Miami Files: Side Job – Vignette 2

Zurück von der Insel. Oh Mann.

Roberto und Edward haben ja die fünf jungen Autoren zu ihrem Ritual begleitet und sie natürlich zu dem offensichtlichen, verbrauchten Ort geführt. Alex und ich fuhren in einem zweiten Boot hinterher und gingen auf Wizard Island ebenfalls an Land, um die Dinge im Auge behalten zu können. Auch Ms. Gruber ließ sich das nicht nehmen – sie folgte in einiger Entfernung auf einer Art, hm, wie nenne ich das, magischen Wasserskiern.

Am Ritualplatz konnten wir sehen, wie die anderen erst einmal eine Weile diskutierten, bis sie sich schließlich einigten und das Ritual begannen.

Ich kenne mich inzwischen genug mit solchen Sachen aus, um auch aus der Ferne zu erkennen, wann der Hokuspokus beendet war und die Wirkung einsetzte… und die war, obgleich keine nach außen ersichtliche Magie passierte, ziemlich heftig. Die Ritual-Handlung endete, die jungen Leute sahen sich stirnrunzelnd um, weil eben nichts Offensichtliches geschehen war – und dann schrie Edie plötzlich auf und rannte mit schreckerfülltem Gesicht davon, Lila riss die Augen auf und zog sich schleunigst von der Lichtung zurück, und auch drei jungen Männer wirkten verstört. Jeff, der Besitzer des kleinen Hundes, der Edward so ins Herz geschlossen hat, brach an Ort und Stelle schreiend zusammen.

Natürlich eilten Alex und ich hin, als die Sache so aus dem Ruder lief, aber es war Ms. Gruber, die das Ganze beendete. Sie hatte schon vorher mit ihrer Magie unheimliche Wolken am Himmel erscheinen lassen; nun ließ sie es regnen, und das fließende Wasser unterbrach, was auch immer da am Laufen war, höchst effizient.

Alex fand Lila in ihrem Versteck, und ich schnappte mir Edie, ehe sie noch stolperte und von einem Felsen fiel oder sowas. Dann versuchte ich sie zu beruhigen, so gut es ging – das arme Mädchen stand völlig unter Schock und klammerte sich an mich und wollte sich erst gar nicht beruhigen. Sie stammelte unzusammenhängend von den schrecklichen Dingen, die sie plötzlich gesehen habe: Edward habe ausgesehen wie eine wilde Bestie, und ihre Freunde hätten auch ganz seltsam gewirkt. Danny habe ausgesehen wie ein Baum, Jeff sei verwundet und blutüberströmt gewesen, und Colbys Gesicht sei ganz verzerrt gewesen, mit einem riesigen Maul in einem kleinen, verkniffenen Gesicht.

Für mich klang das schwer danach, was Roberto von seinen Erfahrungen mit der „Sight“ im Laufe der Zeit so erzählt hat, aber davon sagte ich Edie natürlich nichts, und irgendwann beruhigte sie sich ein wenig und begann, das Gesehene mit Drogen zu rationalisieren. Dennoch war sie weiterhin noch ziemlich verstört und blieb schutzsuchend in meiner Nähe. Beim Abendessen setzte sie sich dann auch neben mich – was Elena gar nicht gefiel, so schien es mir; zumindest deutete ich ihre verstohlenen Blicke so.

Lila hingegen war beim Abendessen schon wieder ganz die alte, hatte sich erstaunlich schnell von dem Schock erholt. Jeff war mit seinem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus gebracht worden, und Danny redete seitdem nur noch davon, ein Baum zu sein. Der stand barfuß draußen und wollte sich mit der Erde verwurzeln, bis wir ihn zum Abendessen hereinholten.

Während wir draußen unterwegs waren, ist noch etwas Seltsames passiert. Kirsty McGregor hat sich den Arm gebrochen, konnte aber gar nicht mehr sagen, wann genau und unter welchen Umständen. Und auch von den anderen wusste es niemand. Höchst eigenartig.

