Miami Files – Proven Guilty 6

Als wir – ich hätte beinahe gesagt „aufwachten“, aber das genaue Gegenteil ist ja der Fall – als George uns also im Traum alle zusammengebracht hatte, fanden wir uns in einer grauen Segelyacht wieder, die, weil kleiner, einfacher zu handhaben war als ein ausgewachsenes Schiff.

Ehe George uns zu der Insel führte, mussten wir ihm versprechen, nichts von dort mitzunehmen – nicht einmal Antoine und Marie, solange diese nicht von selbst die Insel verließen. Wir gaben alle unser Wort, aber das von Totilas genügte unserem Wyldfae-Freund nicht. Denn Totilas hat ja schon einmal einer Fee gegenüber einen Eid nicht gehalten – und dieser Wortbruch ist ihm anscheinend heute noch anzusehen. George war unerbittlich, und erst, als ich für Totilas bürgte, lenkte er ein.

Von der Fahrt selbst weiß ich gar nicht mehr so viel. Wie so oft bei einem Traum, sind nur noch einzelne Fetzen und unzusammenhängende Bilder übrig. Wir fuhren in unserem grauen Boot über das graue Meer. Ein Zirkus tauchte auf, an dem wir vorbeifuhren. Die Wellen wirkten überscharf, nicht richtig real. Die Segel unserer Yacht falteten sich auf einmal ineinander wie bei einem Escherbild. George nahm einen Spiegel und spiegelte den Wind in die Segel. Kurze Zeit lang standen drei Vollmonde am Himmel, wurden aber – zum Glück für Edward – sehr schnell zu Sicheln.

Und ich stellte mit einem Mal fest, dass mein Arm verbrannt war. Keinerlei Hinweis darauf oder Erinnerung daran, wie das geschehen war, Traumlokik eben. Aber Traumlogik hin oder her, weh tat das verdammte Ding trotzdem. Au. Aber irgendwie fühlte es sich auch richtig an. Nein! Tat es nicht!. Cólera. George, der irgendwie auch einen rußgeschwärzten, angekokelten Eindruck machte, erklärte jedenfalls, er habe das Feuer ausgemacht. Puh. Danke dir, kleiner Kumpel.

Irgendwann tauchte am Horizont eine Insel auf, und George, im Gegensatz zu mir nicht mehr verrußt, setzte in einer kleinen Bucht den Anker. Dann produzierte er von irgendwoher eine Thermoskanne mit Kaffee: immerhin müssten wir auf der Insel ja wach sein. George selbst werde mit dem Boot vor der Insel bleiben; sobald wir zurück wollten, müssten wir nur wieder einschlafen.

Tatsächlich ließ das starke Gebräu uns aufwachen: Das seltsame graue Meer war verschwunden, George und die Yacht ebenfalls, und wir standen am Ufer einer Karibikinsel, laut, lebendig, leuchtend. Kreischende Papageien, lianenbehängte Bäume, farbenfrohe Blüten, strahlender Sonnenschein und warme, freundliche Schatten.

Sagte ich „lebendig“? Alles hier lebte. Keine abgestorbenen Äste an den Bäumen, von völlig toten Bäumen ganz zu schweigen. Die Büsche trugen keine verwelkten Blüten, und es war kein Tierkadaver in Sicht. Für die meisten von uns – für mich jedenfalls – war es abgesehen davon eine ganz normale, exotische Karibikinsel, aber als Alex sich umsah, stellte er fest, dass er höchstens die Hälfte der Pflanzen hier kannte.

