Miami Files – Proven Guilty 7

Römer und Patrioten, das Nevernever ist ja noch seltsamer, als ich dachte. Aber hey, George ist involviert. Also sollte ich mich eigentlich nicht wundern, dass komische Dinge mit Träumen passieren. Und es hätte schlimmer sein können, wenn ich ehrlich bin. Auch wenn ich heute eine Seite an George gesehen habe, die mir gar nicht gefällt.

Wir haben ja versprochen, nichts von der Insel wegzunehmen, was bedeutet, auch keine Früchte zu pflücken oder aus Bächen zu trinken oder andere Stolperfallen dieser Art. Deswegen beschlossen wir, zu der anderen Insel hinüberzurudern, die wir ein Stück entfernt sehen konnten. Im Näherrudern erkannten wir, dass über dem Ufer der Insel, mit schweren Treibankern befestigt, ein Luftschiff schwebte. Und ich kannte dieses Schiff. Es war die Vaca des Nueves, die Wolkenkuh, die damals in meinem verrückten Traum ebenfalls vorgekommen war. Unwillkürlich entfuhr mir ein „Oh oh“, was natürlich die Jungs umgehend zu der Frage „Wem gehört das Schiff?“ veranlasste. Da rutschte mir doch glatt ein „Mir!“ heraus, ehe ich mit „Naja, indirekt jedenfalls“ gegenzusteuern versuchte. Das war natürlich der Moment, in dem ich von meinem damaligen Traum berichten musste, den ich ja aus der Egoperspektive dieses Joaquín erlebt hatte. Ich konnte die Handlung nur grob zusammenfassen, denn schon wurden wir von der Wolkenkuh mit einem fröhlichen „Ahoi da unten!“ begrüßt und an Bord eingeladen.

Die Gestalt, die uns an Bord holen ließ, erkannte ich aus meinem Traum als Francine, die Gnomin und Joaquins Liebste. Sie war ziemlich überrascht, dass ich nicht Joaquin war, denn aus der Ferne habe sie mich für ihren Gemahl gehalten. Aber bei aller Ähnlichkeit, Joaquin trage einen Bart, und ob wir Zwillingsbrüder seien? Wirklich heilfroh, dass das Verwechslungsspielchen nicht bis ins letzte Extrem ging, redete ich mich mit einem gemurmelten „so was in der Art“ heraus.

Joaquin sei nicht hier, klärte Francine mich auf: Er sei auf der Suche nach Esmeralda, die sich wegen dessen Erforschung seiner minotaurischen Wurzeln mit Maurice gestritten habe und danach beleidigt abgezogen sei.
Aber zum Essen lud die kleine Gnomin uns ein, wo wir schon einmal hier waren. Es gab Kaninchen in Biersauce, serviert von einer Köchin, an die ich mich vage erinnern konnte, ebenso wie an die seltsamen „Kuckuck“-Rufe, die gelegentlich durch das Schiff schallten.

Es waren aber nicht nur die „Kuckuck“-Rufe, die massiv seltsam waren, sondern die ganze Situation. Ich schlief doch nicht – George hatte uns zwar im Traum hierhergesegelt, dann aber aufgeweckt –, also warum begegnete ich den Gestalten aus meinem damaligen Traum jetzt hier in wachem Zustand? Selbst wenn das hier das Nevernever war?

George. George würde mir vielleicht mehr sagen können. Also zog ich mich in eine stille Ecke in einer Kammer der „Wolkenkuh“ zurück und rief nach meinem kleinen Traumfresser-Freund. George erschien prompt, begrüßte mich fröhlich und sah sich dann ganz begeistert – und gierig – nach dem ganzen Futter hier um. „Sooooo lecker!“ Wenn ich ihn nicht daran gehindert hätte, dann hätte George vermutlich hier und jetzt angefangen, das Schiff aufzufressen. So aber einigten wir uns auf einen Besen samt zugehörigem Putzeimer, der vergessen in einer Ecke herumstand und den der kleine Oneirophage genüsslich aufschlabberte, während ich ihm Fragen stellte.