Oh, und beim Abendessen betrachtete Roberto Elena durch die „Sight“. Auf dieser Ebene gesehen, hatte sie gemalte Augen und war mit ihrem Block und ihrem Zeichenstift verbunden. Unter ihrer Haut lief schwarze Tinte entlang wie Blut in ihren Adern, und ihr Malblock wirkte sehr real, während Elena selbst blass erschien. Sehr beunruhigend. Und irgendwie genau das, was wir befürchtet hatten: Sie steht unter dem Einfluss ihres Malblocks.

Es war übrigens tatsächlich die „Sight“, was bei dem Ritual auf der Insel geschehen war, bekräftigten Roberto und Edward: Man hatte noch herumdiskutiert, wie genau man das Ritual durchführen wolle, und sich schließlich auf die vermeintlich harmloseste Variante geeinigt: etwas, das das „magische Potential“ der Teilnehmer öffnen würde. Dass sich das natürlich in der „Sight“ niederschlagen könnte, daran hatten weder Edward noch Roberto gedacht.

Vanessa Gruber war entsprechend angesäuert. „Ich dachte, ihr geht mit, damit eben nichts passiert? Damit das Ritual fehlschlägt?“ Aber auch auf diese Idee war keiner von uns gekommen, wir hatten immer nur daran gedacht, das Ganze so harmlos zu halten wie möglich. Seufz.

Naja, jetzt ist es leider nicht mehr zu ändern, es ist spät, und es war ein langer Tag. Gute Nacht!

15. März. 08:25 Uhr.

Ooookay. Das muss ich jetzt vor dem Frühstück kurz aufschreiben, so viel Zeit muss sein.

Ich habe komisches Zeug geträumt, und dann war George in meinem Traum, und der erzählte mir, Edward habe soeben Roberto umgebracht. Davon wachte ich auf und ging natürlich sofort nachsehen, aber – dem Himmel sei Dank! – alles war in Ordnung. In Robertos Zimmer war alles ruhig, und auch Edward schlief ein wenig unruhig, aber fest. Puh.

Aber ich bin wie gerädert. Ich sehe aus dem Fenster, und draußen ist es neblig. Brrrrr. Passt.

Beim Frühstück habe ich den anderen natürlich davon erzählt, und es stellte sich heraus, dass alle so seltsam geträumt hatten. Totilas muss sehr unruhig geschlafen haben, denn er sah ebenso fertig aus, wie ich mich fühle, und er erklärte, er werde jetzt in die Stadt fahren. Obwohl er es nicht aussprach, klang das für mich so, als habe er sich mit seinem Dämon auseinandergesetzt und wolle nun in die Stadt, um sich zu ernähren. Ich glaube, Genaueres will ich gar nicht wissen.

Roberto sah im Traum die gemalten Augen von Elena, und Edward träumte von Roberto, den unheimlichen Wolken, die Ms. Gruber tags zuvor herbeigezaubert hatte, und von der Badewanne mit Erde, in die wir Danny gesetzt hatten, als er meinte, er sei ein Baum. Nur dass im Traum Roberto in der Badewanne lag und Edward ihn gerade erschlagen hatte und er jetzt rief: „Roberto, kompostier‘ endlich!“

Danke, George. Du bist ein Traumfresser, da sollte man doch meinen, dass du inzwischen so langsam gelernt hast, dass Träume nicht unbedingt immer mit der Realität übereinstimmen. Aber nein, erstmal den guten alten Cardo mit solchen Schocknachrichten aufscheuchen…

Wir saßen noch beim Frühstück, da heulte draußen ein Wolf. Nur dass es kein echter Wolf war, wie Edward erkannte – was Jeffs Hund Snowball allerdings nicht daran hinderte, zurückzuheulen. Was wiederum Edward veranlasste, den kleinen Hund darauf hinzuweisen und dieser, Edwards amüsiertem Gesichtsausdruck zufolge, tatsächlich irgendetwas antwortete. Ich bin jedesmal wieder baff, wenn Edward mit Hunden redet. Langsam müsste ich mich doch eigentlich daran gewöhnt haben.

