdpartner und Bridge-Spieler war. Mr. Foster erschien mit immer wie ein angenehmer Mensch und ein echter Edelmann, jedoch…… Aber der Reihe nach!
Sir Alcott bemühte sich nie, sein Interesse an Miss Primrose Haystone zu verbergen, deren Herz jedoch, wie für jeden klar zu sehen war, Mr. Echolls gehörte. Mr. Foster suche mich nun eines Tages auf, um mit mir ein ernstes Thema zu erörtern: Mr. Echolls, so sagte er mir, sei kein Gentleman, sondern nur ein Emporkömmling, der zudem ein uneheliches Kind aushalte, an dessen arme Mutter gar nicht zu denken sei.
Du kannst dir denken, dass mich diese Nachrichten sehr aufwühlten. Mr. Echolls kam mir immer wie ein sehr korrekter Mann vor, dem es vielleicht an Herzlichkeit und Wärme fehlen mag, dem ich es aber nicht zugetraut hätte, so eine Tat zu begehen.
Nun wollte ich es vermeiden, gleich Anschuldigungen vorzubringen oder das schlimmste zu vermuten, doch fühlte ich mich verpflichtet, mit Miss Primrose zu sprechen, damit sie ihre Hoffnung im Begriff auf Mr. Echolls nicht zu weite vorantreiben sollte.
Du kannst dir denken, wie sie diese Nachricht aufnahm. Ihr Ausdruck schnitt mir tief ins Herz, ebenso die Enthüllung, dass sie auch gegen mich einen Groll hegte – sie hatte das Grab gefunden, das meine Großeltern für das Kind von Mrs. Rutherford angelegt hatten und auf dem mein Name vermerkt war. Im Lichte meiner Enthüllungen weiter oben wird dir seine Existenz nicht weiter verwunderlich vorkommen, mir jedoch war sie zu diesem Zeitpunkt völlig schleierhaft. Auch stellte es sich mir so dar, als hätte Mr. Echolls diese Anschuldigungen gegen mich vorgebracht, was seinen Charakter zusätzlich belastete.

Sie wünschte zu erfahren, von wem ich diese Neuigkeiten erfahren hatte und so arrangierte ich ein Treffen mit Mr. Foster. Das arme Mädchen war völlig zerstört und noch während ihr die Tränen über das Gesicht liefen, hielt Mr. Foster um sie an. Ihre Antwort – wie traurig! – war, dass sie ihn zwar nicht liebe, aber dass sich so etwas wie Liebe sicher mit der Zeit entwickeln könne.
Nun beobachtete ich als Zeuge die ganze Szene und gestehe, dass mich keine Ergriffenheit überkam, sondern ein gewisses Unwohlsein. Mr. Fosters Antrag erschien mir weniger wie die freundliche Hand eines fühlenden Mannes, sondern wie ein Tiger, der die Angst und den Schmerz einer Gazelle zu seinem Vorteil zu nutzen vermag.
Ich sinnierte eine Weile über diese Entwicklung der Dinge und muss gestehen, dass in mir eine tiefe Sorge um Miss Primroses Wohlergehen aufkam. Sollte Mr. Foster unlautere Absichten haben oder dunklen Seiten seines Charakters verbergen, so würde sich das Mädchen kaum von so einem Schlag erholen können.

Im Lichte meines vielleicht voreiligen Gespräches mit Miss Primrose und der daraus resultierenden Verlobung mit Mr. Foster hielt ich ein etwas vorsichtigeres Vorgehen für vernünftig (ja, auch ich halte mich beizeiten an die Vernunft, lache nicht!) und kontaktierte unsere Partner in London, nicht aber meinen Vater, der dies nur für eine seiner Ermahnungen genutzt hätte.
Der ehrenwerte Mr. Makepeace verlor keine Zeit, mir zu antworten. Mr. Foster, so teilte er mir mit, sei nichts weiter als ein Schurke, ein ehrloses Subjekt, das schon eine junge Dame geehelicht habe, nur um ihr Vermögen zu verschleudern und sie danach mittellos zurück zu lassen. Welche Schande! Ich hatte Miss Primrose mit meinem voreiligen Verhalten in die Arme dieses Unholds getrieben.