Ja, ich war definitiv wach, erklärte George. Und nein, er wisse nicht, wer diesen speziellen Traum gerade träume, es könnten eine Menge Leute sein. Mein eigener Traum war es jedenfalls auch schon deshalb nicht, weil ich gar nicht merkte, wie George den Eimer und den Besen fraß. Gut, bei etwas so Kleinem hätte es mit ziemlicher Sicherheit nicht wehgetan, anders als bei der Spieluhr damals (brrrr!), aber ich merkte es überhaupt nicht.

Wir waren gerade noch am Reden, als ein Schiffsjunge in die Kammer kam – bei meinem Glück sollte er das Deck schrubben und wollte den Eimer und den Besen holen –, George erblickte, große Augen machte, sich bekreuzigte, etwas von „Dämon“ murmelte und wieder hinausstürzte.

Ehe ich George dazu bringen konnte, sich sicherheitshalber besser rar zu machen, öffnete sich die Tür zu der Kammer erneut, und Mlle. Francine kam herein. Sie zeigte dieselbe Reaktion auf George wie der Schiffsjunge, und nichts, was ich tun oder sagen konnte, half: Wir wurden unverzüglich von der „Wolkenkuh“ komplimentiert.

Und es stimmt schon irgendwie. In dem Moment sah mein kleiner Freund auch für mich, ehrlich gesagt, ziemlich gruselig aus, mit seiner schattenhaften Form, den spitzen, gefletschten Zähnen und dem gierigen Blick. Ich gebe zu, einen Traumfresser auf ein nachgewiesener- oder zumindest vermutetermaßen aus Traumstoff bestehendes Schiff mit einer nachgewiesener- oder zumindest vermutetermaßen aus Traumstoff bestehenden Mannschaft zu holen, war nicht gerade die schlaueste Idee, die ich je hatte.

Unten auf der Insel sammelten wir dann, wie geplant, Nahrungsmittel. Eines davon war ein großes Chamäleon, das sprechen konnte, wie sich herausstellte, und dessen „ich schmecke ganz schlecht, ehrlich!“ tatsächlich eine wirksame Abschreckung für uns darstellte. Nach dieser Begegnung hielten wir uns dann doch lieber an Früchte.

Als wir von der Insel wegruderten, sahen wir, dass die „Vaca des Nueves“, die weiterhin an ihrem Ankerplatz schwebte, Gesellschaft bekam. Eine im Vergleich zu dem behäbigen Handelsluftschiff definitiv mitlitärische Galeone kam in Sicht, während uns von der „Wolkenkuh“ aus ein kleines Beiboot hinterherflog. Offensichtlich wollte Mlle. Francine sehen, wo wir herkamen, und uns vermutlich auch im Auge behalten. Mit uns reden wollten sie offensichtlich nicht, denn sie hielten schön ihren Abstand.

Beim Anlegen an der Insel der Jugend sahen wir ein drittes Schiff: das Piratenschiff, zu dem Esmeralda de Sangrado und ihre Leute sich zuvor zurückgezogen hatten. Jetzt nahm es Kurs auf die „Vaca des Nueves“ auf der anderen Insel drüben. Das Militärschiff war nicht mehr zu sehen; es hatte sich anscheinend versteckt, um das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben, denn plötzlich kam es aus einer Bucht geflogen und feuerte auf den Piraten. Sangrados Schiff drehte sofort ab, woraufhin das Militärschiff die Verfolgung aufnahm und beide schon bald aus unserem Gesichtsfeld verschwunden waren.

