Systemvorstellung – Itras By

Nachdem ich vor einigen Tagen von unserer sehr lustigen „Itras By“-Runde berichtet habe und mir dabei aufgefallen ist, dass ich da diverse Regeln und Settingaspekte zwar angerissen, aber nicht näher erklärt habe, folgt heute eine kurze Systemvorstellung.

„Itras By“ ist ein norwegisches Indie-Rollenspiel von Ole Peder Giæver. Es ist ein würfelloses Rollenspiel mit Spielleiter, bei dem statt Würfeln sogenannte „Entscheidungskarten“ zum Einsatz kommen, die bei Bedarf gezogen und gemeinsam interpretiert werden.
Das Setting ist eine Fantasy-Stadt mit dem Flair der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, plus deutlichen surrealistischen Elementen, inspiriert von Filmen wie „Dark City“, „Delicatessen“, „Stadt der Verlorenen Kinder“ etc. Und um diese surrealistischen Elemente noch etwas zu unterstützen, gibt es auch sogenannte „Zufallskarten“, bei denen schräge Dinge passieren, wie z.B. dass für den Rest der Szene Spieler die Charaktere untereinander tauschen und solche Dinge.

Es hat allerdings auch schon Stimmen gegeben, dass „Itras By“ gar kein Indie-Spiel im ganz engen Sinne sei, weil es ja „ganz regulär“ mit SL gespielt wird und eben nur ein paar nicht-klassische Elemente wie die Entscheidungs- und Zufallskarten hat.

Zum Setting:

Das Setting ist wie gesagt eine Stadt der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in einer Fantasy-Welt, in der diese Stadt im wahrsten Sinne das Zentrum aller Dinge ist. Je weiter man sich von ihrem Mittelpunkt, dem Mondturm, wegbewegt, umso seltsamere und bizarrere Aspekte schleichen sich in die Umgebung ein. Die Stadt selbst zum Beispiel ist eigentlich fast normal. Sicher, es kann vorkommen, dass Träume dort Gestalt annehmen oder Menschen einen Tierkopf haben. Dass eine Straße nur freitags existiert oder ein Haus innen größer ist als außen. Aber erst in den Randzonen wird die Umgebung so richtig seltsam. Daher kann man auch an der „Surrealismus-Schraube“ recht gut drehen und ist auch relativ frei darin, ob man ein Abenteuer tatsächlich in der Stadt spielen lassen möchte oder sich in deren Umgebung, die Wildnis oder gar die äußeren Randzonen begibt.

Früher wurde Itras By übrigens von der namensgebenden Göttin Itra regiert. Sie war es auch, die den Mondturm errichten ließ. Aber vor etwa 300 Jahren verschwand Itra spurlos, und seither regiert Nindra, die Spinnenkönigin, aus dem Mondturm heraus die Stadt mit eiserner Hand, und ihre Kinder, die Arachniden, haben hohe Posten in der Stadt inne.

Und natürlich gibt es auch Elemente, die gegen die Herrschenden arbeiten, wie zum Beispiel die Anarchisten oder die Futuristen.

Itras By liegt am Meer, und es hat einige ganz klar voneinander abgegrenzte Stadtteile: Das Montmartre-artige Künstlerviertel, die Villengegend, das gutbürgerliche Viertel, das Stadtzentrum mit seinen Büros, Restaurants, Theatern und Lichtspielhäusern und die Hafengegend, wo die armen Leute in Mietskasernen leben und eben am Hafen oder in grauen Fabriken arbeiten.

Nicht nur an Land, auch auf dem Meer nehmen die Seltsamkeiten zu, sobald man die Stadt verlässt. Woher zum Beispiel die schwarzen Schiffe kommen, die Itras By mit Waren aus fernen Landen beliefern, weiß niemand so recht, und wenn man von Itras By aus in einem eigenen Boot hinausfährt, erreicht man irgendwann eine undurchdringliche Nebelwand. Die Besatzungen der schwarzen Schiffe reden nicht über ihre Herkunft, oder vielleicht wissen sie es auch selbst gar nicht mehr, sobald sie den Nebel durchquert haben.

Die Settingbeschreibung im Regelwerk reißt viele Dinge nur an, überlässt also die genaue Ausgestaltung der Welt den Spielern selbst. Tatsächlich finden sich sogar vier Übungen im Buch, die den Leser auffordern, bestimmte Dinge zu streichen oder zu verändern oder neue Elemente hinzuzuerfinden. Aber gerade diese vergleichsweise kleinen Vignetten zeichnen ein lebendiges Bild vom Setting, das geradezu dazu einlädt, es um eigene schräge Ideen zu erweitern.

Zu den Regeln:

Das Spiel ist würfellos, aber es gibt die sogenannten Entscheidungskarten. Wenn das Spiel also an eine Stelle kommt, an der es sich „lohnt“, wird eine Entscheidungskarte gezogen, die einem sagt, ob und wie die geplante Aktion gelingt. Die genaue Interpretation der Karte passiert durch einen anderen Spieler als den, der die Aktion vorhat, ggf. unterstützt vom Rest der Gruppe.

