Tanelorn Sommertreffen 2014: Itras By

Der nächste „Kurzbericht“ zum Tanelorn-Sommertreffen 2014 ist nun doch ein vollwertiges Diary geworden. Aber hey, diese sehr geniale Runde hatte es auch absolut verdient.

(An English version of this session diary may be found here.)

Freitag Nachmittag: Itras By

Seit ich mir vor einigen Jahren das norwegische Indie-Rollenspiel Itras By zulegte und daraufhin etliche Tanelornis ein Interesse bekundeten, das Spiel einmal kennenzulernen, habe ich auf den letzten Tanelorn-Treffen jeweils eine Runde damit angeboten.

Auf früheren Treffen hatten wir schon sehr viel Spaß mit „Nummer 13“, einem vorgefertigten Szenario, das geradezu perfekt als Einsteiger-Abenteuer und One-Shot geeignet ist, weil es liebevoll miteinander verknüpfte Charaktere und eine skurrile Idee besitzt und weil man darin in einer einzigen Sitzung ziemlich viel über das Setting, dessen Geschichte und Spielgefühl erfährt. Eben weil es sich so perfekt eignet, habe ich es aber inzwischen schon mehrmals geleitet, und deswegen war diesmal definitiv etwas anderes fällig.

In der Vorbereitung hatten sich meine Mitspieler überlegt, dass als verbindendes Element ihrer Charaktere ein Café – pardon, ein Salon – im Künstlerviertel der Stadt dienen sollte, sie also alle auf die eine oder andere Weise etwas mit Kunst zu tun haben würden. Da war die etwas exzentrische Künstlerin Chantal Lamour, keinen Tag älter als 23 (in Wahrheit 32). Edward Gregory Nicolas Duncan der zweite Neunte, Sohn von Eduard Duncan dem ersten Neunten und Earl von Willowby, der von seinem Landsitz in die Stadt gekommen war, um dort etwas Neues kennenzulernen und das mondäne Stadtleben zu genießen. Der junge Musiker Sebastian Sinclair, der sich mit Klavierspielen im Salon über Wasser hält, während er sich doch eigentlich zu Größerem berufen fühlt. Der kränkliche, überempfindliche Kaufmannssohn Frederik-Johan Bendiksen, der in dem Künstlercafé nach Ablenkung sucht. Und der junge Stadtaffe Karl Johansen, im Dreireiher und mit Zylinder, der unter anderem durch sein Kunstliebhabertum allen beweisen will, wie zivilisiert er doch ist.

Ich hatte einen groben Plot Hook, der ziemlich gut auf die Vorgabe „Künstlercafé“ passte: die Kurzgeschichte „The Montavarde Camera“ von Avram Davidson. Darin geht es um eine Kamera, die unglaublich beeindruckende Fotos schießt, aber die Motive dabei zerstört: Gegenstände gehen kaputt, Menschen kommen ums Leben.
Erst hatte ich überlegt, ob ich einem der Mitspieler die Kamera als Besitzer andrehen sollte, aber dann dachte ich, dass sie in den Händen eines NSC doch besser aufgehoben sei.

Und so ging es los. Die Charaktere sitzen wieder einmal alle im Künstlersalon zusammen, und Mlle. Lamours Spielerin erzählt herbei, dass hier gerade die Vernissage ihres neuesten Kunstwerkes, einer abstrakten Skulptur namens „der Lebensbaum“, stattfinde: Die perfekte Gelegenheit für mich, einen Journalisten vom Feuilleton der „Morgenpost“ nach einem kleinen Interview fragen und die Skulptur von dem Zeitungsmann fotografieren zu lassen.

Und natürlich die noch viel perfektere Gelegenheit, den eigentlich interessanten NSC auftauchen zu lassen, Mr. Lucius Collins, einen bislang herzlich wenig erfolgreichen, ziemlich talentlosen Fotografen um die Fünfzig und Stammgast des Salons. Auch Mr. Collins, mit einer den Charakteren bislang unbekannten, altmodischen Kamera unter dem Arm (mit Stativ und schwarzem Tuch und Auslöser an einem Kabel, wie im späten 19. Jahrhundert) bittet darum, doch an Mlle. Lamours Skulptur seine Neuerwerbung ausprobieren zu dürfen. Angesichts von Collins‘ mangelndem Talent zögert die Künstlerin erst, erlaubt es dann aber doch unter der Bedingung, dass sie das Bild vor einer etwaigen Veröffentlichung zu sehen bekomme.