Ich sah mich nun gezwungen, die Situation zu bereinigen. Es wäre sicher meine erste Wahl gewesen, mich an Mrs. Rutherford zu wenden, doch deren Gesundheit war zu dieser Zeit angegriffen und ich fürchtete, dass derartig schlechte Nachrichten und die Mühen, sich mit dem Schwindler zu befassen, sie noch weiter angreifen könnten.
So wandte ich mich an eine weitere Person, der ich unrecht angetan hatte, nämlich Mr. Echolls, an dessen Charakter ich aufgrund von Fosters Worten so schmählich gezweifelt hatte.
Er nahm meine Entschuldigung nur zögernd an und zeigte deutlich, dass er seinerseits noch große Zweifel an meinem Charakter hatte, indem er mich einer strengen Befragung unterzog. Ich gebe zu, dass ich mich zurückhielt, meine Familiensituation mit ihm zu besprechen, der mir vielleicht wie ein ehrenwerter, aber nicht unbedingt mitfühlender Mann, vorkam. So konnte ich seine Zweifel zunächst nicht ausräumen, die sich aber in kürze auf natürlichem Wege erledigen sollten.

Zunächst jedoch suchten wir Mr. Foster auf und ich konfrontierte ihn mit Mr. Makepeaces Brief. Der Schurke besaß die Frechheit, alles abzustreiten! Sein hastiger Aufbruch aber sprach Bände. Es ist nicht zu glauben, wie manche Menschen jede Freundlichkeit und jeden Anstand vergessen, sobald es um den eigenen Vorteil geht. Ein junges Mädchen so zu missbrauchen, es lässt einem am Zustand unserer schönen Welt zweifeln. Mr. Echolls schien Mr. Fosters Gebaren viel mehr in Zorn zu versetzen und er tätigte einige Drohgebärden, welche eine unerwartet grobe Seite an seinem Charakter offenbarten. Nun, ich kann nicht sagen, dass mir der Schurke großes Mitgefühl hätte entlocken können; es lässt sich nur hoffen, dass er seine Lektion gelernt hat und sich in Zukunft auf ehrliche Einkünfte verlassen wird. Es wird jedoch nötig sein, die gute Gesellschaft in London auf subtilen Wege von seinem Charakter zu informieren, was ich für meine Verantwortung halte.

Uns blieb nur noch, Mrs. Rutherford aufzusuchen und ihr so sanft wie möglich die Neuigkeiten beizubringen, so dass sie ihre Nicht in ebenso freundlichen Worten den Zustand ihrer Verlobung erklären könne. Eine undankbare Aufgabe!

Vor dem Tor von Hanley Manor hielt jedoch schon eine Kutsche, die ich natürlich gut genug kannte, handelte es sich doch um das Fahrzeug meines Vaters. Ich gebe freimütig zu, dass sich mir bei diesem Anblick ein eisiger Schleier um mein Herz legte, erwartete ich doch eine seiner berüchtigten Strafpredigten ob der Verwirrungen um meine Person und meiner kaum geheim zu haltenden Vernachlässigung der Geschäfte im Kontor.

Denke dir meine Überraschung, als ich nicht meinen strengen Vater, sondern einen verliebten Jüngling vorfand, der unter Tränen Mrs. Rutherfords Hand drückte!

Wie du siehst bin ich nun wieder am Beginn meines Briefes angekommen. Schelte mich nicht, ich bin ein schlechter Erzähler, der erst die Mitte und dann den Anfang erzählt. Deine Romane machen es viel geschickter.

Nach dem Ende wirst du nun fragen, denn es gibt noch eines, nein, eigentlich zwei Dinge zu erwähnen. Während meine Familie ihre tränenreiche Wiedervereinigung feierte, wandte sich Mr. Echolls an Miss Emma und bat sie um eine Antwort, auf welche sie „Mit Freuden“ antwortete. Der Austausch war nun nicht anders zu verstehen, als dass hier gerade eine Verlobung geschlossen worden war, eine Entwicklung, die ich nicht kommen sah, da mir Miss Emma zuvor wenig Interesse an Mr. Echolls zu zeigen schien und er wenig Interesse an ihr.