So oder so, es war einfach idyllisch, der perfekte Ort für einen entspannten Urlaub. Überhaupt waren wir alle – mit einer Ausnahme – herrlich entspannt. Mein Arm tat nicht mehr so weh, und es war einfach unmöglich, sich an diesem Ort nicht rundum gut zu fühlen. Die eine Ausnahme war Roberto, der Titanias Kette trägt, seit Edward sie ihm wiedergegeben hat, weil ihm das auf die Schnelle als der sicherste Ort dafür erschien. Die Kette jedenfalls, oder ihr Gefühl davon um Robertos Hals, war nicht entspannt. Sie gehöre einfach nicht hierher, erklärte unser Freund, als wir ihn auf seine offensichtliche Anspannung ansprachen. Es sei kein unangenehmes Gefühl, aber in der Kette verspüre er ein Gefühl von Ernsthaftigkeit, das nicht zu der restlichen relaxten Stimmung hier passen wolle. Auch warf die Kette an seinem Hals härtere Schatten als die weichen Schatten, die sonst hier überall zu sehen waren.

Während wir uns so unseren Weg über die Insel suchten, hörten wir irgendwann Säbelgeklirre in einiger Entfernung. Im Näherkommen sahen wir dann, dass auf einem waagrecht gewachsenen Baumstamm eine junge Frau in Seemannskleidung – Marie Parsen – sich ein Duell mit einem in ein Piratenkostüm gewandeten Kerl lieferte. Es war kein Training, kein Schaukampf, sondern bitterer Ernst, soviel stand sofort fest – aber trotzdem hatte das Ganze irgendwie ein… wie sage ich das… hollywoodartiges Gepräge. Hin und her wogte das Gefecht, bis Marie eine Liane packte und den Mann vor die Brust trat, so dass dieser zu Boden fiel. Der Pirat rief etwas von „Das wirst du bereuen!“ und rannte davon, während Marie ihm ein triumphierendes „HAHA!“ hinterherwarf.

Erst dann, als sie von ihrem Baumstamm herunterkletterte, bemerkte Marie uns, zu ihrer sichtlichen Überraschung. „Edward, was machst du denn hier?“
Edward erklärte, dass wir auf der Suche nach Antoine seien, aber den hätten die Piraten gefangengenommen, erwiderte Marie. „Wir werden ihn schon raushauen“, fügte sie dann noch, ziemlich nonchalant und gleichzeitig völlig überzeugt, hinzu.
Das war dann der Moment, wo Edward seiner Mutter klarmachte, dass Antoine vor richtigen Problemen stand.
„Ach, wegen der Verhandlung“, antwortete diese, noch immer ganz locker. „Ja, da kam so ein Sturmvogel deswegen. Der müsste demnächst wieder auftauchen; er weiß, wo Antoine ist.“
Der Sturmvogel, stellte sich heraus, hatte Antoine die Vorladung zur Gerichtsverhandlung gebracht, aber sich nicht näher dazu geäußert. Marie ging also davon aus, dass es sich dabei um die Sache mit den Drogen handele. Das sei noch das Harmlosere, hielt Edward dagegen.

Natürlich fragten wir Marie weiter aus. So erfuhren wir, dass sie auf der Kreuzfahrt mit der Titania tatsächlich, wie wir ja schon erfahren hatten, hier vor Anker gegangen waren. Bei der Erkundung der Insel hatten die beiden sich getrennt: Während Antoine nach Kräutern suchte, war Marie über einen Brunnen gestolpert und hatte daraus getrunken, einfach weil sie durstig war, nicht weil sie gewusst hatte, um was es sich da handelte.
Antoine habe dann diese Kräuter gefunden, die für seine Zwecke geradezu ideal geeignet waren, habe aber der Insel versprechen müssen, niemandem zu sagen, wo er sie her habe.

Die Insel sei einsam, erklärte Mrs. Parsen noch, ihr sei langweilig. Es sei ja nie jemand da. Naja, wobei, jetzt wären die Piraten da. Die seien ihnen gefolgt, Miguel de Sangrado habe da diese Fehde mit Fritz von Wille. Wie die Piraten denn überhaupt zu der Insel hatten gelangen können, wollten wir wissen. Oh, Sangrado habe inzwischen herausgefunden, wie man rückwärts gegen den Wind kreuze.