Kaum jemand hatte so richtig gut geschlafen, stellte sich heraus. Lila war müde, Colby schlief wohl noch, und auch Edie war nicht im Speisesaal, und Danny saß wieder in seinem Terrakotta-Topf.
Lila kam zu uns und sprach Edward auf das Wolfsheulen an – sie hatte ihn in der „Sight“ ja als Wolf gesehen –, doch er erklärte ihr trocken, dass er und seine, nennen wir es „Artgenossen“, auch wenn das das falsche Wort ist, nicht auf Geheul angewiesen seien, weil sie Telefone besäßen. Außer, er habe mal wieder ein Telefon kaputtgemacht, setzte er noch trocken hinzu.

Lila macht sich allerdings große Sorgen um Edie. In ihrem Zimmer ist sie nämlich nicht, und den ganzen Morgen hat sie noch niemand gesehen. Nicht dass es sie ist, die da heult, und das ein Zeichen dafür ist, dass sie in Schwierigkeiten steckt. Edward und ich gehen jetzt nach ihr suchen.

Santísimo padre en el cielo, socorre. Wir haben Edie gefunden. Zu spät.

Wir begannen unsere Suche im Wald, von wo das falsche Wolfsgeheul gekommen war. Edie fanden wir dort nicht, aber dafür an ein seltsames Gebilde aus Holz: ein langer Stamm, beinahe wie ein Mast, in den Boden gesteckt, dekoriert oder verziert oder behängt, oder wie auch immer man es nennen will, mit Stöcken und Blättern. Das Ganze wirkte, vor allem im Nebel, ziemlich unheimlich und als solle es für ein Ritual dienen, aber Edward stellte fest, dass keine magische Energie dahinter steckte.

Wir gingen weiter, kamen über den Nebel hinaus, der über den Kraterrand und den See gezogen war. Von hier oben hatten wir wieder eine Sicht auf den See, und dort schien es so, als läge da ein Segelschiff im Nebel vor Anker. Ein Segelschiff? Hier? Ah, das war natürlich das „Phantom Ship“, eine Insel, die an eben jener Stelle im See zu finden ist, wo ich das Segel zu sehen geglaubt hatte.

Der falsche Wolf heulte wieder, und ich rief laut nach Edie, erhielt aber keine Reaktion. Ein Stück weiter fanden wir wieder so ein Ast-Blätter-Gebilde, und hier konnte Edward einen Geruch aufnehmen: den von Maggie und Hattie, zwei älteren Damen und Freundinnen unserer Gastgeberin Margo, die ebenfalls das Wochenende auf der Lodge verbringen. Viel hatten wir mit ihnen bisher nicht zu tun, da sie tagsüber immer wandern gehen und entsprechend selten anwesend sind.

Aber dass Edward erwähnte, er könne hier den Geruch der beiden Damen wittern, brachte mich auf eine Idee. Wenn wir schon Edwards gute Nase zur Verfügung haben, konnte er doch damit auch nach Edie suchen!

Allerdings nicht ohne Vorbereitung, dazu wäre die Witterung vermutlich zu schwach. Also gingen wir zurück zur Lodge, wo Edward ein kleines Ritual wirkte, um seinen Geruchssinn zu schärfen. Dort bemerkten wir dann auch, dass sich Leute mit Gewehren in den Wald aufmachten, die den „Wolf“ jagen gehen wollten. Es hatte wenig Sinn, denen zu sagen, dass es kein echter Wolf war, denn die waren schon ein gutes Stück den Weg hinunter, aber das brachte uns dazu, uns Warnwesten aus dem Auto zu holen, damit man uns nicht aus Versehen für Wild hielt.

