Miami Files: Side Job – Vignette 1

15. November

Ich weiß gar nicht, ob ich es schon erwähnt habe. Aber Sheila hat zum Filmstart von Indian Summer eine Lesetour geplant. Einmal die Westküste hinunter, und zwar so getimed, dass die Tour genau zur Premiere in Los Angeles endet. Oder danach vielleicht auch noch nach San Diego weitergeht, aber die Premiere in L.A. soll auf jeden Fall mit dabei sein. So oder so finde ich das eine ausgezeichnete Idee, denn das wird sicherlich mal eine nette Abwechslung. Nur schade, dass ich Alejandra nicht mitnehmen kann; so eine Reise ist aber leider nun mal nichts für eine kleines Mädchen.
Sheilas Planung und Vorbereitungen laufen jedenfalls schon länger auf vollen Touren, und ich freue mich ziemlich.

19. Januar

Heute kam Sheila nochmal mit einem anderen Vorschlag an: Sie kennt da jemanden, eine Mäzenin nämlich, und die wiederum kennt eine Zeichnerin, und diese soll, weil die Mäzenin so ein großer Fan meiner Bücher ist, eine illustrierte Version von Indian Summer anfertigen, die dann in einer kleinen, hochwertigen Sonderausgabe herauskommen könnte.

Interessanter Gedanke! Keiner, über den ich bisher von selbst gestolpert wäre, aber genau für solche Ideen ist Sheila ja meine Agentin. Edward schlug sofort eine Graphic Novel vor, als er von der Sache hörte, und dafür war ich wiederum dann gleich Feuer und Flamme. Vielleicht kann Sheila das ihrem Kontakt auch noch verkaufen.

Und wie es der Zufall (oder Sheilas geschicktes Händchen) so will, hält diese Mäzenin kurz vor dem Filmstart ein Künstlerwochenende in ihrer Lodge am Crater Lake, Oregon ab. Dorthin bin ich eingeladen, um die Dame und die Zeichnerin kennenzulernen, damit sie mich kennenlernen – und vielleicht auch, so unangenehm mir das sein mag, weil mein Name der Veranstaltung tatsächlich ein klein wenig mehr Prestige verschafft. O Madre mia, ayudame. Wie das klingt. Aber wenigstens wird es nicht allein mein Name sein, der für das Prestige sorgt: ein paar andere publizierte Genre-Autoren, wie z.B. Michael Stackpole, sind wohl auch eingeladen.

Und wir Gäste dürfen Partner und/oder Freunde mitbringen. „The more the merrier“ war Sheilas die Gastgeberin zitierende Aussage. Also habe ich die Jungs gefragt, ist ja klar. Dee natürlich auch, aber die kann leider nicht aus der Stadt weg. Entweder das, oder sie möchte nicht in eine Situation geraten, wo sie als meine Freundin verstanden werden könnte. Wobei ich natürlich hoffe, dass ersteres der Grund ist.
Die Jungs haben jedenfalls alle Zeit, oder nehmen sie sich. Finde ich super.

26. Februar

Nächste Woche geht es los! Wir haben übrigens beschlossen, nicht zu fliegen. Denn die Westküste runter müssten wir ohnehin in einem Tourbus fahren, und Alex‘ Berufsehre verbietet es ihm, für diesen Zweck ein Mietmobil auch nur im Entferntesten in Betracht zu ziehen. Und überdies ist sein letztes Langzeit-Bastelprojekt, ein älteres Vehikel, das er mit seiner üblichen Sorgfalt und Liebe zum Detail restauriert und zu einem Wohnbus aus- und umgebaut hat, zufällig gerade vor kurzem fertig geworden. Ich glaube, Alex wäre persönlich beleidigt gewesen und nicht mitgekommen, wenn wir das nicht genutzt hätten.