Cólera y mierda. Weiß denn inzwischen jeder, wie das funktioniert?
„Na ihr wisst es doch auch“, konterte Marie leichthin, als Edward genau dieser Kommentar (allerdings ohne die spanische Einlassung und deutlich grummeliger) herausrutschte.
„Wir haben Experten gefragt“, knurrte Edward.
„Vielleicht hat Sangrado auch einen Experten gefragt?“, lächelte seine Mutter.

Irgendwie nahm Mrs. Parsen die ganze Sache ziemlich leicht. Nur eines brachte sie in Rage. Da sei diese Piratenbraut, oder Opernsängerin, oder beides, Sangrados Tochter oder so, Esmeralda mit Namen, die ein Auge auf Antoine geworfen habe. Maries Augen blitzten gefährlich, als sie das sagte, also lenkten wir ab, indem wir sie nach dem Mann fragten, der derzeit das Kommando über die Titania innehat. Der erste Maat sei sehr nett, sagte Marie überzeugt: ganz anders als der Kapitän, dieser Arsch.

Das war der Moment, in dem der bereits erwähnte Sturmvogel zurückkam. Er schüttelte indigniert die Federn, als er feststellte, das zwei der drei Richter den weiten Weg zurückgelegt hatten. Dann könne das Gericht ja jetzt hier zusammenkommen. Nein? Schade aber auch.

Wo Antoine sei, wollten wir von dem Vogel wissen. Im Lager der Piraten, antwortete der, dort werde er von dieser Frau besungen. Na dann solle er uns doch bitte den Weg dorthin zeigen, forderten wir ihn auf. Das tat der Vogel, aber während er langsam vorausflog, hörte man ihn schimpfen: „Sommerfeen. Wyldfae. Menschen. Es ist doch immer dasselbe.“

Der Vogel sei ständig am Zetern, vertraute Mrs. Parsen uns an. Ganz wie Edward. Marie grinste ihren Sohn an, als sie das sagte. Aber Edward könne man mit Kuchen ruhigstellen – den Vogel vielleicht auch? Aber hier gab es keinen Kuchen – höchstens Kräuter. Und nein, Kräuter würde der Vogel definitiv nicht bekommen, erklärten wir bestimmt – immerhin hatten wir versprochen, nichts von der Insel mitzunehmen.
„Och, die Insel hätte sicherlich nichts dagegen“, befand Marie.

Hmmmm. Unser Versprechen konnten wir natürlich nicht brechen. Aber wenn die Insel eine Persönlichkeit hatte und Marie und Antoine mit ihr gesprochen hatten, dann konnten wir auch mit ihr reden. Und vielleicht konnten wir sie – ihren Avatar, um genau zu sein – mitnehmen zur Gerichtsverhandlung, damit sie dort ihre Aussage machen und Antoine entlasten könnte?

Aber erst einmal mussten wir Antoine befreien. Also auf zum Lager der Piraten.
Schon von weitem hörten wir einen Chor aus Männerstimmen, die ein Seemannslied sangen, darüber ein klarer Opernsopran. Im Näherkommen sahen wir dann auch die Szenerie dazu: Ein Lagerfeuer am Strand, neben dem die singenden Piraten – sechs an der Zahl – standen. Ein großer Felsen, an den Antoine gefesselt war, einen trotzigen Ausdruck im Gesicht, während eine schwarzhaarige Frau in einem grünen Kleid vor ihm stand und ihn ansang. Am Strand lag ein Ruderboot, mit dem die Piraten offensichtlich an Land gekommen waren, auf das im Moment aber niemand achtete.

Uns hatte auch noch niemand bemerkt. Alex nickte mit dem Kinn zu dem Boot hin und machte sich dann in diese Richtung auf. Edward hingegen… von Edward kam plötzlich ein lautes „Arr! Auf sie!“
Das ließ uns alle stutzen, und als wir erstaunt zu ihm hinsahen, war seine Kleidung mit einem Mal piratenartiger geworden: ein weißes Rüschenhemd mit V-Ausschnitt, eine schwarze Pluderhose, schwarze Stiefel und ein roter Schärpengürtel.