Während Edward und ich auf der Suche nach Edie waren, wollte Roberto sich übrigens Elenas Bilder ansehen, unauffällig natürlich, aber das klappte leider nicht. Maggie und Hattie haben noch einen jungen Mann dabei, einen Verwandten. Sohn? Neffe? Schwiegerson? Irgendwie sowas. Ich glaube, eine von beiden sagte bei der Vorstellung vorgestern etwas von „Stiefschwiegersohn“, wie auch immer das funktioniert.
Jedenfalls, dieser Typ bemerkte Roberto dabei, wie er Elenas Mappe durchblättern wollte, und stellte ihn zur Rede. Soviel dazu.

Nun also wirkte Edward sein Geruchsverstärkerritual, wobei der kleine Hund Snowball lustigerweise ständig um ihn herumwuselte und das, noch lustigerweise, Edward überhaupt nicht störte. Trotz, oder wegen, der Ablenkung gelang das Unterfangen, und Edward sagte, er habe Edies Geruch fest in der Nase.

Wir, oder besser Edward, folgte der Witterung, die schließlich hinunter zum See führte. Hier, abseits vom Pfad, bemerkte dann auch ich Spuren: die Abdrücke von bloßen Füßen. Da wurde die vage Sorge um Edie zum ersten Mal zu einem richtig, richtig schlechten Gefühl.

Und dann, am Ufer angekommen, sahen wir sie: Edie trieb ausgebreitet im See, von ihrem Haar umweht wie von einer Wolke. Malerisch. Zu malerisch. Wir stürzten uns sofort ins Wasser, holten sie ans Ufer, begannen mit Beatmung, aber es war zu spät. Wir konnten sie nicht mehr retten. Edies Leichnam sah ruhig aus, ernst und gefasst, wie eine Lady in einer mittelalterlichen Ballade. Oder in einem Gemälde.

Natürlich wurde sofort die Polizei verständigt. Alles stand unter Schock – stehen noch, um ehrlich zu sein. Jeder wurde verhört, natürlich. Und alle spekulierten, was denn wohl da geschehen sein mochte. Ein Unfall, dass Edie spazieren gegangen und am Abhang gestürzt war, immerhin gibt es da überall sehr steile Stellen? Selbstmord vielleicht, als Nachwirkung des Rituals, dass Edie das nicht verkraften konnte, was sie am Abend zuvor in der „Sight“ gesehen hatte?

Wobei diese letztere Überlegung nur unsere eigene war, bzw. wir diese Theorie nur mit Vanessa Gruber besprachen. Die hatte ja gestern noch mit Edie gesprochen, aber diese hatte alles verleugnet, was irgendwie nach Magie und Übernatürlichem klang, hatte das alles auf einen Drogentrip geschoben, und zwar sehr vehement, ebenso wie der Vorfall den anderen Gästen als fehlgeschlagenes Drogenexperiment verkauft worden war. Und so war ein verbleibender Drogeneinfluss tatsächlich auch für die Polizei und die übrigen Lodge-Besucher die wahrscheinlichste Todesursache. Mit diesem Urteil zogen die Beamten dann auch erst einmal wieder ab. Colby nahmen sie allerdings mit, da der, noch vom Ritual verstört, sich so seltsam benahm. Immerhin scheint der Vorfall Danny aus seiner „Ich bin ein Baum“-Phase gerissen zu haben, was nur ein schwacher Trost ist, aber wenigstens etwas. Ich bin selbst auch noch ziemlich aufgerüttelt, deswegen habe ich mich zum Schreiben zurückgezogen. Vielleicht beruhigt mich das etwas.

Eben hat Roberto uns alle – bis auf Totilas, der noch unterwegs ist – zusammengetrommelt, mit einer üblen Nachricht.

Maggie und Hattie, Margos ältere Freundinnen, kamen von ihrer Wanderung zurück, gerade als die Polizei uns alle vernahm.
Und Roberto hatte plötzlich einen Einfall, eine Art Intuition, die ihn dazu brachte, sich die beiden rüstigen alten Damen einmal in der „Sight“ anzusehen. Wir waren ja dabei, und für uns sah es in dem Moment so aus, als lege Hattie ihm tröstend die Hand auf den Arm. Aber für Roberto, in der „Sight“, waren es Klauen, die nach ihm griffen, und die alten Damen Hexen, Baba Yagas, wie Roberto sagte.