Das bedeutet zwar, dass wir zusätzlich zu der eigentlichen Buchtour eine weitere Woche unterwegs sein werden, immerhin reden wir von über 3.200 Meilen, aber den Luftweg gäbe es auch nicht als Direktflug. Und außerdem ist Edward sich nicht sicher, wie das mit seinen zunehmenden Technik-Problemen in einem Flugzeug aussähe. Wenn dessen Elektronik hoch über dem Erdboden ausfiele, na herzlichen Dank. Dann doch lieber der Bus.

Diese Postkarte vom Crater Lake ist mir übrigens gerade vor ein paar Tagen untergekommen. Die klebe ich doch direkt hier ein, das steigert die Vorfreude gleich noch ein bisschen mehr.

Crater Lake National Park, Oregon

Mann. Ich bin doch tatsächlich schon aufgeregt.

6. März

Morgen ist es soweit! Urlaub!

7. März. Tifton, Georgia

Nach einem tränenreichen Abschied von ‚Jandra, der ich bei der Abschiedsumarmung zum zigsten Mal erklären musste, dass wir im Sommer natürlich zusammen in Urlaub fahren und dass sie dann natürlich auch mitkommen darf, aber dass das hier Arbeit sei und sie daran garantiert keinen Spaß hätte, was mir den Aufbruch zugegebenermaßen etwas erschwerte, sind wir den ganzen Tag gefahren. Knapp 500 Meilen waren das. Jetzt sind wir für die Nacht in einem RV-Park direkt an der I75 untergekommen. Ich bin ziemlich erledigt; wir saßen zwar bis auf die Pausen nur im Bus, aber die Stimmung war schon nach ein paar Stunden ziemlich gereizt. Vor allem zwischen Edward und Roberto, aber auch wir übrigen blieben davon nicht ganz unbeeinflusst.
Das Georgia Museum of Agriculture and Historical Village, das es laut Broschüre an der Rezeption hier in Tifton geben soll, hätte mich zwar eigentlich interessiert, hat aber wohl bereits geschlossen. Und außerdem wäre ich ohnehin zu platt, um noch in einem historischen Dorf herumzulaufen. Ich glaube, ich haue mich jetzt in meine Koje und gut.

8. März. Nashville, Tennessee

Kein RV-Park diesmal, oh nein. In der Stadt der Musik, im Athen des Südens, gebe ich mir a) ein Hotelzimmer und b) einen langen Spaziergang durch die Stadt. Ich brauche etwas Abstand. Heute flog Robertos Schminkkoffer in hohem Bogen aus dem Fenster, zu Robertos großem – und lautem – Entsetzen, und als wir endlich gedreht hatten und wieder an die Stelle kamen, waren natürlich zig Autos darüber gefahren. Roberto geht heute abend nicht in der Stadt spazieren. Der geht seine neue Kulturtasche ausstatten.

9. März. Odessa, Missouri.

Langer, langer Tag. Deutlich über 500 Meilen heute. Blöd, dass Odessa so ein winziges Kaff ist; so sind wir wieder in einem RV-Park gelandet. Für einen RV-Park ziemlich teuer, und einiges reparaturbedürftig, aber sauber. Und immerhin haben sie kostenloses – und schnelles! – WLAN. Ich bin dann mal ein bisschen surfen.

10. März. Sutherland, Nebraska

Schrieb ich gestern, Odessa sei ein Kaff? Hey, das hatte 5.000 Einwohner! Sutherland, Nebraska, ist ein Kaff. Das hat gerade mal 1.500. Aber immerhin einen RV-Park. Und ganz in der Nähe auch einen Stausee, der mit der Sutherland Reservoir State Recreation Area auch einen Naturpark darstellt. Edward hat schon gesagt, heute schläft er im Freien. Ich bin beinahe geneigt, es ihm gleichzutun. Oder zumindest gleich noch einen langen, langen Spaziergang zum Abreagieren. Nacht der Mittagspause haben wir heute Edward vergessen, weil der irgendwo noch Dampf abließ, und es erst nach ein paar Kilometern gemerkt, als es im Bus so still war. Roberto hatte es gemerkt, aber nichts gesagt, der Arsch. Wobei er meinte, ein paar Minuten später hätte er sich schon auch gemeldet, er wolle nur Edward Gelegenheit geben, sich noch ein bisschen länger abzureagieren. Ha ha.