Zurück auf der Insel ergingen wir uns in diversen Theorien über den Traum. Mich bewusstlos zu schlagen, würde wohl nicht sonderlich viel helfen – ganz abgesehen davon, dass ich mich ganz entschieden dagegen verwahrte. Aber wenn nicht ich derjenige war, der diesen Traum gerade träumte, wer konnte dann davon wissen? Naja, alle, die vielleicht mein Tagebuch gelesen haben könnten, grübelte ich. Also, auch wenn es natürlich eigentlich höchst privat ist und ich nicht hoffe, dass jemand darin herumschnüffelt, theoretisch Yolanda, Alejandra, die Putzfrau, meine Nachbarin Mrs Carver sowie deren Tochter, die auch gelegentlich auf Jandra aufpasst.

Dann bekamen wir wieder andere Besucher: Ein weiteres Wolkenschiff warf über der Insel der Jugend seinen Anker. Es handelte sich um eine Gruppe von Personen, die ich auch schon aus meinem Traum kannte: Dottore Carlotta Rapaccini und ihre Truppe von Forschern waren ganz begeistert von dem neu entdeckten Archipel. Im Schlepptau hatte die elfische Wissenschaftlerin auch einen Priester, Pater Antoninus. Der wiederum wollte nicht so dringend forschen, aber unbedingt Jugend zum Christentum bekehren, sobald er den ersten Blick auf das Baumkind geworfen hatte. Es war Totilas, dem es gelang, den guten Pater davon abzubringen, indem er dem Priester glaubhaft machen sollte, dass wir auf einer geheimen Mission des Vatikans hier seien und dass es dieser Mission schade, wenn er jetzt hier missioniere.

Dottore Rapaccini wurden wir los, indem wir ihr wahrheitsgemäß von dem sprechenden Chamäleon auf der anderen Insel erzählten. Diese wissenschaftliche Sensation wollte die Dame sich nicht entgehen lassen, und so zog die Gruppe wieder ab.

Irgendwann tauchten auch die Militärgaleone und das Piratenschiff wieder auf, erstere noch immer unerbittlich an der Verfolgung. Ebenfalls am Horizont erschien ein Segelschiff, das sich sehr schnell als der Fliegende Holländer herausstellte. Mit einem Gatling-Gewehr aus dem Bürgerkrieg – weiß der Himmel, wie sie an die gekommen sind, aber immerhin ist der Holländer schon sehr lange auf diesen Meeren unterwegs – feuerte das Segelschiff auf die fliegende Galeone und traf deren Ballons, woraufhin das Militärschiff langsam an Höhe verlor und es so aussah, als werde es bald auf der Insel niedergehen.

Wir ruderten indessen zum Fliegenden Holländer hinüber – es war höchste Zeit, dass wir mal mit diesem ersten Maat sprachen!
Nachdem wir uns versichert hatten, dass unser bloßes Anbordgehen nicht bedeuten würde, dass wir unter denselben Fluch fallen würden wie die Mannschaft – und nein, anheuern lassen wollte sich keiner von uns, herzlichen Dank – trafen wir an Bord Suki Sasamoto, die uns bestätigte, dass der ganze Gerichtstross morgen hier einfallen wird.

Fritz von Wille selbst stellte sich als durchaus umgänglicher junger Mann heraus. Joseph Adlene kenne er nicht, sagte er: Der Nekromant habe ihn bislang nicht kontaktiert. Bezüglich Miguel de Sangrado begann der erste Maat des Holländers erst durchaus freimütig zu erzählen: Die Fehde mit dem Piraten bestehe bereits, seit er wisse, was Sangrado sei. Was er denn sei, wollte ich wissen. Aber in diesem Moment warf von Wille einen Blick auf Roberto und schien in diesem Moment zu erkennen, wer – oder besser, was – dieser war, und im Beisein von Titanias Richter war kein weiteres Wort aus ihm herauszubekommen. Also ruderten wir wieder zurück zur Insel, ohne Suki Sasamoto allerdings. Die sagte, sie wolle zurück nach Miami und dem Chef bescheid geben, dass es uns gut geht.