Von diesem neuen, erschreckenden Wissen ausgehend, untersuchten wir die Baumgebilde im Wald noch einmal, und Alex stellte fest, dass tatsächlich die beiden Rentnerinnen die Dinger aufgestellt hatten. Auch waren sie es wohl, die das Wolfsgeheul imitierten, vermutlich, um eine gruselige Stimmung zu verbreiten.

Oh Mann. Sollten die beiden etwas mit Edies Tod zu tun haben? Oder doch Elena? Immerhin vermuten wir ja schon seit gestern, dass sie irgendwie die Dinge, die sie zeichnet, wahr werden lassen kann. Wie schwer wäre es ihr gewesen, ein Bild von Edie tot im See zu malen, das dann irgendwie in Erfüllung gegangen ist? Und sie sah nicht sehr glücklich aus, dass ich gestern Abend nach dem Ritual so viel Zeit mit Edie verbrachte, um sie nach ihrem Schock zu beruhigen…
Aber – ¡Dios no lo quiera! – wenn es Elena war, weiß sie dann, was sie tut? Sie steht ja selbst auch bereits unter dem Einfluss ihres Malblocks…

Ich muss mit Elena reden. Vielleicht kann ich etwas herausfinden. Oder wenigstens mir ihre Bilder mal ansehen. Wir hatten ja ausgemacht, dass sie mir ihre Entwürfe für Indian Summer zeigen will, also wird es noch nicht einmal auffallen, wenn ich das Thema auf ihre Zeichnungen bringe. Roberto will den Aufpasser spielen – sprich, er geht unabhängig von mir in den Salon, um dort zu lesen, und für Elena und mich ist das auch der natürliche Ort, um sich ihre Bilder anzusehen. Ich hoffe ja, Robertos Vorsicht ist unnötig. Aber selbst wenn ich bisweilen ein bisschen naiv sein mag: So naiv, dass ich sein Angebot ablehnen würde, bin ich nicht.

Ich habe die Bilder gesehen. Und ja, Elena kann unglaublich gut zeichnen. Aber es war irgendwie schon ein bisschen beunruhigend, dass auf allen Bildern Eric Albarn so aussah wie ich. Während ich so durch die Zeichnungen blätterte – ihren Malblock hatte Elena natürlich auch dabei, sie scheint ja nirgendwo ohne den hinzugehen, aber den gab sie nicht aus der Hand, sondern zeigte mir nur ihre Mappe – kam ich auf einmal an einige Blätter, von denen Elena anscheinend gar nicht mehr gewusst hatte, dass sie ebenfalls in der Mappe lagen. Es waren Zeichnungen von Eric Albarn, also von mir im Prinzip, und von dem Schauspieler Orlando Bloom, genauer gesagt, von dem von ihm im Herrn der Ringe gespielten Charakter Legolas. Und die beiden Charaktere auf den Bildern … ähm. Bei von Fans geschriebenen Kurzgeschichten nennt man das wohl „Slash-Fiction“, dann war das hier wohl „Slash-Art“.

Madre de Dios, es war ja sogar mir ein bisschen peinlich, diese höchst privaten Bilder gesehen zu haben. Aber Elena erst! Als sie merkte, was ich mir da ansah, quiekte sie wie ein Teenager, lief blutrot an und rannte davon. Die Mappe vergaß sie in ihrer Bestürzung.

Es hätte keinen Sinn gehabt, ihr in diesem Moment nachzulaufen, glaube ich, und ich wollte ja ohnehin in den Zeichnungen nach einem Anhaltspunkt suchen. Also habe ich mir den Rest der Mappe auch noch angesehen. Irgendwelche Motive, die mit dem zu tun hatten, was Edie geschehen ist, habe ich nicht gesehen, was für die Theorie spricht, dass Elena – wenn sie diejenige ist – diese Zeichnungen nur in ihrem Malblock hat.