11. März. Rawlins, Wyoming

Heute nur 350 Meilen gefahren. Ging nicht mehr. Haben mittendrin angehalten und Edward für eine Weile rausgeworfen, weil es einfach zu viel war. Später dann haben wir Roberto rausgeworfen. Und nachmittags haben wir dann beide rausgeworfen. Danach haben sie sich nur noch finster angebrütet, was beinahe schlimmer war als ihr ewiges Gezicke. Nur 350 Meilen, aber der Tag zog sich endlos. Mir ist egal, dass Rawlins eine Kleinstadt ist, ein Hotel gibt es hier. Oder ein Motel. Ganz gleich. Raus hier!

12. März. Elko, Nevada

Über 500 Meilen heute, als Ausgleich für gestern. Immerhin müssen wir es bis morgen nach Oregon schaffen! Jetzt sind wir in Elko, Nevada, einer Stadt von immerhin 20.000 Seelen. Auf Shoshoni heißt der Ort Natakkoa, also ‚Felsen, die aufeinander aufgehäuft sind‘. Ob uns das zu denken geben müsste? Aber das „Hilton Gardens“-Hotel ist eine nette Überraschung. Ich glaube, ich werde gleich nochmal den hoteleigenen Pool aufsuchen, zur Entspannung. Wobei es heute direkt ging: Anfangs schwiegen Roberto und Edward einander noch giftig an, aber irgendwann fingen sie dann damit an, abwechselnd bei Alex vorne zu sitzen, und ab da wurde es richtig angenehm, und ich konnte mich endlich auf mein Videospiel konzentrieren.

13. März. Crater Lake National Park, Oregon

Angekommen!

Es war wieder eine relativ lange Fahrt, weil wir vorgestern doch einiges verloren haben, aber mit der gestrigen Aufteilung ging es zumindest in Sachen Stimmung im Bus doch wieder ganz gut. Und in Oregon wurde die Landschaft natürlich auch zunehmend malerischer. Die letzten Meilen bis zum See hoch zogen sich dann nochmal etwas, aber irgendwann waren wir endlich da.

Die Lodge unserer Gastgeberin liegt ein Stück abseits vom Kraterrand – genau genommen sind es mehrere Lodges: ein Hauptgebäude und einige kleineren Hütten für die Gäste. Eine davon haben wir für uns, ein rustikal eingerichtetes, aber gemütliches Blockhäuschen mit zwei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, wo es auch eine Schlafcouch gibt, Küchenzeile und Bad. Edward und ich teilen uns eines der Zimmer; wie die anderen sich geeinigt haben, bin ich gerade gar nicht sicher. Ich schreibe das nur eben schnell, während ich darauf warte, das wir gesammelt zum Haupthaus rübergehen, um die Gastgeberin und die übrigen Wochenendgäste zu treffen.