Earl Duncan dem zweiten Neunten fällt die besonders hochwertige Verarbeitung der Kamera ins Auge, und so fragt er den Fotografen ein wenig dazu aus. Es handele sich dabei um die berühmte „Montavarde-Kamera“, erklärt Collins stolz, an die er zufällig gekommen sei. Giovanni Montavarde, weiß der kunstbewanderte Adelige, war ein Fotograf Ende des vergangenen Jahrhunderts, dessen Aufnahmen mit der von ihm gebauten Kamera wegen ihrer besonderen Tiefe und Lebendigkeit neue Maßstäbe setzten, der dann aber irgendwann frustriert – oder wahnsinnig geworden, so genau weiß man das nicht – ins Exil in die Randzonen ging.

Oben auf der Galerie ist die Perspektive am besten, erklärt einer der Charaktere überzeugt, also wird die altmodische Kamera dort oben aufgebaut. In diesem Moment fordert Bendiksens Spieler die erste Zufallskarte ein (das zog sich irgendwie durch die ganze Runde: Es wurde fast jedes Mal, wenn die Kamera ein Foto aufnahm, eine Zufallskarte gezogen), und sie hätte (wie alle anderen Zufallskarten, die noch ins Spiel kommen sollten) nicht perfekter passen können, wenn wir sie von Hand ausgesucht hätten.

„Dein Charakter hat den unstillbaren Drang, etwas zu tun, das er bereuen wird!“, befiehlt die Karte, und so rempelt der junge Mann den Fotografen so stark an, dass die Kamera über die Balustrade hinabstürzt.

Ja perfekt! Natürlich wird das Foto im Fallen noch geschossen, und natürlich stürzt die Kamera so unglücklich in die Skulptur, dass diese völlig zerschmettert wird. Mlle. Lamour ist so untröstlich über den Verlust ihres Meisterwerks, dass sie erst einmal in Ohnmacht fällt, während Mister Collins sich glücklich schätzt, dass seine Kamera völlig unversehrt geblieben ist. Es kommt zu einem Streit zwischen dem Fotografen und dem Kaufmannssohn wegen des Vorfalls, aber ehe er zu Tätlichkeiten ausartet, greifen die anderen beschwichtigend ein, und Collins rauscht erst einmal davon. Das soeben geschossene Bild will ja immerhin auch noch entwickelt werden.

Am nächsten Tag findet sich im Feuilleton der „Morgenpost“ eine kleine, launige Spalte über die Vernissage und den Unfall. Earl Duncan ist besonders beleidigt darüber, dass sein Name nicht erwähnt wird, wo er ihn dem Journalisten doch eigens noch in die Feder diktiert hatte. Außerdem hat der Zeitungsmann („Jörn Berger“ steht als Name unter der Kolumne) den Vorfall „völlig falsch dargestellt, der Schuft!“ Und der Earl steht mit einem Stadtaffen im selben Satz, das geht ja mal gar nicht!

Die ganze Truppe defiliert also per Droschke zur Zeitung, wo es nach einem kleinen Intermezzo mit dem dort installierten Paternoster-Aufzug zu einer Konfrontation mit dem Journalisten Berger kommt. Dieser weigert sich allerdings einzusehen, dass er sich irgendetwas vorzuwerfen habe („Was denn? Sie sind doch in dem Artikel erwähnt! Und der junge Mann hat die Kamera heruntergeworfen! Und nein, ich mache mich nicht lustig über Sie. Das ist eine Glosse. Die macht sich lustig über alles und jeden!“), und so ziehen die Charaktere nach einer Weile brummelnd wieder ab.

Aber das Bild ist inzwischen ja vielleicht fertig entwickelt, und Mr. Collins hatte Chantal schließlich versprochen, dass sie es vor jeder eventuellen Verwendung sehen dürfe. Der Fotograf hat sein Atelier in einem kleinen, heruntergekommenen Hinterhof am südlichen, wenig glamourösen Ende des Kapellenbergs. Als die Gruppe bei ihm ankommt und nach dem Foto fragt, zeigt er ihnen völlig begeistert das Ergebnis des Sturzes: Eine perfekte Aufnahme, faszinierend dank der ungewöhnlichen Perspektive, mit ungewöhnlicher Tiefe und beinahe leuchtend in ihrer Intensität.

