Miami Files – Proven Guilty 5

So sehen also Feen-Gerichte aus.

Roberto in seinem Liberace-Mantel, der, dem Anlass gemäß, wie ein Talar aussah… wie ein glitzernder, mit Pailetten besetzter Talar, wohlgemerkt. Dazu eine weißgepuderte Perücke à la britischen Richtern, die ebenfalls irgendwie zu glitzern schien.
Edward ebenfalls in einem Talar, aber einem alten, abgetragenen, der nicht sonderlich viel hermachte. Seine Perücke war auch schon etwas abgewetzt und glitzerte definitiv nicht.
Catalina Snow in einem langen, braunen Mantel und einem Cowboyhut.
Hurricane im Anzug, Colin – als wahrer Vertreter des Sommers – im Hawaii-Hemd.

Was für eine Mischung.

Auch diverse Zuschauer waren anwesend, darunter Pan, Tanith, einige Ritter, Lady Fire, Sergeant Book und – zu unserer nicht geringen Überraschung – auch George. Der thronte in seiner graugewandeten Menschengestalt neben dem Sergeant, und wir setzten uns zu den beiden.

Hurricane als Ankläger trug die Beschwerden vor. „Störung des Festfriedens“ war der Vorwurf, der Antoine für die Vorfälle am Strand gemacht wurde. Und dann kam noch eine zweite Anklage: gegen Sergeant Book, weil die Insel der Jugend entweiht worden sei.

Damit hatte offensichtlich niemand gerechnet – niemand außer Edelia Calderón und Sir Kieran jedenfalls. Während wildes Getuschel auf den Besucherbänken ausbrach und Sergeant Book sich hektisch zu George umdrehte und diesem eine Frage zuzischte, sahen die Santería und der Sommerfae wieder genauso zufrieden aus wie am Tag zuvor, als sie Hurricane diese Anklage wohl vorgetragen haben mussten.

George und Sergeant Book waren heftig am Diskutieren. Der alte Polizist wollte von unserem Traumfresser-Freund wissen, ob jemand über die Träume zur Insel der Jugend gelangt sein könnte, aber das verneinte George vehement. Das wüsste er!

Da ich neben George saß, fragte ich ihn leise, was es mit diesen Traumwegen auf sich habe, über die man auf die Insel der Jugend gelangen könne. Er erklärte mir ebenso leise, dass die Insel nur von einem Schiff erreicht werden könne, das rückwärts gegen den Wind segelt. Und das gehe eben eigentlich nur im Traum. Im Traum, oder… mit einem magischen Schiff vielleicht, das seit mehreren hundert Jahren dazu verflucht ist, ohne Rast und Ruhe über die Meere zu segeln?
Hat vielleicht Joseph Adlene auf seiner frenetischen Suche nach dem Jungbrunnen einen Handel mit dem Fliegenden Holländer abgeschlossen, weil er diesen auf der Insel der Jugend vermutet?
Wobei Hans Vandermeer selbst ja seit etlichen Monaten an Land ist – seit Roberto es ihm an dem Tag in der Galerie erlaubt hat, um genau zu sein. Aber seine Mannschaft ist ja noch an Bord. Vielleicht gab es einen Handel mit denen?

Oben am Richtertisch wurde inzwischen beschlossen, den Prozess zu unterbrechen und in drei Tagen wieder aufzunehmen. Edward und Roberto hätten zwar auch alleine die Mehrheit gehabt, aber Catalina Snow stimmte ebenfalls dafür. Sie denkt nämlich ebenfalls, dass hier etwas mehr als faul ist, dass Antoine wohl ans Messer geliefert werden soll, sagte sie den beiden.