Unsere Gastgeberin heißt Margo und ist sehr nett. Mitte, Ende Fünfzig herum, würde ich sagen, elegant und weltgewandt, mit einer tadellosen Haltung, die nicht einmal dadurch beeinträchtigt wird, dass sie hinkt. Das sei durch einen Segelunfall vor einigen Jahren geschehen, erzählte sie.
Uns eingerechnet, hat Margo für das Wochenende ca. 30 Personen eingeladen, die meisten davon auf die eine oder andere Art mit dem Schreiben von speculative fiction beschäftigt oder davon begeistert. Michael Stackpole ist tatsächlich auch hier, wie Sheila mir schon angekündigt hatte, außerdem Kirsty McGregor und dieser indianisch-stämmige Thriller-Autor Barry Jackson. Und gleich bei unserer Ankunft begrüßte uns draußen auf dem Vorplatz vor der Lodge eine Gruppe von 5 jungen Leuten. Diese sind Freunde, Rollenspieler und LARPer und arbeiten gemeinsam an einem Roman. Also nicht etwa an einem Episodenroman à la Sanctuary oder Wild Cards, wo eine Geschichte in durchaus unterschiedlichen Stilen aus ganz unterschiedlichen Charakterperspektiven erzählt wird, sondern an einem Roman aus einem Guss und aus einer Sicht und in einem durchgängigen Stil. Hossa. Ambitioniert, das. Ich wünsche ihnen von Herzen viel Erfolg bei dem Unterfangen, aber ich weiß auch, dass sowas verdammt schwierig ist.

Einer der jungen Leute, Jeff, hat übrigens einen Hund. Ein kleines, zottiges Schoßhündchen Marke Fußabtreter, ein Highland Terrier oder sowas vielleicht?, der erstaunlicherweise Edward zu mögen scheint. Jedenfalls streicht er ständig schwanzwedelnd um unseren Freund herum. Die zwei anderen, größeren Hunde, die wohl anscheinend zur Lodge gehören oder so, mögen Edward hingegen gar nicht. Knurren ihn an und halten sich sorgfältig von ihm fern. Fand ich amüsant, wie der kleine Kläffer völlig furchtlos mit Edward spielt, während seine großen Artgenossen feige den Schwanz einziehen.

Die junge Zeichnerin, die Margo für die Illustration von Indian Summer gewinnen möchte, heißt Elena. Auch sie scheint nett zu sein, ist aber un-glaub-lich schüchtern. Gerade mir gegenüber bekam sie gar kein Wort heraus, und auch allen anderen gegenüber stammelt sie mehr, als sie zu reden vermag. Dabei wirkt sie wie gesagt sehr nett, und man möchte sie am liebsten in den Arm nehmen und ihr versichern, dass sie keine Angst zu haben braucht, dass alles gut werden wird. Aber das geht natürlich nicht, das würde alles nur noch schlimmer machen. Also habe ich beschlossen, einfach freundlich mit ihr umzugehen und ihre Schüchternheit so gut es geht zu ignorieren, ohne ihr auf die Nerven zu fallen. Mal sehen, ob es klappt. Ihre Zeichnungen sind aber jedenfalls allererste Sahne, und ich würde mich sehr freuen, wenn sie tatsächlich die Illustration des Buches übernehmen würde.

Ansonsten ist neben diversen Fans und Anhang noch eine Deutsche namens Vanessa anwesend. Sie wirkt nicht schüchtern, aber unpässlich, als erhole sie sich gerade von einer längeren, schweren Krankheit. Ziemlich nervös, schreckhaft… und uns gegenüber mehr als reserviert. Der misstrauische, geradezu hasserfüllte Blick, den sie Totilas bei der Vorstellung zuwarf, machte deutlich, dass sie den Namen „Raith“ sofort erkannt hat.

So, die Frischmachpause nach dem Abendessen ist vorüber; wir wollen uns alle zum geselligen Kennenlernabend drüben im Hauptgebäude treffen. Je nachdem, wie lange das geht, schreibe ich vielleicht hinterher noch was, sonst eben morgen oder so.