Die unerwartete Verbindung könnte aber zum Besten sein, denn in meinen vielen Gesprächen mit Miss Emma konnte ich sicher sagen, dass sie eine Frau von vielen und starken Meinungen ist, die sie ohne Umschweife ihrer Umwelt mitteilt. Es mag für einen Mann wie Mr. Echolls, der zum Groben tendiert, nicht das Schlechteste sein, eine Frau zu haben, die diesen Seiten an ihm nicht mit Sanftheit, sondern mit der nötigen Strenge begegnet.

So glücklich eine Verlobung auch sein mag, war in diesem Fall doch auch Bitterkeit dabei, denn während ich voller Freuden meine Mutter umarmte und Mr. Echolls Miss Emma einen Ring überreichte, hatte sich Miss Primrose davongeschlichen. In der allgemeinen Verwirrung konnten wir sie nicht über das Schicksal von Mr. Foster aufklären und ich kann mir ihren Schmerz ob dieser Enthüllung nur in Ansätzen ausmalen. An einem Tag verlor sie ihren Verlobten und den Mann, dem sie mehr als nur ein wenig zugeneigt war – und ausgerechnet an ihre Schwester. Was in einem deiner Romane ergötzlich wäre, ist in der Realität allzu traurig.

Ich kann trotz der weiten Entfernung schon hören, was du mir raten würdest: Der edle Prinz sein, der mit seinem weißen Pferd angeritten kommt und mit großen Gesten und stürmischer Liebe das Mädchen rettet. Ich muss dich enttäuschen! Gerade erst hat ein Mann ihre Schwäche genutzt, um sich an sie zu binden und ich denke, dass gerade in diesem Zustand stürmische Liebe nicht das wäre, was Miss Primrose gut täte.
Ich kann dennoch nicht abstreiten, dass Miss Primrose durchaus mein Herz berührt hat – nicht nur aus simplem Mitgefühl, denn das hat sie sowieso. Nein, ihre Sanftmut und Schüchternheit ist nur ein Teil ihres Wesens. Sie ist ähnlich klug wie ihre Schwester, wenn sie auch nicht so sehr dazu tendiert, ihre Meinungen und Gedanken anderen Leuten aufzudrängen, sondern sie nur zu äußern, wenn sie sich in der Gesellschaft eines anderen Menschen wohl fühlt und auf dessen Interesse hoffen kann. Und ich halte sie für eine durchaus patente junge Dame – du solltest sehen, wie sie mit einem Pferd umgeht, es ist eine Freude!
Trotzdem will ich mich in Geduld üben und ihr alle großen Gesten ersparen, sicher zu deinem Unmut, die du gerne eine etwas romantischere Geschichte hättest. Ich denke, sie braucht im Moment keinen Liebhaber, sondern einen Freund, der ihr Halt gibt und ihr zeigt, dass es in dieser Welt durchaus noch so etwas wie Wärme und Zuneigung gibt.
So ich die Möglichkeit finde, werde ich mit ihr darüber sprechen und sehen, ob für mich Hoffnung besteht – ruhig und ohne viel Aufheben. Für weiße Tauben und Wägen voller Blumen ist später noch Zeit!

Damit ende ich. Ich weiß, du wirst mit in deinem Brief wilde Phantastereien vorwerfen und dass ich dich nur betrügen wolle – doch es ist alles wahr, ich schwöre es!

Alles in allem, so muss ich sagen, kommt mir die Vorstellung, noch einige Zeit in England zu bleiben, Wedgewood Manor wieder aufzubauen und – schockierend, ich weiß – mich um den Kontor zu kümmern, nicht mehr so schwarz vor, wie noch vor einigen Tagen. Sollte mir Miss Primrose Hoffnungen machen, mag ich mich gar daran gewöhnen, nicht Indien, sondern England als meine Heimat zu sehen.

In bester Freundschaft,

dein Cecil Wycliff

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