Roberto und Edward kamen von ihrem Podest herunter, und ehe wir zu Sergeant Book hinübergingen, wechselten wir erst einmal einige Worte untereinander.
Lady Fire will ja ziemlich offensichtlich Pan absetzen. Und tatsächlich ist der gute Pan alles andere als ein idealer Sommerherzog. Das war er damals schon nicht, als Titania uns die Entscheidung überließ. Dummerweise aber ist Lady Fire noch immer genausowenig eine Option wie damals.
Sir Kieran wäre als Nachfolger Pans deutlich besser geeignet als Lady Fire – und er kann wenigstens nur Roberto nicht leiden, während Lady Fire uns, bis auf Alex, alle hasst. Wobei sie Alex sogar mag, oder wenigstens in seiner Schuld steht, weil er sie damals vor den Bucas gerettet hat.

Noch eine wichtige Frage drängte sich uns in dem Moment förmlich auf. Antoine wollte Pan nicht sagen, wo seine Drogenkräuter herkommen. Und das, obwohl der Sommerherzog es ihm befohlen hatte. Er hat seinem Feudalherren widerstanden, also muss ihm das Versprechen, das er gegeben hatte, sehr wichtig gewesen sein. Also wo kommt das Zeug her?

Und auch Sergeant Book muss übrigens ein ziemlich hochrangiger Wyldfae sein, wo wir schon mal dabei sind, wenn er sich so offen gegen Pan stellen und das Hohe Gericht einfordern konnte.

Aber das waren alles erst einmal nur Gedankenspiele. Wir brauchten mehr Informationen. Gemeinsam mit Catalina setzten wir uns also mit Sergeant Book und George zusammen, um mit den beiden noch einmal genauer über die Insel der Jugend und diesen so plötzlich aufgetauchten Vorwurf zu sprechen.

Dabei erfuhren wir folgendes: Die Insel der Jugend stabilisert das Nevernever, und davon soll eigentlich niemand wissen. Auch dass sich der Jungbrunnen dort befindet, ist eine Information, die eigentlich niemand bekommen soll. Wer darf denn auf die Insel? Eigenlich jeder, der dorthin findet. Aber man darf eben nichts von dort wegnehmen, und Menschen dürfen nur einmal in 99 Jahren aus dem Brunnen trinken, weil er sonst zu sehr geschwächt würde.

Etwa in diesem Moment, oder vielleicht auch schon kurz vorher, flog plötzlich ein Gedanke im Raum herum – ich weiß nicht einmal, wer von uns ihn aussprach: „Sag mal, Edward, wie ist deine Mutter eigentlich so jung geworden?“

Wir hatten immer vage gedacht, das liege irgendwie an Antoines Feenmagie, oder an Antoines Drogen, aber was, wenn Mrs. Parsen an den Jungbrunnen geraten war? Wenn schon jemand anderes in den letzten 99 Jahren daraus getrunken hätte, dann wäre das ein Grund für die von Sir Kieran und Ms. Calderón angeklagte Entweihung…
Und tatsächlich konnten Sergeant Book und George uns bestätigen, dass der Brunnen zuletzt in den 1930ern von einem Menschen genutzt worden sei. Mierda..

Und noch eine andere Idee stand plötzlich im Raum, mindestens ebenso besorgniserregend: Adlene. Ehe wir unsere Masche mit dem Verjüngungsritual durchzogen, war er geradezu besessen davon, den Jungbrunnen zu finden. Tió, als wir Adlene zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, war das in dieser Galerie, in dieser Ausstellung über maritime Kunst. Und wer war da noch, umringt von einem Rudel hübscher Frauen? Niemand anderes als Hans Vandermeer, dem just zu dieser Gelegenheit Roberto in Titanias Namen die Erlaubnis gab, an Land zu bleiben, und der sich über diese Erlaubnis so unendlich gefreut hatte.

Was, wenn Adlene gewusst hatte, dass eine Ausstellung über Schiffe, an dem einen Tag, an dem er an Land gehen durfte, natürlich eine starke Anziehungskraft auf den Fliegenden Holländer ausüben würde? Was, wenn der Nekromant gehofft hatte, Vandermeer dort zu begegnen – oder gar ein Treffen mit ihm ausgemacht hatte – eben in der Absicht, von ihm auf die Insel der Jugend mitgenommen zu werden?