Bin noch wach genug, um einen schnellen Eintrag zu machen. Der Abend war – von Vanessa Grubers abschätzig-verachtend-misstrauischen Blicken mal abgesehen – eigentlich ziemlich nett. Nur Colby – einer der fünf jungen Leute aus dem Autorenkollektiv – hat etwas zu viel getrunken und sich dann an Elena, die Zeichnerin, herangemacht. Diese war viel zu schüchtern, um ihn rundheraus abzubügeln, aber sie wurde ihn dennoch irgendwie los, einfach durch ihr Erröten und Wegdrehen. Später beobachtete ich sie dann dabei, wie sie wild auf ihrem Zeichenblock herumkritzelte.
Das Bild bekam ich dann zufällig zu sehen – und musste herzlich lachen, denn es war zum Schießen. Es war eine Karikatur, in der ein wunderbar getroffener und eindeutig zu erkennender Colby eine Stehlampe anschmachtete.

Später am Abend passierte dann noch etwas Komisches, und zwar nämlich haargenau das, was Elena gezeichnet hatte. Colby, noch etwas betrunkener als zuvor, merkte schon gar nicht mehr, was er da tat, als er vor der Stehlampe auf die Knie sank und ihr ein Kompliment machte. Seltsam nur… ich glaube, Colby hat die Zeichnung gar nicht gesehen… Elena hat nämlich darauf geachtet, dass ihr Motiv die Karikatur nicht zu Gesicht bekam. Vermutlich wäre ihr das anders zu peinlich gewesen oder so.

Naja. Jetzt aber erstmal schlafen. Nacht und so!

Okay, das ist seltsam. Als Margo eben zum Frühstück kam, hinkte sie nicht – im Gegenteil, sie hüpfte beinahe wie ein kleines Mädchen, und ein Strahlen lag auf ihrem Gesicht. Ihr Bein sei über Nacht geheilt, es tue überhaupt nicht mehr weh. Totilas, der zwar kein Arzt, aber Physiotherapeut ist, mahnte zur Vorsicht und bot an, das Bein einmal zu untersuchen. Zum Glück, denn es stellte sich heraus, dass Margos Bein anscheinend gar nicht wirklich geheilt ist, sondern einfach nur nicht mehr wehtut. Sie hat sich jetzt erst einmal nach Klamath Falls zum Arzt fahren lassen.

Die Sache passt aber irgendwie zu einer anderen Seltsamkeit, die mir vorhin aufgefallen ist. Im Flur der Hauptlodge steht eine kleine Statue. Kein besonders wertvolles Kunstwerk, glaube ich, aber ganz hübsch, deswegen habe ich sie gestern nachmittag ein bisschen betrachtet. Und dabei festgestellt, dass die Skulptur kaputt war: ein Arm war abgebrochen. Später dann, als wir zum Abendessen hineingingen, hatte jemand die Statue repariert. Vorhin aber sah ich auf dem Weg zum Frühstück, dass der Arm wieder abgebrochen war. Okay, sagt ihr, da wurde das Ding halt nachmittags geflickt, aber nicht sonderlich gut, da ist der Arm eben wieder abgefallen. Mag sein… aber gestern abend habe ich mir die fragliche Stelle mal angesehen, und da sah die Statue eigentlich völlig intakt aus.

Ob hier jemand Magie wirkt? Dass magische Effekte angeblich ja immer nur bis Sonnenauf- oder Untergang halten, würde dafür sprechen, dass jemand die Statue im Flur mit Magie repariert hat, dies aber nicht von Dauer sein konnte… Nur warum? Warum etwas flicken, das von vorneherein nicht permanent sein würde? Hmm… Was, wenn derjenige gar nicht wusste, dass die Magie nicht anhält? Wenn er oder sie dachte, etwas Gutes zu tun, ohne Näheres darüber zu wissen, und bei Margos Bein genauso? Hmmm. Das werden wir wohl im Auge behalten müssen.

Natürlich haben wir darüber gesprochen. Ganz unmagisch ist der Crater Lake wohl nicht: ein größeres Gewässer, aber in sich abgeschlossen, ohne jeden Ab- und Zustrom, also kein „fließendes Wasser“ in dem Sinne, der Magie behindert. Und vermutlich heißt die Insel darin nicht umsonst„Wizard Island“. Wobei das nicht einmal eine Insel ist, habe ich mir sagen lassen, sondern ein zweiter Berg innerhalb des Kraters, der vor zehntausenden von Jahren entstand.