Chantal interpretiert das Versprechen, das Bild vor Veröffentlichung ansehen zu dürfen, als Erlaubnis, es zu behalten, und sackt den Abzug ein. Mister Collins hat ja noch immer die Original-Aufnahmeplatte.

Der Earl ist noch immer fasziniert von der edlen Kamera und schlägt vor, ein Foto von der Gruppe zu machen. Man positioniert sich also im Hof, und als Mister Collins auf den Auslöser drückt, zieht Johansens Spieler die nächste Zufallskarte.

„Du tauschst für den Rest der Szene die Rolle mit dem Spielleiter“, heißt es da, und so beschreibt Johansens Spieler, wie Collins kurz vor dem Auslösen verwirrt innehält und die Kamera begutachtet. „Die Linse ist ja ganz getrübt!“, erklärt er entsetzt. „So kann ich nicht fotografieren!“

Nachdem man sich also eine Weile darüber gewundert hat, wie das so plötzlich kommen kann, macht Mister Collins sich an die Reparatur der Kamera, während die Gruppe beschließt, den Journalisten Berger nochmals aufzusuchen. Und weil die Szene somit zuende ist, fällt die Rolle des Spielleiters wieder an mich zurück.

Das war dann aber der Punkt, an dem ich um 5 Minuten Pause bat, weil ich mir echt überlegen musste, wie ich mit dem von Johansens Spieler geschaffenen Fakt umgehen sollte. Denn ich hatte ja im Vorfeld für die Kamera bestimmte Eigenschaften definiert – „macht übernatürlich gute Fotos, zerstört Dinge (das ‚bringt Leute um‘ der Story-Vorlage wollte ich nicht so extrem umsetzen wie dort, aber sie könnten z.B. Pech haben oder so, was halt passen würde) und ist ziemlich unzerstörbar“ – und diese Eigenschaften wollte ich ja nicht einfach so über Bord werfen. Gleichzeitig wollte ich aber natürlich die Idee des Spielers nicht einfach so abschmettern.

Wie also beides miteinander vereinen…? Schwierig, schwierig. Aber, hmmm. Dass die Kamera von Montavardes Seele besessen war, diese Idee hatte ich schon vorher gehabt. Und wenn die Linse sich jetzt eintrübte, dann musste Montavarde zu Lebzeiten irgendwas passiert sein, was die Kamera jetzt so reagieren ließ. Hmmm. Okay. Johansen war der einzige Nichtmensch in der Gruppe. Also musste Montavarde früher mal irgendein prägendes Erlebnis mit Stadtaffen gehabt haben. Ergo jetzt die Reaktion auf Johansen. Alles klar, konnte weitergehen.

Zurück im Zeitungshaus legt der Earl dem Journalisten triumphierend das Foto vor, und Berger ist völlig begeistert, verspricht einen neuen, korrigierten Artikel für den nächsten Tag.

Inzwischen dürfte Collins die Kamera fertig repariert haben, also geht es zurück in dessen Werkstatt. Der Fotograf gibt sich verblüfft: Kaum war die Gruppe gegangen, stellte er fest, dass die Linse sich wieder geklärt hatte, ohne dass er überhaupt etwas daran hatte machen müssen.

Na dann: neuer Anlauf. Wieder posiert die Gruppe im Hof, und wieder trübt sich die Linse ein. Da das nun kein Zufall mehr sein kann, schlägt jemand vor, der Fotograf solle doch ein Bild schießen, auf dem keine Person zu sehen sei, die Akeleien dort an der Mauer vielleicht?
Gesagt, getan: Collins kann das Foto ohne Linsentrübung anstandslos aufnehmen. (Nein, stop, das stimmt nicht. Das Foto mit den Akeleien war definitiv schon vorher irgendwann gemacht worden, ich weiß nur nicht mehr genau, wann. An dieser Stelle jetzt kam sofort der Vorschlag, die Gruppenmitglieder einzeln zu „testen“, ohne den Zwischenschritt mit den Blumen an der Mauer).

Ehe der Fotograf die SCs einzeln überprüfen kann – er soll dabei explizit keine Fotos aufnehmen, wird ihm aufgetragen, nur durch den Sucher sehen und schauen, ob sich die Linse eintrübt – , zieht wieder jemand seine Zufallskarte. „Der Rest der Szene wird als Stummfilm ausgespielt“, lautet deren Anweisung.