Danach mussten wir Hans fragen. Aber zuerst fragten wir George, ob er uns zu der Insel bringen könne. Ja, erklärte mein kleiner Wyldfae-Freund, das könne er, aber wir müssten versprechen, von dort nichts wegzunehmen.

Hans wiederum, als wir ihn gefunden hatten, konnte sich an Adlene erinnern. Der habe ihn angesprochen, Hans habe ihn aber weggeschickt und darauf bestanden, er wisse nicht, wovon der Mann rede. Immerhin sei das den Kerl nichts angegangen. Ob Adlene daraufhin seinen ersten Maat kontaktiert habe, wusste Hans nicht, denn er sei ja nach dem Besuch der Ausstellung nicht mehr auf die Titania zurückgekehrt.

Aber, ja, das Schiff komme regelmäßig in der Nähe des Piers vorbei. Es lege natürlich nie an, aber man könne hinrudern. Wann es denn das nächste Mal vorbeifahre, konnte Hans uns allerdings aus dem Kopf nicht sagen. Er verschwand und kam eine Stunde später mit einer alten, vielbenutzten Seekarte zurück, rechnete mit der Kompass-App auf seinem Handy eine Weile daran herum und erklärte schließlich, dass die Titania morgen früh zwischen 03:54 und 03:57 vor der Küste liegen werde.

Seinen ersten Maat zu kontaktieren, weigerte der Holländer sich aber vehement – und überhaupt sei das Schiff vermutlich gerade im Nevernever unterwegs, da Fritz eine Fehde mit diesem Piraten habe, Miguel de Sangrado.
Der Name ließ mich blinzeln. Miguel de Sangrado? Irgendein Glöckchen klingelte da, aber ich konnte nicht genau sagen, woher mir der Name bekannt vorkam.

Lange darüber nachdenken konnte ich aber nicht, denn die anderen fragten Hans schon weiter aus. Was für ein Typ dieser erste Maat so sei, und was Hans uns über ihn erzählen könne. Fritz von Wille heiße er, und er sei ein beständiger Typ. Kein Trinker. Teufel und Dämonen seien ihm egal; er würde mit jedem einen Handel abschließen, wenn die Bezahlung stimme. Also auch Adlene, war die unterschwellige Aussage. Mierda.

Wie es überhaupt zu dem Fluch gekommen sei, dem Hans unterliege, wollten wir noch wissen. Er habe einen Handel mit Titania geschlossen, erzählte der Holländer, und er habe gegen den Handel verstoßen. Es hatte irgendwas mit seinem Versuch zu tun, das Kap Horn umsegeln zu wollen, aber so ganz schlau wurde ich aus seinen Angaben nicht. Aber Hans ging auch nicht groß ins Detail, um ehrlich zu sein.

Die Kette, die er so dringend wiederhaben will, hat jedenfalls nichts mit dem Fluch zu tun, sondern die hatte Hans von Titania zur Aufbewahrung erhalten, weil die Feenkönigin der Ansicht war, auf seinem Schiff sei sie sicher. Und ja, Cherie hatte sich an Bord des Schiffes aufgehalten, als sie die Kette an sich brachte. Denn vor dem Treffen mit Roberto in der Galerie hatte Hans ja jeweils nur einen Tag in 100 Jahren an Land gekonnt, und nein, so lang sei der Verlust der Kette noch nicht her.

Apropos Frauen an Bord: Jetzt, wo wir Hans greifbar hatten, fragten wir ihn nach unserer Theorie bezüglich Marie Parsen. Ja, bestätigte der Holländer: Vor einigen Jahren, als er noch an Bord war, habe die Titania mal einen Pooka und eine Menschenfrau mitgenommen, auf eine „romantische Kreuzfahrt“ für die Freundin des Fae. Und ja, da hätten sie auch vor der Insel der Jugend geankert. Die Crew hätte zwar nicht von Bord gekonnt, aber das Pärchen sei an Land gegangen. Und als sie wiedergekommen seien, hätte die Frau deutlich jünger ausgesehen.