Diese angebliche magische Aura des Ortes wollen auch die fünf jungen Autoren nutzen, haben sie erzählt. Die ihnen eigene „magische Aura“ öffnen, ihr magisches Potential erschließen, irgendwie sowas. Da haben bei uns natürlich gleich alle Warnglocken geklingelt, und Edward und Roberto haben angeboten mitzumachen – offiziell um zu helfen und zu unterstützen, aber natürlich auch und vor allem, um ein Auge darauf zu haben, dass da nichts schiefgeht und die jungen Leutchen nicht Dinge wecken, die sie besser ungeweckt lassen sollten.

Vanessa Gruber, die Deutsche, war an der Aktion auch sichtlich interessiert, aber Colby und die anderen meinten, sieben Personen sei, weil die magische Zahl, einfach ideal, und eine achte Teilnehmerin wäre eher kontraproduktiv. Und da Roberto und Edward sich zu erst gemeldet hatten, muss Gruber zurückstecken.

Das Ritual soll wohl irgendwann heute abend oder heute nacht stattfinden. Vorher jedoch wollen Alex, Roberto und Edward schon mal auf die Insel rüber und sich diese ansehen. Totilas möchte währenddessen mit der Deutschen reden, und ich habe angeboten, ihn zu begleiten. So giftig, wie die ihn angestarrt hat, ist es vielleicht besser, wenn eine neutrale Person bei dem Gespräch anwesend ist.

Puh. Das war… schwierig. Miss Gruber hat überhaupt nicht gut auf Totilas reagiert. Am Rande eines hysterischen Anfalls, wohl eher. Wobei sie anfangs noch eisern beherrscht und eisig kühl reagierte und völlig selbstverständlich davon ausging, dass wir anderen vier Totilas‘ Futtervieh seien. Es benötigte einiges an Anstrengung, um Miss Gruber – die übrigens Österreicherin ist, keine Deutsche, wie sich herausstellte – davon zu überzeugen, dass dem eben nicht so ist, sondern dass wir, vollkommen un-be-vampirt, aus freien Stücken hier sind und sich Totilas sogar eher in meiner Begleitung befindet als anders herum.

Wie dem auch sei, irgendwann hatte ich Vanessa dann soweit, dass sie mir das halbwegs abnahm. Da wollte sie dann wissen, warum Edward und Roberto sich dem magischen Ritual auf Wizard Island anschließen wollten, wenn nicht auf Totilas‘ Befehl hin und um weiteres Futter für ihn zu beschaffen? Sie selbst sei ja eigentlich zur Genesung hier am Crater Lake, aber als Magierin und Angehörige des White Council sei es doch ihre Aufgabe, darauf zu achten, dass weniger Begabte wie unsere fünf jungen Autorenfreunde keinen Unsinn mit der Magie anstellten. Ich erklärte ihr, dass Edward und Roberto lediglich dabei sein wollen, um auf die jungen Leute aufzupassen, nicht aus irgendwelchen niederen Motiven.

Totilas warf ein, dass es doch besser wäre, wenn wir alle zusammenarbeiten würden statt gegeneinander. Das war aber dummerweise in diesem Moment genau das Falsche – denn nun bekam Vanessa den Zusammenbruch, gegen den sie sich zuvor so eisern beherrscht hatte. Sie stammelte irgendwas von „seinen Leuten“ und „Salzburg“ und „da verlässt man sich mal“ und „in den Rücken fallen“, ehe sie völlig aufgelöst davonstürzte.