Da gibt es zum Beispiel:

Ja, und… Dir gelingt das, was du tun wolltest, und du erreichst sogar noch mehr, als du erwartet hattest. Vielleicht (aber das muss nicht sein) ist es sogar etwas zu viel.
Ja, aber… Dir gelingt das, was du tun wolltest, aber es hat ganz unerwartete Konsequenzen.
Ja, aber… Du erkennst, dass du jemandes Hilfe brauchst, um bei dem, was du tun willst, Erfolg zu haben.
Nein, aber… Das, was du tun wolltest, schlägt fehl. Aber stattdessen geschieht etwas anderes Positives, das nicht direkt mit deinem Plan zu tun hatte.
Nein, und… Das, was du tun wolltest, schlägt fehl, und es geht zusätzlich noch etwas anderes schief.

Dies sind übrigens exakt dieselben Entscheidungskarten, die auch in „Love in the Time of Seið“ von Matthjis Holter und Jason Morningstar (sowie leicht erweitert in Holters „Archipelago„) zum Einsatz kommen.

Was es in diesen anderen Spielen jedoch nicht gibt, sind die sogenannten Zufallskarten. Von diesen Zufallskarten, die das surreale Gepräge des Settings unterstreichen sollen, darf jeder Spieler einmal pro Session auf Wunsch eine Karte ziehen. Da gibt es Sachen wie z.B.:

Zurückspulen. Die Zeit wird um einige Sekunden zurückgespult, und das, was dir passiert ist, ehe die Karte gezogen wurde, ist nicht geschehen. Stattdessen tritt jetzt das genaue Gegenteil davon ein. Du darfst beschreiben, was genau umgekehrt worden ist.
Spiel mit dem Schicksal. Du tauschst für den Rest dieser Szene die Rollen mit dem Spielleiter. Du machst also den SL mit allen Beschreibungen und Führen der NSCs, während der SL für die restliche Szene deinen Charakter übernimmt.
Währenddessen, an einem anderen Ort… Ihr spielt eine Szene, die sich zur selben Zeit an einem anderen Ort abspielt und die irgendeine Beziehung zum Abenteuer hat.
Im Spiegel, im Traum… Diese Szene spielt sich im Spiegeluniversum (der „B-Seite“) von Itras By ab, wo alles genau entgegengesetzt ist. Welche Auswirkungen hat das auf die Charaktere auf der „A-Seite“ des Universums?
uvm.

Die Charaktererschaffung ist ebenfalls denkbar einfach. Da nicht gewürfelt wird, haben die Charaktere keine Werte, sondern lediglich eine Beschreibung. Wie heißen sie, wie sind sie so drauf, wie reagieren sie unter Druck, sind sie eher eigennützig oder selbstlos, und welche „dramatische Eigenschaften“ haben sie? Diese „dramatischen Eigenschaften“ sind diejenigen Merkmale eines Charakters, die dessen Spieler während des Spiels unbedingt angesprochen sehen möchte. Dabei muss es sich nicht einmal immer um positive Eigenschaften handeln, sondern sie können durchaus etwas sein, das den Charakter in Schwierigkeiten bringen wird. Das heißt also, dass hier die Charaktere tatsächlich keinerlei Fertigkeiten oder Werte im herkömmlichen Sinn eines klassischen Rollenspiels haben. Weil nicht gewürfelt wird, entscheidet allein eine Karte, ob etwas klappt oder nicht, und zwar ganz egal, wie „gut“ ein Charakter in etwas sein mag. Es ist also eher storybezogenes Dramaspiel, was für plotorientierte und taktische Spieler etwas unbefriedigend sein könnte.

Das war es auch schon an Regeln. Der Hauptteil des Buches ist der Settingbeschreibung gewidmet, dazu kommen die Hinweise zur Charaktererschaffung sowie Tips für Spielleiter zum Abenteuer- und Kampagnenbau etc. Und natürlich darf ein Beispielabenteuer nicht fehlen. Im norwegischen Original war es noch ein anderes; in der englischen und deutschen Version kommt ein neues Abenteuer zum Zug, das es ursprünglich auf der Itras By-Webseite zum freien Download gab und das sich geradezu perfekt als Einführungsabenteuer bzw. für einen One-Shot eignet, weil es über eine skurrile Idee und liebevoll mit einander verknüpfte, vorgefertigte Charaktere verfügt und man darin in einer einzigen Sitzung ziemlich viel über das Setting, dessen Geschichte und Spielgefühl erfährt.

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter Rollenspiel-Sonstiges, Systemvorstellungen

4 Antworten zu “Systemvorstellung – Itras By

  1. Pingback: [RPG-Blog-O-Quest] Oktober 2015: “Rollenspielanfang” | Timber's Diaries

  2. Pingback: [RPG-Blog-O-Quest] Februar 2016: “Spielsysteme” | Timber's Diaries

  3. Pingback: Drachenzwinge-Con 2017 | Timber's Diaries

  4. Pingback: Session Diary: Itras By – Newsreel | Timber's Diaries

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s