Aber etwas anderes habe ich gesehen. Unter den Entwürfen für Indian Summer war auch ein Bild vom Showdown in der Westernstadt. Und die Zeichnung war haargenau eine Abbildung des Filmsets vom letzten Frühjahr. Nun war das Filmset ja relativ genau nach dem Buch erstellt worden, aber es waren einige Elemente im Buch nicht explizit beschrieben, die aber beim Dreh zu sehen waren, und auch die hatte Elena auf ihrer Zeichnung verewigt. Allen voran das Totem, hinter dem die Bucas her waren, und dessen Aussehen ich im Buch nie genau ausformuliert hatte. Aber Elena hatte genau das Totem aus dem Film gezeichnet, und davon konnte sie nichts wissen. Mierda.

Während ich Roberto noch davon erzählte und ihm die Zeichnung vom Filmset zeigte, kamen Hattie und Maggie herein und brachten selbstgebackenen Apfelkuchen. „Zum Trost nach dem tragischen Vorfall“, wie sie sagten. In unserem Wissen um die beiden nahmen wir uns zwar ein Stück, taten aber nur so, als würden wir davon essen, und nahmen den Rest „für später“ mit. Alle anderen jedoch schlugen mit Begeisterung zu, und die beiden alten Damen wirkten glücklich, dass ihr Kuchen solchen Anklang fand.

Sobald wir konnten, zogen Roberto und ich uns zurück, um die anderen zu suchen und ihnen Bericht zu erstatten. Alex hatte inzwischen aus Robertos Aftershave einen Brandbeschleuniger gebastelt, als „Plan B“, falls Elenas Malblock schnell Feuer fangen müsse. Den Feuerlöscher hatte er auch gleich aus dem Bus geholt und bereit gemacht. Sicher ist sicher.

Roberto und Edward untersuchten den Kuchen, allerdings nicht über Robertos „Sight“, sondern per magisch-chemischer Analyse. Der Kuchen ist nicht giftig, stellten sie fest, aber er macht den Essenden empfänglicher für Einflüsterungen und Beeinflussung aller Art.

Über diesen Fund, und über die Tatsache, dass die beiden Rentnerinnen Hexen sind, informierten wir umgehend Ms. Gruber. Vanessa reinigte sich magisch von dem Kuchen und beteiligte sich dann an unserem Rätselraten. Planen die Hexen etwa ein Ritual auf Wizard Island? Weiß Elena, was sie tut, oder steht sie unter dem Einfluss der beiden alten Damen, oder ihres Malblocks, oder beider? Wir wissen es nicht, wir können es nur vermuten.

Irgendwann kam dann auch Margo zurück aus der Stadt, wo sie ja beim Arzt gewesen war, und wurde über die neuesten Entwicklungen informiert. Über Edies Tod war sie natürlich völlig geschockt. Ich sprach kurz mit ihr, fragte sie nach ihrer Beziehung zu Maggie und Hattie. Die beiden hätten ihr die Lodge empfohlen, sagte sie. Und „Die sind echt lieb.“ Aber wie sie das sagte, klang heruntergeleiert. Auswendig gelernt. Ein Automatismus.

Das Abendessen kochte übrigens Alex, ein Chili con Carne – oder, in seinen Worten, ein Chili con Durchfall. Wir selbst haben natürlich nichts davon gegessen, sondern wieder nur getan, als ob, aber so hoffen wir, den magischen Apfelkuchen aus den anderen herauszubekommen. Nicht dass die Hexen in der Nacht die ganze Belegschaft auf Wizard Island locken wollen.

Totilas ist noch nicht wieder da, aber wenn der bis Eugene gefahren sein sollte statt nur bis Klamath Falls, ist das auch kein Wunder.

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