Und so ergibt sich im Stummfilm-Modus, wie einer nach dem anderen vor die Kamera tritt (triumphierend hochgehaltenes „Ich bin es nicht!“-Plakat vom Earl) und schließlich Karl Johansen derjenige ist, bei dem die Linse sich trübt. Und das wiederum lässt den Stadtaffen all seine sorgfältig anerzogene Zivilisation vergessen. Mit einem wilden Aufschrei („UAAAAAAAAGH!!!“-Schild) stürzt er sich auf den Fotografen, prügelt ihn windelweich und hämmert schließlich mit ausladenden Gesten die Kamera auf dessen Kopf, ehe er grollend davonstapft. (Das von Chantals Spielerin in diesem Moment hochgehaltene „MON DIEU!“-Schild war übrigens besonders hübsch: so richtig mit Rahmen drum herum, wie man das eben aus Stummfilmen kennt.)

Als Mister Collins sich einigermaßen aufgerappelt hat (die Szene hatten wir mit dem Abgang des Affen für beendet erklärt, so dass nun wieder normal gesprochen werden kann), gilt seine erste Sorge nicht sich selbst, sondern seiner Kamera, die aber wie durch ein Wunder trotz der ihr vom Affen zugefügten Gewalt keinen Kratzer abbekommen hat. Das fällt natürlich auf, und so stellen die Charaktere dem Fotografen ein paar Fragen darüber, wo und wie er die Kamera erworben hat. Der Mann erzählt etwas von einem kleinen Laden in einer kleinen Gasse in der Nähe der Tränenbrücke.

Anschließend zeigt er der Gruppe noch das zuvor aufgenommene Bild von den Blumen an der Mauer. Auch dieses Foto ist wunderschön und besonders plastisch und ein wahres Meisterwerk, so dass Chantal befindet, sie wolle unbedingt ein mit der Montavarde-Kamera angefertigtes Bild von sich selbst haben. Allerdings trägt sie gerade noch Trauerschwarz wegen ihrer zerstörten Skulptur, müsste sich also erst umziehen gehen, und auch der Fotograf sollte vielleicht besser zuerst einen Arzt aufsuchen.
Man verabredet sich also für den nächsten Tag. („Morgen gleich früh“, befindet Chantal. „So gegen drei?“)

Zunächst aber wird das Geschäft aufgesucht, in dem Collins die Kamera erstanden hatte. In der Gruppe herrschten schon einige Zweifel, ob der Laden – oder die Straße, in der er sich befindet – überhaupt zu finden sein würde (angesichts der Tatsache, dass es in Itras By eine Straße gibt, die nur freitags existiert, keine so abwegige Vorstellung), doch die Gasse und das Geschäft sind brav am beschriebenen Ort.

Nur der Laden selbst ist etwas seltsam: Zwar sind sorgfältig angestrahlte Vitrinen, Regale und Sockel so im Raum positioniert, als würden dort die wertvollsten Objekte ausgestellt, doch es ist keine Ware zu sehen.

Die Gruppe fragt den Besitzer, einen gewissen Mister Asell, ein wenig über die Montavarde-Kamera aus und erfährt, dass er sie mehrmals verkauft hatte, das Gerät aber bisher immer wieder zu ihm gekommen sei. Alle Käufer waren in unterschiedlichste Unglücksfälle verwickelt, seit die Kamera aus den Händen von Montavardes Witwe (oder Ex-Frau, oder wie auch immer man das nenne, wenn jemand im Exil verschwinde) zu Mister Asell gekommen war.

Auf den Mangel an sichtbarer Ware angesprochen, erklärt Asell, wenn er etwas ausstellen würde, dann würde er seine Kunden doch nur in ihren Erwartungen beschränken. Was habe er denn anzubieten, fragt Chantal. Was sie denn suche, fragt der Händler zurück. „Überraschen Sie mich!“, fordert die Künstlerin ihn heraus, und so verschwindet Mister Asell in einem Hinterzimmer und kommt kurze Zeit später mit einer edlen goldenen Puderdose wieder zurück. Chantal muss auch nur ein bisschen mit dem Mondturm winken, ehe Earl Duncan ihr die Dose verehrt.

Musiker Sebastian fragt nach einem Flügel und bekommt zur Antwort, dass Mister Asell selbstverständlich auch ein solches Instrument zum Verkauf stehen habe, aber wie es denn mit der Zahlungsfähigkeit des jungen Mannes aussehe? Sebastian druckst etwas herum und fragt, wie Mister Collins es denn gemacht habe? Der sei doch nun auch nicht der Typ dafür, sich etwas so Teures wie die Montavarde-Kamera leisten zu können? Collins zahle in Raten, erklärt Asell. Zumindest die erste habe er anstandslos abgegolten, und wie es mit den weiteren aussehe, das werde man sehen.