Ehe wir ihn aufhalten konnten, war Edward schon mit festen Schritten zu der dunkelhaarigen Piratin geeilt, hatte sie umfasst und küsste sie leidenschaftlich. Deren Männer waren überrascht, aber nicht so überrascht, dass sie nicht alle ihre Säbel gezogen hätten. Und auch die Frau selbst war nicht so überrascht, dass sie Edward nicht eine schallende Ohrfeige gegeben hätte.

Edward lächelte die junge Dame an, und er klang wie der charmanteste Mantel-und-Degen-Held, den Hollywood je gesehen hat. „Mein Name ist Edward, und ich will Euch singen hören, schöne Lady!“
Totilas warf eine Herausforderung in den Raum: dass Esmeralda gar nicht singen könne, denn wenn sie es könnte, dann würde sie es jetzt schon tun.

Dieses ganze Gerede von Musik, und von einer singenden Dame… Da stand eine alte Gitarre an einen der Sitzsteine gelehnt, und mit einem Mal überkam mich der unbändige Drang, Esmeraldas Gesang zu begleiten oder am besten gleich dem Paar zum Tanz aufzuspielen. Es war völlig selbstverständlich, dass ich das tat, denn ich war Joaquin el guitarero, und das da drüben war meine Gitarre!

Also zögerte ich nicht lange, schnappte mir das Instrument und spielte auf, eine feurige spanische Melodie in vollendeter Perfektion – und das, wo ich doch eigentlich gar keine Gitarre spielen kann. Aber in dem Moment war ich ja auch felsenfest davon überzeugt, Joaquin zu sein und nicht Ricardo. Und Edward und Esmeralda begannen tatsächlich, zu meiner Musik zu tanzen.

Roberto zog sein Handy heraus, das hier im Nevernever natürlich keinen Empfang hatte. Aber es funktionierte immerhin soweit, dass er Musik damit abspielen konnte… einen aufdringlichen und so gar nicht zur Szenerie passenden Hip Hop-Beat.
Daraufhin ging Esmeralda singend auf Roberto los, und auch Edward stürmte zu ihm hin, riss ihm das Handy aus der Hand und zertrat es mit einem Knurren von wegen „Ich will die Dame ungestört singen hören!“

Die anderen nutzten diese Ablenkung, um zu dem Ruderboot zu gelangen. Señorita Sangrado bekam davon zwar nichts mit, ihre Gefolgsleute aber sehr wohl, und so gingen die sechs Männer auf die Gruppe am Boot los. Wieder wirkte der Kampf ernsthaft, aber doch auch irgendwie hollywoodesk. So schien einer der Piraten beispielsweise unter Rückenschmerzen zu leiden, und im Kampf gab Totilas dem Kerl einen Tritt. Daraufhin ging dieser erst zu Boden, richtete sich dann aber mit einem seligen Lächeln und einem „sie sind weg!“ wieder auf – und ließ unseren White Court-Kumpel ab dem Moment in Ruhe.

Während unsere Freunde sich am Boot mit den Piraten prügelten, diskutierten Edward und ich mit Señorita Esmeralda. Edward schien ihr besser zu gefallen als Antoine, zumal dessen Herz ja auch vergeben war, wie die junge Dame dann einsehen musste, aber nun wollte sie den Sommerfae töten, weil er zur Crew des verhassten Fritz von Wille gehöre. Nein, versicherten wir ihr, Antoine sei lediglich ein Passagier auf dessen Schiff. Aha, ein Passagier?, triumphierte die Piratin, dann habe er Geld, und das müsse man ihm abnehmen! Aber auch das konnten wir ihr ausreden, unter anderem deswegen, weil Edward sie schließlich noch galant nach Miami einlud, ehe die Piraten und ihre Anführerin in ihrem Boot wegruderten.