Mierda. Dann ist Antoine zwar unschuldig, was die Störung des Festfriedens betrifft, aber dafür trifft ihn die Schuld in dem deutlich schlimmeren Anklagepunkt. Coléra!

Nur… etliche Jahre lang wusste keiner von dem Vergehen, nicht einmal Sergeant Book, der Verantwortliche, der von der Anklage völlig überrumpelt wurde. Also wie zum Geier haben Sir Kieran und Ms. Calderón davon erfahren?
Das ist eine Frage, die wir keinesfalls aus dem Auge verlieren sollten, auch wenn wir sie momentan nicht beantworten können.

Zurück im Precinct teilte Edward seinem Vorgesetzten mit, dass das Schiff des Fliegenden Holländers in der Lage ist, zur Insel der Jugend zu gelangen. Der Sergeant bedauerte zwar, dass dessen Kapitän derzeit nicht an Bord sei, aber dann müsse man halt mit dem ersten Offizier reden. Zu diesem Zweck schickte er Suki Sasamoto los, die ja als halbe Nixe leicht zu dem Schiff hinkommt. Suki gab sich ein wenig spitz: Ob die Titania versenkt werden solle, ja, nein? Nein, natürlich nicht, war unsere indignierte Antwort. „Püh, ihr entscheidet sowas ja öfter mal aus der hohlen Hand heraus“, schoss Suki zurück und schien fast ein wenig enttäuscht, als wir nochmals mit Nachdruck bekräftigten, dass das Schiff nicht versenkt werden würde. Dann zog sie los.

George erklärte sich währenddessen bereit, uns durch das Nevernever zu der Insel der Jugend zu führen, falls dies nötig werden sollte, sprich, falls sich herausstellen sollte, dass Marie sich dort befände. Edward und ich kennen ja beide seinen Wahren Namen und können ihn im Zweifelsfall rufen.

Nächste Station: Unser alter Raddampfer in den Everglades. Alex brachte uns samt Schiff ins Nevernever, wo Edward erneut sein Ritual abzog, um seine Mutter zu finden. Unterstützt wurde er dabei von Roberto, dessen Liberace-Mantel hier seltsamerweise wie ein Ballkleid aussah. Beinahe wäre der Zauber missglückt, weil unser Freund in dem Aufzug einfach zu schräg aussah und Edward kopfschüttelnd immer wieder zu ihm hinüberschielte, aber dann riss er sich doch zusammen und beendete den Spruch erfolgreich.

Seit er die Fährte aufgenommen hat – für Edwards Sinne ein schwacher Geruch nach seiner Mutter, der über das Wasser zog und gar nicht so leicht zu verfolgen ist, weil er bisweilen einfach wegweht – gibt es für uns andere (bis auf Alex, der steuert) nicht sonderlich viel zu tun. Also habe ich mich samt Tagebuch an Deck gesetzt und die Ereignisse des Tages aufgeschrieben. Aber jetzt bin ich erst mal soweit auf dem Laufenden, also gehe ich jetzt zu den anderen.

Mierda. So kommen wir nicht weiter. Wir tuckerten weiterhin gemächlich durch das Nevernever, als irgendwann ein graugewandeter Schiffsjunge an Bord auftauchte. George. Er wollte uns zeigen, wie man rückwärts gegen den Wind kreuzt, aber das geht mit einem Schaufelraddampfer nun mal nicht, dazu braucht es Segel. Also müssen wir wohl doch auf die Traumpfade zurückgreifen. Hurra.

Wir liegen vor Anker. Alex kannte da einen sicheren Ort, eine idyllische Insel mit einer geschützten Bucht. Die Tiere der Feenwelt halten sich von unserem Schiff fern, weil so viel Eisen daran ist.
Das heißt, wir werden uns jetzt hier schlafen legen und hoffen, dass George uns aus unseren unterschiedlichen Träumen einsammeln kann. Und dann schauen wir mal, ob wir zu dieser ominösen Insel der Jugend hinkommen. Gute Nacht… oder so.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter FATE, Miami Files, Pen & Paper

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s