Was Collins denn zahle, will der Earl wissen. Diese Information gibt der Geschäftsmann jedoch nicht preis; das sei eine Sache zwischen dem Kunden und ihm. Es seien Ratenzahlungen vereinbart, fertig.
Diese Antwort jedoch lässt Earl Duncan misstrauisch werden. Der Händler habe doch damit geradezu herausposaunt, dass es sich bei den vereinbarten Raten nicht um Geld handele, sondern um etwas anderes. Die Seele des Käufers vielleicht? spekuliert er und nimmt sich vor, am nächsten Tag Mister Collins nochmals genauer zu diesem Thema zu befragen.

Am nächsten Morgen gilt aber zunächst der allererste Blick der „Morgenpost“. Und tatsächlich, Journalist Berger hat sein Versprechen gehalten: Unter dem Foto der Skulptur prangt ein dreispaltiger Bericht. Collins wird als Fotograf in dem Artikel ebenso erwähnt wie Chantal als die Bildhauerin und Bendiksen als der Auslöser des Vorfalls – und auch die Namen der anderen Charaktere sind brav abgedruckt.

Überaus zufrieden trifft man sich also nachmittags bei Collins, Mlle. Lamour diesmal in angemessen fotogener Kleidung. Im Atelier sind diesmal schon ein, zwei Kunden zu finden, die anscheinend heute früh das Foto in der Zeitung gesehen haben und jetzt gerne gerahmte Abzüge davon hätten. Während die Gruppe draußen wartet, fällt auf, dass an der Stelle, wo gestern das Foto gemacht wurde, das Mauerwerk im Gegensatz zu den Ziegeln in der Umgebung irgendwie bröselig aussieht.

Als die Kunden gegangen sind, spricht Earl Duncan den Fotografen rundheraus auf den Preis für die Kamera an. Dass er sich nicht vorstellen könne, dass Collins‘ finanzielle Möglichkeiten ausgereicht hätten, um sich die Kamera leisten zu können. Der Fotograf druckst lange herum, und der Landadlige muss ihn beinahe erpressen, ehe der Mann mehr als zögerlich mit der Sprache herausrückt. Ja… er… er müsse… Dinge… für Mister Asell tun. Mit… mit… jungen… Damen… und mit jungen Herren… während… nun…
Der Earl ist schockiert. „Kopulation?! Guter Mann, Sie prostituieren sich! Für eine Kamera!“
Collins nickt verschämt. „Schon, aber… aber… die Kamera!!“

Das ist der Moment, in dem der Spieler des Earls seine Zufallskarte zieht. „Du erwachst aus einem Traum“, heißt es da. „Ist die vorige Szene wirklich passiert?“
Und natürlich ist dem Spieler sofort klar, wie er die Karte zu interpretieren hat. Morgens, in der Stadtvilla des Earls, zuckt Duncan der zweite Neunte mit einem Japser aus seinem Bett hoch. „Kopulation?!“

Schnitt zum Nachmittag, in Collins‘ Atelier, wo der Earl gerade erfolgreich Druck auf den Fotografen ausgeübt hat. „Also reden Sie schon, Mann, womit bezahlen Sie Mister Asell?“
„Na mit Geld natürlich“, entrüstet Collins sich diesmal. „Was haben Sie denn gedacht? Ich lebe von trocken Brot und Wasser, um für die nächste Rate zu sparen …“

Nun soll also die vereinbarte Aufnahme von Mlle. Chantal gemacht werden. Aber der Gruppe kommt inzwischen die bröselige Mauer verdächtig vor, und die Männer warnen ihre Bekannte, vielleicht doch kein Foto von sich machen zu lassen, ehe die Auswirkungen der Kamera nicht näher bekannt sind. Affe Johansen schnappt sich schnell entschlossen die bereits dastehende Kamera, dreht sie herum und schießt eine Aufnahme von Mr. Collins. Johansens Spieler hatte seine Zufallskarte zwar schon verbraucht, aber dies war doch eindeutig ein Moment für eine Entscheidungskarte. „Was du planst, klappt“, ist deren Ergebnis, „aber es hat ganz unerwartete Konsequenzen!“

Wer auch immer die Entscheidungskarte interpretieren darf, legt fest, dass Collins sich durch die Aufnahme verjüngen wird.