Die Anklage hatte ja etwas von „Schwächunng der Insel“ gesagt. Aber wann hat diese Schwächung genau begonnen? Und gibt es sie wirklich, oder war die ganze Anklage nur ein sorgfältig eingefädeltes, aber falsches Spiel von Sir Kieran und Edelia Calderón?
Um das herauszufinden, wirkte Edward ein entsprechendes Ritual, während Alex seine eigenen Fähigkeiten einsetzte. Beide bekamen dasselbe heraus: Es gibt tatsächlich eine Schwächung, und die stärkste Spitze geschah vor ziemlich genau fünf Jahren, gefolgt von kleineren Ausschlägen zwischendrin.

Mierda. Das vor fünf Jahren war dann wohl Maries Trinken aus der Quelle der Jugend, und bei den kleineren Ausschlägen muss es sich dann wohl um die Gelegenheiten handeln, zu denen Antoine hier Kräuter gepflückt hat.
Aber die Idee zu einem Experiment kam uns – Roberto, um genau zu sein. Wenn Mrs Parsen eine Verbindung zu der Insel hat, besteht diese dann auch weiterhin, wenn Marie sich von der Insel entfernt? Um das zu testen, ruderten wir hinaus und ein Stück von der Insel weg. Dabei stellten wir fest, dass die Verbindung auch dort draußen noch zu spüren ist – aber gut, das war ja auch keine sonderlich weite Entfernung.

Viel interessanter war, dass wir von dort draußen ein Beiboot des Militärschiffs entdeckten, das an einer anderen Stelle der Insel angelegt hatte. Natürlich ruderten wir schleunigst hin, um mit den Leuten zu reden.
Die Matrosen hatten gerade ein Feuer entzündet und waren dabei, Früchte zu pflücken.
Glücklicherweise war der Kapitän ein echter spanischer Edelmann, wie man ihn sich gemeinhin so vorstellt, und so gelang es uns, ihn zu überzeugen, dass die Insel hier eine Energie besitze, der er schade, wenn er hier Obst pflücken ließe, und so machten auch er und seine Leute sich auf zu der nächsten Insel.

Inzwischen ist es Abend geworden, und so haben wir – selbstverständlich unter Einhaltung unseres Versprechens – selbst ein Lager aufgeschlagen. Nach dem Abendessen (natürlich aus Mitgebrachtem) habe ich dann alles aufgeschrieben, was heute so passiert ist, und jetzt ist es ziemlich spät geworden. Schlafenszeit. Mal sehen, ob ich George nochmal erwischen kann. Im Traum ist es vielleicht etwas besser als auf der „Wolkenkuh“.

Gähn. Guten Morgen. Einmal strecken, bitte.
Ich habe George heute Nacht nochmal getroffen und etwas eingehender befragt. Er konnte mir sagen, dass dieser Ort, diese Traumwelt, wo Spanien „Escamandrien“ heißt und Frankreich „Chartreuse“, nichts Vergängliches ist und nichts, was ich alleine erträumt habe, sondern eine permanente Welt namens „Faurelia“, die immer existiert und in die sich theoretisch jeder hineinträumen kann.

Wie genau man dorthin kommt, das wusste George nicht. Das hätten die Traumfresser noch nicht herausgefunden. Und da war es wieder, dieser bedrohliche Unterton mit den vielen scharfen Zähnen, denn unter dem Gesagten klang unmissverständlich heraus, dass die Traumfresser den Weg nach Faurelia nur allzu gerne finden würden. Denn eben weil diese Traumwelt permanent ist, schmeckt sie offensichtlich besonders lecker und ist besonders verlockend für die Oneirophagen. Natürlich… damals bei der Sache mit Ruiz waren die permanenten Welten, zu denen Antoines Drogen den Träumern Zugang verschafften, ja auch besonders nahrhaft für George und seine Genossen.

Na gut. Mal sehen, was der Tag heute bringt. Wir müssen auf jeden Fall nochmal mit Jugend reden, und später kommt ja auch das Hohe Gericht hier an.

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