Edwards Verhalten ließ mich wieder blinzeln. Was war da nur in meinen Freund gefahren?
Hmpf. Vermutlich so ziemlich dasselbe, was auch in mich gefahren war, stellte ich fest. Und da fiel mir auch wieder ein, woher der Name „Miguel de Sangrado“ mir so bekannt vorgekommen war. Vorletztes Jahr, während des Filmdrehs und der Sache mit den Bucas, hatte ich doch diesen kinoreifen Traum aus der Sicht eines guitarero namens Joaquin, der mit seinen Freunden ein wildes Mantel-und-Degen-Abenteuer erlebte. Und in diesem Traum kamen auch ein alter Pirat namens Miguel de Sangrado und seine Tochter Esmeralda vor… Tío. Das versteh einer.

In dem ganzen Chaos hatten Antoine und Marie sich abgesetzt. Aber dank des Sturmvogels, der sich missmutig zeternd auf einem Ast in der Nähe niedergelassen und das Schauspiel beobachtet hatte, fiel es uns nicht schwer, ihre Spur wieder aufzunehmen.
Wir fanden die beiden ein Stück entfernt. Als er Antoine erblickte, keifte der Vogel sofort los, der Fae habe eine Vorladung erhalten und habe sich gefälligst bei Gericht einzufinden. In dieselbe Richtung argumentierten wir auch, allerdings nicht ganz so lautstark. Und vor allem wollten wir wissen, was Antoine selbst zu der ganzen Sache zu sagen habe.
Bezüglich der ersten Anklage, der Sache mit den Drogen, erklärte Antoine, sei er unschuldig, damit habe er nichts zu tun. Und was den zweiten Vorwurf beträfe, den mit der Entweihung der Insel: Da habe diese ausdrücklich erklärt, dass es ihr nichts ausmache.

Das mussten wir schon von der Insel selbst hören. Aber wir wollten ja ohnehin mit ihr reden. Zuerst aber befragten wir Antoine noch etwas ausführlicher zu dem Vorfall mit dem Scarlet. Der Fae sei an dem Abend in Pans Palast gewesen, sagte er, habe das Zeug sogar noch im Vorratsraum herumstehen sehen. Colin habe ihn mehrmals in den Vorratsraum geschickt, um Dinge für ihn zu holen, Antoine sei aber nicht auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, warum Colin nicht selbst gehe.

Beim ersten dieser Botengänge habe das Scarlet bereits dort im Raum gestanden. Er hätte sich wohl besser darum kümmern sollen, um was es sich bei diesem ihm unbekannten Zeug handelte und wie es dort hingekommen war, gab Antoine zu, aber Colin habe ihn so sehr herumgescheucht, dass er gar nicht zum Nachdenken gekommen sei.
Als dann am Strand reihenweise die Leute durchdrehten und es Tote gab, sei Antoine abgehauen, denn es sei ihm klar gewesen, dass sie die Sache ihm anhängen würden.
„Dann solltest du dir vielleicht einen anderen Job suchen“, knurrte Edward, aber darauf sprang Antoine nicht so wirklich an. Es gebe ja nichts, was er sonst könne. Hmpf.

Na gut. Dann war es jetzt also an der Zeit, mit der Insel zu reden. Das tue man am besten in deren Herzen, sagte Marie. Aber wir dürften keinesfalls aus dem Brunnen trinken. Nein, natürlich nicht, das war uns doch ohnehin klar, und das hatten wir ja auch schon George versprochen.

Das Zentrum der Insel war ein idyllischer Platz, umringt von Bäumen und Blüten und von der Sonne betrahlt. In dessen Mitte ein kleiner, sanft plätschernder Brunnen. Antoine klopfte daran, und kurze Zeit später erschien eine humanoide, etwa kindsgroße Gestalt. Ein Baumwesen, und da wir ja alle den Film Guardians of the Galaxy gesehen haben, kam uns sofort irgendwie der Gedanke an Groot. Nur viel kindlicher im Wesen, wie sich dann herausstellte. Und mit deutlich größerem Wortschatz.