Das ist aber kein plötzlicher Prozess, sondern ein allmählicher, ergänze ich noch, also sieht der Fotograf nicht schlagartig verjüngt aus, aber seine Haut wirkt bereits etwas straffer, sein Gang etwas aufrechter, sein Haar etwas voller. Umso mehr Grund für Chantal, sich nun auch umgehend fotografieren zu lassen, in ihrem besten Kleid und aus der neuen Puderdose gepudert. Der Fotograf verspricht ihr auch, sich zuallererst und sofort an die Entwicklung ihrer Aufnahme zu machen und die seines eigenen Fotos hintenanzustellen.

Abends im Salon, etwa um die Zeit, als Collins den Abzug fertig haben dürfte, geht Chantal sich die Nase pudern. Und bleibt an einem hervorstehenden Nagel hängen, so dass der Rock ihres neuen, teuren Kleides sich in einem langen Faden auflöst.
Etwas später kommt dann auch Mr. Collins in den Salon und bringt ihren Abzug mit. Aber anders als erhofft sieht Mlle. Lamour auf der Aufnahme nicht jung und strahlend aus, sondern ihrem echten Alter gemäß. (Das war auch das Ergebnis einer Karte beim Fotografieren, aber ich weiß nicht mehr genau, welcher).

Zwischendrin folgt übrigens noch eine Zufallskarte: „An einem anderen Ort: Ihr spielt eine Szene, die anderswo stattfindet, aber die mit dem Geschehen zu tun hat“. Die spielen wir so aus, dass Journalist Berger, neugierig geworden, anfängt, über Giovanni Montavarde zu recherchieren und einiges über den Mann herausfindet. Auch und vor allem ein interessantes Foto, auf dem der Mann viel älter aussieht, als er angesichts des Aufnahmedatums eigentlich hätte sein dürfen.

Am nächsten Tag beschließt die Gruppe, dass die Kamera am besten zerstört werden sollte. Sie hat sich zwar bei mehreren Gelegenheiten als ziemlich unzerstörbar erwiesen, aber Johansen kommt auf die brilliante Idee, sie sich selbst zerstören zu lassen. „Sie sind ja ein Genie!“, befindet der Earl daraufhin. „Nein, ein Genianse!“
Vier Spiegel sind schnell gekauft, dann wird der Plan ausgeheckt, Mister Collins mit der Bitte um ein weiteres Foto in den Hof zu locken, ihn dann zu überwältigen oder abzulenken, die Kamera mit den Spiegeln zu umstellen und den Auslöser zu betätigen.

Dieser Plan wird ein wenig davon behindert, dass im Atelier ein junger Mann von Mitte zwanzig steht, den die Charaktere natürlich erst einmal für Mr. Collins‘ Sohn halten. Aber ansonsten klappt das Vorhaben, dank der Entscheidungskarte „Ja, und…“ sogar sehr spektakulär. Der Blitz beim Auslösen zuckt gefühlt unendlich in dem Spiegelkabinett hin und her, während die Kamera zusehends altert und in sich zusammenfällt, und während Montavardes Seele ihr laut schreiend und schimpfend („Ihr NARREN! Ich hätte EWIG leben können! Was TUT ihr!? Natürlich ein verdammter Affeeeeeeeeeeee…“) entfährt.

Und damit waren wir am Ende angekommen. Ich weiß gar nicht, ob wir noch definiert haben, ob die letzte Aufnahme etwas geworden sein soll und falls ja, was. Jedenfalls war die Runde „ganz großes Lichtspielhaus“, wie einer der Mitspieler hinterher kommentierte, und dem kann ich mich nur absolut anschließen.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Indie-RPGs, Pen & Paper, Tanelorn-Treffen

3 Antworten zu “Tanelorn Sommertreffen 2014: Itras By

  1. Wau! Das muss wahrlich Spaß gemacht haben! Muss ich mir merken, Szenario und System!
    (Und dass „Stadtaffen“ Nichtmenschen sind, habe ich auch erst im weiteren Verlauf bemerkt. Ich hielt den Einwurf des Earls, gemeinsam mit einem „Stadtaffen“ genannt zu werden, zunächst für ganz normalen Standesdünkel. :))

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  2. Pingback: [RPG-Blog-O-Quest] Januar 2016: “Rückblick” | Timber's Diaries

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