Nicht gut. Aber ich glaube, ich sollte sie jetzt erst mal in Ruhe lassen. Und Totilas am besten in nächster Zeit so bald gar nicht mehr mit ihr reden. Denn wir reimten uns ihre Reaktion – und ihre sichtliche Angeschlagenheit und Rekonvaleszenz – so zusammen, dass sie wohl direkt vom jüngsten Verrat des White Court am White Council im Krieg gegen den Red Court betroffen gewesen sein muss, als die weißen Vampire sich mit den roten zusammentaten und ihren angeblichen Verbündten, den Magiern, eben aufs Übelste in den Rücken fielen. Kein Wunder, dass die Arme auf den Namen „Raith“ und alles, was damit zu tun hat, so allergisch reagiert…

Ich glaube, ich gehe jetzt erst mal einen längeren Spaziergang machen oder gleich halbwegs richtig wandern. Die Natur hier ist jedenfalls atemberaubend schön, und ganz unterschiedliche Tiere soll man auch beobachten können.

Die Jungs sind von der Insel zurück. Und wie erwartet, ist Wizard Island magisch. Also wirklich stark magisch und mächtig und so. Die drei waren gar nicht so lange drüben, aber sie haben in der kurzen Zeit zwei Ritualplätze gefunden: einen sehr offensichtlichen und schon ziemlich verbrauchten, aber auch einen versteckteren, reineren, anscheinend nur sehr wenig genutzten. Die jungen Leute werden Roberto und Edward natürlich zu dem offenen Platz lotsen. Da wir ja ohnehin nicht so wirklich wollen, dass das Ritual so richtig mächtig und in vollem Umfang klappen soll, ist ein verbrauchter, ausgelutschter Ritualplatz dafür eigentlich genau das Richtige. Wenn wir allerdings in die Verlegenheit kommen sollten, etwas Eigenes zu veranstalten, wäre der versteckte, weniger benutzte Ort natürlich besser geeignet.

Oh, meine Spazier-Wanderung (richtige Wanderausrüstung habe ich ja nicht dabei) war übrigens richtig schön. Ich habe unterschiedliche Vögel gesehen, darunter sogar einen Adler in der Ferne (glaube ich, kann es aber nicht beschwören), unzählige Streifenhörnchen, Kaninchen und zwei Rehe. Bären oder Wölfe sind mir keine begegnet, worüber ich auch recht froh bin, ehrlich gesagt.

Eben hat Edward nochmal mit Miss Gruber geredet, wohlweislich ohne Totilas oder meine Begleitung. Wir hatten ja von unserer katastrophalen Begegnung mit der Österreicherin erzählt und erwähnt, dass sie im White Council sitzt, und so hielt Edward das für eine gute Gelegenheit, endlich mal ein wenig mehr über den Rat der Magier zu erfahren. Von Vanessa hörte Edward, dass der White Council nur sogenannte „Vollmagier“ aufnimmt, also solche mit viel magischem Talent in mehr als einem Bereich. Solange unser Freund also „nur“ Ritualmagie beherrscht, wird er weder in den White Council aufgenommen noch von dessen Angehörigen für voll genommen werden.

Kurz erwähnte Edward wohl auch sein Telefonat vom letzten Herbst mit diesem unsympathischen Magier aus Chicago, aber Vanessa kannte ihn nicht. Auch meinte Vanessa, darauf angesprochen, in Österreich und Europa sei es nicht üblich, dass geringere Praktizierer Steuern an den White Council zu zahlen haben, aber eigentlich sei das gar keine schlechte Idee, über die man vielleicht nachdenken solle. Immerhin müsse man den Krieg gegen den Red Court ja finanzieren.
Hmpf. Auch eine Einstellung. Aber hey, Vanessa hat selbst zugegeben, dass sie bis vor kurzem eigentlich auch die typische arrogante Einstellung des durchschnittlichen White Council-Magiers gehabt habe und erst die traumatisierenden Kriegserlebnisse kürzlich sie eines Besseren belehrt hätten. Irgendwie scheint sie ja doch ganz nett zu sein, wenn man sie lässt.

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