Das Wesen begrüßte uns freundlich, vor allem Antoine, denn dass es Antoine mochte, war nicht zu übersehen. Aber es freute sich riesig über die Gesellschaft: neue Gesichter, neue Menschen, hier in der Einsamkeit!
Irgendwie ergab es sich, dass ich größtenteils das Wort führte, also fragte ich zuerst, wie wir das Wesen denn nennen sollten. „Jugend“, kam die Antwort. Hätte ich mir ja denken können.

Wie sich herausstellte, hatte Jugend tatsächlich kein Problem damit, dass Leute zu ihr kamen, ganz im Gegenteil. Jede Unterbrechung der Einsamkeit war mehr als willkommen. Und es hatte Jugend auch tatsächlich nicht gestört, dass Antoine die Kräuter auf der Insel gepflückt, noch dass Marie aus seinem Brunnen getrunken hatte. Der perfekte Entlastungszeuge für den zweiten Anklagepunkt also!

Dummerweise jedoch erklärte Jugend, es könne seine Insel nicht verlassen. Mierda. Aber gut, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg. Ob es ein Problem damit gebe, dass für eine Gerichtsverhandlung weitere Personen die Insel beträten? Aber mitnichten, freute sich Jugend, mehr Leute!!
Also baten wir den Sturmvogel, alle Teilnehmer zu informieren, dass der Ort des Hohen Gerichts nach hier verlegt werde; der vorher festgelegte Zeitpunkt bleibe unverändert.
Etwas grummelig, aber bereitwillig, zog der Vogel ab.

Uns fiel indessen ein, dass wir hier auf der Insel ja nichts würden essen können, ohne unser Wort zu brechen – es sei denn, wir wären uns sicher, dass wirklich alles, was wir hier zu uns nähmen, hier auch wieder ausgeschieden würde. Und genau das können wir eben nicht garantieren. Aber mit Maries und Antoines Boot können wir ja auf eine der Nachbarinseln, oder vielleicht gibt es ja auch an Bord der Titania etwas zu essen.

Alex will indessen meine die Gitarre reparieren, die unter der Rangelei am Strand etwas gelitten hat. Meine Erinnerungen sind unklar, aber habe ich die nicht irgendwann einem der Piraten über den Kopf gezogen? Oder Roberto, weil sein Handyklingelton so an meinen Nerven zerrte?

Hier sind wir jedenfalls jetzt. Gut zwei Tage haben wir noch, bis das Gericht hier abgehalten wird, und wir müssen uns die Zeit bis dahin irgendwie vertreiben – ohne unser Wort zu brechen, versteht sich. Vielleicht sollten wir einfach grundsätzlich auf eine der anderen Inseln wechseln, aber Jugend, das arme Ding, freut sich so über Gesellschaft, die will ich ihm nicht entziehen.

Außerdem wissen wir noch gar nicht, ob überhaupt alle maßgeblichen Teilnehmer am Gericht einen Weg haben, auf die Insel zu kommen. Aber hey, es sind Feen. Die werden schon einen Weg finden. Wenn sie dann da sind, müssen wir sie nur sehr genau im Auge behalten, vor allem Colin. Ich traue dem keinen Millimeter weit, und ich will nicht, dass der einen Weg findet, die Insel für seine Zwecke zu nutzen.

Roberto tigert übrigens mit zunehmend schlechter Laune hier am Strand entlang. Ich fragte ihn, was denn los sei – aber das hätte ich mal besser gelassen. Denn er meinte etwas von „Drei Tage… und Dee ist nicht hier. Und ich kann sie auch nicht erreichen und ihr sagen, was los ist!“
Au. Und ich hatte mir solche Mühe gegeben, nicht an Dee zu denken. Mierda.

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